Nach Misserfolgen Wut oder coole Analyse? Persönliche Fragen an Marcel Hirscher

Nach einem Rekordwinter und einem erfolgreichen Saisonauftakt beschäftigt sich Marcel Hirscher für das SPORTMAGAZIN mit Alltäglichem im Leben von Österreichs Mann für gewisse Sekunden.

//Text: Fritz Hutter
//Bild: (C) GEPA Pictures

Was für ein Weltcup-Winter 2015/16! In 28 Weltcup-Events ging Marcel Hirscher an den Start, absolvierte dabei Rennen in sechs Disziplinen und siegte in vier (Slalom, Riesenslalom, Parallelslalom und Super-G). Insgesamt kletterte er 19-mal aufs Stockerl, 8-mal ganz hinauf. Herausgekommen ist am Ende bekanntlich der bereits fünfte Gesamtweltcupsieg am Stück. Und das mit dem persönlichen Punkterekord von 1795 Zählern, fast 270 mehr als im Winter davor. Speziell beeindruckend dabei und letztlich entscheidend für den neuerlichen Erfolg bei der Hatz um die große Kugel: In Slalom und Riesenslalom präsentierte sich der Annaberger praktisch gleich stark. Die 780 Punkte im Torlauf reichten in der Spezialwertung für Platz zwei hinter Norwegens ebenfalls erstaunlichem Jungstar Henrik Kristoffersen (811). In den größeren Torabständen hatte dagegen Hirscher die Nase mit 766 Zählern doch deutlich vor dem frisch gekürten Sölden-Sieger Alexis Pinturault (690). Macht unterm Strich der neunten Weltcup-Saison des mittlerweile 27-Jährigen den bislang deutlichsten Hirscher-Triumph mit 497 Punkten vor Kristoffersen.

Kennzahlen wie diese bleiben in Österreich auch abseits der Rennpisten nicht unbelohnt. Und klarerweise hat sich das Skiaushängeschild mittlerweile eine gewisse Routine auch in Sachen Ehrungen antrainiert. Eine allerdings dürfte den einst vom Sportmagazin im Linzer Hochofen so spektakulär als „Mann aus Stahl“ Inszenierten auf seiner weichen Seite erwischt haben. In seinem Blog auf www.redbull.com schreibt er über die Verleihung des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich durch den damaligen Bundeskanzler Faymann als unerwartet emotionalen Anlass und eine Riesenehre, „die ich mir nie zu erträumen gewagt hätte“.

Gefreut hat sich Marcel Hirscher sichtlich auch, als er unlängst von den Mitgliedern der Sportjournalistenvereinigung „Sportsmedia Austria“ bereits zum dritten Mal zu Österreichs „Sportler des Jahres“ gekürt wurde. Den emotionalen Höhepunkt der diesjährigen Galanacht des Sports lieferte er uns aber diesmal nicht als Geehrter, sondern als bescheiden-glaubhafter Laudator für den Langläufer und Special-Olympics-Sportler des Jahres, Manuel Auer. Einen Botschafter-Job für die im März in Österreich auszutragenden Special Olympics World Winter Games (www.austria2017.org) hat er schon vor gut einem Jahr übernommen.

Weitere Hinweise darauf, dass Marcel Hirscher das Menscheln trotz aller Bewunderer und Preise nie abhandengekommen ist, liefert auch das nachstehende Interview mit einem, dem es offenbar Jahr für Jahr immer besser gelingt, das Teuferl aus den Details zu scheuchen und Kleinigkeiten auch wirklich klein zu halten.

SPORTMAGAZIN: Slalom oder Riesenslalom?

MARCEL HIRSCHER: Weder – noch. Was mir lieber ist, hängt davon ab, was mir grad leichter von der Hand geht. Meist passt eines und das andere fuchst mich. Darum weder – noch. Aktuell geht es im Riesentorlauf besser.

Super-G oder Abfahrt?

Super-G, weil er mir leichterfällt. Abfahrt ist meist so weit weg von mir, dass ich mich extrem überwinden muss – und das macht einfach weniger Spaß. Wenn ich nach einer Abfahrt positiv resümiert habe, dann immer gleich nach dem Abschwingen mit noch jeder Menge Adrenalin im Schädel.

Europa oder Übersee?

Europa, weil der Skisport mehr Aufmerksamkeit generiert und die Rennen dementsprechend stärker als Highlights gestaltet werden. Trotzdem, auch die Nordamerika-Events haben was Spezielles. Das Flair und das Wohnen sind meistens wirklich lässig. Dazu ist alles irgendwie entspannter. Ich will nicht sagen, dass es wie Urlaub ist, aber man weiß, dass man für ­maximal zweieinhalb Wochen dort ist und es läuft einem nix davon.

Kunstschnee oder Naturschnee?

Beides gemischt, mit viel Wasser (lacht). Reine Kunstschneepisten sind für manch einen das Höchste, für mich nicht. Ich mag es am liebsten, wenn Naturschnee dabei ist. Der Kunstschnee ist durch seine Dichte sehr schnittig und man muss oft jede Menge Gefühl aus­packen, aber Rennfahren hat für mich schon mit Aggressivität, wenn man es auf den Punkt bringt, fast mit Gewalt zu tun, also wenn man so richtig andrückt. Letzteres passt eben am besten zu einem Gemisch aus Kunst- und ­Naturschnee und Wasser.

Steil oder flach?

Nur steil ist auf Dauer sehr anstrengend und nur flach langweilig. Ich glaube, für ein cooles Rennen braucht es deshalb beides. Die viel zitierten Übergänge würde ich mittlerweile durchaus eher zu meinen Stärken zählen. Jedenfalls sind es jene Passagen, in denen man noch Zeit für sich gewinnen kann, aber eben halt auch verlieren.

Über null oder unter null Grad?

Unbedingt unter null! Erstens ist die Piste härter und zweitens passt einfach alles viel besser, die Skischuhe zum Beispiel. Und du schwitzt unterm Rennanzug, unter dem du unbedingt Skiunterwäsche tragen musst, weil sonst die Nähte schlicht unkomfortabel sind, nicht so extrem.

Über oder unter 1000 Meter Seehöhe?

Über 1000 m passt schon. Aber es muss nicht jedes Rennen über 3000 m gefahren werden, wie zum Beispiel der Slalom in Loveland, Colorado, mit einer Starthöhe von 3850 m, wo du im Ziel dann Sternderln siehst. Die Höhenlage spüre ich wie jeder Mensch. Aber du kannst dich sicherlich ein bisserl dran gewöhnen. Leut’ wie die Lindsey Vonn oder die Mikaela Shiffrin, die in Vail auf 2500 m aufgewachsen sind, denken sich in größeren Höhen sicher, eh nett.

An den Start mit Lift oder Ski-Doo?

Im Training viel lieber am Ski-Doo, im Rennen gibt’s zu 99 Prozent ohnehin nur die Option Lift. Auch in Schladming oder Kitzbühel kriegst du da keine Extrawürschtln, aber während der Rennen ist der jeweilige Lift ohnehin für uns Renn­läufer reserviert.

Erfroren oder hitzig?

Kommt auf den Zeitpunkt an. Am Abend ist mir fast immer heiß, weil ich meistens gut trainiert habe. In der Früh ist mir dafür sehr oft kalt, weil ich schon wieder Hunger habe – aber das lässt sich wahrscheinlich auch bei mir mit dem Stoffwechsel erklären.

,,den Tag im engsten Kreis mit einem Seidel noch einmal Revue passieren lassen, das passt ganz gut”

Marcel Hirscher

Am Abend vor dem Rennen lang fernsehen oder zeitig schlafen gehen?

Komplett unterschiedlich und rein situationsbedingt. Oft genug hat man gar nicht die Möglichkeit, früh ins Bett zu kommen, weil vielleicht die Startnummernauslosung am Programm steht oder nach dem Abendessen noch eine Behandlung oder Ausmassieren nötig ist. Danach geht sich oft nur mehr ein Duscherl aus. Dann schmeißt du dich in die Federn und hoffst, dass du zeitig müde genug zum Schlafen wirst, was für mich vor Rennen nicht unbedingt selbstverständlich ist.

Murmeltier oder unruhiger Geist?

Nach der Saison kann ich mich durchaus hinlegen und praktisch auf Kommando in den Tiefschlaf fallen, aber wenn ich im Renn­modus bin, dann wird das eher schwierig.

Vorm Rennen Frühaufsteher oder eher knapp dran?

Immer so knapp wie möglich! Und wenn es nur zehn Minuten sind, die ich mehr Schlaf habe, tut mir das gut. Stress entsteht dabei übrigens trotzdem keiner. Ich weiß genau, wie viel Zeit ich fürs Frühstück brauche und wie viel zum Umziehen – für die gesamte Rennmontur inklusive Schuhen, Helm, Brille und Handschuhen benö­tige ich zum Beispiel nicht länger als diese immer gleiche Viertelstunde, bevor es losgehen kann.

Frühstück süß oder pikant?

Weder – noch, sondern ziemlich grauslich und langweilig, weil einfach nur Haferbrei. Aber was Warmes ist für mich in der Früh vorm ­Rennen zwingend nötig, denn über den Tag gibt es dann nicht mehr viel zu essen.

Kaffee oder Tee?

Beides. Zuerst einen Tee und hinterher noch einen schnellen Espresso.

Reden oder Schweigen?

In der Früh bin ich sehr schweigsam. Grundsätzlich. Aber noch mehr, wenn ein Rennen ansteht. Nebensächliches ist mir da einfach noch zu wurscht und ich bin viel zu fokussiert, um mich übers Wetter zu unterhalten.

Beim Warm-up Musik im Ohr oder konzentrierte Stille?

Keine Musik, weil mir die Mitschlepperei zu viel ist und ich sowieso schon so viel Zeug dabeihabe – wobei so ein kleiner Kopfhörer wahrscheinlich doch Platz hätte. Ich hab’s einfach noch nie probiert, aber wenn ich eben an Kitzbühel oder Schladming denke, dann ist da Stille beim Aufwärmen ohnehin weit hergeholt. Aber mir ist ohnehin nur wichtig, dass ich genug Platz für meine Übungen habe.

Aberglaube oder fixes Ritual?

Mein Aberglaube ist es eben, kein fixes Ritual zu haben. Das meiste entscheide ich situationsbedingt und mache mich von nichts zu abhängig.

Ruhe oder Aktivität zwischen den Durchgängen?

Runterkommen! Runter, runter, runter, weil die Zeit zwischen den Läufen schon sehr lang ist, über drei Stunden. Du gehst um zehn mit Nummer 1 ins Rennen und hast dann für den zweiten Durchgang im besten Fall, also als Halbzeitführender, Startzeit 13.45. Da die Spannung permanent aufrechtzuerhalten würde auf Dauer einfach viel zu viel Kraft kosten. Wenn ich also irgendwo eine Couch finde, dann gehört die mir und ich döse ein bisserl dahin. Schlafen geht aber auch dann nicht. Es gibt aber durchaus Leute, die das können.

Nach Erfolgen Partytiger oder stiller Genießer?

Wenn ich jedes Mal Party machen würde, tät ich mittlerweile ziemlich fertig ausschaun (lacht). Aber den Tag im engsten Kreis mit einem Seidel noch einmal Revue passieren lassen, das passt ganz gut – häufig auch in der reinen Zweisamkeit. Und oft ist man sowieso ziemlich erledigt, um groß zu feiern. Aber es kommt natürlich auch auf den Zeitpunkt an und ob man mitten in der Saison steht oder grad das Weltcupfinale hinter sich gebracht hat.

Nach Misserfolgen Wut oder coole Analyse?

­Sagen wir so, die ersten Minuten nach einem misslungenen Rennen willst du nicht bei mir im Auto sitzen. Sicher nicht! Aber nach zehn Minuten habe ich meistens die Cool-down-Phase hinter mir und es folgt die Analyse. Die beginne ich zuerst mit mir selber und delegiere aber dann sicherlich einiges an meine Betreuer weiter.

Fahrer oder Beifahrer?

Ich fahre sehr viel selber. Ab drei Stunden wird es aber schon anstrengend und es wird abgewechselt und zu den Rennen oder offiziellen Terminen fährt ohnehin mein Kommunikationsberater Stefan Illek mit mir.

Während der wenigen Lücken im Weltcup-Kalender relaxen daheim oder mit Kurztrips?

Nachdem wir ja wirklich sehr viel unterwegs sind, funktionieren zwei, drei Tage daheim natürlich am unkompliziertesten. Sicher ging sich da auch etwas anderes aus, aber daheim, auch mit unserem Hund „Timon“ als weiterem Familienmitglied, ist es einfach am feinsten, um runterzukommen.

Gibt es Lieblingsrennen oder welche, auf die du verzichten könntest?

Weder – noch. Wenn ich anfangen würde, solche Unterscheidungen zu treffen, dann würde ich mich schon vor dem Start beeinflussen. Es gibt sicher überall etwas zum Sudern bzw. auch überall etwas Positives und aus diesem Grund mache ich mir darüber keine zusätzlichen Gedanken. Maximal beschäftigt mich die unterschiedlich mühsame Anreise. Lässig sind da aller­dings auch die City-Events, beispielsweise Stockholm im Winter zu sehen hat schon was. Und das Hinkommen ist natürlich auch easy. Du steigst am Flughafen aus und bist in zwanzig Minuten im Hotel.