Die ganze Story: Wer ist Lewis Hamilton?

Wir feiern: zehn Jahre Lewis Hamilton in der Formel 1. Noch nie zuvor hat ein Rennfahrer so viel Intimes mit seinen Fans geteilt – und noch nie gab es einen Piloten, der mehr unnahbarer Einzelgänger war. Ein Mann voller Widersprüche, der heute auf dem Höhepunkt seiner Macht ist. Ein Weltkonzern wie Mercedes ist ebenso auf ihn angewiesen wie die Nachfolger von Bernie Ecclestone. Gut möglich, dass der ungezähmte Widerspenstige gerade jetzt an Rücktritt denkt.

//Text: Gerald Enzinger //Foto: Getty Images/Clive Mason//

Wir frühstücken mit ihm, fahren mit ihm auf Urlaub, am Nachmittag hassen oder bewundern wir ihn, abends führt er uns in die tollsten Klubs in London, Paris oder Los Angeles. Und am nächsten Morgen, wenn er uns wieder via Instagram Einblick in sein schillerndes Leben gibt, denken wir uns kurz: Kennen tun wir ihn eigentlich nicht. Wer zur Hölle ist dieser Lewis Hamilton, der schnell wie der Teufel fährt und aber nicht nur deshalb auch einigen auf den Geist geht? Lewis Hamilton zu fassen wird umso schwieriger, als es so viele von ihm zu geben scheint.

Und so hat auch der junge Lewis Hamilton, der vor exakt zehn Jahren die Formel 1 im Rekordtempo eroberte und binnen Wochen seinen Superstar-Teamkollegen Fernando Alonso völlig entnervte, nichts mit dem allgegenwärtigen Hollywood-Hamilton ¬unserer Tage zu tun. Als er kam, bezeichnete man ihn als „extrem bescheiden“, „durch seinen behinderten Bruder geerdet“ und „in jeder Hinsicht politisch korrekt“. Es war nicht schwierig, mit ihm ins Gespräch zu kommen, sein Vater Anthony rückte nach fünf Minuten Smalltalk dessen Handynummer raus.

Inhaltlich hielt sich der Thrill-Faktor der Aussagen des jungen H. freilich in Grenzen: typischer Formel-1-Satzbaukasten mit 08/15-Statements, typisch für einen, der aus der Ron-Dennis-Schule kam. Und seine Freundin kannte damals kaum wer: Es war die Hongkong-Chinesin Jodia Ma, eine Schulkollegin aus Cambridge. Fußballstar Ashley Young, ein gemeinsamer Freund der beiden, berichtete: „Seine Zahnlücke hat sie verzaubert.“ Hamiltons Mutter Carmen schwärmte: „Sie ist so ein liebes Mädchen. Ich hoffe, sie bleiben ewig zusammen. Sie wird der Grund sein, dass Lewis nie abheben wird.“ Ein Satz, der uns in die Gegenwart führt. Sofia Richie (bei Redaktionsschluss ganz frisch). Nicole Scherzinger. Kendall Jenner. Lindsey Vonn. Barbara Palvin. Rihanna. Rita Ora. Karrueche Tran. Winnie Harlow. Fanny Neguesha (Balotelli-Ex). Alles Frauen, mit denen Lewis in den letzten Jahren zusammen war, in echt oder zumindest angeblich.

Die Formel 1 soll mehr Lewis Hamilton werden

Was das in einer Formel-1-Geschichte verloren hat? Sie sind Teil des Lewis Hamilton 2017, der längst zu einer Lifestyle-Figur geworden ist. Alles passt: der rote Privatjet, die Yacht, die Frauen, die Freunde. Dokumentiert via Instagram & Co. Täglich. Das hebt ihn von allen anderen Piloten ab. Denn das sorgt dafür, dass man ihn auch in Amerika kennt – einem Land, in dem Sebastian Vettel oder Nico Rosberg auf offener Straße für eine Hysterie sorgen, die ungefähr so ist, als wenn IndyCar-Champion Simon Pagenaud durch Landskron gehen würde. Also gar keine, weil man sie nicht kennt. Die Formel 1 hat neue Eigentümer. Sie haben den Begriff Grand Prix wörtlich genommen und 8,5 Milliarden Dollar für den Zirkus bezahlt. Ihre Vision ist klar: Der Sport soll mehr Show werden: global, aber mit einer klar definitierten Basis in Europa. Entertainment, Unterhaltung, Action – und extreme soziale Vernetzung auf allen denkbaren Kanälen.

Oder in einem Satz: Die Formel 1 soll mehr Lewis Hamilton werden. Das erhöht seine Macht beträchtlich. Eine Macht, die auch bei Mercedes so groß ist wie nie zuvor. Seine neue Allmacht im silbernen Reich begann im Dezember im Salon Graz der Hofburg, als Teamkollege Rosberg völlig unerwartet seinen Rücktritt erklärte. Damit war es der im Rennstall gerade höchst unbeliebte Lewis, der nach dem Crash von Barcelona seinen abrupten Rücktritt angedroht hatte und es sich sogar mit seinem großen Mentor Niki Lauda verscherzt hatte, der, auf den plötzlich alle angewiesen waren. Was man schon an Nikis Reaktion auf Hamiltons Ansage „in zehn Jahren ein Buch und alles zu schreiben, was 2016 passiert ist“ erkennt: „Dann schreib ich mit dem Toto auch ein Buch – über das, was wir mit ihm erlebt haben.“

Lewis Hamilton: Der Außenseiter

Auf Hamiltons Manöver in Abu Dhabi, der so langsam fuhr, dass alle auf Rosberg aufschließen konnten, reagierte die sonst so offene Mercedes-Führung erstaunlich und überraschend scherzbefreit. Nach dem Rennen stand sogar das Wort „Rauswurf“ im Raum. Dann änderte Rosbergs Rücktritt alles, jetzt ist die Macht wieder bei Lewis. Und er scheint sie zu nutzen. Man vermutet, dass er sich zum allerersten Mal in seiner gesamten Kar¬riere in die Wahl seines Teamkollegen einmischte – mit einem Ja zu Valtteri Bottas und einem Nein zu Pascal Wehrlein. Skurriler Hintergrund: Er hat wohl Angst, dass in Wehrlein ein „kleiner Hamilton“ steckt, eine unberechenbare Diva.

Sportlich schien er aber keine Angst vor dem nunmehrigen Sauber-Piloten zu haben: „Ich bin acht Zehntel schneller!“ Freunde unter den Piloten kann er sowieso nicht verlieren – er hat keine. Wahrscheinlich war noch nie ein Formel-1-Fahrer so sehr ein Außenseiter in der Gruppe wie Lewis. Bilder, die dazu in Erinnerung bleiben: Das Begräbnis von Jules Bianchi, wo alle anwesenden Fahrer eng aneinandergedrückt zusammenstanden und Lewis meterweit weg, komplett isoliert. Und das völlige Desinteresse von Sebastian Vettel und Konsorten, Rosberg in Abu Dhabi zu überholen – offensichtlich wollten alle außer Lewis einen Champion namens Nico.

„Vettel und Alonso besser als Hamilton“

Selbst die Pensionisten der Zunft machen sich über ihn lustig. Juan Pablo Montoya ätzt: „Vettel ist besser als Hamilton und Alonso ist es auch.“ Und oft ist man unfair. Als er 2016 nicht zur traditionellen „Autosport“-Gala erschien, ging ein Shitstorm über ihm nieder. Dabei war er extra nach Finnland gereist, um am Begräbnis des Formel-1-Arztes Aki Hintsa teizunehmen, eine Geste voller Würde. Eine Geschichte über Lewis Hamilton sollte aber auch noch einen anderen Faktor berücksichtigen, nämlich Nico Rosbergs offene Worte über seinen Rücktritt. Er erzählt von den unerträglichen Strapazen und Entbehrungen der letzten ein, zwei Jahre, als er Hamilton unbedingt nieder¬ringen wollte, von den Qualen im Training.

Das lässt ahnen, wie konsequent und diszipliniert auch der Showstar Hamilton für den Erfolg schuftet. Und das er für die 111.000 Euro, die er jeden Tag reicher wird, auch viel von sich gibt. Vielleicht hat er davon bald genug. Hamilton-¬Insider spüren: In ein, zwei Jahren könnte er zurücktreten. Auch wenn oder gerade weil er jetzt auf dem Höhepunkt seiner Macht ist, Mercedes und die Formel 1 ihn wirklich brauchen – ihn, der es im Dezember sogar auf das Cover das TIME Magazine geschafft hat und als einer der „100 erfolgreichsten Menschen der Welt“ gilt. Lewis ist kein ¬Vettel, der für Rekorde lebt, ihn interessiert nur die Gegenwart. Die Tatsache, dass ihn Ayrton Sennas Mutter für den einzig wahren Nachfolger ihres Sohnes hält, ist ihm wichtiger als der 53., 65. oder 93. Sieg. Vollkommen ist der Erfolg aber wohl erst dann, wenn der Lewis von 2017 und der Lewis von 2007 eins werden und die richtige Balance finden zwischen Höhenflug und Abgehobenheit.

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