Was wird aus der NFL?

Kurz vor der 52. Super Bowl (4. Februar) schockte die NFL ihre Fans – mit ­einem 200-Millionen-Vertrag für ­Liga-Boss Roger Goodell. Dessen Name steht vor allem für Krisen.

// text:  rolf hessbrügge // foto: imago/ZUMA Press //

Im Dezember ging es Schlag auf Schlag bei der National Football League (NFL): Zuerst wurde bekannt, dass Commissioner Roger Goodell (58) seinen Vertrag vorzeitig bis Anfang 2024 verlängert hat – jener Goodell, der bei Fans und Team-Besitzern höchst umstritten ist, weil sein Name zuletzt vor allem für Krisen, Skandale und Abwärtstrends stand. Nun kassiert er für die Jahre 2019 bis 2024 stattliche 200 Millionen Dollar (167 Millionen Euro), inklusive Boni. Nur wenige Tage später – ein Zufall? – verkündete die NFL diesen Deal: Der Kommunikationskonzern Verizon zahlt der Liga für fünf Jahre rund 2,5 Milliarden Dollar (2,1 Milliarden Euro) für Internet- und Mobil-Übertragungs­rechte.

Der wohl umstrittenste Commissioner in der fast 100-jährigen NFL-Geschichte hatte eine derartige Erfolgsmeldung dringend gebraucht. Vielleicht war der schon seit längerem beschlossene Deal mit Verizon sogar Goodells Rettung. Zuvor nämlich hatte eine Reihe von Team-Besitzern, allen voran Dallas-Cowboys-Eigner Jerry Jones, mächtig Stimmung gegen die Verlängerung seines Vertrages gemacht. Zeitweise hatte Jones sogar gedroht, die Liga zu verklagen. Auch andere Eigentümer waren stinksauer über den Zustand der NFL, über die scheinbar endlosen Rassenproteste schwarzer Spieler, die massenhafte Abwanderung empörter Fans, die rapide sinkenden TV-Quoten und vor allem über Goodells schwaches Krisenmanagement. Als dann auch noch bekannt wurde, dass der Commissioner in den Vertragsverhandlungen ein lebenslanges Nutzungsrecht für einen NFL-Privatjet herausschlagen wollte, hatten viele die Nase voll.

Goodells Arbeitsnachweis der jüngeren Vergangenheit liest sich über weite Strecken wie die Einleitung eines Entlassungsschreibens: Im Oktober meldete „Forbes“, dass die TV-Zuschauerzahlen in der NFL gegenüber den Jahren 2013 und 2014 um 20 bis 25 Prozent gesunken seien. Logische Folge: ein massiver Sponsoren-Exodus. Diese Abwärtsspirale hatte sich bereits in der vergangenen Saison in Gang gesetzt. Medienexperten sind sich einig, dass ­neben einem geänderten Zuseherverhalten (weg vom klassischen TV, hin zu Mobilgeräten) vor allem die lang anhaltenden Take-a-knee-Proteste der schwarzen NFL-Profis für den Kundenschwund gesorgt haben. Der klassische NFL-Fan ist nun einmal weiß, konservativ und patriotisch. Emporgestreckte Black-Power-Fäuste sowie Spieler, die während der Nationalhymne knien und ihren Blick demonstrativ zu Boden senken, sind für solche Menschen ein Affront. Und was unternahm Goodell? Der flehte die Profis öffentlich an, ihre Aktion zu beenden. Damit zog er sich sowohl den Unmut der Spieler als auch den der Fans zu. Letztere fanden, Goodell sei einfach zu weich für seinen Job.

Jedenfalls konnte der gelernte Ökonom weder die Proteste noch die Abwanderung von Sponsoren und Zuschauern stoppen. So sagte in New Orleans kürzlich ein pensionierter Navy-Kommandeur seine Teilnahme an einer Veteranen-Ehrung vor einem Saints-Heimspiel ab. Begründung: Die Take-a-knee-Proteste hätten ihn zu wütend gemacht. Bereits im November hatte „Papa John’s“, offizieller Pizza-Sponsor der NFL, erklärt, man verliere aufgrund der desaströsen Außendarstellung der Liga enorme Mengen an Geld. Demonstrativ stornierte das Unternehmen sämtliche TV-Spots im Umfeld der Spiele. Die Fachzeitschrift „Advertising Age“ berichtete, Werbekunden seien von den TV-Sendern wiederholt mit Gratisspots für die schwachen Quoten bei den NFL-Übertragungen entschädigt worden.

Doch das ist nicht alles. Weil hunderte Ex-Profis heute – nach unzähligen harten Tackles – unter chronischem Kopfschmerz oder sogar an Demenz leiden, könnte weiteres Ungemach auf die NFL zurollen. Bereits 2013 musste man 765 Millionen Dollar (638 Millionen Euro) an Geschädigte zahlen, weil die Liga eine Studie zum Thema Gehirnerschütterungen manipuliert und die Spieler über mögliche Risiken hinweggetäuscht hatte. 2016 kam durch Recherchen der „New York Times“ ans Tageslicht, dass man die Faktenlage offenbar noch dreister verschleiert hatte als bis dahin bekannt. Immer mehr Mediziner fordern deshalb ein totales Football-Verbot und trotz einiger Regel­änderungen erlauben immer weniger Eltern ihrem Nachwuchs, dem Leder-Ei nachzujagen. Auf Sicht droht der NFL ein echtes Existenzproblem.

Korrekterweise muss man festhalten: Derzeit leidet die Liga keine Not. Ihr Jahresumsatz verdoppelte sich seit Goodells Amtsantritt (2006) von 6,4 auf 13,2 Milliarden Dollar (11 Milliarden Euro). In der vergangenen Saison machten die 32 Teams im Durchschnitt rund 100 Millionen Dollar (84 Millionen Euro) Gewinn. Auch für die laufende Saison rechnen fast alle Klubeigner mit einem stattlichen Plus. Doch die glänzenden Zahlen werden von düsteren Wolken überschattet: Künftige TV-Verträge und Sponsoren-Deals könnten angesichts der aktuellen TV-Quoten erheblich schlanker ausfallen. Auf der anderen Seite droht den Teams eine Kostenexplosion bei den Spielergagen. Gerüchteweise muss die NFL den Salary Cap (Team-Gehaltsobergrenze) für die kommende Saison von derzeit rund 150 Millionen Dollar auf knapp 180 Millionen erhöhen. Kritiker machen auch dafür Goodell verantwortlich, denn der ­Commissioner gestand den gierigen Profis rund die Hälfte der Ligaeinnahmen zu.

Noch ist die NFL die klare Nummer 1 am US-Sportmarkt, doch die Rivalen rücken näher: Die National Basketball Association (NBA) will die Football-Liga mittel­fristig überflügeln. Mark Cuban, Eigentümer der Dallas Mavericks, prophezeite schon 2014, die NFL werde innerhalb von zehn Jahren „implodieren“. US-Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar (u. a. L. A. Lakers) orakelte in einer Kolumne für den britischen „Guardian“: „Die NBA hat der NFL längst den Rang als Amerikas Liga der Zukunft abgelaufen!“ Dazu passt, dass die Basketball-Liga bis ­Mitte Dezember einen TV-Quoten-Zuwachs von 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnete.

Schon einmal sah es für die NFL ziemlich düster aus: In der ersten Hälfte der 1980er-Jahre gruben ihr die konkurrierende Football-Liga USFL (von 1982 bis 1986 in Betrieb) und die aufstrebende NBA zusehends das Wasser ab, die TV- und Werbeeinnahmen brachen ein. Doch dann kam das spektakuläre Jahr 1984, in dem Superstars wie Joe Montana (San Francisco 49ers), Dan Marino (Miami Dolphins) oder Walter Payton (Chicago Bears) die NFL rockten – und letztlich retteten. Auch aktuell gibt es Hoffnung: Die Proteste der schwarzen Spieler ebbten zuletzt merklich ab, nicht zuletzt weil die Team-Eigentümer im Gegenzug 100 Millionen Dollar (84 Millionen Euro) für Rassengleich­berechtigungsprojekte in Aussicht gestellt haben – ein Deal, der weitgehend an Roger Goodell vorbeigelaufen ist.

Der umstrittene Liga-Boss will sich übrigens 2024, wenn sein Vertrag ausläuft, zur Ruhe setzen. Dann ist Goodell 65, hat von der NFL weit über 400 Millionen Dollar kassiert und blickt einer ziemlich entspannten Zukunft entgegen. Was aus der Liga wird, scheint derzeit eher ungewiss zu sein.