Zoran Barisic: „Ich will als Gentleman gehen!“

Zoran Barisic ist kein Zocker, sondern ein strategischer Planer. Warum dem Rapid-Coach große Kaliber in der Champions-League-Quali wurscht sind, was er Ralf Rangnick rät, wie Rookie Schobesberger die Gegner narrt und die Lust am Austria-Frust.

//Interview: Tom Hofer

//Fotos: (C) Martin Steiger

SPORTMAGAZIN: Hand aufs Herz: Hättest du nach der 1:6-Watschn in Salzburg in Runde 1 gedacht, dass Rapid am Ende über den zweiten Platz und das Ticket für die Champions-League-Quali jubeln darf?

ZORAN BARISIC: Ich hab’s mir gewünscht. Aber ich hab gewusst, dass wir Startschwierigkeiten haben werden, weil uns fünf Spieler verlassen hatten, die Säulen unseres Spiels waren. Und von den Neuen ist Beric erst am Ende der Vorbereitungsphase gekommen, Kainz überhaupt erst nach der ersten Runde. Solche schweren Niederlagen gehören zu einer Karriere dazu – egal, ob als Spieler oder Trainer.

Insgesamt musste Rapid letzte Saison sieben Niederlagen einstecken – genauso viele wie Meister Salzburg. Den Titel habt ihr gegen die Admira vergeigt – in vier Duellen gab’s keinen Sieg.

Rein rechnerisch gesehen ist das so, das ist uns bewusst. Man kann aber auch sagen, dass einige Entscheidungen gegen uns sehr unglücklich waren – gegen Altach und zu Hause gegen Sturm hätten wir ein paar Punkte mehr machen müssen, auch die Nullnummer gegen Wiener Neustadt fällt in diese Kategorie.

In der Champions-League-Quali warten Kaliber wie Monaco, Ajax, Schachtjor und im Play-off schließlich Man United, Valencia, Lazio oder Leverkusen. Ist das überhaupt machbar?

Im Fußball ist alles machbar. Natürlich wissen wir, dass wir gegen diese Mannschaften krasser Außenseiter sind, aber das ist mir wurscht! Wir wollen uns gegen die Besten matchen, wir wollen zeigen, dass wir da sind, wir wollen sehen, wo wir stehen und was wir noch besser machen müssen, um den Anschluss an diese Teams zu finden. Es nutzt ja nix zu sagen, dass sind so große Namen, wir ergeben uns. Es ist im Grunde so wie seinerzeit im Park: Wenn du gegen Erwachsene gespielt hast, wolltest du auch unbedingt gewinnen. Diese Mentalität müssen wir haben.

Schlimmstenfalls winkt die Europa League – die diesmal dank Klubs wie Schalke, Dortmund, Fiorentina, Napoli oder Liverpool attraktiv wie selten ist.

Genieren täten wir uns nicht, wenn wir dort in die Gruppenphase kommen würden. Wenn ich jetzt unterschreiben müsste, dass wir dabei sind, würd ich es tun.

Viele Skeptiker haben Rapid prophezeit, dass der fehlende Heimvorteil im Happel-Stadion Punkte kosten wird. Wie lautet das Resümee zur Halbzeit im Exil?

Am Anfang haben wir uns schon schwergetan. Es waren zwar viele Leute da, aber es verläuft sich halt in dem großen Stadion. Mit der Zeit hat es die Mannschaft aber sogar für sich genützt, dass hier der Druck für die Spieler selber vielleicht geringer ist.

,,Mein geilstes Match im Happel? Das Meisterschafsfinale 1996 gegen Sturm.”

Zoran Barisic

Mit knapp 17.000 Fans im Schnitt war Rapid einsame Liga-Spitze.

Der Schnitt war angeblich so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ich glaub einfach, dass man sich mit unserem Weg, mit den Jungs und unserer Spielweise identifizieren kann. Es ist eine Entwicklung zu sehen, das taugt den Fans. Für wen spielt man denn? Für denjenigen, der dafür bezahlt, dich Fußball spielen zu sehen.

Rapid hat die wenigsten Gegentreffer aller Klubs kassiert -bist du zum Defensivapostel mutiert?

Glaub ich nicht, das ergibt sich aus dem Spiel heraus. Wir verteidigen als Mannschaft und greifen als Mannschaft an. Obwohl wir die wenigsten Gegentore kassiert haben, sind wir sehr offensiv ausgerichtet. Wir hatten die meisten Ballkontakte, gemeinsam mit Salzburg die meisten Torschüsse und wir kreieren sehr viele Chancen. Wichtig ist immer, die richtige Balance zwischen Offensiv-und Defensivspiel zu finden. Und trotzdem waren einige Gegentreffer dabei, die mich sehr ärgern.

Philipp Schobesberger ist im Frühjahr explodiert: acht Tore, sieben davon in Serie, plus fünf Assists. Was macht ihn so stark?

Wenn du nur schnell bist und geradeaus läufst, bist du ja sehr leicht auszurechnen. Aber seine Stärken sind auch, dass er sehr gut dribbeln kann und Eins-gegen-eins-Situationen sucht. Er schlägt Haken wie kein Zweiter und kann extrem schnell stehen bleiben, wo andere in die Garage rennen.

Es soll schon Interessenten aus dem Ausland für ihn geben. Noch liegt sein Marktwert – zumindest laut transfermarkt.at – bei bescheidenen 500.000 Euro. Welche Perspektiven hat der Bursche?

Er muss seine Fähigkeiten noch verfeinern und weiter ausbauen. Und er muss beim Spiel gegen den Ball besser mitarbeiten. Klar, das hat auch etwas mit Erfahrung zu tun, aber das sind Dinge, die er verbessern muss, um dann den nächsten Step zu machen. Im Endeffekt kommt es nur auf ihn an, wie hart er an sich arbeitet.

Robert Beric hat 27-mal getroffen – im Schnitt alle 102 Minuten. Wie sehr würde es dich schmerzen, ihn zu verlieren?

Einerseits würde es sehr schmerzen, auf der anderen Seite ist es legitim, in eine bessere Liga zu wechseln, wenn du als Spieler die Möglichkeit dazu hast. Ist doch auch schön, wenn die Mannschaft so spielt, dass einzelne Spieler das Interesse anderer Klubs erwecken. Wichtig ist, dass wir gewappnet sind und wissen, was zu tun ist, wenn der eine oder andere geht. Und natürlich ist der Zeitpunkt nicht unwesentlich, das Transferfenster ist bis Ende August offen, die Champions-League-Quali beginnt im Juli.

Apropos: Wenn am 25. Juli die Meisterschaft startet, ist Ralf Rangnick nicht mehr da. Deinen Kommentaren zufolge scheint dich die ständige Kritik des ehemaligen Salzburg-Sportdirektors am Ligen-Format und an der Stärke der Klubs genervt zu haben.

Jeder hat das Recht zu kritisieren, aber an allem ständig herumzunörgeln, nur das Negative herauszukitzeln, das machen eh viel zu viele Menschen. Ab und zu sollte man das unterlassen und den Mund halten. Statt Kritik zu üben, sollte man vielleicht Vorschläge machen, wie man etwas verbessern kann.

In Leipzig kehrt Rangnick auf die Trainerbank zurück.

Wahrscheinlich hat er keinen besseren Trainer als sich selbst gefunden.

Deinen Ex-Schützling Marcel Sabitzer nimmt er mit. Wie siehst du seine Entwicklung?

Super! Aber das hab ich gewusst. Sein Abgang hat uns sehr wehgetan, genauso wie dann auch der von Terrence Boyd, der ja aus dem Trainingslager abgereist ist. Unser Spiel war auch auf die beiden zugeschnitten. Sabi war nicht aufzuhalten. Schade, dass er diese Entwicklungsschritte nicht bei uns gemacht hat.

,,Marcel Sabitzers ­Abgang hat uns sehr wehgetan, genauso wie der von Terrence Boyd. Unser Spiel war auch auf die beiden zugeschnitten.”

Zoran Barisic

Mit Huspek, Nutz und Tomi kommen drei Neue aus Grödig. Es werden viele Witze darüber gerissen, dass Rapid nur noch beim Dorfklub aus Salzburg einkauft.

Wir schauen uns am Markt um, beobachten Spieler über einen längeren Zeitraum und treffen dann Entscheidungen. Wenn’s sportlich und wirtschaftlich passt, dann werden wir die Transfers vollziehen. So war es auch bei den drei Grödigern. Auch sie werden sich anpassen müssen. Das wird nicht von heute auf morgen passieren, weil es ein riesengroßer Unterschied ist, ob du für Grödig oder Rapid spielst. Das sind zwei verschiedene Welten. Aber wir sind auch letztes Jahr für Schobesberger kritisiert worden, der null Euro gekostet hat, genauso für Beric.

Mit Schobesberger war gegen Russland nach längerer Zeit wieder ein Rapidler im Teamkader. Bist du der Meinung von Steffen Hofmann, der im Interview mit der SportWoche gemeint hat, es hätten sich mehr Grün-Weiße verdient, dabei zu sein?

Natürlich, aber das ist Sache von Marcel Koller. Ich will meine Spieler nicht ins Team reklamieren. Das mach ich nicht, dazu bin ich ein zu stolzer Mensch. Das Team steht, es gibt sehr viele fixe Säulen, denen Koller vertraut. Gott sei Dank spielen sie erfolgreich, das ist das Allerwichtigste. Das Nationalteam ist das Flaggschiff des gesamten österreichischen Fußballs. Wenn sich das Team hoffentlich für die EM qualifiziert, wäre das für alle gut.

Auch in den ÖFB-Nachwuchsteams sind Rapidler derzeit selten anzutreffen.

Damit bin ich absolut nicht glücklich. Aber die Nachwuchsteamchefs schauen auf den momentanen Erfolg, da ist die Entwicklung einzelner Spieler nicht so wichtig wie bei uns im Verein. Uns ist es ja wichtig, sie so zu entwickeln, dass sie irgendwann für die Kampfmannschaft spielen können. Es geht darum, zu erkennen, welche Spieler das größte Potenzial für die Zukunft haben. Dort müssen wir hinkommen. Alle Trainer. Weg vom momentanen Erfolg.

Zurück zu Steffen Hofmann: Er wird im September 35, hat noch ein Jahr Vertrag. Eine große Ära neigt sich dem Ende zu.

Das ist normal, aber abgesehen davon, dass er noch einen Vertrag hat, unterstreicht er ja, dass er noch sehr wichtig für die Mannschaft ist und ihr noch immer sehr viel Input geben kann – nicht nur auf dem Platz, auch außerhalb. Er ist der verlängerte Arm des Trainerteams, der auch daran beteiligt ist, Spieler mitzuentwickeln. Vor allem aber ist er fit wie nie, hat ideale Werte. Nur die Regenerationsphasen dauern länger als früher.

,,Meine Co-Trainer sind wie Killer, haben immer neue Ideen.”

Zoran Barisic

Herbert Prohaska hat im großen Sportmagazin-Doppeltalk mit Hans Krankl im Herbst gemeint, Schaub ist spätestens im Sommer weg. Hat er recht?

Ich geh davon aus, dass er bleibt. Es wäre für ihn wichtig, hierzubleiben, damit er ein noch besserer Fußballer wird. Meiner Meinung nach ist er noch nicht so weit, um ins Ausland zu wechseln.

Als du im April 2013 Peter Schöttel abgelöst hast, lag die Austria 20 Punkte vor Rapid. Zwei Jahre später hast du den Erzrivalen um 24 Punkte abgehängt. Weil du so ein guter Trainer bist?

Nein, als ich kam, war Rapid in einer ganz schwierigen Situation, sowohl wirtschaftlich als auch vereinspolitisch und sportlich hat’s auch nicht so gut ausgeschaut. Fans haben gegen den Vorstand rebelliert, die Mannschaft nicht angefeuert und bei Toren nicht mitgejubelt. In einer Phase, wo es um einen internationalen Startplatz ging. Aber wir hatten einen Plan, wir wussten, dass wir sehr viele Dinge ändern mussten. Wir wussten auch, dass dieser Weg sehr viel Risiko enthielt. Letzten Sommer wollten wir an den kleinen Schrauben drehen, das ging aber nicht, weil uns fünf Spieler verlassen haben. Also mussten wir noch einmal umbauen und wieder verjüngen. Schön, dass es funktioniert hat, aber dazu gehört auch Glück. Nimm bei Barça Messi, Iniesta, Xavi, Busquets und Dani Alves weg – glaubst du, die gewinnen die Champions League auch mit fünf anderen? Keine Chance!

Warst du überrascht, dass die Austria ein Jahr nach der Königsklasse so abstürzt?

Klar, der Großteil der Mannschaft ist ja geblieben, gute neue Spieler sind dazugekommen. Warum der Wurm drin ist, kann und will ich nicht beurteilen. Wir haben die Schere zu Salzburg verkleinert und zur Austria haben wir sie aufgemacht. Das ist wunderbar für uns.

Eigentlich kann das nächste Ziel nur der Titel sein. Viele Experten sagen ja, es ist ein grundlegender Fehler, Salzburg immer schon vor Saisonstart zum Meister zu erklären.

Aber ich lass mir ja nix in den Mund legen -von niemandem. Es kommen so viele gescheite Menschen daher und sagen: „Rapid muss um den Meistertitel spielen, das ist doch euer Anspruch.“ Ich kenn all diese Sätze und weiß, von wem sie kommen. Aber das ist mir zu banal. Ich will, dass sich die Fans freuen, wenn sie der Mannschaft beim Kicken zuschauen. Und wenn du nachhaltig gut spielst, wirst du irgendwann mit Titeln belohnt werden.

(c) Martin Steiger

Der Altersschnitt im Kader ist derzeit knapp über 23 Jahre. Wie viel junges Blut verträgt eine Mannschaft, um trotzdem vorne mitzuspielen
– oder ist diese Frage überbewertet?

Nein, wir sind schon sehr jung aufgestellt. Natürlich brauchst du arrivierte Spieler, die den Jungen in gewissen Situationen und Phasen eines Spiels helfen, die richtigen Lösungen zu finden. Aber wir haben uns zu dem Schritt entschlossen, unsere jungen Spieler so zu entwickeln, dass sie spätestens dann, wenn wir ins neue Stadion übersiedeln, um den Meistertitel mitspielen können.

Das Problem ist, dass man heute selbst mit jungen Spielern nicht mehr allzu lange planen kann.

Stimmt schon, trotzdem ist mir nicht nur der kurzfristige Erfolg wichtig. Wenn ich einmal gehen muss, will ich erstens als Gentleman gehen und zweitens, dass es mein Nachfolger einfacher hat. Ich will nicht, dass er eine Ruine übernehmen muss.

Von der präsidialen Vision – einem Platz unter Europas Top 50 – ist Rapid als aktuell 121. im Klub-Ranking weit entfernt, im Gegensatz zu den Salzburgern, die derzeit 47. sind.

Du brauchst internationale Erfolge, um dorthin zu kommen. Es ist eine Vision und ich find es wichtig, dass man sich hohe Ziele setzt. Die Frage ist immer, wie man sie formuliert. Ich glaub, der Präsident wäre auch nicht unglücklich, wenn wir 58. wären.

In gut einem Jahr soll das neue Stadion eingeweiht werden. Wie groß ist deine Vorfreude?

Sehr groß! Ich freu mich schon auf diese besondere Atmosphäre, die dort herrschen wird. Wenn wir es schaffen, das Stadion bei jedem Heimspiel voll zu kriegen, wäre das auch toll für den österreichischen Fußball.

Mit Peter Stöger und Ralph Hasenhüttl gibt’s kommende Saison zwei österreichische Trainer in der deutschen Bundesliga. Ist das Ausland langfristig auch für dich ein Thema?

Weiß ich nicht. Ich bin weit davon entfernt, darüber zu reden, was in zwei Jahren passiert oder passieren soll. Mein Ziel ist es, bei Rapid bestmögliche Arbeit abzuliefern. Wenn du das schaffst, stehen dir vielleicht Türen offen. Aber wer hätte sich vor zweieinhalb Jahren gedacht, dass ich einmal hier Trainer sein darf! Ich nicht. Jetzt bin ich es und sehr glücklich damit.

PASSPORT

Geboren am: 22. Mai 1970 in Wien

Familie: Ehefrau Uschi, zwei Töchter.

Background: „Mein Vater ist kroatischer Bosnier, meine Mutter ist Serbin.“ Größe/Gewicht: 1,81 m/ 81 kg

Stationen als Spieler: Sportclub, FavAC, Admira, Rapid, FC Linz, FC Tirol, Admira, Eisenstadt

Trainerkarriere: Rapid-Cheftrainer seit 17. April 2013, davor Coach der U18 bzw. Amateur-Mannschaft und im Frühjahr 2011 als Nachfolger von Peter Pacult interimistisch Trainer der Kampfmannschaft