Usain Bolt: Im Endspurt

Bei den Olympischen Spielen in Rio will er Geschichte schreiben – und als erster Leichtathlet zum dritten Mal drei Goldmedaillen gewinnen. Aber der Weg zur Legende wird zum Hürdenlauf: Auf der Zielgerade seiner Karriere zeigt sich, dass auch Jahrhundertsprinter Usain Bolt nur ein Mensch ist.

//Text: Axel Rabenstein

//Titelbild: (c) Hublot

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Usain Bolt verpasst aufgrund einer Zerrung im Oberschenkel das Finale der jamaikanischen Trials über die 100 Meter, bei denen der nationale Verband JAAA nach US-Vorbild seine drei schnellsten Läufer ermittelt, um sie zu den Olympischen Spielen zu entsenden. Übersetzt heißt das so viel wie: Das Sportspektakel des Jahres droht ohne seinen Hauptdarsteller stattzufinden.

Der finale Legendenstatus

„Ich bin in Behandlung und hoffe, mich am 22. Juli bei den London Anniversary Games für einen Start in Rio empfehlen zu können“, twittert der Superstar noch am gleichen Tag. Dann fliegt er zu seinem Vertrauensarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nach Frankreich, der im Rahmen der EURO 2016 bei der deutschen Fußballnationalmannschaft weilt. Für die Ausnahme einer nachträglichen Qualifikation in London bedarf es der Zustimmung des jamaikanischen Verbandes, dessen Nominierungskomitee Usain Bolt trotz nicht erbrachtem Leistungsnachweis am 11. Juli in das Aufgebot für Rio beruft. Die Verletzung scheint also keine ernst zu nehmende Hürde darzustellen. Aber die Sache ist schon ein wenig verzwickt. Und ein weiteres Zeichen dafür, dass der Jahrhundertsprinter aus der Karibik die Zielgerade seiner Karriere erreicht hat.

Usain Bolt will in Rio seinen finalen Legendenstatus sichern, indem er als erster Athlet zum dritten Mal in Serie dreimal Olympisches Gold gewinnt: über 100 Meter, 200 Meter und mit der 4 x 100-Meter-Staffel. „Three-peat“, nennt er das – oder auch: „Triple-Triple“. Er könne sich dann mit Sportlern wie Muhammad Ali oder Michael Jordan vergleichen, so Bolt, der natürlich gern noch einmal seine Fabelweltrekorde unterbieten würde.

Als wir ihn 2014 in Zürich für das SPORTMAGAZIN trafen, sagte er uns noch: „In Rio will ich drei Goldmedaillen holen. In einem optimalen Rennen kann ich vielleicht den Weltrekord über 100 Meter noch einmal verbessern. Außerdem habe ich das Ziel, als erster Mensch die 200 Meter in weniger als 19 Sekunden zu laufen.“

Zwei Jahre später haben sich die Ziele relativiert. Auch heute scheint Bolt unter normalen Umständen noch in der Lage, die Konkurrenz zu dominieren, so wie er Mitte Juni den JN Racers Grand Prix in Kingston in 9,88 Sekunden vor den beiden jamaikanischen Top-Leuten Yohan Blake und Asafa Powell für sich entschied. Wer sich allerdings im direkten Umfeld des Weltrekordhalters über 100 Meter (9,58 Sek.) und 200 Meter (19,19 Sek.) umhört, der erfährt, dass ein Unterbieten dieser Bestzeiten eher unwahrscheinlich ist.

Das wichtige Sportjahr 2016 begann alles andere als wunschgemäß. „Im Jänner bin ich auf einer Stufe umgeknickt“, blickt Bolt zurück. „Die Knöchelverletzung hat mich vier Wochen Trainingszeit gekostet.“ Als er im März zum Pressetermin auf die nach ihm benannte Laufbahn an der „University of the West Indies“ in Kingston lädt, absolviert er schon wieder Tempoläufe. Zu dieser Zeit trainiert Usain Bolt auffallend hart und diszipliniert, er beginnt oftmals noch vor Sonnenaufgang bei noch erträglichen Temperaturen mit Wiederholungsläufen über 120 Meter. Zwischendurch lässt er sich immer wieder die Muskulatur dehnen.

Beweglichkeit und Koordination sind wesentliche Erfolgsfaktoren für den groß gewachsenen Sprinter, dessen Beine 1,10 Meter von der Sohle bis zur Hüfte messen und in voller Geschwindigkeit eine Schrittlänge von bis zu 2,95 Metern ermöglichen. Mit diesen Beinen hat er der Welt gezeigt, dass der schnellste Mann des Globus mitnichten ein mit Muskeln bepackter Kraftwürfel sein muss -und ist bis heute 48 (!) Mal unter der magischen Marke von 10 Sekunden über die 100 Meter geblieben.

,,Seine hohe Endgeschwindigkeit ist einmalig.”

Steffen Wilwacher, Institut für Biomechanik und Orthopädie in Köln.

„Usain Bolt braucht länger als andere Sprinter seiner Klasse, bis er seine Maximalgeschwindigkeit erreicht hat“, erklärt Steffen Willwacher vom Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Sporthochschule in Köln. „Aber diese Geschwindigkeit hält er bis zum Ziel durch, während andere Läufer etwas langsamer werden. Seine hohe Endgeschwindigkeit ist einmalig.“

Der Sportwissenschaftler war im April dieses Jahres im Auftrag des Weltleichtathletikverbandes in Kingston, um das Startund Laufverhalten der jamaikanischen Athleten zu untersuchen. Typisch für den modernen Sprinter sei demnach der aufrechte, beinahe reglose Oberkörper, um keine Energie für nicht zielführende Bewegungen zu verschwenden. „Kurzstreckenläufer spannen dafür ihre Bauchmuskeln während des gesamten Rennens an“, so Willwacher. Wer Details wie diese betrachtet, der versteht schnell, welche Belastung eine mehrjährige Karriere als Profisprinter für den Körper darstellt, und dass die Zeiten, in denen einer von Weltrekord zu Weltrekord fliegt, auch irgendwann einmal vorbei sind.

Schon im Mai war Usain Bolt bei Doc Müller-Wohlfahrt in München, um seine nach dem Cayman Invitational gereizte Achillessehne begutachten zu lassen. „Es war ein bisschen so, als hätte ich Rost angesetzt“, hat Bolt es nach seinem dortigen Sieg in „nur“ 10,05 Sekunden beschrieben. „Nichts Schlimmes, aber ich konnte eindeutig den Unterschied spüren zwischen dem Zustand, wenn du fliegst – oder eben nicht.“

Bolt: „Es ist härter geworden“

Es scheint, als hole das Alter den Wundersprinter zurück auf den Boden der Tatsachen. Eine Woche nach dem olympischen 100-Meter-Finale wird er seinen 30. Geburtstag feiern.“Es ist härter geworden“, sagt Bolt. Er benötige mehr Massagen und Eisbäder als früher. Das Auskurieren von Verletzungen sei nicht mehr nach 14 Tagen abgeschlossen, sondern benötige eher schon sechs Wochen. „Ich muss mehr und mehr geben“, sagt Bolt. „Und das kostet mich sehr viel meiner Zeit.“

Es sind seine letzten Olympischen Spiele. Das hat Usain Bolt bereits öffentlich verkündet. Nun ist es an der Zeit für sein sportliches Vermächtnis in Form des „Triple-Triple“ aus 3 mal 3 Goldmedaillen. Allerdings ist auch dieses noch von anderer Seite gefährdet, denn laut dem für gewöhnlich gut informierten „Jamaica Gleaner“ ist demnächst die Veröffentlichung einer positiven B-Probe von Bolts Staffelkollege Nesta Carter zu erwarten, die eine nachträgliche Aberkennung der Goldmedaille Jamaikas über die 4 x 100 Meter bei den Spielen in Peking 2008 nach sich zöge.

Wenigstens finanziell hat Usain Bolt angesichts kolportierter Einnahmen von weit mehr als 20 Millionen Dollar jährlich definitiv freie Bahn. Zwar hat er offengelassen, ob er bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2017 in London noch einmal an den Start gehen möchte, aber wir sollten uns schon einmal darauf vorbereiten, dass die Welt am 14. August vorerst zum letzten Mal den Atem anhalten wird, wenn einer der begnadetsten Sportler unserer Zeit in die Startblöcke steigt. Bleibt abzuwarten, ob er dann auch wieder eine seiner anderen großen Stärken ausspielt: seine lausbubenhaft anmutende Lockerheit.

„Am Ende ist die mentale Stärke bei Sprintern von entscheidender Bedeutung“, sagt Bolt im Gespräch mit dem SPORTMAGAZIN. „Du musst locker sein, immer schön relaxt. Wenn du zu angespannt bist, wirkt sich das auf deine Körperspannung und auf deine Muskulatur aus. Du bist verkrampft und kannst deinen Lauf nicht optimal durchführen.“ Die Wirren um seine Verletzung und der daraus resultierende Endspurt um seine Teilnahme an den Spielen in Rio sollten zwar nicht unbedingt zur Entspannung beigetragen haben, aber auf die Frage, ob er bei einer Reise nach Brasilien keine Angst vor dem dort grassierenden Zika-Virus habe, antwortete Usain Bolt gewohnt selbstsicher: „Ich bin viel zu schnell um gestochen zu werden.“

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