Die ganze Story: „Exoten“ stürmen den Weltcup

ÖSV-Schröcksnadel hat „Individualität“ zum Wort des Jahres erklärt. Seitdem Alpin­zwerge und andere ­Exoten mit ihren ­One-(Wo-)Man-Shows beginnen, uns zunehmend das Skiwasser abzugraben, hat der ­Herdentrieb ausgedient. Wir spürten Ich-AGs wie Dave Ryding und Alexander Choroschilow nach, um ihr Erfolgs­geheimnis zu enttarnen.

//Text: Manfred Behr//Foto: GEPA//

Schon einmal davon gehört, dass ein Inder ­Erfolge seiner Cricket-Nationalmannschaft kleinredet? Ein Thai WM-Gold im Sepak Takraw runterspielt? Ein Ire die Dominanz seiner Landsleute im Hurling bekrittelt? Never ever. Hierzulande hingegen hat sich Alpinbashing ein Stück weit als Nationalsport etabliert. Fünf, bald sechs Gesamtweltcupsiege in a row von Marcel Hirscher? WM-Gold für Nici Schmidhofer?

„Eh lieb, aber das Wettrutschen wird halt nur von fünf Nationen ernsthaft betrieben.“ Als ob jemand etwas dafür könnte, dass in Katar, Botswana und Laos so selten Schnee fällt, sich der mächtigste Berg der Niederlande gerade einmal 322 Meter über das Meeres­niveau erhebt. Übrigens: Irland ist das einzige Land auf der Welt, das sich ein Hurling-Nationalteam leistet. Der Headcoach verzichtet allerdings darauf, die besten Spieler einzuberufen, um internationale Vergleichswettkämpfe nicht ad absurdum zu führen.

Da kann der Skisport allemal mithalten. 26 Länder haben in diesem Winter Weltcuppunkte gebunkert, 16 ein Podium erklommen. Mehr waren es in diesem Jahrtausend noch nie. Obwohl sich mit Spanien, Australien, Neuseeland und Polen vier weitere Skinationen mit Potenzial derzeit auf alpiner Tauchstation befinden und der schlafende ­Riese China, nebenbei auch Olympia-Destination 2022, erst geweckt werden will. Da ist Südkorea, in exakt einem Jahr Schauplatz der Medaillenjagd, schon einen Schritt weiter: in Gestalt von Slalomspezialist Jung Dong-hyun (28), der im Far-East-Cup 2015/16 (Gesamtsieger) Bäume, im Weltcup 2016/17 immerhin auch schon Bäumchen ausriss. ­Deren zwei nämlich mit den Plätzen 14 (Zagreb) und 27 (Adelboden).

Exotisches Flair im Ski-Weltcup

Und das, obwohl sich die Kommunikation mit Ausrüster Atomic mitunter schwierig gestaltet. „Wir nicken uns im Zielraum immer freundlich zu. Ich frage ihn, ob alles passt, er bejaht“, skizziert Race Manager Christian Höflehner den komprimierten Meinungsaustausch. Nicht minder exotisch, aber ebenso im Ranking der Gesamtwertung vertreten: der frisch gebackene Universiade-Slalomchamp Maria Schkanowa (Weißrussland), Lelde Gasuna (Lettland) und Armand Marchant, der im Dezember eine Woche vor seinem 19. Geburtstag als erster Belgier zu Weltcuppunkten carvte (18. in Val-d’Isère).

,,Die Einsicht kommt reichlich spät.”

Kilian Albrecht

Exotisches Flair versprüht mittlerweile aber auch so manches Weltcuppodium. Kitzbühel 2017, Ganslernhang, wir erinnern uns: Hirscher, vulgo Österreich, vor Ryding (Großbritannien) und Choroschilow (Russland). Zwei Sportgroßmächte, wenngleich Skizwerge, die sich nach Jahrzehnten in der Versenkung wieder in die alpine Landkarte reklamierten. Eine Renaissance, die nicht auf Zufällen fußt. Findet auch ÖSV-Präsident Schröcksnadel, der seine Schützlinge in Sachen Teamgröße plötzlich benachteiligt sieht. Die ausgeklügelte Trainingsstruktur, das System des täglichen Konkurrenzdrucks – mit einem Mal eine Erfolgsbremse? „Die Einsicht kommt reichlich spät“, findet Ex-Slalomcrack Kilian Albrecht, Manager­ unter anderem von Dave Ryding, Alexander Choroschilow, Ilka Stuhec, Veronika Velez-Zuzulova – und Mikaela Shiffrin.

„Die absoluten Megastars lassen sich nicht verhindern, aber es gibt genügend Möglichkeiten, Fehler zu begehen, die ihre Entwicklung bremsen. Das Um und Auf bei ­Mikaela war, in jungen Jahren alles perfekt auf Schiene zu bringen. Wie ist sie ins Team eingebettet, wie viel individuellen Freiraum hat sie? Wie lässt sich die Material­frage optimal klären? Wer sind die besten Trainer für sie? Anna Veith hat bis zu drei Jahren verloren, weil sie bei der Beantwortung dieser Fragen auf sich allein gestellt war. Erst als sich mit Meinhard Tatschl ein Coach ihrer angenommen, individuell mit ihr gearbeitet hat, hat sich ihr herausragendes Talent durchgesetzt. Man hat gesehen, wie es auch anders laufen kann – bei Jessica Depauli, einem ähnlich großen Talent wie Anna, das es irgendwann einmal nicht mehr interessiert hat. Die Voraussetzungen für Marcel Hirscher und Benni Raich waren ungleich besser – mit diplomatischen, aber hartnäckigen Vätern, die sich nicht beiseiteschieben ließen.“

Ryding präperierte seine Ski selbst

Ob Dave Ryding die Individualität seines Skifahrerlebens immer in vollen Zügen genossen hat, darf bezweifelt werden. Der Mann aus Lancashire im Nordwesten Englands präparierte bis vor zwei Jahren seine Brettln noch selbst. Keine ideale Voraussetzung, um den in der Kindheit angehäuften Trainingsrückstand („Auf Schnee fuhr ich erstmals mit zwölf, davor nur auf Kunststoffpisten“) abzuarbeiten. Heute kann der 30-Jährige immerhin auf ein 2-Mann-Team zurückgreifen. Trainer, Servicemann, aus. „Der Weg in die Weltspitze war lang, aber ein anderer kam nie infrage, nicht einmal, als ich 2014 völlig weg vom Fenster war, weil ich die Umstellung vom Europacup auf die eisigen Weltcuppisten nicht verkraftete. Ich hatte nie einen Plan B – aber glücklicherweise eine Familie, die mein Tun nie hinterfragte, mich immer unterstützte – sogar die Oma. Ich konnte mich in Ruhe entwickeln“, erzählt „Rocket Ryding“, der sich seit vier Jahren ausschließlich über außerfamiliäre Geldgeber finanziert.

Den augenscheinlichsten, Kopfsponsor Pyhrn-Priel-Region, hat übrigens Ex-LASK-Präsident Peter Michael Reichel aufgelegt. Bei aller kontinuierlichen Entwicklung lässt sich der Quantensprung zum Podiumsfahrer trotzdem gut festmachen. „Seit ich nicht mehr mein eigener Servicemann bin, kann ich endlich ­fokussiert an der Technik arbeiten. Zudem hat Fischer im Sommer einen neuen Schuh entwickelt, der mir sehr entgegenkommt.“ Das bekam Trainingskumpel und Markenkollege Alexander Choroschilow am eigenen Leib zu spüren, als ihm der Brite im Herbst auf der Reiteralm urplötzlich um die Ohren fuhr.

„Andrienko fährt im Training gleich schnell wie Hirscher“

Der 33-Jährige aus dem fernen Kamtschatka hat seit seinem Durchbruch 2014/15 neun Slalom-Podestplätze angehäuft, darunter den Schladming-Sieg 2015, den ersten für Russland seit 18 Jahren. Als „Exot“ will Wolfgang Mitter, Alpinmanager im russischen Verband, den zweifachen Familienvater allein schon deshalb nicht verstanden wissen: „Auf der Reiter­alm trainiert er oft neben Marcel Hirscher. Da merkt man punkto Professionalität keinen ­Unterschied. Alex verfügt genauso über seinen eigenen Physiotherapeuten, seinen eigenen Konditrainer, spult seine Tore auf einer identisch präparierten ­Piste ab.“ Auch die Budgets des russischen Verbandes erinnern nicht an ein Ski-Entwicklungsland. Choroschilow nutzte die Speedwoche bei der WM für einen Abstecher auf die Olympiapisten in Pyeongchang.

,,Was mich immer wieder ernüchtert, ist, wenn man mit einem internationalen Konzern praktisch einig ist und dann die russische Tochterfirma mit Hinweis auf das Standing des Alpin­sports in Russland abwinkt.”

Wolfgang Mitter

„Geld haben aber auch wir nicht im Überfluss. Was mich immer wieder ernüchtert, ist, wenn man mit einem internationalen Konzern praktisch einig ist und dann die russische Tochterfirma mit Hinweis auf das Standing des Alpin­sports in Russland abwinkt. Eigentlich müsste unsere Sparte aufblühen, bei all dem, was in den anderen Disziplinen los ist.“ Dennoch will der Ramsauer die Russen schon demnächst in die Top 10 des Nationencups führen: „Andrienko fährt im Riesenslalomtraining gleich schnell wie Marcel, schneller als Philipp Schörghofer. Der muss das noch ins Rennen übersetzen.“ Größtes Hindernis für eine schlagkräftige Alpin-Sbornaja: die Mentalität der alteingesessenen Trainerriege. „Die sind der Auffassung, ohnehin alles zu wissen. Da muss ich sie immer gleich fragen, was sie in den zehn Jahren vor meiner Zeit zusammengebracht haben. Dann wird es immer schnell ruhig.“

Auf einen deutlichen Aufschwung für den Alpin­sport in seinem Land hofft auch Dave Ryding. Mit der Olympiamedaille von Alain Baxter (Slalombronze 2002/positiver Dopingtest) gingen die öffentlichen Mittel flöten, in der Folge fehlten zählbare Ergebnisse. „Ich hoffe, dass die Verantwortlichen mitbekommen, dass es mich gibt. Für mich macht es keinen Riesenunterschied mehr, aber die Kids können jede Unterstützung gut brauchen.“ Und womöglich einen Manager wie Kilian Albrecht – seine sechs Schützlinge, „Exoten inklusive“, verzeichneten im Weltcup 2016/17 bisher 25 Top-3-Platzierungen. „Ich habe in meiner Karriere so viel Mist erlebt, war mit so vielen Schwierigkeiten konfrontiert, sehe meine Aufgabe darin, meine Athleten genau davor zu schützen. Wenn es ein Erfolgs­geheimnis gibt, dann die Erkenntnis, das eigene Ego hintan-, die Athleten in den Mittelpunkt zu stellen und zu erkennen, welch Glück es ist, mit solchen Sportlern arbeiten zu dürfen.“