Wiener im Wunderland

Die Fans haben schon vom „Stöger Wonderland“ gesungen. Aber bis der neue Headcoach von Borussia Dortmund mit dem Träumen beginnen darf, sind beim schwarz-­gelben Kultklub erst einmal überzeugende Argumente ins Feld zu führen.

// text:  axel rabenstein // foto: imago/Kirchner-Media //

Es war ein Wechselbad der Gefühle – und ein Wechselbad der Vereine: Am 3. Dezember 2017 trennte sich der 1. FC Köln von Trainer Peter Stöger. Nach drei Punkten in 14 Spielen. Eine Woche später tritt er wieder auf die Bühne. Und wird als Headcoach von Borussia Dortmund vorgestellt. Im Fußball kann sich das Blatt schnell wenden, aber die Direktheit dieses Spielzugs ­erstaunte dann doch: „Wir sind nicht sehr geübt darin, mitten in der Saison den Trainer zu wechseln“, sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke auf der Pressekonferenz, nachdem der Niederländer Peter Bosz nur wenige Stunden zuvor wegen chronischer Erfolglosigkeit entlassen worden war. Für so viel Unbedarftheit ging die Verpflichtung Stögers erstaunlich glatt über die Bühne, auch wenn der bis zu seiner Vorstellung noch nicht einmal einen Vertrag unterschrieben hatte. Der Überraschungsgast aus Wien fand jedenfalls einen charmanten Einstieg und eröffnete sein Engagement bei Borussia Dortmund mit den Worten: „Ja … Mahlzeit von meiner Seite.“

Als ihn der Anruf von Hans-Joachim Watzke ­ereilte, war Stöger gerade zu seiner Familie nach Wien gereist: „Dann bin ich halt in der Früh wieder hergeflogen. Das war nicht mein Plan. Meine Idee war eigentlich gewesen, alles aufzuarbeiten, aber der Anruf hat alles verändert. So eine Möglichkeit wie Dortmund bekommst du nur einmal im Leben.“ Immerhin habe die Zeit gereicht, um eine halbe Stunde bei der Mutter zu essen. Nächste Station: der Presseraum des Signal Iduna Parks, jenes Stadions mit der legendären „Gelben Wand“, der größten Stehplatztribüne Europas, das mit einer Kapazität von 81.360 Zusehern noch vor den Fußball-Tempeln Santiago Bernabéu in Madrid und Guiseppe Meazza in Mailand rangiert. Nun also Dortmund, wo Peter Stöger seine Arbeit „nach kurzer Nacht, aber mit sehr viel Emotion“ anging. Zwei Tage später saß er beim Spiel in Mainz auf der Bank, das mit 2:0 gewonnen wurde. In den deutschen Medien sprach man schon vom „Stöger-Effekt“, womit vielleicht gemeint war, dass sich die Truppe etwas leidenschaftlicher zeigte als zuletzt. Drei Punkte und ein kleiner Schritt, aber riesengroße Erleichterung, die nach dem Match zu diesem Wortwechsel geführt haben soll. – Sagt BVB-Sportdirektor Michael Zorc zu Peter Stöger: „Endlich … wir haben seit September nicht mehr gewonnen.“ Darauf Stöger zu Zorc: „Ich seit Mai.“

Der Anfang war getan, die Fans waren angetan und stimmten mit „Walking in a Stöger Wonderland“ sogar ein spontanes Adventständchen an. Darüber freute sich der Besungene natürlich, wusste aber wohl selbst am besten, dass jenes Wunderland vorübergehend nicht in Reichweite sein wird, für eine Borussia, die als schlechtester Gruppendritter aller Zeiten (2 Punkte) aus der Champions League in die Europa League stolperte, wo’s im Februar gegen Atalanta Bergamo das angekratzte Image aufzupolieren gilt. „Wenn die Fans den Verein feiern, ist mir das natürlich ­lieber, als würden Tomaten und Eier fliegen“, so Stöger zum Sportmagazin im Hinblick auf die positiv gestimmten Fans. „Aber ich bin auch nur ein Rädchen und versuche, meinen Job so gut wie möglich zu machen.“

Das gelang bisher sehr ordentlich. Das Heimspiel gegen Hoffenheim wurde dank Lucky Punch in der 89. Minute (Tor: Pulisic) mit 2:1 gewonnen. Im DFB-Pokal musste der BVB nach einer 1:2-Niederlage beim FC Bayern das Feld räumen, dennoch verabschiedete man sich zufrieden in die kurze Winterpause.

Das neue Jahr begann mit dem Trainingslager im spanischen Marbella, wo sich eines schnell zeigen sollte: Es gab und gibt Gesprächsbedarf beim CL-Finalisten von 2013 – und um den zu moderieren, scheint Peter Stöger der perfekte Mann zu sein. „Die Stimmung im Team ist ausgezeichnet“, sagt uns Norbert Dickel, den wir in Marbella am Telefon erwischen. „Das liegt daran, dass Spieler wie Marco Reus, Mario Götze oder Gonzalo Castro nach ihrer Verletzung wieder mit von der Partie sind. Das liegt aber auch an den Umgangsformen von Peter Stöger und seinem Co-Trainer Manfred Schmid.“

Als Stürmer erzielte Norbert Dickel in 90 Spielen 40 Tore für den BVB, heute ist er Stadionsprecher, Mitglied im Ältestenrat – und als Dortmunder Kultfigur ­besonders nah dran an der schwarz-gelben Seele. „Peter Stöger ist geradlinig, jeder versteht ihn und weiß, woran er ist, insofern passt er wunderbar zu Borussia Dortmund. Diese offene Art ist ja auch typisch für uns Ruhrgebietler.“ Auf Dickel macht Stöger den Eindruck eines Trainers, der „ein besonderes Verhältnis zu seinen Spielern aufbaut, einen guten Draht hat. Man mag ihn, hat aber auch den nötigen Respekt.“ Ebendies scheint das Erfolgsrezept zu sein, mit dem Peter Stöger die Millonarios von Anfang an auf dem richtigen Fuß erwischt hat. „Ich gehe auf die Jungs in Dortmund genauso zu wie damals auf meine Wiener Jungs oder meine Regionalligatruppe in der Steier­mark“, gab er jüngst im deutschen „kicker“-Magazin zu Protokoll. „Überall trifft man auf Jungs, die sportlich erfolgreich sein und sich weiterentwickeln wollen.“

Im Trainingslager wurden dem Vernehmen nach atmosphärische Verstimmungen aufgearbeitet, hierfür wurde kurzerhand der Personalentwickler Werner Zöchling engagiert, mit dem Stöger schon bei Austria Wien zusammenarbeitete. Es war von Grüppchenbildung die Rede gewesen. Und von der limitierten Bereitschaft der Mannschaft, die Sonderrolle ihres Spielkameraden Pierre-Emerick Aubameyang hinzunehmen, dessen Fähigkeiten als Überflieger außer Frage stehen – aber leider auch, dass er ab und zu spontan etwa nach Paris jettet oder Teamsitzungen spritzt, während sich die anderen aufs nächste Spiel fokussieren. Der Teamspirit hat Luft nach oben. Ansonsten freuen sich alle auf die kommenden Wochen. „Peter Stöger ist sehr, sehr begeisternd“, meint Nationalspieler Mario Götze. „Er kommuniziert viel, ist offen, geht auf die Spieler zu. Ich glaube, dass er eine super Lösung ist, uns die nötige Stabilität geben kann und uns in der Rückrunde wieder voranbringen wird.“

Ein echtes Saisonziel ist nicht vorgegeben, aber die Ziele sind so weit klar: Zweiter hinter den Bayern werden und in der Europa League noch ein paar Runden länger mitmischen, ein Halbfinale oder mehr würde guttun. Aber konnte Peter Stöger das Team in den paar Tagen überhaupt schon formen? „Die ersten Wochen sind wie im Flug vergangen“, erzählt er dem Sportmagazin. „Wir haben an der Abstimmung gefeilt, um die Offensive noch besser mit einer defensiven Grundsicherung in Einklang zu bringen. Wir sind eine Mannschaft, die jedes Spiel gewinnen kann und deshalb auch viele Spiele gewinnen sollte.“

So weit, so klar, aber was geschieht, wenn das gelingt? Könnte dann neben Ralph Hasenhüttl (RB Leipzig) ein zweiter Österreicher dauerhaft einen deutschen Spitzenklub coachen?

Inzwischen hat Peter Stöger immerhin seinen Arbeitsvertrag unterschrieben, der allerdings nur bis zum 30. Juni 2018 läuft, wie sich das für eine Übergangslösung gehört. Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann schielt auf Stögers Stelle – er wurde mehrfach mit dem BVB in Verbindung gebracht – und als sich die beiden vor dem Spiel ihrer Teams in Dortmund abklatschten, raunte Stöger scherzhaft in die Richtung seines Kollegen: „Pass auf, dass du dich nicht auf die falsche Bank setzt!“ Aber so weit ist es noch lange nicht. Zwar hat Nagelsmann für 2019 angeblich eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag mit der TSG Hoffenheim und auch eine Ablösesumme für den Shootingstar scheint nicht ausgeschlossen zu sein, aber die Tatsache, dass Stöger laut „Bild“-Zeitung für ein halbes Jahr rund drei Millionen Euro Gage einstreicht, zeigt durchaus, dass ihm die Borussia eine gewisse Wertschätzung entgegenbringt.

Peter Stöger blickt erst einmal ungestört in seine Dortmunder Zukunft. Und wie er uns verraten hat, wurde von einem befreundeten Optiker aus Wien auch schon das wichtigste Hilfsmittel angefertigt: eine neue, fesche Brille – natürlich in Schwarz-Gelb.