Warum Vettel Niki Schumacher ist

In Maranello läuten wieder die Glocken: Sebastian Vettel hat die Mission, den göttlichen Rennstall von Ferrari aus einer teufl ischen Zeit zu geleiten – denkend, lenkend, fahrend, führend. Das alte Rezept schmeckt nach Schumacher, duftet nach Lauda und riecht nach Erfolg.

//Story: Gerald Enzinger

//Titelbild: (C) GEPA PICTURES

Die Eile mit Langeweile: Mercedes ist auch 2016 klarer Favorit, doch vielleicht wird alles anders und die Grand-Prix-Story mit einem dicken roten Stift umgeschrieben. Wenn der Deutsche Sebastian Vettel erfolgreich sein Veto einlegt gegen die Dominanz des deutschen Renn-und Renomierbetriebs Mercedes, indem er Ferrari zurück an die Spitze führt und, im besten Fall, zum ersten WM-Titel seit 2007. Das einzige Rennteam der Welt, das von seinen Anhängern religiös verehrt (und noch öfters verflucht) wird, hat schon im ersten Jahr unter „San Sebastian“ etwas verloren Gegangenes wiedergefunden: den Glauben an sich selbst.

Rot ist die Farbe der Liebe, aber auch die Couleur des Blutes und Ferrari-Fan zu sein, das heißt oft Dekaden voller Leid zu ertragen. Ferrari war zwischen 1964 und 1974 ein Verliererteam -bis Niki Lauda kam. Lauda ging (verschnupft) Ende 1977 und Ferrari gewann mit Ausnahme eines etwas zufälligen Titels 1979 (Jody Scheckter) fast ein Vierteljahrhundert nichts. Dann kam Michael Schumacher und erzwang mit Disziplin das Glück und fünf WM-Titel in Serie. Schumacher ging (verschnupft) und seitdem hat Ferrari schon wieder ein Dutzend Jahre nichts gewonnen, abgesehen von einem (etwas zufälligen) WM-Titel durch Kimi Räikkönen 2007. Privatteams wie Brawn und Red Bull führten Ferrari vor und selbst als die Formel 1 ein neues Motorenreglement schuf, das wie für Ferrari geschrieben war, erwachte man schnell -und sehr weit hinter Mercedes liegend. Am Ende waren alle Hauptdarsteller einer verlorenen Generation weg: Stefano Domenicali, sein Intimfeind Fernando Alonso und all die gescheiterten Troubleshooter wie Pat Fry oder Marco Mattiacci.

Die tiefen Einblicke von Gerhard Berger

Gerhard Berger ist bei Ferrari Weltmeister geworden, Weltmeister der Herzen. Er hat sich für Ferrari die Finger verbrannt (Imola 1989), er hat Ferrari den ersten Sieg nach dem Tod des alten Enzo geschenkt (Monza 1988) und den letzten zu seinen Lebzeiten (Adelaide 1987). Er war einer, den die Fans liebten. Auch heute noch kennt der Tiroler jede Kurve in Fiorano und jede Ecke im wenige hundert Meter entfernten Maranello. Er hört, was man bei Ferrari flüstert und ist der, der einst aus Sebastian Vettel einen Siegpiloten geschnitzt hat. Deshalb weiß er, was einfach zusammenpasst: „Die Art, wie Vettel arbeitet, tut Ferrari gut. Er ist in seiner Arbeitsweise Michael Schumacher sehr ähnlich. Und die wiederum erinnert an Niki Lauda, der als Erster damit bei Ferrari Erfolg hatte.“ Berger erkennt ein Muster: „Das lässt sich feststellen: Disziplin und Präzision zeichnen alle diese drei Piloten aus und das sind Eigenschaften, die bei Ferrari besonders zur Geltung kommen, gerade weil sie nicht dem Naturell der Italiener entsprechen. Bei Ferrari ist alles da, du musst die Dinge nur in die Hand nehmen. Und genau so was tun Leute wie Lauda, Schumacher -und eben Vettel.“ Alles Leute, die andere antreiben können und führen. Von Alonso redet Berger nicht oder nur kurz: „Der ist von seinem Arbeitsstil anders.“ Soll heißen: Wenn’s nicht läuft, ist der sonst so starke Alonso nicht der Letzte, der aufgibt, sondern eher bei den Ersten.

,,Die Art, wie Vettel arbeitet, tut Ferrari gut. Er ist in seiner Arbeitsweise Michael Schumacher sehr ähnlich.”

Gerhard Berger

Vettel fühlt anders, zum einen, weil er schon bei all seinen anderen Teams als junger Mann mit außergewöhnlich viel Empathie galt, zum anderen hat wie kein anderer Pilot seiner Generation einen Hang zur Tradition. Er vergöttert Jochen Rindt, er bewundert alte Rennstrecken und in logischer Konsequenz liebt er Ferrari, und das nicht nur, weil er weiß, dass er selbst dort zum Mythos werden kann. Den einen oder anderen in Fuschl mag es gekränkt haben, als Vettel nach 39 Siegen für Toro Rosso und Red Bull Racing in Malaysia 2015 für Ferrari gewann, vor Freude fast Schnappatmung bekam und Aussagen wie „emotionalster Sieg“ herauspresste. Dietrich Mateschitz war ihm deshalb aber nicht böse, der hatte einst schon in der Stunde von Vettels erstem WM-Titel in Abu Dhabi 2010 mit dem SPORTMAGAZIN Klartext geredet: „Wenn einer wie Vettel eines Tages zu Ferrari gehen können wird, wird er uns verlassen. Das ist sicher.“ So kam es auch – und nun fährt Seb, der selbst nach vier WM-Titeln in Serie als „Weltmeister des Autos wegen“ erniedrigt wurde, bei Ferrari. Und er fährt nicht nur, er führt auch. „Vom ersten Tag an fühlte man sich an Michael Schumacher erinnert“, lobt Teamchef Maurizio Arrivabene. „Viele haben früher gesagt, dass Seb nur gewann, weil er das bessere Auto hatte, und in bestimmten Augenblicken habe ich das auch gedacht. Heute, wo ich mit ihm arbeite, merke ich, dass er in gewisser Hinsicht sogar besser ist als Michael.“ Und zwar „vom Charakter her, denn Michael war introvertierter, er öffnete sich nur einem bestimmten Personenkreis. Seb strahlt mehr aus, die Jungs empfinden ihn als einen der ihren. Wenn er dann seine Meinung sagen muss, weicht er keinen Millimeter zurück.“

,,Wir waren einmal gemeinsam auf Urlaub und da hat mir der Michael von einem hochtalentierten Kartfahrer erzählt, von Vettel.”

Gerhard Berger

Im Gegensatz zu Arrivabene, der genau diese Analyse nach einem Shitstorm von Schumacher-Fans wieder relativierte, obwohl er sie genau so auf Band gesprochen hatte. Vettel ist das egal, er unternimmt lieber eine Zeitreise ins Jahr 1997: „Papa und ich waren bei einem Kartrennen in Italien und sind extra nach Maranello gefahren, um die berühmte Fabrik zu sehen, und wir waren ganz begeistert, als wir plötzlich hörten, wie Michael auf der Teststrecke fuhr. Es war ein Geheimtest und alles war abgeriegelt, aber ich bin über den Zaun geklettert.“ Vettel grinst: „Der Erste war ich aber nicht, der diese Idee hatte.“ Es ist zu befürchten, dass Michaels Gesundheitszustand heute nicht so ist, dass er weiß, dass Vettel bei Ferrari in seine Fußstapfen getreten ist. Dabei hat er das Talent Sebastians früh erkannt, wie sich Berger erinnert: „Wir waren einmal gemeinsam auf Urlaub und da hat mir der Michael von einem hochtalentierten Kartfahrer erzählt, von Vettel.“ Als der dann in Bergers Toro Rosso zum ersten Sieg fuhr, traf sich der damalige Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali mit Seb – er hatte aber keine Chance auf ihn, zu wasserdicht war der Red-Bull-Vertrag Vettels. Erst Sebs Katastrophensaison 2014 machte die Tür für Ferrari auf -und am Ende unterschrieb er in einem Kaffeehaus in Bologna für die Roten. Drei Siege in der ersten Saison waren ein guter Beginn, nun geht es um mehr. Das Wort „campione“ fällt oft, die Bosse Arrivabene und Marchionne schrauben an der Erwartungshaltung – und sie schrauben nach oben. Bei den Tests in Barcelona hatten Vettel und sein Kollege Kimi Räikkönen manch schnelle Runde, einige davon (etwa auf Softreifen) wurden von der Fachpresse sogar übersehen. Vielleicht zum letzten Mal.