Zum Niederknien: Alle Fragen und Antworten zum MotoGP-Heuler in Spielberg

Artisten, Vollgastiere, Attraktionen! 200.000 Fans werden im August die größte Show Österreichs erleben. Wenn die MotoGP erstmals in Spielberg in die Knie geht, entstehen einige Fragen. Nicht alle davon traut man sich auch zu stellen.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: (C) KTM

Die größte Show zu Gast in Spielberg

Bei den Fernsehquoten liegt die Formel 1 weltweit immer noch klar vor der MotoGP -bei der Anzahl der Live-Besucher ist aber die Motorrad-WM bärenstark. Auch in Spielberg werden heuer mehr als 200.000 Fans erwartet, wenn sich die drei Superstars Jorge Lorenzo (99), Valentino Rossi (46) und Marc Marquez (93) in die atemberaubendsten Schräglagen werfen. Noch nie wurden so extreme Kurven gefahren wie jetzt. Spielberg mag zwar kein klassischer Motorradkurs sein, der Red Bull Ring hat aber seine Reize. Marc Marquez: „Es geht dauernd bergauf und bergab und an einigen Kurven siehst du den Ausgang nicht.“ Wer hat Vorteile? Marc glaubt: „Sektor 1 ist was für Honda, die Kurven 3 und 4 sind eher was für Yamaha und dann sollten wir schneller sein.“ Sollte er gewinnen, hat er einen Vorteil: „Ich habe den Weg zum Siegerpodest hier schon genau studiert.“ Für die MotoGP-Maschinen ist es das erste Mal in Spielberg, beim letzten WM-Lauf 1997 regierten hier noch die 500-ccm-Geräte. Rossi wurde in der 125-ccm-Klasse einmal Dritter und einmal Zweiter. Marquez war damals erst fünf Jahre alt.

Die Premiere von KTM

Österreichs Parade-Motorradschmiede wird 2017 fix in die MotoGP einsteigen, aber schon in Spielberg heuer die ersten Runden ziehen. Ist 2017 ein gutes Jahr zum Einsteigen, Gustl Auinger? „Der Zeitpunkt ist perfekt gewählt. Durch den neuen Reifenhersteller hat keines der anderen Teams allzu große Erfahrungsvorteile. Würden alle noch Bridgestone fahren, wären die anderen fünf Jahre voraus. Dazu fällt ein Riesenbrocken Geld weg, da jetzt die Einheitselektronik Pflicht ist, das war früher der größte Kostenfaktor in der MotoGP.“ Allerdings sieht Auinger noch zwei Fragezeichen: „Das Chassis. Mit dem Gitterrohrrahmen geht man völlig neue Wege und ich kann nicht sagen, ob das gut oder schlecht ist, aber da bin ich unglaublich neugierig. Und dann ist da die Fahrerwahl. Auf den ersten Blick klingt sie interessant und super, weil sie zwei gute und erfahrene, hungrige Fahrer haben: Pol Espargo, Bradley Smith. Aber beide sind bisher Yamaha gefahren, Vierzylinder, KTM macht aber einen V4. Und das verlangt Geduld. Ducati hat damit enorm gelitten, Suzuki ist lange gescheitert, Honda hat mit der Fahrbarkeit zu kämpfen. Yamaha ist nicht das stärkste Motorrad, aber das fahrbarste. Man braucht viel Erfahrung dafür. KTM wird den Erfolg nicht erzwingen können, auch wenn sie heuer fleißig testen. Aber ein Test kann ein Rennen nicht ersetzen. Aprilia macht es ja umgekehrt. Es tut brutal weh, wenn du jeden Fehler vor den Augen der Welt machst. Der Vorteil: Im Rennen kannst du nicht lügen, im Test kann man das aber schon.“

Über KTM in der MotoGP haben wir bereits ausführlich berichtet: Die orange Revolution im Innviertel!

Der steirische Rauch: Warum Spielberg gelb sehen wird

Der Termin der MotoGP in Spielberg könnte nicht besser gewählt sei: am 14. August, genau zu den italienischen Sommerferien „ferragosto“. Tausende Rossi-Fans werden in (sehr flotten) sechs Stunden von der Region um Tavullia ins recht nahe Spielberg rasen, Pardon: reisen. Das „Yellow Team“, wie sich der Fanclub der legendären Nummer 46 nennt, sorgt stets für ein Spektakel auf den Rängen. Auch im Aichfeld wird gelber Rauch aufsteigen. Die Veranstalter rechnen mit mehr als 200.000 Fans am gesamten Wochenende – es gibt aber noch Restkarten in allen Kategorien. Graz werden die Rossi-Tifosi dagegen am 10. August (ab 13 Uhr) tendenziell meiden (es liegt ja auch nicht auf dem Weg), denn da zieht Erzfeind Marc Marquez in der Altstadt bei einem Showrun seine Spuren in den altehrwürdigen Asphalt. Infos zum Event: www.projekt-spielberg.com

imago24064667h

Warum die Piloten den Fuß vom Fußraster nehmen

Das „Leg Wave“ ist ein Phänomen der aktuellen MotoGP. So nennt man das Heraushalten des kurveninneren Beines in der Anbremsphase. Valentino Rossi hat das als Erster praktiziert und viele Nachahmer gefunden. Das Ziel: Durch das Herausheben wird der Schwerpunkt nach innen verlagert, das Bike bleibt beim Bremsen länger stabil. Vergleichbar ist das mit einem Seiltänzer, der eine Balancierstange verwendet. Rossi hat das Ganze vom Dirt Bike, seinem Lieblingssport, übernommen. Viele glauben aber, dass es nicht nur um die Balance geht, sondern auch um mentale Gründe. Zum einen wollte Rossi einst seine Gegner psychologisch verwirren, zum anderen dürften einige Fahrer das aber auch gar nicht bewusst machen, sie sehen es erst dann im Video. Apropos Bremsen: Die Anlage eines modernen MotoGP-Bikes kostet rund 25.000 Euro/Stück. Die Bremsscheibe eines MotoGP-Motorrads ist mit 340 mm größer als die eines Formel-1-Boliden (278 mm). Motorräder brauchen länger beim Bremsen, in Austin etwa stehen die Biker 23 Prozent auf der Bremse, die F1-Piloten nur 18 Prozent. Übrigens: In Austin ist die Formel 1 um 20 Sekunden schneller als die MotoGP. In Spielberg fuhr Hamilton heuer 1:08,455, die schnellste Motorradrunde lag 1998 bei 1:28. Das wird heuer schneller werden.

Wie Vale Rossi in Spielberg fast vom Platz geflogen wäre

Gustl Auinger mag in vielfacher Hinsicht einzigartig sein, in einer Sache ist er aber nur einer von Millionen: „Ich bin ein großer Valentino-Rossi-Fan.“ Klar, ist er doch einst noch gegen dessen Vater Graziano gefahren. Und er hat ihn in Spielberg schon einmal „gerettet“. Das war 1996, da war der A1-Ring ganz neu und der spätere „Dottore“ erst ganze 17 Jahre alt. Da zog Valentino am Rutschbelag des ÖAMTC-Fahrtechnikzentrums, das damals mitten am Ring lag, schwarze Striche mit seinem Scooter. Auinger, Leiter der Anlage, hatte noch die Anweisung von Fahrtechnikzentren-Oberboss Franz Wurz im Ohr: „Den Nächsten, der das macht, verjagst du.“ Doch Auinger hatte ein Herz für den Lockenkopf und ließ Gnade vor Recht ergehen: „Dieser Valentino Rossi ist ein Mensch, der einfach etwas Besonderes hat. Und jetzt ist er wie Wein, er wird immer besser, je älter er wird. In Barcelona ging er konsequent den Weg, den harten Reifen zu nehmen, um gewinnen zu können. Und keiner hat den Gummi so gut zum Arbeiten gebracht wie er.“ Auinger hofft inständig, dass der „Waffenstillstand“ zwischen Rossi und Marquez, der in Barcelona per Handschlag besiegelt wurde, hält: „Es war so schön, wie die Fans der beiden jahrelang gemeinsam gefeiert und gejubelt hatten. Und dann war da plötzlich so viel Hass. Aber ich denke, in dieser Welt, in der schon genug Menschen unter Hass leiden, sollten sich wenigstens zwei so herausragende Sportpersönlichkeiten halbwegs verstehen. Das wäre ein wichtiges Signal.“

Was man noch wissen sollte!

Wer hat die meisten MotoGP-Rennen gewonnen?

1. Valentino Rossi 75, 2. Jorge Lorenzo 43,3. Casey Stoner 38, 4. Dani Pedrosa 28,5. Marc Marquez 26, 6. Sete Gibernau 8,7. Loris Capirossi 7, 8. Max Biaggi, Marco Melandri 5, 10. Alex Barros, Nicky Hayden 3.

Wer war schon MotoGP-Weltmeister?

2002-2005 Valentino Rossi (Honda/Yamaha), 2006 Nicky Hayden (Honda), 2007 Casey Stoner (Ducati), 2008,2009 Valentino Rossi (Yamaha), 2010 Jorge Lorenzo (Yamaha), 2011Casey Stoner (Honda), 2012 Jorge Lorenzo (Yamaha), 2013,2014 Marc Marquez (Honda), 2015 Jorge Lorenzo (Yamaha)

Wie macht Marc Marquez einen Drift?

Seine Schräglage von bis zu 64 Prozent in den Kurven ist legendär. Am Sachsenring brauchte er nur 250 Meter, um von Tempo 308 auf 99 zu kommen, wobei das Hinterrad abhob: „Ich muss beim Fahren immer rutschen. Ein runder, gleichmäßiger Stil klappt bei mir nicht.“

Bei Regen wird das „Pferd“ gewechselt

Abraham Lincoln predigte stets: „Mitten im Fluss soll man nicht die Pferde wechseln“, aber er hat ja nie ein Rennen der MotoGP gesehen. Seit 2005 die „Flag to Flag“-Regel eingeführt wurde, wechseln die Piloten in der Box das Motorrad, wenn es während des Rennens zu regnen beginnt. Das tun sie auch in Sonderfällen bei Problemen mit den Slicks, wie etwa in Philip Island 2013 oder in Austin 2016. Marc Marquez hat die Art des Wechsels mit einem speziellen Sprung perfektioniert. Reifenwechsel gibt es nur in der Superbike-WM, in der MotoGP, meint Marquez, „ist das zu gefährlich“.

Die Lehrjahre in Österreich

Superstar Marc Marquez war der erste Pilot aller Zeiten, der mit einer MotoGP-Maschine in Spielberg raste -im Herbst 2015. Als die Motorrad-WM zuletzt hier gastierte (1996 und 1997), war noch die 500-ccm-Klasse die Königskategorie, die MotoGP wurde erst 2002 gegründet. Seine Lehrjahre hatte Marquez im österreichischen KTM-Team, gefördert von Harald Bartol. Die Legende Gustl Auinger sagt: „Die Maschine war damals veraltet. Dadurch konnte Marc ohne Druck lernen und doch immer wieder Speed beweisen.“

Warum es in der MotoGP heuer besonders oft kracht

Die neuen Reifen sind immer noch ein großes Thema – und führen oft zu Stürzen, da die Piloten die neuen Grenzbereiche erst erfahren müssen. Legende Gustl Auinger: „Bridgestone hatte im Vorjahr schon enorme Erfahrung und viele Daten. Sie haben einen Vorderreifen geliefert, der stärker war als jedes Chassis. Über das Motormanagement konntest du das perfekt einstellen, sodass der Reifen genau richtig aufsteigt, aber nicht zu weit. Der Reifen gab dem Fahrer genau den Spielraum, der für spannende Rennen nötig war. Das haben wir geliebt. Michelin dagegen hat die Stärken traditionell am Hinterreifen. Jetzt hat man eine Vorderreifen, der nicht klar kalkulbiar ist, der keine klaren Grenzen hat. Jeder musste Tribut zollen, etwa Iannone in Argentinien. In Jerez konnten die Fahrer nach zwei Dritteln nicht mehr angreifen. Zwei Rennen später ging es bis zum Schluss zur Sache, so soll es sein. Die Kluft zwischen den Teams ist nun nicht mehr so groß.

Moto3! MotoGP! Moto2! Wie unterscheiden sich die Maschinen in der Motorrad-Weltmeisterschaft?

Immer wenn Gustl Auinger das dichte Programm eines Motorrad-WM-Wochenendes sieht, ist er begeistert: „Da sieht man drei eigene Weltmeisterschaften an einem Tag, das ist, als würde in Kitzbühel erst der Hirscher einen Slalom fahren, ich dann die Abfahrt anschaue und dann noch der Riesenslalom kommt.“ Wobei jede der drei Championatsklassen ihren ganz eigenen Charakter hat. Die Moto3: die Einsteiger-Serie. Auinger: „Die muss jeder einmal fahren. Du sollst aber so schnell als möglich durch sein. Auf dem Weg zur MotoGP tickt unglaublich die Zeit, gnadenlos. Die Jahrhunderttalente Rossi, Marquez, Vinales marschieren gnadenlos durch. Wer nicht mithalten kann, für den wird es hier schon schwierig. Gut aber, dass das Mindesalter mit 15 Jahren fixiert ist.“ Mindesgewicht für Fahrer und Maschine: 148 Kilo. Die Moto2: ein völlig anderes Motorrad. Die Folge: Sogar die Weltmeister in der Moto3 tun sich richtig schwer in dieser Serie. Es gibt fast nur Einheitsteile. Mindestgewicht für Fahrer und Maschine: 215 Kilo. Die MotoGP: die Königsklasse. Ausschließlich Prototypen mit Viertaktmotor ohne Aufladung. Maximaler Hubraum: 1000 ccm. Tank: 22 Liter. PS: knapp 270. Topspeed: ca. 355 km/h. Mindestgewicht: 157 Kilo.

Unser größter Schlager in der Motorrad-WM

Da sagt man gern Servus! Andrea Schlager ist Österreichs Beitrag zur Motorrad-WM. Als Moderatorin von ServusTV führt sie ihre Mannschaft (Gustl Auinger, Alex Hofmann, Andy Meklau, Christian Brugger) von einer Runde der WM zur nächsten. In Spielberg hat sie ein Heimspiel, hier ist sie aufgewachsen – als Sportskanone: Tennis-Ass (mit Profi-Träumen), Lehrwartin für Snowboard, Schwimmen, Mountainbiken. Und Surferin mit Zweitwohnsitz in Ericeira. Wobei sich auch ein Blick auf www.redbull.tv lohnt, denn seit 17. Juli sieht man dort „On Any Sunday – The Next Chapter“, die Fortsetzung des legendären Motorradfilmklassikers aus dem Jahr 1971.

Für das SPORTMAGAZIN zeigte sich Andrea Schlager bereits von ihrer besonders anmutigen Seite. Hier gibt’s jene Bilder, die dafür sorgen, dass sich auch den Zweiradakrobaten der MotoGP den Helm verdreht!

Das neue SPORTMAGAZIN – zu haben im guten Zeitschriftenhandel und auf www.magazinshop.at/sportmagazin