Vor dem America’s Cup: Rule, Britannia

Seit 166 Jahren befindet sich der von Queen Victoria gestiftete „Auld Mug“ im Exil. Um die Silberkanne des America’s Cup ins Mutterland zurückzuholen, sticht der schier unbesiegbare Ben Ainslie in See – mit freundlicher Unterstützung von ­Königshaus und Steuerzahler.

//Text: Tobias Wimpissinger// Fotos: Land Rover BAR/Harry KH//

Die ewig prestigeträchtigen und meist erbitterten Duelle um die älteste internationale Sporttrophäe der Welt begannen mit einer historischen Schmach: 1851 hatten die Engländer anlässlich der ersten Weltausstellung in London US-Segler zu einem Wettstreit auf dem Wasser eingeladen. Die Gäste rückten mit dem mythenumwobenen Schoner „America“ an, besiegten in einem legendären Rennen um die Isle of Wight die gesamte britische Flotte und durften den One Hundred Sovereigns Cup nach Hause schippern, wo dieser sogleich der Gewinnerjacht zu Ehren umbenannt wurde – in America’s Cup. Unzählige Male versuchten steinreiche britische Seeleute in den ­folgenden 166 Jahren, die bodenlose Silberkanne aus der Werkstatt von Hofjuwelier Garrard ins Mutterland zurückzuholen, immer scheiterten sie, Teebaron Sir Thomas ­Lipton allein fünfmal. Jetzt aber stehen die Chancen so gut wie lange nicht mehr – dank einer englischen Segel­ikone, die sämtliche Attribute in sich vereint, dieses Kunststück vollbringen zu können: Ben Ainslie, höchstdekorierter Olympiasegler der Sportgeschichte.

Seit über zwei Jahrzehnten gilt Ainslie als jener eine Seebär, der jeden Winddreher und jede Böe eher und effektiver zur Beschleunigung oder Verkürzung der Strecke zu nutzen versteht als die Rivalen. Sein Stil hat allerdings wenig mit der feinen englischen Art zu tun und tangiert oft die Grenzen der Legalität, denn auf dem Wasser wird der 40-Jährige zum rabiaten Egomanen, dessen Schimpftiraden gefürchtet sind, Ehrgeiz und Siegeswille schießen gern einmal über das Ziel hinaus. Von der britischen Regenbogenpresse mitunter „wildes Tier“ oder „Monster“ genannt, will sich Ainslie gegen solche Begriffe erst gar nicht wehren.

,,Es hilft, deinen Gegner zu hassen.”

Ben Ainslie

„Es hilft, deinen Gegner zu hassen“, sagt der achtfache Weltmeister, der sich unter Druck extrem fokussieren kann, unverhohlen. „Manchmal versuche ich auch, ihn zu demütigen.“ In Sydney 2000 hatte „Big Ben“ sein erstes Olympiagold mit der umstrittenen Taktik erobert, Robert Scheidt zu blockieren und so zu verhindern, dass dieser unter die ersten 20 segelt, was dem Brasilianer zum Sieg gereicht hätte. 2012 in Weymouth sprach der Lokalmatador gegen die in der Olympia­regatta klar voran liegenden Jonas Høgh-Christensen und Pieter-Jan Postma Drohungen aus, nachdem der Däne und der Niederländer einen Penalty eingefordert hatten: „Sie haben mich wütend gemacht – ein großer Fehler. Es ist besser, wenn man mich nicht wütend macht.“ Daraufhin gewann Ainslie nach spektakulärer Aufholjagd sein viertes Gold. Bei der WM 2011 vor Perth sprang er auf ein Medien­boot, beflegelte einen Fotografen und packte den Steuermann am Kragen, weil dieser sein Rennen angeblich gestört hatte. Die Affäre kostete den kaum mehr zu nehmenden Titel und beinahe die Olympiateilnahme.

Ainslies Verhalten auf dem Wasser spiegelt ganz und gar nicht sein Auftreten an Land wider. Von Prinzessin Anne zum Ritter geschlagen, gibt er sich stets zurückhaltend und freundlich, bei Presseterminen wirkt er nach wie vor schüchtern. In seiner Kindheit wurde der introvertierte Ben von seinen Mitschülern oft gemobbt. „Das hat mich zäh und hart gemacht“, behauptet er rückblickend. „Auf dem Wasser konnten mir diese Beleidigungen nichts anhaben.“ Zum Segelsport kam er durch seinen Vater, der 1973 am allerersten Whitbread-Rennen teilgenommen hatte, dem heutigen Volvo Ocean Race. Die Erziehungsmethoden hatten es in sich: Mit acht Jahren wurde der klein gewachsene Bub ohne jegliche seglerische Vorkenntnisse in einen hölzernen Optimisten gesetzt.

„Wenn du kenterst, musst du aufs Schwert klettern und das Boot wieder aufrichten“, sprach Ainslie senior und warf nach: „Eine halbe Meile weiter unten am Fluss ist ein Pub. Wir sehen uns dort.“ Nie aufgeben, so schlecht die Situation auch erscheinen mag, hatte er von seinem ersten Nachwuchscoach aufgeschnappt; ein Credo, das Ainslie verinnerlichte. Und tatsächlich wurde er zum wohl größten Comeback-Segler aller Zeiten – nicht nur bei Olympischen Spielen, auch seine Qualifikationen zum Kapitän der aktuellen britischen America’s-Cup-Kampagne sind herausragend: 2013 trug er in der Bucht von San Francisco als Taktiker in Larry Ellisons Oracle Team USA maßgeblich zur erfolgreichen Titelverteidigung bei. Als Ainslie beim vermeintlich hoffnungslosen Stand von 1:7 an Bord kam, sagte er zur Crew: „Wir können es schaffen.“ Emirates Team New Zealand verlor den Cup anschließend noch mit 8:9.

Im am 26. Mai vor Bermuda startenden Louis Vuitton Cup gegen Boote aus Neuseeland, Schweden, Frankreich und Japan wird der von Ex-Formel-1-Manager Martin Whitmarsh als Antreiber unterstützte Ainslie mit dem Syndikat Land Rover BAR als Favorit gehandelt, die vorgeschaltete Weltserie hatten die Briten klar für sich entschieden. Das Vorhaben erhält zudem einzigartigen Rückenwind aus der Downing Street 10 und dem Bu­ckingham Palace. So erklärte die Regierung das Projekt zu einer Angelegenheit von nationalem Interesse und schoss zehn Millionen Euro aus der Staatskasse zu, Herzogin Kate steht Patin für eine gemeinsame Stiftung mit Sir Ben. Zur Schaffung ­eines optimalen Umfelds flossen weitere 25 Millionen in den Bau der modernsten Segelbasis der Welt.

In Portsmouth an der englischen Südküste verbirgt sich hinter einem rie­sigen, mit dem Union Jack verzierten Tor eine Werft, in die das knapp 25 Meter hohe, steife Rigg des Multihulls komplett hineinpasst, so groß wie der Flügel einer Boeing 737. Denn ausgetragen wird die Regatta auf futuristischen 50-Fuß-Katamaranen, die sich auf Tragflächen aus dem Wasser erheben und mehrere Meter über den Wellen mit bis zu 50 Knoten in einem für Segelboote atemberaubenden Tempo dahinjagen. Die Ortswahl des Hauptquartiers hat übrigens symbolischen Charakter: Nicht nur, dass in der Stadt der größte Marinestützpunkt des Landes liegt, stach von Portsmouth einst auch Vize­admiral Nelson mit dem Flaggschiff „Victory“ in die siegreiche Schlacht gegen die spanische Armada in See.

Sollte man die Qualifikation überstehen, würde Land Rover BAR ab 17. Juni in der Best-of-13-Serie um den 35. America’s Cup den aktuellen Trophäen-Inhaber Larry Ellison und sein vom angriffslustigen Aussie-Skipper James Spithill gesteuertes Oracle Team USA herausfordern. „Jimmys Starts sind großartig und als Matchracer kennt er alle Schachzüge“, weiß Ex-Kamerad Ainslie. „Aber ich bin in großen Flotten aufgewachsen, was mich kreativer und spontaner macht.“ Um auch seine Gefolgsleute gefechtsbereit zu halten, übt sich der geniale Windflüsterer in subtil-patriotischem Pathos: „Seien wir ehrlich: 2013 wurde eine Crew sehr gut dafür bezahlt, den America’s Cup für eine reiche Person zu holen, die den Auld Mug schon einmal gewonnen hatte. Wir waren keine Mannschaft von stolzen Briten, die für die Ehre des Empires antrat.“

 

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