Wohin rast die Formel 1?

Mit 68 Jahren fängt das Leben an? Von wegen! Die Formel 1 ist in der größten Identitätskrise ihres Bestehens. Wie geht es weiter?

//Text: Gerald Enzinger // Foto: imago/HochZwei//

01 Warum sind WM und Weltmeister in der Krise?

Wenn am 25. März im Albert Park von Melbourne die 69. Formel-1-Saison startet, stehen grundsätzliche Fragen der Existenz im Mittelpunkt: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und: Ergibt das alles Sinn? Das gilt einmal für die Formel 1 als solche. Nach Jahrzehnten unter strenger Führung sind der Sport und auch dessen Geschäftsmodell in der zweiten vollen Saison unter neuen Eigentümern von Unsicherheit geprägt: Zum einen machen Klimawandel und neues Umweltbewusstsein den Träumern unter den Puristen von einer archaischen Formel 1 das Leben schwer, zum anderen zieht der große Industrie-Liebling Formel E trotz höchst bescheidender Zuschauerzahlen immer mehr Sponsoren ab.

Noch nie waren so viele Teams ohne große Geldgeber: McLaren, ab 2019 Williams. Zudem ist der von den amerikanschen Investoren versprochene Showfaktor bescheiden – die Abschaffung der Grid Girls ist die aufregendste (= umstrittenste) Neuerung des Jahres. Und weil die Formel 1 nach dem Bianchi-Unfall immer mehr unter dem Druck von klagslüsternen Anwälten steht, wird die Sicherheit zum obersten Gebot, manchmal ohne lange Reflektion. So wurde der Cockpitschutz Halo quasi gegen den Wunsch von allen Fahrern und Fans durchgepeitscht.

Apropos Fahrer: Auch der nun vierfache Weltmeister Lewis Hamilton wirkte im Winter recht desorientiert. Nach dem Wirbel um ein Instagram-Video, in dem er zu seinem Neffen sagte, dass „ein Mann keine Kleider anzieht“, wurde der Engländer mit Hass-Postings zugespamt. Seine unerwartete Reaktion: Der Mann, der 5,7 Millionen Follower hat, löschte alle seine Bilder aus den vergangenen sechs Jahren und wandte sich für ­Wochen von den sozialen Medien ab. Was insofern recht skurril war, weil zwei Tage davor Kimi Räikkönen, der personifizierte Nicht-Instragram-Poster, plötzlich selbst einen Account hatte und unerwartet private Einblicke aus seinem Leben zeigt. Aber: Nun ist auch Lewis wieder auf Instagram, man war live dabei, als er in Japan snowboarden war. Wobei: Sportlich hat er auch noch eine andere Mission: Ende 2018 läuft sein Vertrag aus. Hört er auf? Wir glauben, wohl eher nicht, denn bei seinem vierten Titel ist ihm klar geworden, dass er den All-Time-Rekord von Michael Schumacher (7) brechen kann. Bleibt Mercedes so dominant, könnte er, den Rekorde sonst eigentlich nicht interessieren, doch von dieser Idee verführt werden – und weitermachen.

02 Hält Ferrari dem Druck stand?

Seit zehn (!) Jahren hat Ferrari keinen WM-Titel mehr errungen (Team-WM 2008, davor Fahrer-WM 2007), jetzt ist an der Zeit. In seiner vierten Saison bei Ferrari erwartet man von Sebastian Vettel, dass er sein Team so weit aufgestellt hat, dass man Mercedes heuer nicht nur fordern, sondern auch am Ende der WM besiegen kann. Hoffnungsträger ist Mattia Binotto. Der in Lausanne geborene Italiener ist 48 Jahre alt und seit 2017 neuer Technik-Chef. Mit ihm ist neuer Schwung in Maranello eingekehrt – und unter ihm haben die Ingenieure wieder mehr Freiheiten für unkonventionelle und revolutionäre Lösungen. Entscheidend wird aber sein, dass das Team – und in den entscheidenden ein, zwei Situationen auch Vettel – die Fehlerqoute nahe null halten kann, denn selbst wenn Mercedes am Ende in der WM klar vorne war und bei Bedarf Reserven hatte, bleibt von 2017 auch die Erkenntnis: Noch nie in der Hybrid-Ära war Ferrari so nah dran an den Besten.

03 Was tut Red Bull?

Auch wenn das vielen noch nicht so bewusst ist: Für die Flügelverleiher aus Fuschl könnte 2018 ein sehr entscheidendes Jahr werden. Frage 1: Kann man endlich wieder um die WM fahren? Dr. Marko & Co. nehmen sich aus dem Rennen, vielleicht zu früh. Erstmals in der Ära Newey wurde ein Auto schon vor dem ersten Test fertig, denn seit Jahren leidet Red Bull darunter, dass der Bolide so spät fertig ist, dass man erst monatelang Kinderkrankheiten aussortieren muss – und bis dahin meist schon weit hinter Mercedes und auch Ferrari liegt. Die meist guten Herbst­saisonen kommen zu spät. Heuer soll das anders sein. Zudem hat sich Meister Newey an diesem Auto wieder mehr eingebracht als zuletzt. Frage 2: Wie gut ist Honda bei Toro Rosso? Ein Auferstehung von Honda im Partnerteam von RBR würde für 2019 die Chance ermöglichen, zu den Japanern zu wechseln und die unglückliche Ehe mit Renault zu beenden. Frage 3: Wie geht’s mit der Formel 1 weiter? 2018 fällt die Entscheidung über das Format der F1 ab 2021, vor allem auch des Motorenreglements. Nur wenn Red Bull hier viele seiner Wünsche gegen Mercedes & Co. durchbringen kann, ist garantiert, dass man bleibt. Sonst könnte sich Mateschitz gekränkt und mangels Erfolgsaussichten aus der Formel 1 zurückziehen – oder gar, mit anderen, eine Alternativserie hochziehen. Heuer entscheidet sich, wie groß seine Lust am Grand-Prix-Sport in Zukunft sein wird.

04 Ist der Heiligenschein scheinheilig?

Vor kaum einer Formel-1-Innovation haben sich die Formel-1-­Fans so gefürchtet wie vor dem Cockpitschutz „Halo“, der ab heuer in seiner Heiligenschein-Form als Bügel Pflicht an den Autos ist. Eine Neuerung, die die Philosophie von der „freien“ Formel 1 zerstört, die optisch absolut nicht durchdacht ist und den schnellsten Boliden eine Charakteristik von Autocross-Schüsseln verleiht. Doch die FIA hat darauf bestanden, weil man, wie in Punkt 1 erwähnt, Klagen fürchtet, falls ein Pilot von einem herumfliegenden Teil verletzt oder gar getötet wird – und der Kläger nachweisen kann, dass die FIA nicht die maximal möglichen Sicherheits­standards in den Regeln vorgeschrieben hat. Die Akteure sind skeptisch bis sauer. Toto Wolff: „Hätte ich eine Kettensäge, würde ich das hässliche Ding runterschneiden.“ Niki Lauda: „Fürchterlich, dass ist der größte Rückschritt.“ Und zum Thema Sicherheit: „Es steht jedem frei, ob er Rennen fahren will oder doch lieber einen Kiosk aufmacht.“ Kevin Magnussen ist der Lautsprecher unter den Fahrern: „Der Titanbügel ist lästig und sieht hässlich aus. Er behindert beim Einstieg und beim Ausstieg. Es ist schwer, das Lenkrad abzuziehen. Und bei schnellen Richtungswechseln in Schikanen lenkt er das Auge total ab.“ Bei den Tests hatten Fahrer nach Unfällen Ausstiegsprobleme. Hoffentlich wird der Halo 2019 durch eine bessere Alternative ersetzt.

05 Wer angelt sich Ricciardo?

Dani Ricciardo ist der Prototyp eines Red-Bull-Sportlers. Der immer lachende Aussie ist der Liebling aller, doch Ende der Saison läuft sein Vertrag aus und für Ricciardo gibt es Argumente, zu wechseln, etwa, dass er im eigenen Team mit Max Verstappen einen Kollegen hat, der von Jahr zu Jahr besser und egoistischer werden wird und wegen seiner Klasse wohl auch vom Team volle Unterstützung bekommt. Und Dani könnte Alternativen haben: Toto Wolff schätzt ihn sehr, er wäre wohl auf der Shortlist, falls sich Bottas nicht für eine Verlängerung aufdrängt oder Hamilton doch aufhört. Und auch bei Ferrari wäre wohl bald ein Platz frei, ein Lebenstraum für den Enkel italie­nischer Einwanderer. Aber ob Sebastian Vettel große Lust auf ein Wiedersehen hat? Geht Dani von Red Bull weg, hat Dr. Marko vorgesorgt, dann kommt wohl Leihgabe Carlos Sainz von Renault nach Milton Keynes.

06 Welcher junge Pilot ist spannend?

Der interessanteste Debütant in der Formel 1 2018? Keine Frage: Charles Leclerc. Der 20-Jährige aus der Formel-1-Hochburg Monte Carlo hat erst die GP3 im Rookie-Jahr gewonnen, dann die Formel 2 mit Rekordwerten, etwa einer sensationellen Poleposition-Serie. Jetzt ist er die neue Nummer 1 im Ferrari-Ausbildungsprogramm und daher heuer an Sauber verliehen. Zeigt er absolute Klasse, ist selbst ein direkter Aufstieg nach Maranello als Räikkönen-Nachfolger denkbar. Was freilich auch eine zartbittere Note hat, denn Kimis Platz hätte ja spätestens 2016 Jules Bianchi einnehmen sollen, der aber im Herbst 2014 verunglückt und 2015 gestorben ist. Ausgerechnet jener Bianchi, der einst Leclercs Karriere gerettet hatte, denn als dessen Familie 2010 das Geld für weitere Sprünge im Motorsport ausging, war es Familienfreund Jules, der bei seinem Manager Nicolas Todt ein gutes Wort für den kleinen Charles einlegte. Der gewann daraufhin prompt das alles entscheidene Kartrennen seiner Karriere – und bekam den Vertrag. Tragisch nur, dass sein Vater die Formel-1-Premiere nicht mehr erlebt, er starb 2017.

07 Was ist 2018 alles anders?

Die Formel 1 war für viele Bereiche des Sports und insbesondere deren Vermarktung ein ewiges Vorbild. Zentrale Vermarktung wurde hier fünfzehn Jahre vor der Champions League Usus. Zudem war der Sport in Sachen TV sehr innovativ und hatte seine Erfolgsgeheimnisse. Eines davon: So viele Rennen als möglich beginnen um 14 Uhr mitteleuropäi­scher Zeit, das ist eingelernt und gehört immer noch für Millionen zum Sonntagnachmittagsablauf, Nickerchen ab Runde 3 inklusive. Und nun? Setzen die neuen Formel-1-­Bosse eine neue Beginnzeit fest: 15.10 (!) Uhr in Mitteleuropa. Der Grund: damit die paar Tausend Fans in den USA länger ausschlafen können. Wie war das mit dem Antritts-Statement, in dem man „das Kerngebiet Europa“ stärken wollte?

Wobei es im Fernsehen sowieso zu einer Revolution kommt. In vielen Ländern (Spanien, Italien, England) gibt es im Free-TV keine Übertragungen oder nur einige wenige ausgewählte. In Deutschland aber passiert genau das Gegenteil: Der Vertrag mit RTL wurde verlängert und verbessert – so sehr, dass Sky aus den Gesprächen um einen neuen Vertrag für Bezahlfernsehrechte vorzeitig ausstieg. Das bittere Ende für das starke Münchner Team rund um Marc Surer und Tanja Bauer. Doch schon Wochen später wurde klar, wie sehr die neuen F1-Eigentümer Skys Aufgabe provoziert hatten, denn sie werden nun auch im deutschsprachigen Raum mit einem eigenen Livestream von der Formel 1 selbst versorgt, samt Kommentar von RTL. Gegen Bezahlung sieht man alle Trainings und das Rennen live, dazu Onboards von allen ­(gebuchten) Autos, Interviews und Pressekonferenzen. In 40 Ländern der Welt wird man Zugriff haben, auch von Österreich aus. Dort, wo der ORF (noch) die Free-TV-Rechte für die Formel 1 hält.

08 Warum gehen Grid Girls in die Rente?

Es war der einzige Moment, in dem wirklich zahlreiche Fans aus dem schier ewigen Formel-1-Winterschlaf hochschreckten: Die Grid Girls werden abgeschafft, als nicht mehr zeitgemäß und nicht dem modernen Rollenbild entsprechend in die Rente geschickt. Eine selbst für Traditio­nialisten zu akzeptierende Maßnahme (in der WEC war das ja schon 2014 der Fall), die auf die angekündigte Show-Offensive in der Formel 1 neugierig werden lässt, zumal gerade Red Bull mit seinen Unas in Tracht und mit 50 mehrsprachigen, gut gebildeten Frauen zu zeigen versuchte, wie man den Job als „Empfangskomitee“ für die Motorsportwelt mit Stil und Respekt interpretieren könnte. Ein heikles diplomatisches Problem (ein Schelm, wer daran denkt) hat die Formel-1-Regierung jedenfalls nun gelöst, denn die meisten arabischen Ölstaaten haben sich bisher wegen der Grid Girls geweigert, das Vorprogramm der Formel 1 live in ihren Ländern zu übertragen. Dabei waren die Zeiten der klassischen Boxenluder (letzter ­Höhepunkt: Katie Price 1999 bei Jordan) eh schon längst – zu Recht – zu Ende.

09 Warum ist Alfa wieder da?

Mit Alfa Romeo ist eine der größten Marken in der Geschichte des Rennsports zurück in der Formel 1 – als Titelsponsor bei Sauber. Die Marke, die in der ersten WM 1950 die ersten drei Plätze in der Endwertung stellte, ist freilich nur „Technologiepartner“. Viel wird man da nicht tun müssen, die Fabrik in der Schweiz ist infrastrukturell zu gut ausgerüstet. Die Kooperation hat eher machtpolitische Gründe. Fiat/Ferrari-Chef Sergio Marchionne will mit einem eigenen Junior-Team die Macht des Konzerns in der Formel 1 verstärken – und vielleicht weiter ausbauen. Es gibt Gerüchte, dass das amerikanische Haas-Team bald unter dem Namen Maserati starten könnte, einer weiteren Marke aus dem Fiat-Imperium.

10 Sehen wir neue Rennstrecken?

Mit Le Castellet kehrt der traditionsreiche Frankreich-Grand-Prix endlich wieder in den Formel-1-Kalender zurück. Zwischen 1970 und 1990 fanden hier 14 Formel-1-WM-Läufe statt. Allerdings wurde die Piste um die Jahrtausendwende­ von Hermann Tilke komplett umgebaut, sie war zuletzt in erster Linie als Teststrecke in Verwendung, mit mehr als einem Dutzend verschiedener fahrbarer Layout-Varian­ten. Vor allem für die WEC ist Le Castellet eine der wichtigsten Testbahnen. Errichtet wurde die Piste, die auch unter ihrem langjährigen Sponsornamen „Paul Ricard“ bekannt ist, 1970 übrigens von zwei Rennfahrern, Jean-Pierre Beltoise und Henri Pescarolo. 1986 erlebte die Formel 1 hier eine schwarze Stunde: Elio de Angelis verunglückte tödlich.

Nicht mehr im Formel-1-Kalender 2018 findet man die Destination Sepang (Malaysia hat kein Interesse mehr), für 2019 sind aber drei weitere neue Stationen im Gespräch: Miami, Hanoi und Buenos Aires. Wobei vor allem Argentinien ein Land ist, das prädestiniert wäre. Selbst ohne eigenen Fahrer und eigenen Grand Prix sehen immer Millionen am Fernsehschirm zu. Die Formel 1, sie hat Zukunft. Mancherorts.