Was bleibt von Marcel H.?

Am 17. März könnte in der großen Marcel-Hirscher-Show der letzte Vorhang fallen. Und wir fragen uns: Wird der Skizirkus ­jemals wieder derselbe sein? Wird er nicht, weil Nachahmungstäter ausgeschlossen sind. Zu viele Facetten der Dominanz, zu viele Allein­stellungsmerkmale. Der ­Vorgriff auf einen Nachruf.

||Text: Manfred Behr||Foto: Red Bull Content Pool/Bildsymphonie

You don’t realize what you have until it’s gone. So ist das mit vertrauten Menschen, mit Gesundheit, einer funktionierenden Demokratie. All das bereichert unser ­Leben, sorgt für Wohlbefinden und Zufriedenheit. Es ist uns nur allzu oft nicht bewusst. Deshalb erinnern wir uns erst dann, wie viel uns manches bedeutet hat, wenn es unwiederbringlich verloren ist.

Marcel Hirscher zählt für viele zum Kreis der vertrauten Menschen. Schneit an Winter-Wochenenden zweimal täglich vorbei, sorgt meist für positive Gefühlsaufwallungen, mancherorts, warum auch immer, für so etwas wie Nationalstolz. Durch Kaskaden von Siegen (im Weltcup aktuell 58), durch große (7) und kleine Kristallkugeln (10), Olympia- (3) und WM-Medaillen (7/ohne Teambewerbe), durch seinen spektakulären Stil, durch Interviews, die si­gnalisieren: Da brennt einer für die Sache, da ordnet einer dem Erfolg alles unter. Und doch machte sich allmählich eine Art Gewöhnungseffekt bemerkbar. Auch nicht weiter verwunderlich nach 15 ersten Plätzen in 18 Slaloms, Riesenslaloms, Kombis seit Dezember 2017.

Dass ein neues Zeitalter anbricht, könnte uns zu Beginn der Saison 2019/20 wehmütig bewusst werden. Wenn erstmals sichtbar wird, was bisher stets im Verbor­genen blieb: das schwarze Loch hinter Marcel Hirscher. Umgelegt auf die abgelaufene Olympiasaison hätte das Fehlen des Superstars Schmerzvolles bedeutet. Statt 4 Olympiamedaillen 2, statt 3 Kristallkugeln 0, statt 17 Saisonsiegen 7, statt 35 Podestplätzen 25. Von Hirschers 1620 Punkten wären nur 187 Landsleuten zugefallen, immerhin aber 3 Siege (Michael Matt 2, Manuel Feller 1). Der beste ÖSV-Athlet im Gesamtweltcup wäre Matthias Mayer als 8. gewesen. Und den Herren-Nationencup hätte Norwegen gewonnen und nicht Österreich, wie in den letzten 26 Jahren stets.

Ein Jahr bliebe, um dem Entrückten näherzurücken. Derzeit deuten einige Anzeichen darauf hin, dass Hirscher am 17. März 2019 in der wenig glamourösen andorranischen Pyrenäen-Skistation Soldeu zum 246. und möglicher­weise letzten Mal wettkampfmäßig zu Tal schwingen wird. Im Alter von 30 Jahren und 15 Tagen. So früh ist seit 1990 bei den Herren keine andere Größe des Skisports unerzwungenermaßen abgetreten (siehe Tabelle). Wird Hirscher eher egal sein, denn erstens: Auf seiner Erfolgslandkarte ist der letzte weiße Fleck nach zweimaligem Olympiagold getilgt. Zweitens: Die sieben Weltcup­gesamtsiege (bzw. dann womöglich acht) sind ein Rekord für die Ewigkeit. Drittens: Stefan Illek, einer seiner engsten Vertrauten, schließt einen Verbleib als Medienmanager über März 2019 hinaus aus. Viertens: Hirscher hat bereits ein Berufsfeld gefunden, das ihn nach der Skikarriere zu fesseln vermag. Eines, in dem Zucht und Ordnung herrscht. Und am allerwichtigsten fünftens: Der Wunsch, dem eigenen Junior aus nächster Nähe beim Wachsen und Gedeihen zuzusehen, ist überaus stark ausgeprägt.

Aber wie fällt sie denn nun im Zielschuss der Karriere aus, die Bilanz des Hirscher-Jahrzehnts? Wie hat er den Skisport beeinflusst, welche Spuren hat er hinterlassen? Was können, müssen die Learnings sein für die Talente von heute und morgen, für die Skiverbände, den österreichischen im Speziellen? Die Antwort fällt nüchtern aus. Das Gesamkunstwerk Hirscher ist unnachahmlich. Als ob man eine Sixtinische Kapelle auf dem Rücken liegend aus dem Gedächtnis anfärbeln müsste. Hat einer mal geschafft, aber dann keiner mehr probiert. Aus guten Gründen. Auch im Falle des alpinen Überfliegers müssen alle Kopierwilligen anerkennen: zu viele Alleinstellungsmerkmale, zu viele Facetten der Dominanz, zu viele Once-in-a-Lifetime-Rahmenbedingungen, um einen Seriensieger zu reproduzieren.

Gut, zu manchem hat Hirscher recht wenig beigetragen – zu seiner Größe etwa. 1,73 Meter, die ihm einen recht niedrigen Schwerpunkt bescheren, spezielle Hebel und eine beachtliche Wendigkeit. „Marcel ist aber auch der ­richtige Mann zur rechten Zeit am rechten Ort“, befindet Ex-Teamkollege Rainer Schönfelder. „Die Schneeart, Kurssetzung und Taillierung – alles spielt ihm in die Hände. Zu Zeiten eines Tomba, wo bei 15-Meter-Torabstand auf blankem Eis die 95-Kilo-Bröckerln gefragt waren, hätte er sich schwerer getan.“ Schwerer, aber er hätte sich seine Chance wohl erarbeitet. Durch andere Schwerpunkte im körperlichen Training, mit dem er auch so schon Maßstäbe gesetzt hat. „In dem Bereich ist er eine Maschine, da gibt’s kein Blödeln, keinen Small Talk, anders als bei ziemlich allen anderen Athleten“, sagt Slalom-Gruppentrainer Marko Pfeifer. Dessen Amtskollege Mike Pircher, der Hirscher seit 2013 als Individualcoach betreut, pflichtet bei: „Man liest sehr viel über seine Motocross- und Kajakeinheiten. Tatsächlich streut er das vier-, fünfmal jährlich ein. Beim Rest des Kondi­trainings hält sich der Spaßfaktor sehr in Grenzen.“ Ohne dabei die mehrstündigen Ergometer-Orgien eines Hermann Maier zu kopieren. Hirscher schuftete stattdessen immer hauptsächlich im intensiven Bereich. „Was aber der unterschiedlichen Belastungsstruktur in den Disziplinen geschuldet ist. In den Speedbewerben bildet man in den Rennen doch erheblich mehr Laktat, das erfordert ein höheres Grundlagenausdauerniveau“, erklärt Toni Giger, der den damals 18-jährigen Emporkömmling als Herren-Cheftrainer in den Weltcup holte und heute das ÖSV-Kompetenzzentrum leitet.

In dieser Funktion unterstützt er Hirscher in dessen ureigenster Domäne, dort, wo ihm keiner das Wasser zu reichen vermag: beim Screenen des optimalen Materials.­ Im Fokus des Kompetenzzentrums stehen Bindungsplatte, Rennanzüge, Accessoires. Giger: „Es ist typisch für Marcel, dass er sich zwei-, dreimal im Jahr einen Nachmittag Zeit nimmt, um sich im Bereich der Schnitte, Schienbeinschützer und Protektoren einzubringen. Auch mit eigenen Ideen, deren Trefferquote erstaunlich hoch ist. Obwohl er natürlich weiß, dass ihn der Rennanzug im Slalom wegen der geringen Geschwindigkeiten nicht schneller machen wird.“ Die Hauptlast der Materialentwicklung schultert natur­gemäß Ski- und Schuhausrüster Atomic, gern auch auf Zuruf aus dem Hirscher-Lager. „Marcel hat sein Jahrhunderttalent ausgespielt und es geschafft, dass eine große Skifirma alles auf ihn ausrichtet. Er hat Dinge durchgesetzt, die vorher undenkbar waren. Aber nur, weil er immer abgeliefert hat. Hinzu kam die Hartnäckigkeit seines Vaters Ferdl. All das hatte zur Folge, dass er das Material komplett seinem Fahrstil anpassen konnte und auch die entsprechenden Ressourcen erhielt: zwei Serviceleute, Zugang zum Skientwickler und Skibauer, sein Trainerteam und Ferdl als Strippenzieher. Ohne dieses Umfeld, das im Skizirkus einzigartig ist, könnte er das riesige Testprogramm niemals umsetzen. Die Konkurrenz war zwar gezwungen mitzuziehen, konnte dieses Level aber nie erreichen“, argumentiert Ex-Slalom-Ass Reinfried Herbst.

Logisch, dass eine solche Bevorzugung bei den Teamkollegen nicht immer für freundliche Nasenlöcher sorgt. Slalomchef Pfeifer: „Als Trainer bist du sehr gefordert, hier nicht das Gefühl der Benachteiligung aufkommen zu lassen. Manches ist aber auch einfach zu akzeptieren, zum Beispiel Marcels permanenter Vorsprung in der Regeneration. Wenn er mit dem Privatjet aus Schweden heimfliegt, ist er einen ganzen Tag früher daheim als jeder andere, aber das steht ihm aufgrund seiner Ausnahmestellung auch zu. Manches haben wir mental bearbeitet, grundsätzlich stehe ich aber auf dem Standpunkt: Respekt zollen, sich selber an der Nase nehmen. Wenn’s einer nicht versteht, dem sag ich schon recht unverblümt: ‚Schau, wie er am Ski steht, schau, wie du am Ski stehst.‘ Unterm Strich haben wir ein gutes Miteinander, von dem meine Gruppe durch gemeinsame Trainings auch stark profitiert.“

Allfällige Neidgefühle verflüchtigen sich rasch, wenn es darum geht, dem Erfolg auf zwei Brettln so bedingungslos alles unterzuordnen, wie Hirscher das tat und tut. Rainer Schönfelder: „Dass bei ihm auch nach einem Vorsprung von 1,4 Sekunden nie eine Sättigung eintritt, ist schon bemerkenswert. Er sagt: ‚War ganz okay, aber es geht noch besser. Gemma!‘ Ich hätte mich einer Sache nie so brutal unterordnen können. Dazu hatte ich zu viele Interessen, denen ich nachgeben musste. Was ich mich aber schon frage, ist: Was wäre gewesen, wenn ich damals im Skiverband nicht nur geduldet, sondern bei meinem Ziel Gesamtweltcup, ähnlich wie Marcel, richtig gefördert worden wäre?“

Man weiß es nicht. Was man weiß, ist, dass sich das Team Hirscher auf einer immerwährenden Suche nach Optimierung befindet. „Früher sind wir noch nach einem Weltcupwochenende bei McDonald’s eingekehrt, heute hat er ein eigenes Ernährungsprogramm für jede Phase des Aufbautrainings“, verrät Individualcoach Pircher. Das ewige Streben nach Mehr, diese Unfähigkeit, Zufriedenheit zu empfinden, gepaart mit einer beispiellosen körperlichen und vor allem auch mentalen Robustheit, sind es, die abseits einer genialen Skitechnik das Paket Hirscher aus­machen. Letztere hat er übrigens bereits in der Jugend perfektioniert. Perfektionieren müssen. „Punkto Gewicht war er der Konkurrenz deutlich unter­legen. Aber er hat schnell erkannt, dass er der Chef über den Außenski sein muss, ihn, wenn nötig, sauber und sehr stark belasten muss. Das zeichnet ihn heute noch aus. Wenn er spät dran ist, drückt er drauf, zieht den Schwung durch und generiert aus einem vermeintlichen Fehler sogar noch Tempo“, analysiert Toni Giger. Wobei die Skitechnik ihre geniale Wirkung erst durch Hirschers unerreichte Körperbeherrschung entfaltet. Giger: „Ich kenne – außer maximal Ingemar Stenmark – niemanden, der kleine Fehler so blitzschnell korrigieren kann wie Marcel. Dadurch verhindert er schwere Fehler bereits im Ansatz und damit die Sturz- und Verletzungsgefahr.“

Egal, ob man das Kunstwerk Marcel Hirscher in der Totale betrachtet oder nah ranzoomt, man wird das Gefühl nicht los, dass es so einen kein zweites Mal mehr geben wird. Weil … unnachahmlich eben. Strukturell hat der Skiverband mit kleineren Trainingsgruppen reagiert. Ansonsten bleibt wohl nur die Erkenntnis, offen zu sein, genau hinzuschauen und eine/-n Ausnahmekönner/-in bedingungslos zu unterstützen. Bis der oder die auftaucht, lehnen wir uns entspannt zurück und genießen die Marcel-Hirscher-Show. Denn: It ain’t over till it’s over.