Zlatan Ibrahimovic: Die Macht des Despoten

Auch mit 34 Jahren übt Zlatan Ibrahimović in und neben den Strafräumen dieser Welt eine zerstörerische Kraft aus. Seine dreiste Selbstverherrlichung wird nicht nur akzeptiert, sondern zelebriert. In Paris unvollendet, kann sich die heißeste Transferaktie des Sommers der Angebote angeblich kaum erwehren.

//Text: Tobias Wimpissinger
//Titelbild: (C) GEPA Pictures

Den vierten Meistertitel in Serie fuhr Paris Saint-Germain bereits acht Runden vor Saisonende ein -mit einem 9: 0 in Troyes. Doch vor der Jubelfeier gab es in der Halbzeit – es stand bereits 3: 0 – mächtig Ärger. Die Hierarchie in der Mannschaft wurde bei diesem internen Disput einmal mehr mit Nachdruck hervorgekehrt. Denn wenn PSG spielt, dreht sich alles nur um eine Person. Das mag ignorant klingen, andererseits liefert Zlatan Ibrahimović auch mit 34 Jahren noch den Stoff, der nötig ist, um Geschichten die wahre Würze zu verpassen. Schon auf dem Platz war der Schwede mit Gregory van der Wiel wegen unterschiedlicher taktischer Auffassungen aneinandergeraten, in der Kabine eskalierte die Situation. Entnervt ließ sich der Holländer auswechseln, flüchtete unmittelbar nach dem Wortgefecht aus dem Stadion, vertschüsste sich in seine Heimat und versäumte dadurch die Feierlichkeiten. Ibrahimović schien der Zoff wiederum erst richtig angestachelt zu haben. Nach Seitenwechsel erzielte der groß gewachsene Sturmtank mit dem losen Mundwerk vier Tore, drei davon in den ersten elf Minuten. Van der Wiel hatte bereits zuvor bekundet, sich in der Mannschaft nicht wichtig zu fühlen. Beim Hauptstadtverein dürfte er kaum noch eine Zukunft haben, der Vertrag läuft im Sommer aus, eine Verlängerung scheint unwahrscheinlich. Ibrahimović wollen die Scheichs hingegen um jeden Preis binden. 18 Millionen netto soll Klubboss Nasser al-Khelaïfi seinem besten Mann pro Saison zahlen, bei einem Spitzensteuersatz von 75 Prozent ein stattliches Sümmchen.

Doch PSG wird die wandelnde Litfaßsäule kaum halten können, denn nicht einmal die mächtigen Katarer sind in der Lage, die dafür geforderte Zlatan-Statue anstelle des Eiffelturms zu errichten. Seither wird spekuliert. Locken ihn von Staatschef Xi Jinping in Aussicht gestellte 75 Mille jährlich nach China oder soll es doch Miami sein, wo sich Ibrahimović jüngst ein Haus zulegte? Der Klub von Spezi David Beckham spielt allerdings erst in zwei Jahren in der Major League Soccer und im Reich der Mitte wäre er trotz all der Kohle wohl zu weit vom Schuss. Am liebsten würde ihn Agent Mino Raiola in der Premier League sehen, sagt er. Verständlich bei den zu erwartenden Zahlungen, an denen auch der gewiefte Italiener beteiligt ist. Laut Tageszeitung Daily Mail hat der prominente Klient nun seine Gehaltsvorstellungen kundgetan, schlanke 600.000 Pfund pro Woche verlangt Ibra. Ergibt ein Jahressalär von 39 Millionen Euro, der aktuelle Premier-League-Spitzenverdiener Wayne Rooney schöpft vergleichsweise lächerliche 17 Millionen per annum. Sämtliche Top-Klubs hätten ein Angebot vorgelegt, streut Raiola, nur eine Ausnahme gäbe es, das kommende Saison von Pep Guardiola trainierte Manchester City. Kein Wunder, ist das Verhältnis zwischen den zwei Alphatieren seit gemeinsamen Zeiten in Barcelona doch merklich unterkühlt. „Wir brauchen den Philosophen nicht, der Zwerg und ich reichen vollkommen“, hatte der polarisierende Scharfschütze damals Richtung Coach geschnauzt, mit Zwerg meinte er Lionel Messi.

Als Ibrahimović, der Landesmeister in den Niederlanden, Italien und Spanien gewesen ist, vor vier Jahren nach Paris kam, hing noch so etwas wie Pioniergeist über dem ambitionierten Projekt. Doch unterm Strich gilt die Ligue 1 als fußballerische Provinz. Und PSG stellt für die milliardenschweren Investoren lediglich ein Schaufenster im Westen dar, für die so kontrovers diskutierte WM 2022 am Persischen Golf. Man zog ein künstliches Team auf, lautete der Vorwurf, ohne Erdung und emotionale Bindung zur Stadt und seiner fußballerischen Vergangenheit. Ibrahimović ist in Frankreich die alles überstrahlende Erscheinung, der Chefunterhalter mit dem Glamourfaktor eines Popstars, der Alleinvermarkter der gesamten Liga. Er ist der einzige Grund, warum man außerhalb Frankreichs den französischen Fußball überhaupt wahrnimmt. So verziehen ihm die Franzosen sogar, dass er die Grande Nation als „Scheißland“ bezeichnete. Zuletzt sorgte der pöbelnde Straßenkicker mit der Aussage für Wirbel, dass der Klub erst geboren wurde, als die Katarer übernommen hatten. Für Frankreichs Fußballromantiker ein Affront. Immerhin ist PSG 1995 im Halbfinale der Champions League gestanden, ein Jahr später gewann man gegen Rapid das Cupsiegerfinale, in der Folgesaison scheiterte die Équipe im Endspiel nur knapp an Barcelona. Doch Ibrahimović kümmern folkloristische Reminiszenzen wenig. Seine offene, mit viel Selbstironie inszenierte Großspurigkeit kann das mediale Massenphänomen weitgehend kritiklos ausleben. „Glaubst du an Jesus?“, soll er Trainer Laurent Blanc einmal vor einem Schlüsselspiel gefragt haben. Als dieser bejahte, sagte Ibrahimović: „Dann glaubst du ja an mich.“

Zlatan: „Ich bin genauso ein normaler Mensch“

Doch nun zieht es den schlagfertigen Ego-Shooter zurück auf die große Bühne. In Frankreich spielen die Hauptstädter ohnehin in einer eigenen Sphäre. „Mehr geht nicht“, ist Ibrahimović überzeugt , der dem branchenüblichen Von-Spiel-zu-Spiel-Geschwafel nur wenig abgewinnen kann. Der Triumph in der Königsklasse dürfte nach dem Viertelfinal-Stolperer gegen Man City aber zumindest im Parc des Princes ein Traum bleiben. Oder ist ihm der größte Preis im europäischen Klubfußball gar nicht so wichtig? „Ich brauche keine Trophäe, um zu beweisen, dass ich der Beste bin.“ Tore und Titel sind ja nur ein Teil der Show, wenn auch kein unerheblicher, vielmehr ist es diese Mischung aus Taten und Worten, sein demonstrativ zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein, die ihm wenig Wohlgesonnene als gnadenlose Arroganz auslegen mögen. „Ich bin genauso ein normaler Mensch, wie der weiße Hai ein normaler Fisch ist“, antwortet der 34-Jährige etwa auf die Frage, wie er in seinem Alter noch ein derartig hohes Niveau abrufen könne. Mit dieser dreisten Selbstverherrlichung verlässt Ibrahimović in der Öffentlichkeit eben nie seine selbst gewählte Rolle. Trotz der 195 Zentimeter, seiner über 90 Kilogramm und der Schuhnummer 47 flink und wendig, vermag er unfassbare Tore zu erzielen, zudem ist er gesegnet mit einer schnellen Zunge, die bei Interviews ebenso blitzartig kontern kann, wie er es sonst auf dem Platz zu tun pflegt.

,,Er ist die wichtigste Persönlichkeit des Landes, noch vor der Königsfamilie. ”

Ibrahimovic-Korrespondentin Frändén

Der kometenhafte Aufstieg des Scheidungskindes einer kroatischen Putzfrau und eines bosnischen Hausmeisters aus Malmös Glasscherbenviertel Rosengård, einer trostlosen Großwohnsiedlung aus den Sechzigern im Osten der Stadt, in die Hautevolee des europäischen Klubfußballs ringt Bewunderung ab, selbst in einer Solidargemeinschaft wie Schweden, wo ungern gesehen wird, wenn jemand aus der Menge ragt. Die Popularität in der Heimat lässt sich gut mit dem herbstlichen Herzensduell gegen Stammverein Malmö FF verbildlichen, für den er von 1995 bis 2001 spielte. Zu eigensinnig, zu provokant, zu arrogant soll der Narzisst in Stopplern zu jener Zeit agiert haben. Eigensinnig, provokant und arrogant ist er noch immer, doch nimmt man die Charakterzüge nicht mehr als Makel, sondern als Merkmal wahr. Das Ausmaß der Euphorie zeigte, dass Ibrahimović in Schweden mehr ist als ein Fußballer, er gilt als unantastbares Gesamtkunstwerk. Weil das kleine Swedbank Stadion wegen seiner Rückkehr schnell ausverkauft war, hatte Zlatan für das Pariser Gastspiel kurzerhand den Rathausplatz Stortorget gemietet und eine Großleinwand aufstellen lassen. „Die ganze Planung habe ich selbst erledigt.“ Die Verbundenheit zu seiner Geburtsstadt ist weiterhin eng, vor allem zu den Wurzeln im Einwandererghetto. „Du kannst den Burschen aus Rosengård holen, aber Rosengård nicht aus dem Burschen“, steht an einer Unterführung in der Nähe jenes Schotterplatzes, auf dem er einst weit nach Einbruch der Dunkelheit seine Kunststücke perfektionierte. Inzwischen eingezäunt, mit Kunstrasen überzogen und goldfarbenen Torstangen versehen, kehrt Ibrahimović regelmäßig nach Rosengård zurück, die Prachtvilla in Malmös Nobelviertel Fridhem wurde hingegen wieder verkauft.

Dei Ibrahimovic-Korrespondentin 

Er ist die wichtigste Persönlichkeit des Landes, noch vor der Königsfamilie. Man befragt ihn zu allem, was Schweden bewegt“, weiß Johanna Frändén besser um den Stellenwert von Schwedens zehnfachem Fußballer des Jahres Bescheid als jeder andere. Die 34-Jährige ist Sportjournalistin, schreibt für die Boulevardzeitung Aftonbladet, auf Twitter hat sie 96.000 Follower. „Was ich heute bin, verdanke ich Zlatan“, gesteht die gefragte TV-Expertin im Gespräch mit dem SPORTMAGAZIN. Frändén ist eigens für Ibrahimović abgestellt, seit Jahren folgt sie ihm auf Schritt und Tritt. „Ich weiß, es klingt ein bisschen krank“, lacht die Mittelschwedin, die als Freelancerin in Rom arbeitete, als sie 2009 das Angebot bekam, nach Barcelona zu ziehen, um sich permanent um den launischen Ballkünstler zu kümmern: „Es gibt unangenehmere Jobs. Auch wenn es nerven kann, immer und immer wieder eine neue Zlatan-Story zu schreiben.“ Das Interesse an Ibrahimović in der Heimat wurde noch größer, als es ohnehin schon war, nur gab es ein Problem: Der Stürmerstar redete nicht mit ihr. „Das Aftonbladet hatte Jahre zuvor etwas geschrieben, was ihm sauer aufgestoßen ist, also ignorierte er mich. Völlig. Ich war für ihn Luft.“ Langsam entspannte sich das Verhältnis, doch Freunde wurden sie nie. Auch nicht, als ihm das attraktive Blond nach Frankreich folgte. Nicht ein Mal wurde der wohl größte Macho des Weltfußballs persönlich, kein Flirt, kein Kompliment: „Er kann aber durchaus einen gewissen Charme ausstrahlen, dennoch lässt er niemanden in seinen inneren Kreis, auch die Klubverantwortlichen bekommen seine Handynummer nicht.“ Umgekehrt erlebt Frändén, deren gemeinsamer Weg mit ihrem Landsmann im Sommer endet, wie die Diva in kurzen Hosen regelmäßig austeilt, selbst bekommt die Paris-Korrespondentin allerdings nie etwas ab. Missfällt Ibrahimović eine Schlagzeile, schweigt er lieber.

„Er redet dann eine Zeit lang nicht mit mir. Wenn er eine Botschaft ans schwedische Volk richten will, bleibt er wiederum freiwillig bei mir stehen. Zlatan übt halt gern Macht aus und spielt dabei seine Spielchen.“ Selbst in der Nationalmannschaft genießt der schwedische Rekordtorschütze Narrenfreiheit. Der onkelhafte Teamchef Erik Hamrén überlässt es seinem Star selbst, an welchen Spielen er teilnehmen mag oder nicht, auf dem Platz hält das Handwerker-Kollektiv der Ikone des Martial-Arts-Footballs den Rücken frei. Dass die Europameisterschaft nicht wie die WM 2014 zur völlig uninteressanten Veranstaltung verkommt, wie Ibrahimović nach der verpassten Quali für Brasilien gemeint hatte, nahm er im brüderlichen EM-Play-off gegen Dänemark das Heft selbst in die Hand, ließ mit seiner körperlichen Präsenz die gegnerischen Verteidiger wie Schulbuben an sich abprallen und sorgte mit zwei spektakulären Treffern im Alleingang für die Fahrkarte nach Frankreich.

,,Olympischen Spiele sind für mich nicht interessant. Ich bin es, der für Olympische Spiele interessant ist.”

Zlatan Ibrahimovic

Die eigene Leistung herunterzuspielen ist derweil so gar nicht die Art des schlecht beleumundeten, weil abgehobenen Zauberers. „Ich habe meine Füße sprechen lassen“, polterte Ibracadabra im Anschluss. „Die Dänen wollten mich in Rente schicken, ich habe das ganze Land pensioniert.“ Und möglicherweise erleben wir das große schwedische Idol im Sommer nicht nur bei der EM, auch einem Auflaufen beim olympischen Fußballturnier scheint Ibrahimović nicht abgeneigt zu sein. Doch wie sagte er in seinem unnachahmlichen Duktus: „Olympischen Spiele sind für mich nicht interessant. Ich bin es, der für Olympische Spiele interessant ist.“ Es werde jedenfalls Großes passieren, verspricht die heißeste Transferaktie des Sommers und genießt es, den Medien den Takt vorzugeben. Mit einem Klub sei es schließlich wie mit einer Ehe: Beide Seiten müssen es wollen. Soll heißen, Zlatan müsse es wollen. So lässt er auch keinen Zweifel daran, wer in seiner privaten Liaison das Sagen hat. Auf die Frage, was er seiner Frau zum Geburtstag schenke, antwortete Ibrahimović einst: „Nichts, sie hat ja schon Zlatan.“

PASSPORT: Zlatan Ibrahimovic

Geboren am 3. Oktober 1981 in Malmö

Familie: Ehefrau Helena Seger (45), Kinder Maximilian (10), Vincent (8)

Größe/Gewicht: 195 cm/95 kg

Position: Mittelstürmer

Profikarriere: Paris Saint-Germain (seit 2012), AC Milan (2010–12), Barcelona (2009/10), Inter Mailand (2006–09), Juventus Turin (2004–06), Ajax Amsterdam (2001–04), Malmö FF (1999–2001)

Erfolge: Eredivisie 2002, 2004, KNVB Cup 2002, Johan Cruijff Schaal 2002; Serie A 2005–09, 2011, Supercoppa Italiana 2006, 2008, 2011; La Liga 2010, Supercopa de España 2009, 2010; Ligue 1 2013–16, Trophée des Champions 2013–15, Coupe de la Ligue 2014–15, Coupe de France 2015; UEFA Super Cup 2009; FIFA Klub-WM 2009 Torschützenkönig Serie A 2008/09, 2011/12; Ligue 1 2012/13, 2013/14

Nationalteam: 111 Spiele/62 Tore

Fußballer des Jahres Schweden: 2005, 2007–2015; Italien 2008–09, 2011

Autobiografie „Ich bin Zlatan Ibrahimović“

Web: www.facebook.com/ZlatanIbrahimovic

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