Volle Attacke! „Menschenhändler“ Christian Flick im Interview

Dr. Christian Flick geht im Exklusiv-Interview mit dem Sportmagazin in die Offensive. Die Spielerberater-Legende über seinen Rücktritt als „Menschenhändler“, unvereinbare Zustände bei Sturm und WAC, den Plan eines heimischen Sportgerichts, eine mögliche Klage gegen die UEFA und ein Champions-League-Finale in Peking.

//Interview: Tom Hofer

„Nach reiflicher Überlegung hab ich entschieden, mich von der Position der Spielervermittlung komplett und endgültig zurückzuziehen“, beginnt Dr. Christian Flick das Interview mit dem Sportmagazin mit einer überraschenden Rücktrittserklärung. Keine Sorge, der Rest des Gesprächs wird ein Offensivspektakel! Doch das klare Statement zum Ankick ist Flick, neben Skender Fani das zweite Urgestein der heimischen Spielerberaterszene, wichtig.

SPORTMAGAZIN: Warum wollen Sie kein „Menschenhändler“ mehr sein?

CHRISTIAN FLICK: Ich hatte heuer im April die Idee, mit einem echten Modell der Beratung neu durchzustarten – mit Mario Haas als Partner. Mario hätte sein sportliches Knowhow eingebracht, ich mein wirtschaftliches. Wir wollten eine Firma gründen – vorausgesetzt Mario hätte vom ÖFB, für den er als Individualtrainer arbeitet, das Okay bekommen. Wir wollten Spielern eine Art Rundumbetreuung anbieten. Rund zwei Monate haben wir diskutiert und evaluiert, schließlich sind wir zum Ergebnis gekommen: Gute Idee, aber es gibt keinen Markt dafür. Die Spieler sind heute nicht mehr bereit, für erbrachte Leistungen Geld in die Hand zu nehmen. Im Gegenteil, es geht heute oft monetär genau in die andere Richtung. Es gibt Vermittler, die sagen zum Vater des Spielers: „Ich geb dir 30.000 Euro, dafür ist dein Bua bei mir.“ Ich kann den Markt nicht ändern, aber ich kann eine Alternative anbieten – richtige Beratung in sportlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Nur: Die Alternative wird nicht gewünscht. Das nehme ich zur Kenntnis. Ohne Groll. Ich bin dankbar und demütig, dass ich die Möglichkeit hatte lange und erfolgreich in der Branche zu arbeiten. Mein Vorteil ist jetzt, ich muss keine diplomatischen Floskeln mehr formulieren, kann zu allen Themen offen meine ehrliche Meinung sagen.

 

Sie bleiben aber weiterhin im Sport tätig.

Ich mache viele Dinge im internationalen Sportrecht, bin beim CAS, dem obersten Sportgerichtshof. Ich erstatte viele Gutachten und stehe auch in einem regen und sehr guten Austausch mit der Bundesregierung. Ich hab den Eindruck, dass Minister Doskozil noch sehr viel für den Sport machen wird. Natürlich wird jetzt nach den aus österreichischer Sicht nicht gerade erfolgreichen Olympischen Spielen das Fördersystem neu überdacht. Es geht auch darum, ein größtmögliches Maß an Transparenz zu haben. Das gilt im speziellen Fall auch im Fußball. Es kann nicht sein, dass ein deutscher Drittligist besser arbeitet als der aktuelle Tabellenführer Sturm Graz – im rechtlichen Bereich. Gerade von der wirtschaftlich-rechtlichen Seite ist der Sport so kompliziert geworden, das kann man nicht mehr zwischen Tür und Angel erledigen. In Österreich gibt es aber nur drei Vereine, die auf diesem Gebiet Top-Niveau haben: Austria, Rapid und Red Bull Salzburg. Der Rest ist grausam.

Wenn wir schon beim Klartext-Reden sind: Was konkret stört Sie noch?

Dass es in Österreich – im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz – keine eigene Sportgerichtsbarkeit gibt. Das hat überhaupt nichts mit der Zahl der Einwohner zu tun, das ist eine reine Qualitätsfrage. Wir brauchen ein unabhängiges Sportgericht für alle Sportarten dieser Republik, wo alle Streitigkeiten von unabhängigen Experten gelöst werden. Sportgerichte sind konstengünstiger, man hat es nicht mit Richtern zu tun – das ist jetzt kein Vorwurf – die mit der Materie nicht vertraut sind, weil sie sich nie damit beschäftigen. Und man kommt viel schneller zu einem Ergebnis. Für die Bundesliga hätte es den Vorteil, dass sie ihr Lizenzverfahren an das Sportgericht abtreten könnte. Ich glaube, wir müssen dorthin kommen, dass nicht der eigene Verband, sondern eine außenstehende Institution solche Angelegenheiten endgültig und unwiderruflich beurteilt. Die Liga hat dann nur noch die Aufgabe, das zu übersetzen und zu kommunzieren was sie vom Sportgericht bekommt.

Welche Kritikpunkte gibt der Transfermarkt her?

Anders als in Deutschland ist es ist in Österreich seit einigen Jahren üblich, dass Vermittler nicht nur Spieler, sondern gleichzeitig auch Trainer vermitteln. Das führt zu bedenklichen Situationen wie im Fall von Sturm Graz, wo Max Hagmayr nicht nur Franco Foda, sondern gleichzeitig auch noch sechs Spieler vermittelt. Oder beim WAC, wo neben dem Trainerduo Pfeifenberger/Ilzer vier Spieler im Kader Klienten von Christian Sand sind. Das ist für mich unvereinbar, ein absolutes No-Go! Ich unterstelle niemand etwas, aber so eine Konstellation erzeugt eine verheerende Optik. Das lässt Mutmaßungen zu, die man so oder so auslegen kann. Dass zum Beispiel Spieler deswegen von einer Agentur genommen werden, weil auch der Trainer von dort vermittelt wurde. Es gibt dagegen keine rechtliche Handhabe, aber die Vereine hätten die Möglichkeit diesem Unfug einen Riegel vorzuschieben. Die Grundsatzfrage ist: Will man überhaupt Transparenz und Klarheit?

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Die Frage ist generell – braucht ein Trainer überhaupt einen Vermittler?

Bei uns ist das ziemlich neu. Vom Standpunkt der Beratung kann man es fast ausschließen. Was soll ein Herr Sand einem Heimo Pfeifenberger raten, was er zu tun oder lassen hat oder welche Prämien er verlangen soll? Pfeifenberger ist so lange im Geschäft, hat alles miterlebt im Fußball, dem wird man das nicht erklären müssen. Die sogenannte Beratung reduziert sich somit auf die reine Vermittlung. Natürlich kann ein Trainer sagen, es ist gut wenn ich einen Vermittler an meiner Seite habe, der mich von A nach B bringt. Genauso tun es Spieler ja auch. Nur die Kombination aus Trainer- und Spielervermittler geht nicht.

Die Optik ist auch beim Modell Red Bull nicht die beste. Leipzig scheint jederzeit Zugriff auf Spieler aus Salzburg zu haben.

Dieses Modell ist ganz anders zu beurteilen als das vorher kritisierte. Rasenballsport Leipzig und Red Bull Salzburg haben zwischen den Vereinen eine klare Trennlinie gezogen. Allein schon um den FIFA- und UEFA-Richtlinien zu entsprechen, dass ein Investor nicht bei zwei Vereinen in marktbeherrschender Stellung tätig sein kann. Damit ist ihnen sicher ein juristisches Kunstwerk gelungen. Wechseln Spieler nach Leipzig, wie diesen Sommer Keita und Bernardo, werden sie nicht verschenkt, sondern es wird ganz normal Ablöse bezahlt. Und dann kommt noch ein wichtiger Punkt hinzu: Will ein Spieler nicht wechseln, hat er das Recht zu sagen, ich mach es nicht. Siehe Martin Hinteregger. Juristisch ist alles okay, über die Optik kann man diskutieren. Für Salzburg ist es bedauerlich, dass sie vielleicht nicht mehr jene Ziele haben, die sie ursprünglich hatten. Durch die schnellen Erfolge von Leipzig hat sich die Situation schnell gedreht. Wenn Oscar Garcia sagt, wir haben jetzt zwei Ausbildungsverine, Liefering A und Liefering B, trifft das vielleicht den Nagel auf den Kopf. Aber es ist der Wille des Konzerns und die Dinge sind sauber geregelt.

Nicht ganz so sauber scheint die Reform der Champions League beschlossen worden zu sein.

Das ist keine große Reform, eher ein Reförmchen. Geld regiert auch hier die Welt. Man muss es ganz ehrlich sagen: Die Großen haben kein Interesse gegen kleinere Vereine zu spielen. Aus Angst, die großen Nationen könnten sich von der UEFA abspalten und eine eigene Super League gründen, hat die UEFA eingelenkt. Rein rechtlich gesehen gefährlich und bedenklich: Kleinere Verbände wie Malta, Liechtenstein oder auch Österreich wurden nicht gefragt, man ist einfach über sie drübergefahren. Um die geplante Reform anzufechten, könnte man also vor den CAS marschieren. Damit hätte man meiner Meinung nach durchaus Chancen. Die Frage ist: Will sich Österreich mit der UEFA anlegen? Nur schimpfen allein bringt jedenfalls nichts, dass interessiert die UEFA soviel wie das berühmte Radl, das in China umfällt. Nämlich gar nicht. Wenn die UEFA aber über den CAS angegriffen wird, müssten die Herren im Exekutivkomitee schon überlegen, ob sie beim nächsten Mal wieder so vorgehen würden. Die UEFA beschäftigt vor allem eine Frage: Wie kann man die Champions League weltweit noch populärer machen? Mittlerweile ist die Königsklasse ja schon ein absoluter Mythos, das Premium-Produkt der UEFA. Wer weiß, vielleicht wird das Finale  ja irgendwann in Peking gespielt, um noch mehr Geld zu lukrieren. Der Plan der Großen geht in diese Richtung. Man will lieber unter sich bleiben. Klubs wie Borisov, Pilsen, Legia Warschau oder Zagreb halten einen nur auf und bringen kein Geld.

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