Tschertschessow: „Jetzt kommt eine neue Generation“

Tirol-Legende Stanislaw Tschertschessow steht vor der Herkulesarbeit, das kriselnde russische Team auf die Heim-WM vorzubereiten. Hier erklärt der 53-Jährige, warum ihm davor nicht bange ist, welchen Spagat er bewältigen muss und was er sich vom Confederations Cup erwartet.

//Interview: Markus Geisler// Fotos: Imago//

SPORTMAGAZIN: Sie haben wahrscheinlich den spannendsten und schwierigsten Job im Weltfußball gleichzeitig, nämlich Russland auf die Heim-WM 2018 vorzubereiten. Eine ­Mission impossible?

Stanislaw Tschertschessow: Wie man es sieht. Ich sehe es als Herausforderung, wichtig, interessant, aber auch nicht einfach.

Sie waren vergangene Saison Trainer bei Legia Warschau, haben dort das Double gewonnen, sensationelle­ 2,14 Punkte im Schnitt geholt. Warum haben Sie dort aufgehört?

Als ich dort im Herbst übernommen habe, hatten wir zehn Punkte Rückstand. Legia hatte in der Saison sein 100-Jahr-Jubiläum, es mussten unbedingt Ergebnisse her. Wir haben dann zwei Titel geholt. Eine schöne Geschichte, aber eben Geschichte. Ich hatte nur einen Vertrag bis Saisonende, wollte mit dem Klub den nächsten Schritt machen, der Präsident hatte aber andere Ansichten. Deswegen haben sich unsere Wege getrennt. Zum russischen Verband gab es zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt keinen Kontakt.

Sie sollen in der Phase auch bei Red Bull Salzburg im Gespräch gewesen sein.

Mit mir hat niemand gesprochen. Sie wissen ja, die Zeitungen schreiben immer viel. Ich denke manchmal, vielleicht gibt es noch den einen oder anderen Stani Tschertschessow.

Im Juli wurden Sie Nachfolger von Leonid Slutsky, der nach der enttäuschenden EURO mit nur einem Punkt zurücktrat. Seitdem gab es sieben Spiele, die Bilanz ist mit zwei Siegen, zwei Unentschieden und drei Niederlagen durchwachsen. Man hört, dass sich in Russland schon ­Nervosität breitmacht.

Das ist überall gleich, nicht nur in Russland. Aber interessant ist es schon: Nach der EURO hatte man den Eindruck, als hätten wir überhaupt kein Nationalteam. Dann plötzlich sollen wir alle Spiele gewinnen. Das geht nicht! Ich habe mit dem Verband klar vereinbart, dass wir in der Vorbereitung unbedingt gegen starke Gegner spielen müssen: Afrika-Cup-Halbfinalist Ghana (Anm.: 1:0), WM-Viertelfinalist Costa Rica (3:4), Elfenbeinküste (0:2) oder Belgien (3:3), das ist nicht einfach. Dazu muss ich parallel die Mannschaft umbauen und weiterentwickeln. Das ist ein Spagat in viele Richtungen, ich habe aber nur zwei Beine.

Im jüngsten Spiel gegen Belgien gelang der Ausgleich erst in der Nachspielzeit.

Wir lagen auch gegen Costa Rica 1:3 hinten und haben ausgeglichen, gegen Rumänien fiel das Siegtor ebenfalls in der Nachspielzeit. Das zeigt, dass wir eine tolle Moral in der Mannschaft haben. Jetzt müssen wir konsequenter und solider werden, damit wir erst gar nicht in Rückstand geraten.

Wenn man ein so großes Land auf eine Heim-WM vorbereitet, spürt man dann die aufkommende Ungeduld umso mehr?

Natürlich wollen alle, dass immer alles sofort funktioniert. Aber woher soll die Qualität kommen, will man die geschenkt bekommen? Wir hatten 2008, als wir EM-Dritter wurden, eine hervorragende Generation mit Spielern wie Arschawin oder Pawljutschenko. Jetzt kommt eine neue Generation. Es gibt gute junge Spieler in Russland, denen muss ich aber Zeit geben.

Die russischen Medien scheinen diese Geduld nicht aufzubringen.

Ach, Sie kennen doch Ihre Kollegen. Presse und Geduld – das passt einfach nicht zusammen. Ich meine das gar nicht negativ, das ist normal.

Am 17. Juni startet der Confed Cup, Gegner sind Neuseeland, Portugal und Mexiko. Geht es bei diesem Turnier auch um Ihren Job?

Oft verstehe ich nicht, warum solche Fragen gestellt werden. Geht es nur darum, mit Schlagzeilen das Heft zu verkaufen?

Ich finde, die Frage ist angesichts der Stimmung gerechtfertigt.

Weiß ich nicht. Aber okay, egal, wo du arbeitest, das gehört anscheinend zum Job dazu. Ganz gleich, ob bei einem Klub, in Malta oder eben in Russland.

Anders gefragt: Wie wichtig ist bei dem Spagat, den Sie vorher beschrieben haben, ein gutes Ergebnis bei der WM-Generalprobe?

Ergebnisse sind immer wichtig, egal wann und wo.

Vor fünf Jahren war Russland noch in den Top 10 der FIFA-Weltrangliste, in den Nullerjahren haben ZSKA Moskau und Zenit St. Petersburg die Europa League gewonnen, 2008 war die Sbornaja EM-Dritter. Mittlerweile spielen die Klubs keine Hauptrolle mehr im Europacup, das Team ist auf Rang 61 abgestürzt. Was ist schiefgelaufen?

Warum schiefgelaufen? Wir haben uns seit 2012 doch für jedes Turnier qualifiziert.

Aber der Absturz auf Rang 61 muss doch Grund zur Sorge sein.

Das betrifft ja alle Gastgebernationen, die keine Qualifikationsspiele haben. In Freundschaftsspielen gibt es eben weniger Punkte. Österreich, Frankreich, Deutschland, Brasilien – die hatten alle das Problem. Das muss man in Kauf nehmen.

Aber die Krise begann ja schon früher. Oder sehen Sie das anders?

Ich finde, wir haben eine ganz normale Entwicklung genommen. Andere haben sich verbessert, wir sind vielleicht gleich geblieben. Als ich Trainer von Dynamo Moskau war (Anm.: 2014/15), haben wir alle sechs Spiele in der Gruppenphase der Europa League gewonnen. Und Sie sagen, nichts war gut?

Faktum ist trotzdem, dass seit 2014 nur ein Klub (Zenit in der EL) ein Viertelfinale eines europäischen Bewerbs erreicht hat. Wobei ich es gar nicht zu negativ ­beschreiben will. Du kannst als russisches Team nicht jedes Jahr etwas gewinnen.

Wir sind mit Dynamo damals an ­Napoli gescheitert, das kann passieren. Wir reden über Russland, nicht über Spanien oder England. Wir haben 2005 und 2008 die Europa League gewonnen. Das geht nicht jedes Jahr.

Beim Blick auf den russischen Kader fällt auf, dass es so gut wie keine Legionäre mehr gibt. Zu meiner aktiven Zeit war es genau umgekehrt. Da kamen 75, 80 Prozent der Spieler aus europäischen Ligen.

Wenn Spieler heute wechseln, brauchen sie entweder einen finanziellen oder sport­lichen Anreiz. Die finanzielle Lage in der russischen Liga ist allerdings sehr gut. Vielleicht ist das ein Grund.

Ihnen als Teamchef gehen dabei Spieler mit internationaler Erfahrung ab.

Theoretisch schon. Praktisch weiß es aber niemand. Was bringt es jemandem, ins Ausland zu gehen, wenn er dann oft auf der Bank sitzt, wie zum Beispiel Roman Neustädter bei Fenerbahce? Aber natürlich ­hätte ich nichts dagegen, wenn jemand Stammspieler bei einem Top-Klub wäre und diese Erfahrung ins Nationalteam einbringen würde.

Sie haben in Ihren sieben Spielen den einen oder anderen jüngeren Spieler eingebaut, das Gerüst besteht aber vorwiegend aus älteren Akteuren. Würden Sie sich wünschen, dass mehr Spieler nachrücken?

Hören Sie mit dem Wünschen auf, das bringt im Fußball doch nichts. Wenn ein guter Junger kommt, von dem wir überzeugt sind, bauen wir ihn ein, wenn nicht, dann nicht. Meine Aufgabe ist es, niemanden zu übersehen. Und einiges ist auch schon passiert. Beim Spiel gegen Belgien standen nur drei Spieler auf dem Platz, die bei der EURO dabei gewesen sind.

Sie könnten beim Confed Cup auf Deutschland mit Jogi Löw treffen, unter dem Sie 2002 in Innsbruck Meister geworden sind. Wie sind Ihre Erinnerungen an diese gemeinsame Zeit?

Wir hatten eine erfolgreiche, aber sehr schwierige Zeit zusammen, die finan­ziellen Umstände sind ja bekannt. Unter diesen Voraussetzungen Meister zu werden zeigt, was für ein guter Trainer schon damals in Jogi steckte. Wir haben in diesem Jahr eine beeindruckende Moral gezeigt.

Stellen Sie sich kurz vor, Sie hätten sich damals mit Löw unterhalten und gemutmaßt, dass man sich 15 Jahre später als deutscher und russischer Teamchef trifft …

(lacht) Ich hab damals noch überhaupt nicht daran gedacht, einmal Trainer zu werden. Er hatte da schon einen Vorsprung auf mich. Jetzt sind wir Kollegen und spielen miteinander bei einem Turnier. Das ist doch fantastisch!

Hat Sie Löws Karriereweg bis hin zum Weltmeister-Trainer überrascht?

Nein, ehrlich nicht. Ich habe mir sogar einmal zum Vorbild genommen, wie er die Situation in Innsbruck gemeistert hat. Als ich Trainer in Sotschi war, hatten wir die gleichen Probleme. Ich hab mich daran er­innert, wie Löw es gemacht hat. Das hat mir geholfen, mit der Situation klarzukommen.

Die Deutsche Presse Agentur hat berichtet, dass es Kritik von russischer Seite an Löw gibt, weil er beim Confed Cup auf Stars wie Kroos, Özil oder ein paar Bayern-­Spieler verzichten will.

Wer soll das gesagt haben? Ich glaube das nicht. Wenn Löw so entscheidet, ist das sein gutes Recht. Wer sagt, wer die besten Spieler für so ein Turnier sind? Nur der Trainer. Und wenn ein Spieler „leer“ ist, weil er 70 Spiele absolviert hat, dann ist es besser, einen anderen zu nominieren. Will ich einen großen Namen auf dem Trikot oder einen Profi, der seine volle Leistung bringen kann? Ich kritisiere da gar nichts.

Die Sbornaja wird sich in Tirol auf den Cup vorbereiten. Was genau ist geplant?

Wir machen ein neuntägiges Trainingslager in Neustift, dort haben sich auch schon ­Spanien oder Frankreich auf Turniere vorbereitet. Dort herrschen optimale Bedingungen. Danach geht es nach Budapest zu einem Test gegen Ungarn.

Der russische Sport allgemein hat derzeit ein Imageproblem. Staatsdoping, Korruption …

… stopp, da verlassen wir jetzt die sportliche Ebene und gehen in die Politik. Ich bin aber für den Sport zuständig. Bitte halten Sie mich aus der Politik raus!

Gilt das auch für das Hooligan-Problem? Bei der EURO haben sich englische und russische Hooligans in Marseille wahre Schlachten geliefert, jüngst gab es eine BBC-Dokumentation zu dem Thema.

Okay, das Thema gehört mir. Ich sage aber: So bitter das ist, Hooligans gibt es überall. Zuletzt haben wir es beispielsweise bei Besiktas gegen Lyon gesehen. Man muss dagegen vorgehen, aber bitte nicht mit dem Finger auf ein bestimmtes Land zeigen, das wäre nicht fair.

 

 

SM0517_Cover SCREEN