Überheblich und naiv

Djuricin-Drama, sportliche Krise, Fan-Anfeindungen – nach den härtesten Wochen seiner Karriere spricht Rapid-Sportchef Fredy Bickel Klartext. Sein bitteres Fazit: „Unglaublich, was sich Menschen erlauben.“

||Interview: Markus Geisler||Foto: Christian Hofer||

Sportmagazin: Sie gelten ja als Musik-Fachmann. Wenn Sie sich für dieses Interview einen Song als Hintergrundmusik wünschen könnten …

Fredy Bickel: Über allem steht „Je ne regrette rien“ von Edith Piaf, das geht immer. Aber zur aktuellen Situation passt auch Rainhard Fendrichs „Die, die wandern“ gut, den würde ich nehmen.

Was hat Sie in den vergangenen Wochen mehr belastet, die triste sportliche Lage von Rapid oder das menschliche Drama rund um Goran Djuricin? In erster ­Linie einmal das Sportliche. Aber es fährt dir schon ein, wie mit Menschen umgegangen wird. Da geht es gar nicht darum, wie ich zu „Gogo“ stand oder ob er Rapid-Trainer war. Was sich Menschen heute erlauben, entspricht nicht meinen Wertvorstellungen.

Sie haben sich immer schützend vor Djuricin gestellt, den Eindruck hatte man nicht vom gesamten Verein. Hatten Sie manchmal das Gefühl, allein im Regen stehen gelassen zu werden? Nein, hatte ich nicht, aber wir müssen uns in dem Punkt schon überlegen, was wir falsch gemacht haben. Ich hatte immer die volle Rückendeckung des Präsidiums, auch der Präsident hat immer wieder mit Gogo gesprochen. Vielleicht wurde das zu wenig nach ­außen vermittelt.

Zumal es ja irgendwann keine sportliche Diskussion mehr war, sondern eine Frage von Werten: Können wir es als Verein zulassen, dass ein leitender Angestellter von den eigenen Anhängern so durch den Dreck gezogen wird? Das war wie ein Kreis. Es fing bei den Fans an und wurde dann weitergetragen. Plötzlich erlauben sich Menschen –weniger aus der Kurve, sondern im ganzen Stadion, in der ganzen Stadt – Dinge zu sagen oder zu machen, die den meisten nie in den Sinn kommen würden. Ich bin für Meinungsfreiheit, jeder darf auch mir gegenüber seinen Unmut kundtun. Aber man sollte sich immer bewusst sein: Was löse ich damit aus und wie viel schadet man der Mannschaft und dem Verein?

Wir sprechen über persönliche Beleidigungen, aber auch über massive Übergriffe. Ihnen wurden die ­Autoreifen zerstochen. Das wurde aufgepusht, hat mich nicht groß belastet. Ich dachte, was der Trainer mitmacht, ist viel schlimmer. Vielleicht denke ich später, wenn ich die Geschichte verarbeitet habe, anders darüber. Meine per­sönliche Situation stand für mich immer hintan. Außerdem wurde nie bewiesen, wer wirklich hinter der Aktion steckt.

Sie sagten, Sie werfen sich vor, Gogo diesem Druck ausgesetzt zu haben. Heißt das im Umkehrschluss, Sie hätten doch früher die Reißleine ziehen sollen? Schon als wir Gogo zum Trainer gemacht und später den Vertrag verlängert haben, war massiver Gegendruck da. Mir war aber immer klar: Wir überstehen das. Wir wissen, was wir wollen, lassen uns nicht abbringen, gehen unseren Weg. Dabei habe ich übersehen, wie sehr ein Trainer darunter leiden kann. Somit habe ich ihm vielleicht nichts Gutes getan. Ich dachte, wir hätten das unter Kontrolle.

Mein persönlicher Eindruck war, dass Sie schon länger nicht mehr zu hundert Prozent von Djuricin überzeugt waren, aber dem Druck der Fans nicht nachgeben und ihn sozusagen dem Mob zum Fraß vorwerfen wollten. Sorry, da liegen Sie komplett falsch. Ich hätte es auch jetzt noch weiter getragen und dem Druck standgehalten. Der Gradmesser ist aber die Mannschaft, auch wenn es nicht gescheit ist, die Spieler das wissen zu lassen. Wir mussten reagieren, weil ich der Überzeugung war, dass die Mannschaft den Druck nicht mehr aushalten kann. Das ist mir das erste Mal eingefahren im Cup in Mattersburg, da hatte ich aber noch die Hoffnung, der Aufstieg nach Elfmeterschießen könnte ein Befreiungsschlag sein. Doch nach den ersten Minuten im Spiel gegen St. Pölten wusste ich, dass es so nicht weitergehen kann.

Das wusste Djuricin anscheinend auch. So wie er sich unmittelbar nach Schlusspfiff von den Spielern verabschiedet hat, wirkte es so, als wenn es ein Ultimatum gegeben hätte. Er hat sicher gespürt, dass es vorbei war. So hat er auch im Kabinengang reagiert, aber es gab kein Ultimatum. Gogo wusste durch viele Gespräche mit mir, dass ich handeln würde, sobald das Thema die Mannschaft belastet.

Mit etwas Abstand: Woran ist Djuricin letztlich gescheitert? Vorweg: Ich bin überzeugt, dass er ein sehr guter Trainer ist und ein noch besserer werden kann. Ich habe selten erlebt, dass sich jemand in so kurzer Zeit so unglaublich weiterentwickelt hat. Am Schluss ist er am Druck gescheitert. Das ist etwas, was mir auf den Magen schlägt. Ich dachte immer, mit innerer Überzeugung kann man jedem Druck widerstehen. Hier habe ich erstmals ­gespürt, was Druck ausmachen kann, dem standzuhalten ist fast unmöglich.

Nach dem merkwürdigen Cupspiel in Mattersburg mit den Beschimpfungen und der umstrittenen Geste des Trainers hatte ich das Gefühl, dass Sie mit dem Gedanken gespielt haben, zurückzutreten. Auch ich brauche Zeit, das alles zu verarbeiten. Und vielleicht komme ich im Zuge dessen auf solche Gedanken, aber in diesen Momenten habe ich nie an mich gedacht, sondern ausschließlich daran, wie wir – Mannschaft, Trainer, Verein – da wieder rauskommen. Die Ereignisse von Mattersburg waren wirklich vom Schlimmsten, was man auf dem Fußballplatz ­erleben kann. Wenn von der ersten Sekunde an solche Beschimpfungen und Gesten auf eine Trainerbank kommen – das ist unglaublich.

Zur Klarstellung: Wir reden von Beschimpfungen aus dem VIP-Bereich und von Anhängern, die Rapid zugeordnet werden können. Die meisten waren Rapid-Fans, die dort Platz genommen haben. Ich muss dazusagen: Der Block West hat klar seine Meinung kundgetan. Was er ­dabei außer Acht ließ, ist, dass damit Tür und Tor für alle anderen geöffnet wurde. Wenn ich meine Mails anschaue, kommen die von Leuten, die kaum mehr oder gar nicht ins Stadion kommen oder irgendwo auf der Tribüne sitzen. Das sind ganz eindeutig die Schlimmsten.

Von was für einer Qualität von Mails reden wir? Die ganze Bandbreite, ich will das gar nicht breittreten. Die Quintessenz ist, mit welchen Worten auch immer: Du bist besser heute als morgen weg und wir wünschen dir auf deinem weiteren Weg alles Böse.

Auch wenn Sie sagen, Sie denken nur an den Verein, kann Sie das ja persönlich nicht kaltlassen. So habe ich immer funktioniert. Natürlich belastet es mich und ich schlafe vielleicht nicht, aber ich kann das in dem Moment ausblenden und mich auf den Kampf um die Sache konzentrieren. Aber ich weiß aus der Vergangenheit, dass mich das irgendwann einholen wird.

Dazu kommen Zurufe von außen wie der von Hans Krankl, der Sie offen aufforderte, Ihre Koffer zu packen. (schmunzelt) Da ist er ja nicht der Einzige … Ich kann versichern: Wenn ich das Gefühl habe, nichts mehr beitragen zu können, dann werde ich ohne irgendwelche Forderungen zurücktreten. Das habe ich beim FC Zürich auch so gemacht. Ich gehe mit mir immer über die Bücher und hätte kein Problem damit. Das Gefühl hatte ich bis zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht.

Gehen wir doch einmal über die Bücher. Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, dass Rapid seit Ihrem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren bestenfalls stagniert hat. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Auch ich bin grundsätzlich mit der Entwicklung nicht zufrieden, aber man muss das große Ganze sehen. Als ich im Dezember 2016 kam, war die Stimmung schlecht, kaum jemand hat dem anderen getraut, unser Kader war viel zu groß. Ich habe nirgendwo einen Zusammenhalt oder ein Miteinander gespürt, überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, Trainer Canadi und die Mannschaft passen überhaupt nicht zusammen, und hab meine volle Energie darauf verwendet, sie zusammenzuführen. Das ist mir nicht gelungen, daran bin ich gescheitert. Anschließend kamen die Abstiegsangst und dann die Gogo-Geschichte. Das war das Tagesgeschäft, für das wir so viel Kraft benötigten, dass andere Dinge länger gedauert haben. Und trotzdem haben wir den Nachwuchs und das Scouting völlig neu aufgestellt. Aber ja, vielleicht hätten wir die Dinge beschleunigen können, wenn wir bei Trainer und Spielern schneller eine Entscheidung getroffen hätten.

Ein starker Katalysator der Rapid-Misere, das klang in diesem Gespräch oft an, ist das Verhalten eines Teils der Fans. Wie machtlos fühlen Sie sich da als Sportchef? Mir war nicht bewusst, was für eine Kraft da ins Rollen kommt und dass du der machtlos gegenüberstehst. Bei einem kleinen Zündeln gibt es gleich einen großen ­Flächenbrand, der den ganzen Klub, die Stadt, die Region erfasst. Einige Trainer haben aus diesem Grund auch klar mitgeteilt, dass sie für Rapid kein Thema wären, weil sie sagen: Unglaublich, womit du dich hier herumschlagen musst. Die Gedanken vor einem Spiel sind nicht, heute machen wir ein gutes Match und gewinnen, die Gedanken sind, hoffentlich läuft es heute, damit nicht wieder etwas passiert.

Haben Sie diesen Faktor unterschätzt, als Sie zu Rapid kamen? Richtig, das habe ich nicht gesehen. Sie können auch sagen, dass ich überheblich und naiv war. Obwohl mich Adi Hütter (Anm.: war Trainer in Bern, wo Bickel vorher Sportchef war) in mehreren Gesprächen gut vorbereitet hat. Er meinte: Wenn du Rapid überstehst, überstehst du alles!

Das heißeste Pflaster in Ihrer Laufbahn?
Ja, ganz klar.

Hat Rapid, und zwar schon weit vor Ihrer Zeit, den Fehler gemacht, den Fans viel zu viel Macht zuzugestehen?
Ich möchte nicht über Dinge urteilen, die vor mir passiert sind, das steht mir nicht zu.

Fordern Sie intern eine härtere Vorgangsweise?
Nein, aber ich verlange, dass wir intern wirklich zusammenstehen und uns nicht von außen verbiegen ­lassen. Da wähne ich uns auch auf einem guten Weg, auch wenn es vielleicht nicht so aussehen mag.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass mit der Installation von Didi Kühbauer der Klub wieder mehr zusammenhält? Es hilft uns ganz sicher, dass Didi sehr großen Respekt im ganzen Umfeld genießt. Das nimmt uns Druck weg und bringt Ruhe hinein. In dieser Phase müssen wir es schaffen, auch sportlich in die Spur zu finden. Wenn wir das hinbekommen, ­haben wir das Potenzial, eine wunderbare Saison zu spielen.

War das einigende Potenzial der Hauptgrund, der für Kühbauer sprach? Einer der Gründe. Mir war klar, dass wir nur einen Trainer nehmen können, der Mannschaft, Umfeld und Liga kennt, damit sofort Ruhe ein­kehren kann. Die Tabellensituation ist prekär, wir haben keinen einzigen Tag zu verlieren.

Und trotzdem gibt es ein großes Risiko, da ­Kühbauer noch nicht nachgewiesen hat, mit Klubs, die zu einer bestimmenden Spielweise und zum Erfolg ­verdammt sind, arbeiten zu können. Dieses Risiko ist mir bewusst, aber ich habe mich gut informiert und unter anderem auch mit Adi Hütter gesprochen, den Didi im März einige Tage in Bern besucht hat. Ich bin überzeugt, dass Didi der richtige Trainer im richtigen Moment ist.

Sie haben vor Kurzem das Miteinander im österreichischen Fußball kritisiert und von Neid und Missgunst gesprochen. Wie haben Sie das gemeint? In der Schweiz weiß jeder, dass er vom anderen Klub profitiert, wenn der europäisch erfolgreich ist. Da wurden Terminpläne angepasst, selbst wenn sie zum eigenen Nachteil waren. Man hat einander Glück gewünscht und sich gefreut, selbst wenn es mit dem FC Basel den schlimmsten Konkurrenten betraf. Und hier, das spürst du schon im eigenen Verein, schaut jeder fest auf sich selbst und kann kein Lächeln aufsetzen, wenn der andere Klub im Europa­cup eine Runde weiterkommt.

Ihr Vertrag läuft mit Saisonende aus. Wurde schon über eine weitere Zusammenarbeit gesprochen? Wir haben das Thema angesprochen, beidseitig mit posi­tiven Signalen. Durch die Geschehnisse der letzten Zeit war es aber absolut kein Thema. Jetzt muss ich alles verarbeiten, was geschehen ist, dann werden wir es miteinander regeln. Für mich ist klar: Bis zur Winterpause muss diese Frage geklärt sein.

Können Sie ausschließen, dass Sie sagen: „Ich hab keine Lust mehr, mir Rapid weiter anzutun“? Ich glaube, dass nach der Verarbeitung die Motivation größer sein wird, endlich auf den richtigen Weg zu kommen, als die Brocken hinzuwerfen.