Wir sehen uns vor Gericht

Seit zwei Jahren führt Henrik Kristoffersen einen Musterprozess gegen den norwegischen Skiverband. Sein Kampf um wirtschaftliche Selbstbestimmung könnte für ein Erdbeben weit über den Skisport hinaus sorgen. Dabei wollte er doch nur Marcel Hirscher mit seinen eigenen Waffen schlagen.

||Text: Manfred Behr||Foto: imago/Newspix24||

Kann schon vorkommen bei Henrik Kristoffersen,­ dass im Zielraum ein Helm einmal etwas tieffliegt. Oder eine Werbebande ungefragt auf ihre Robustheit überprüft wird. Der Anlassfall für derlei Verhaltensoriginalitäten? ­Zumeist eine böse Überraschung beim Soll-ist-Vergleich an der Anzeigetafel. „Schlechter Verlierer“, schreien dann die Hobbypsychologen. Christian Mitter jedoch, Norwegens österreichischer Headcoach mit schwedischem Wohnsitz, bricht eine Lanze für sein Aushängeschild: „Verglichen mit dem, was so mancher Trainer eines großen Fußballklubs an der Outlinie aufführt, ist Henrik die Ruhe in Person. Er gibt sein Leben dafür, vom Start bis ins Ziel schnell zu sein. Dann dürfen ein paar Emotionen schon sein. Wobei die Kameraleute in seinem Fall gemeinerweise nur mehr drauf warten – man sieht eigentlich kaum noch, wie Marcel jubelt,­ nur mehr Henriks Reaktion.“

Dabei hätte Kristoffersen gar nicht so viele Gründe,­ mit sich und der Welt zu hadern. Die beiden Ausnahmekönner matchten sich, über die letzten fünf Jahre betrachtet, nämlich durchaus auf Augenhöhe. In 25 Riesenslaloms und Slaloms belegte das dynamische Duo die ersten beiden Plätze (Stand: 7.12.), 13-mal mit dem besseren Ende für Hirscher. In Schieflage geriet das Duell erst, als um die wichtigsten Trophäen gefightet wurde: Zweimal musste sich der Norweger im Kampf um die große, dreimal im Kampf um die kleine Kristallkugel hinter dem Salzburger anstellen, ebenso wie im olympischen Riesenslalom.

Emotionen, und die nicht zu knapp, sind auch bei einem anderen Showdown gewiss: Henrik Kristoffersen vs. Norges Skiforbund. Seit fünf Jahren schwelt der Konflikt, spätestens am 26. März 2019 soll ein Richter am Osloer Bezirksgericht ein Machtwort sprechen. Selbiges könnte über den Konfliktfall, ja selbst über den Skisport hinaus Kreise ziehen. Im Kern geht es um die Frage: Darf ein Athlet, durch dessen Leistung Sponsorgelder erst fließen, die Werbeflächen an seiner Sportbekleidung selbst vermarkten oder ist es legitim, dass sie der jeweilige Sportverband für sich reklamiert? Fiele dieses Sponsormonopol, wäre das zentrale Finanzierungsmodell vieler Verbände gefährdet.

Die ganze Story über Henrik Kristoffersens unermüdlichen Kampf gegen den norwegischen Verband lesen sie im neuen Sportmagazin

Die Top-10-Konkurrenten des ÖSV seit 1987

Alberto Tomba: Kostete Hubert Strolz 1988 seinen zweiten Olympiasieg, in der Zeit seiner 50 Weltcupsiege schwächelten die ÖSV-Techniker, der Alpin-Gigolo verhinderte nur vier Siege.

Marc Girardelli: Hätte seine 46 Weltcupsiege und
13 Medaillen (4-mal WM-Gold) auch für den ÖSV feiern ­können, wechselte aber als 12-Jähriger nach Luxemburg.

Aksel Svindal: Schnappte Benni Raich zwei Gesamtweltcupsiege vor der Nase weg – 2007 um 13, 2009 um 2 Punkte.

Bode Miller: Stand Raich ebenfalls zweimal im Weg zur großen Kristallkugel und verhinderte zwei ÖSV-Weltmeister: Hans Knauß (Riesenslalom, 2003) und Michael Walchhofer (Super-G, 2005).

Ted Ligety: Gewann je 2 seiner je 5 WM-Goldmedaillen und Riesenslalom-Kristallkugeln sowie 7 Weltcuprennen vor Marcel Hirscher.

Didier Cuche: Hielt bei 3 seiner 6 Disziplinen-Weltcups und bei 6 seiner Weltcupsiege Österreicher auf Distanz.

Kjetil Andre Aamodt: Rettete sowohl 2002 als auch 2006 olympisches Super-G-Gold um 10 bzw. 13 Hundertstel vor Eberharter und Maier. Verhinderte mit Rainer Salzgeber ­(Riesenslalom, 1993) und Mario Matt (Kombi, 2001) zwei ÖSV-Weltmeister.

Lasse Kjus: Ohne ihn hätte Günther Mader 1995 die große Kugel nach 25 Jahren (Karl Schranz) heimgeholt. Verwies bei 8 seiner Weltcupsiege Rotweißrot auf Platz 2.

Michael von Grünigen: Feierte 9 seiner 23 Weltcupsiege und eine Riesenslalom-Kugel auf Kosten von ÖSV-Athleten.

Alexis Pinturault: Verwies Marcel Hirscher 9-mal auf Rang 2.