Mehr Hexenkessel geht nicht. Istanbul ist die brodelndste Metropole, wenn es um heißblütige Fans, abgrundtiefe Rivalitäten und verrückte Geschichten rund um den Fußball geht. Ein Besuch in einer der spannendsten Städte der Welt.

//Text: Markus Geisler //Fotos: picturedesk.com, Markus Geisler, Getty Images, imago

Rauch, überall beißender Rauch. Von den Köfte, die an jeder Ecke gegrillt werden. Von starken Zigaretten, an denen nervöse Fans ziehen. Von bengalischen Feuern und Böllern, die unter die vorbeifahrenden Busse geworfen werden. Wer sich dem Wahnsinn aussetzt, das Istanbul-Derby ­Fenerbahce gegen Galatasaray live zu erleben, sollte keine empfindlichen Lungen haben. Und starke Nerven. Vier Tage lang begab sich das Sportmagazin in die Metropole zwischen Marmara- und Schwarzem Meer, um den Fußball in einem der brodelndsten Hexenkessel der Welt hautnah zu spüren. Ein Trip in die Tiefen abgrundtiefer Abneigung, linker Fanszenen, ohrenbetäubender Begeisterung – und zur Admira vom Bosporus.

Das Leiden der Gala-Fans Die Laune ist prächtig, der Raki fließt in Strömen, als sich Kader, Burak und Ufuk am Vorabend des Derbys Fenerbahce gegen ­Galatasaray in einem Lokal unweit des Taksim-Platzes treffen. Morgen soll sie endlich zu Ende gehen, die 17 Jahre dauernde Leidenszeit. So lange ist es her, dass ihr geliebter Klub Galatasaray zuletzt beim verhassten Rivalen gewonnen hat. „Das ist Wahnsinn, es gibt eine ganze Generation von Fans, die noch nie einen Sieg in Kadiköy erlebt hat“, sagt Kader. Und Ufuk ergänzt: „Aber jetzt sind endlich wieder Auswärtsfans im Stadion erlaubt, das wird unserer Mannschaft helfen.“ Sechs Jahre lang war das anders, eine Folge abartiger Gewalteskalationen, bei denen geworfene Sitzschalen, Brände im Stadion und sogar Pistolenschüsse zum Derby gehörten wie Ball und Schiedsrichter. Um die Lage dieses Mal im Griff zu haben, stellt die Polizei klare Regeln auf. Alle 2200 zugelassenen Gala-Fans müssen sich fünf Stunden vor Spielbeginn am eigenen Stadion, der Türk Telekom Arena, einfinden. Von dort werden sie mit Polizeieskorte und vierzig Bussen über den Bosporus bis direkt vor den Auswärtssektor im Ülker Stadyumu kutschiert. Selbst die Brücke am Stadion, unter der die Busse durchfahren, wird von Beamten hermetisch abgeriegelt, denn jeder weiß: Bei diesem Spiel, das wichtiger ist als Titel und Pokale, hört sich der Spaß auf. „Uns ist lieber, die Nationalmannschaft verliert ein Match, als dass ein Spieler von Fenerbahce das entscheidende Tor schießt“, sagt Burak. Und beschreibt damit eine abgrundtiefe Abneigung, die weder religiös noch politisch noch soziologisch begründet werden kann, Gala-Fans hassen Fener eben – und umgekehrt.

Eine Stunde vor dem Anpfiff ist das Stadion im Sükrü-Saracoglu-Komplex bis auf den letzten Platz gefüllt. Schon beim Aufwärmen werden die gegnerischen Spieler gnadenlos ausgepfiffen, die eigenen gefeiert. Als die Gala-Fans kurz vor Anpfiff ihre Choreografie zelebrieren, bei der sie ihr Logo mit den vier Sternen präsentieren, bricht ein Sturm der Entrüstung über sie herein. Eine gezielte Provokation: In der Türkei gibt es für fünf Meistertitel einen Stern, weswegen die Rot-Gelben mit 20 Titeln vier Sterne im Logo tragen. Fener steht bei 19 Championaten und somit einem Stern weniger. Die Flüche, die Richtung Gästeblock geschleudert werden, können aus Jugendschutzgründen hier nicht wiedergegeben werden.

Das Spiel erfüllt alle Erwartungen. Wer auf Jogo Bonito­ hofft, hat sich in der Adresse geirrt. Der Ball läuft noch weniger flüssig als der Verkehr zur Rushhour auf einer der drei Bosporus-Brücken, selbst weit gereisten Haudegen wie Wesley Sneijder oder Martin Skrtel ist die Nervosität anzumerken. Abspielfehler wechseln sich mit rüden Attacken ab, Rudelbildung alle paar Minuten. Die Angst zu verlieren ist allgegenwärtig. Als der erfahrene Schiedsrichter Cüneyt Cakir den Elfmeter pfeift, den Robin van Persie zum 2:0-Endstand verwandelt, kann eine Schlägerei auf der Pressetribüne nur knapp verhindert werden. „Ich habe schon viele Derbys gespielt“, sagt van Persie später. „Aber noch nie in einer so besonderen Atmosphäre.“ Am Ende feiern trotzdem beide Fangruppen lautstark: Fener den obligatorischen Heimsieg, Gala den Hass auf den Rivalen. Wahnsinn Istanbul.

,,Uns ist lieber, die Türkei verliert, als dass ein Fenerbahce-Spieler das entscheidende Tor schießt.”

Ungeliebter Außenseiter Am Tag danach haben alle Zeitungen, ob seriös oder boulevardesk, nur Platz für das Derby auf ihrer Titelseite. Obwohl die sportlich derzeit erfolgreichste Mannschaft aus Istanbul weder Fenerbahce noch Galatasaray noch der amtierende Meister­ Besiktas ist, sondern Basaksehir, ein Team aus dem Nordosten der Stadt. Mehr als zehn Zeilen für die Vorschau auf das Spiel gegen Rizespor am Abend hat trotzdem niemand übrig. Der Lokalaugenschein zeigt eindrucksvoll, warum. Mickrige 2257 Fans finden sich im kleinen, aber feinen Fatih-Terim-Stadion mit 17.000 Plätzen ein, und das, obwohl die Mannschaft mit acht Siegen und zwei Remis zu dem Zeitpunkt ungeschlagener Tabellenführer der Süper Lig ist. Ein krasser Gegensatz zum Ballyhoo vom Vortag. Quasi Admira auf Türkisch. „Das ist normal hier“, sagt Gökdeniz, ein Jugendlicher, der sich mit drei Freunden das Spiel im „Spike“, einer Sportsbar direkt neben dem Stadion, anschaut. „Die Leute hier sind zu faul, um ins Stadion zu gehen, außerdem gibt es ein ganz schlechtes Ticketsystem.“ Was zweifelsohne stimmt, denn in der Türkei braucht man einen sogenannten Passolig, um ein Spiel besuchen zu können. Für den muss man sich mit Ausweisnummer registrieren – ein Mittel, um Fans von Randale abzuhalten. Und ein Grund für viele, sich die Partien lieber im Fernsehen anzuschauen. Die Schlange vor der Passolig-Kassa ist jedenfalls trotz Minikulisse zehn Minuten nach Spielbeginn noch zwanzig Meter lang. Als Basaksehir in der Nachspielzeit das 2:1 erzielt, nimmt im „Spike“ kaum jemand die Shisha aus dem Mund, um zu jubeln. Mehr Gleichgültigkeit geht kaum. „Eigentlich sind wir Fans von Galatasaray beziehungsweise Fener­bahce, aber weil wir hier wohnen, schauen wir uns die Spiele halt an“, sagt Gökdeniz und macht sich mit seinen Kumpels auf dem Heimweg.

Dass Basaksehir, erst 1990 als Team der Istanbuler Stadtverwaltung gegründet und seit dem Aufstieg 2014 zweimal Vierter der Süper Lig, so erfolgreich ist, wird vor allem Trainer Abdullah Avci zugeschrieben. Der frühere Nationalcoach (2011 bis 2013) formte eine ebenso routinierte wie verschworene Einheit, deren Stars Teamtormann Volkan Babacan und Mittelfeldspieler Emre (Newcastle, Inter, Atlético) sind. Im Volksmund spricht man auch gern vom „Regierungsklub“, da Staatschef Erdogan als Sympathisant gilt und die wichtigsten Sponsoren (wie die Krankenhauskette Medipol) aus dessen engerem Zirkel kommen sollen. Derzeit wird ein topmodernes Trainingszentrum nach Vorbild deutscher Vereine wie Schalke und Mönchengladbach gebaut, das 2019 fertig werden soll, um sich mittelfristig als vierte Kraft der Stadt zu positionieren.

Hexenkessel Besiktas „Trotz aller Erfolge glaube ich nicht, dass Basaksehir wirklich Meister werden kann. In der Türkei gewinnen Fans Spiele und ohne hat man kaum eine Chance.“ Das sagt Veli Kavlak, seit 2011 bei Besiktas unter Vertrag. Auch eine Anspielung darauf, dass es seit der Gründung der Süper Lig 1959 nur fünf verschiedene Meister gab – neben den drei Istanbuler Großklubs noch Trabzonspor (sechsmal) und Bursaspor (einmal). Als wir Veli in Atasehir, einem spannenden Neubaubezirk auf der asiatischen Seite der Stadt, im Restaurant „Locale“ treffen, wirkt er euphorisch, da er nach fast zwei Jahren Leidenszeit wegen seiner Schulterverletzung erstmals wieder Fußballschuhe zum Training angezogen hat. „Im Jänner wird mein Vertrag, der jetzt vier Monate auf Eis liegt, wieder aktiviert. Und dann will ich auch endlich wieder spielen“, sagt er voller Überzeugung. Kavlak kennt die türkische Fußballseele in- und auswendig, weiß, dass man nach Derbysiegen auf Schultern getragen und nach Niederlagen von wütenden Fans am Trainingszentrum empfangen wird: „Um bei einem der drei großen Klubs in Istanbul spielen zu können, braucht man eine starke Psyche, sonst geht man unter.“

Zwar haben die Rivalen Galatasaray und Fenerbahce mehr Anhänger, die heißblütigsten und treuesten sind aber die Carsi, die Ultras von Besiktas. „Sie engagieren sich auch für Erdbebenopfer, rufen zu Blutspenden auf und kümmern sich um sozial Schwache. Eine linke ­Gruppierung, ähnlich wie die Fans von St. Pauli“, erzählt ­Kavlak. Was am Abend, als die „Adler“ in der Champions League auf Benfica Lissabon treffen, auf eindrucksvolle Art bestätigt wird. Um auf die Probleme von Taubstummen­ und Rassismusopfern aufmerksam zu machen, herrscht eine Minute nach Anpfiff totale Ruhe, die Fans machen in Gebärdensprache Gesten gegen Fremdenhass. Tosende Stille, die sich nach 60 Sekunden in einer gnadenlos lauten Anfeuerungswelle für die Schwarz-Weißen entlädt. Dabei spielt die Akustik in der 2015 eröffneten Vodafone Arena eine besondere Rolle. Das Spielfeld des direkt am Bosporus gelegenen Stadions liegt unterhalb des Meeresspiegels, was den Hexenkessel-Eindruck zusätzlich befeuert. Als an diesem Abend Besiktas ein 0:3 mit einem Last-Minute-Treffer in ein 3:3 verwandelt, kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Vor diesem Hintergrund wirkt es fast abstrus, dass es Mario Gomez, der Besiktas in der vergangenen Saison mit 26 Treffern zum 12. Süper-Lig-Titel in der Vereinsgeschichte schoss, im Sommer vorzog, zu einem Klub wie Wolfsburg zu wechseln. Aus Sicherheitsgründen, wie er nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli angab. „Er sagt mittlerweile selber, dass er hierbleiben hätte müssen. Hier wurde er wie ein Gott verehrt“, weiß Kavlak. „Außerdem hat man hier nicht das Gefühl, in einer unsicheren Stadt zu leben. Das wird von den Medien ziemlich übertrieben dargestellt.“

Ein Eindruck, den man als Besucher teilen kann, auch wenn einem die unreflektierte Ablehnung andersdenkender Fans zum Teil schon spanisch vorkommt. So wurde die Nationalteamkarriere von Fener­bahce-Keeper Volkan Demirel im November 2014 abrupt beendet. Als er sich vor dem Spiel gegen Kasachstan im Galatasaray-Stadion aufwärmte, wurde er wüst beschimpft, sogar seine Tochter soll beleidigt worden sein. Demirel, nach unzähligen Provokationen seinerseits eines der größten Feindbilder des türkischen Fußballs, zog die Handschuhe aus und verließ noch vor dem Anpfiff das Stadion. „Deshalb spielt das Team jetzt meistens in Antalya“, erzählt Kavlak. „Diese dauernden Streitigkeiten, auch unter den Spielern der Klubs, sind aber auch der Grund, warum­ sich die Mannschaft so schwertut, erfolgreich zu sein.“ Der Wahnsinn in Istanbul hat eben auch seine Schattenseiten.