Die ganze Story: Wiener Wut

Twitter-Scharmützel, Schimpftiraden, Plakat-Provokationen, Schuldzuweisungen: Angespannt war das Verhältnis der Wiener Erzrivalen schon immer, derzeit ist es weit jenseits des Gefrierpunkts. Wie konnte es so weit kommen?

//Text: Rolf Hessbrügge//Foto: Gepa //

In diesem Punkt war man sich ausnahms­weise einig: Ein Doppelinterview mit Rapid-Präsident Michael Krammer (57) und Austria-Vorstand Markus Kraetschmer­ (45) wollte man weder in Hütteldorf noch in Favoriten. „Keine gute Idee“, hieß es nach Anfragen des Sportmagazins von der Pressestelle der beiden Klubs. Dabei hätte es einiges zu bereden gegeben – die aktuelle Eiszeit zwischen den Klubs, beispielsweise. Und die Frage, wie man das vergiftete Verhältnis halbwegs normalisieren könnte.

„Ich würde sagen, unsere Beziehung zu Rapid ist momentan auf keinem besonders hohen Niveau“, sagt Austria-Boss Kraetschmer im Einzelinterview. „Früher war zumindest hinter den Kulissen die Zusammenarbeit besser und intensiver.“ Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek (34) kontert wenig später kühl: „Ich verbringe keine Zeit damit, an die Austria zu denken. Mein Fokus gilt dem SK Rapid.“ Darüber hinaus gebe es regelmäßig gemeinsame Sitzungen der Bundesliga­gremien. „Da geht es sehr professionell zu und wir bringen uns konstruktiv ein“, betont Peschek.

Dennoch bleibt der Eindruck: Grün-Weiß und Violett waren seit der Causa Didulica vs. Lawaree nicht mehr so innig verfeindet wie heute. Dass beide Klubs obendrein den Saisonstart verschliefen, trug auch nicht gerade zur besseren Stimmung bei, denn neben der gegenseitigen Abneigung eint Rapid und Austria vor allem eines: die Angst, sportlich den Anschluss an das Red-Bull-Imperium mit seinen Brausemillionen zu verlieren. Wollen die Wiener Giganten mit ihren wechselseitigen Attacken am Ende nur von den eigenen Problemen ablenken? Entfacht worden ist das ganze große Theater mit einer kleinen, aber feinen Provokation.

Peschek nimmt einen Schluck Kaffee

Am 21. Mai twitterte die Austria-Pressestelle: „Hey @skrapid! Gratulation zum vorzeitigen Klassenerhalt! Schön, dass ihr uns doch erhalten bleibt.“ Ein vergifteter Glückwunsch, der bei Rekordmeister Rapid (32 Meistertitel) tiefe Wunden zurückließ. Aber – was heißt Rekordmeister? Mitte Juni legten die Veilchen (24 Meistertitel) nach und reklamierten diese Ehrenbezeichnung auf ihrer eigenen Homepage für sich. „In dieser Frage haben wir intensiv recherchiert und Sporthistoriker konsultiert“, erklärt Markus Kraetschmer. „Unser Schluss lautet: Wir sind der Rekordmeister.“

Rapid-Geschäftsführer Peschek nimmt zuerst einen Schluck Kaffee, bevor er auf dieses Thema eingeht, dann sagt er: „Jede Diskussion darüber würde der Austria nur jene Bühne geben, die sie möchte. Vielleicht ist unser Lokalrivale durch eine von uns initiierte Studie aufgeschreckt worden, laut der rund jeder zweite Wiener Rapid zu seinem Lieblingsklub erklärt. Die Austria hingegen liegt bei 14 Prozent.“ Zudem sei Rapids Zuschauerschnitt zirka dreimal so hoch: „Letztlich ist völlig klar: Rekordmeister ist Rapid.“

Dass die Violetten dies anders ­sehen, ist nicht neu. Ihre Argumentation kann sich – je nach historischem Blickwinkel – durchaus hören lassen: Seit Einführung einer gesamtösterreichischen Liga (1949) holte die Austria 21 Meister­titel, Rapid „nur“ 16. Zuvor war eine Meisterschaft ausschließlich unter Wiener Klubs ausgetragen worden, sodass Rapids 32 Meisterschaften nur zur Hälfte das Prädikat national verdienen – so zumindest die Sicht durch die violette Brille.

Irgendwo in der Zeit nach 1949 wähnen Geschichtsschreiber auch die eigentliche Geburtsstunde der Dauerfehde zwischen dem Arbeiterklub Rapid und den aufstrebenden, eher bürgerlich geprägten Austrianern, zumal die Veilchen auch seit Einführung der Bundesliga (1974) „mit Abstand die meisten Titel“ gesammelt haben, wie man dem Rivalen in der Sommerpause auf der Austria-Homepage vorrechnete.

Schlagabtausch auf Twitter

Spätestens Anfang August erinnerte das Theater an das branchenübliche Ballyhoo vor großen Boxkämpfen – schließlich stand schon am dritten Spieltag der laufenden Saison das Derby auf dem Programm. Die sportlichen Vorzeichen hatten sich inzwischen geändert. Nach zwei Runden grüßten die Hütteldorfer von Rang zwei, Vizemeister Austria saß nach einem 2:3 gegen Sturm Graz ohne Punkte im Tabellen­keller. Jetzt holte Rapid den Austria-Tweet vom 21. Mai hervor und antwortete spät, aber umso hämischer: „Okay, Gratulation zu den ersten beiden Pflichtspieltoren in der regulären Spielzeit … auf ein spannendes Derby.“

Es ging tatsächlich hoch her, als Rapid am 6. August die Austria zu Gast hatte – leider auch auf den Rängen, von wo die Heimfans zahllose Wurfgeschosse auf Raphael Holzhauser feuerten, als dieser kurz vor Schluss zum Corner schritt. Zuvor hatte Louis Schaub den SCR mit zwei Treffern komfortabel in Führung ­gebracht, doch Dominik Prokop (73.) und ebenjener Holzhauser (85.) stellten noch auf 2:2. So hieß es auch am Ende.

Nach dem Schlusspfiff erfasste die neue, alte Eiszeit zwischen Rapid und Austria auch die Spieler. „Es ist immer das Gleiche: Wenn man die Fans provoziert, darf man sich nicht wundern, wenn einmal ein Feuerzeug geflogen kommt“, schimpfte Schaub in Richtung Holzhauser. Zuvor hatte bereits Rapid-Routinier Steffen Hofmann, der sich unweit der Eckfahne aufgewärmt hatte, Holzhauser gestenreich als „Heulsuse“ gebrandmarkt. Der Austrianer konterte: „Ich hatte halt Respekt vor den Gegenständen, die da geflogen kamen (darunter eine Fahnenstange; die Redaktion).“

Es deutet sich ein frostiger Winter an

Auch in den Chefetagen wogten die Emotionen hoch: Kraetschmer echauffierte sich, dass „sich das ­Problem mit den Rapid-Fans nicht verbessert hat“, und forderte, dass „man hier von der Liga versuchen muss, entsprechende Maßnahmen zu setzen“. Rapid-Boss Krammer reagierte prompt und forderte das Bundesliga-Ethikkomitee schriftlich auf, gegen den Austria-Vorstand tätig zu werden: Kraetschmers Statement sei „eine versuchte Einflussnahme auf den unabhängigen Strafsenat“, wetterte Krammer bei Sky.

Spätestens in diesem Moment wäre es an der Zeit gewesen, deeskalierend einzuwirken, nur: Wer hätte das tun sollen? Die Fehde hatte längst alle Ebenen der beiden Klubs erfasst. „Das Begehr des Herrn Krammer beim Ethikkomitee hat jedenfalls ganz sicher nicht dazu beigetragen, das Klima zu verbessern“, sagt Kraetschmer im Rückblick. „Es geht doch auch um das Ansehen der Liga insgesamt.“ Einwand von Peschek: „Es ist ein schweres Foul, wenn Herr Kraetschmer als Bundesliga-Vizepräsident Strafen für Rapid fordert. Damit tut er auch der Liga mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung und die Bestrebungen, die Zuschauerzahlen zu erhöhen, keinen Gefallen. Gerade das sollte unser aller Bemühen sein, wie uns dies beim SK Rapid durch viele Aktivitäten in den letzten Jahren sukzessive gelungen ist.“

Auch die jüngste Plakatkampagne der Violetten dürfte Peschek kaum schmecken. „Welcome to Austria!“­ ließen Kraetschmer & Co. Mitte August auf Haus- und Lärmschutzwände in ganz Wien tapezieren. Pikanter Nachsatz: „Willkommen beim österreichischen Rekord-Meister und Rekord-Cupsieger.“ Peschek behauptet, die Kampagne „überhaupt nicht wahrgenommen“ zu haben. „Vielleicht“, sagt er schmunzelnd, „sind das Satire-­Plakate. Möglicherweise treibt die Austria die Sorge um, dass sie ansonsten öffentlich gar nicht mehr wahrgenommen wird.“

Auf ein baldiges Ende der Eiszeit deutet jedenfalls wenig hin, vielmehr könnte es ein langer, frostiger Winter werden in Wien – es sei denn, beide Klubs setzen sich doch noch an einen Tisch – und das muss ja nicht öffentlich passieren.

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