Die ganze Story: Tore und Amore

Erst setzte Antonio Conte die Chelsea-Stars auf Diät, dann formte er sie zu Serienhelden. Nach einem Jahr der Hölle greifen Diego Costa & Co. wieder nach den Sternen. Und Pep, José & Co. haben den Blues.

//Text: Tom Hofer //Foto: getty

Auch Altmeister können irren. Auf die Frage, welche Teams sich diesmal um den Titel matchen werden, hatte Sir Alex Ferguson vor Kick-off der Premier League, Mitte ­August, exakt fünf Kandidaten parat. Eh klar, Manchester City sei der Top-Favorit. Pep Guardiola würde nach Spanien und Deutschland auch England im Sturm erobern, so Fergusons überzeugte Prognose. Tottenham, Liverpool und sein Ex-Klub Man United wären jederzeit in der Lage, die Chance zu nützen, sollten die Skyblues aus irgendeinem Grund schwächeln. Na ja und dahinter würde, lediglich mit Außenseiterchancen, versteht sich, Arsenal lauern. Und Chelsea? No way! Die Blues waren Ferguson kein Wort wert. Irgendwie ja auch verständlich, nach dem desaströsen Absturz auf Platz 10 in der Saison davor (dem schlechtesten Ergebnis in der Ära Abramowitsch) schien der Londoner Traditionsklub einfach zu schwach auf der Brust für ein Comeback im Titelrace zu sein.

Den Chelsea-Fans war die Prognose so was von egal. „Neuer Trainer, neues Glück“ lautete das Motto an der Stamford Bridge. „Antonio Conte does it better, makes me happy, makes me feel this way!“ Seit dem 2:1 in Runde 1 im Derby gegen West Ham grölen sie voller Inbrunst ihren neuen Lieblingssong. Dabei begann Contes Amtszeit – wie für einen Großen der Zunft üblich – mit einer Niederlage. Klar, das 0:2 gegen Rapid bei der Eröffnungsparty des neuen Allianz Stadions lässt sich locker schönreden: einige Stars nach der EURO noch im Urlaub, der Rest der Truppe erst kurz im Training – trotzdem tat der Bauchfleck in Hütteldorf Conte weh.

Pizza-Verbot

„Es war schwer für uns nach drei Tagen intensivem Training, aber ich verliere nie gern. Ich hab eini­ge Dinge gesehen, an denen wir arbeiten müssen“, knurrte der Italie­ner nach dem Spiel in Wien grantig in die Mikros. Mindestens genauso unterkühlt war die Gefühlslage bei ­Diego ­Costa & Co., als sie im Hotel mit dem Speiseplan ihres neuen Chefs Bekanntschaft schlossen: nichts Gschmackiges, womit man die Kohlehydratspeicher auffüllen hätte können, stattdessen lediglich ein Snack für den kleinen Hunger zwischendurch – eine Auswahl an Nüssen und etwas Obst. Nachdem sich die Spieler darüber beschwert haben, wird am Matchtag inzwischen zwar längst wieder Warmes serviert, doch Contes Kontrollwahn hat überlebt – jedes Kilo zu viel auf den Hüften seiner Spieler wird gnadenlos bestraft. Die noch unter seinem Vorgänger Guus Hiddink übliche Post-Match-Pizza steht bei Conte ganz oben auf der Verbotsliste.

Böse Zungen behaupten, der Erfolgshunger der Blues ist heuer genau deshalb so groß. Die neuen Essgebote sind freilich nur ein Kapitel im Evangelium Antonio. Der 47-jährige Italiener hat bei Chelsea komplett den Reset-Knopf gedrückt. Da wäre erstens die neue Stabilität in der Defensive. Goalie Thibaut Courtois, kürzlich noch der Goalie mit der schlechtesten Fangquote in der Premier League (der Belgier parierte nur peinliche 47,1 Prozent der Schüsse), ist plötzlich wieder die Sicherheit in Person. Wer in 22 Runden 13-mal die Null festhält, kann kein Fliegenfänger sein. Der 1,99-Meter-Lackel profitiert klarerweise enorm von der neuen Abwehrordnung vor ihm. Dreier- statt Viererkette lautet – typisch italienisch – das Motto von Conte. Hobbyzauberer David Luiz, der ab und zu in der Kabine den Kollegen seine Tricks vorführt, dazu der spanische Fighter ­César Azpilicueta und Captain Gary Cahill halten den Laden meisterhaft dicht.

Erfolgsrezept 3-4-2-1

Dass Blues-Urgestein John Terry (36) die Truppe quasi nur noch als Maskottchen durch die Saison begleitet und mit Saisonende die Schuhe an den Nagel hängt, kann man sich locker leisten. Die Aufgabe der Abwehrcracks fällt umso leichter, wenn davor zwei begnadete Abräumer wie Nemanja Matic und N’Golo Kanté ihren Job derart wörtlich nehmen. Mit der Verpflichtung von Frenchman Kanté, der täglich mit dem Mini Richtung Cobham Ground, dem schmucken Trainingscenter der Blues, kurvt, gelang Chelsea am Transfermarkt der größte Coup. 35,8 Millionen Euro sind zwar echt kein Schnäppchen, doch Kanté ist ­jeden Cent davon wert. Schon im Vorjahr beim märchenhaften Siegeszug von Leicester war der „Mister Perfect Tackle“ der schillerndste Teil im Meister-Puzzle von Claudio Ranieri. Holt der 1,69 Meter kleine Mittelfeldmann, der vor vier Jahren noch im Dress von US Boulogne (wo auch Franck Ribéry groß wurde) in Frankreichs 3. Liga kickte, den zweiten Titel in Serie, schießt sein Marktwert garantiert durch die Decke.

3-4-2-1 lautet Contes Formel, an der die prominente Konkurrenz verzweifelt. Das Duell gegen Guardiola gewann Conte sicher mit 3:1. José Mourinho bekam beim 4:0 gegen Chelsea so richtig eins auf den Deckel. Arsène Wenger gewann ein Duell, verlor das zweite aber klar. Nur Jürgen Klopp holte immerhin vier von sechs möglichen Punkten gegen Contes Company. Für den ersten Titel seit 1990 wird’s für Liverpool trotzdem wieder nicht reichen. Zu schwankend sind die Leistungen der Reds. Chelseas Dominanz liegt auch daran, dass man – so wie Leicester vorige Saison – angesichts fehlender internationaler Verpflichtungen die ganze Power für die Meisterschaft bündeln kann. Für Pep Guardiola ist dieser Fact titelentscheidend. Darauf wies der Katalane schon vor Saisonbeginn hin. Wie man Meister wird, weiß ohnehin kaum einer besser als Conte. Insgesamt achtmal holte er mit Juventus den Scudetto – fünfmal als Spieler, dreimal als Coach (2011/12 ungeschlagen!). Und optisch schaut er heute sogar jünger aus als zu seiner aktiven Zeit. Das liegt an einer Haartransplantation, die Conte in einer Klinik in Vancouver durchführen ließ.

Chelsea stellt Premier-League-Rekord auf

Den Weg zum Premier-League-Titel ebnet eine 13 Spiele dauernde Siegeserie der Blues – neuer Rekord für Premier-League-Verhältnisse! Von 1. Oktober bis Ende Dezember fuhr man einen Dreier nach dem anderen ein. Weil eben nicht nur die Defensive felsenfest steht, sondern auch das offensive Trio Willian/Hazard/Costa – perfekt unterstützt von Marcos Alonso und Victor Moses an den Außenbahnen – perfekt harmoniert. Was im Fall von Diego Costa nicht immer einfach ist. Einerseits jagt der Bad Boy gerade seinen persönlichen Torrekord auf der Insel (2014/15, beim letzten Titel für Chelsea, waren es 20 Volltreffer), später sorgten erst hartnäckige Rückenschmerzen für Sorgen, dann die Spekulationen über einen fliegenden Wechsel nach China, der Costa zum bestbezahlten Kicker des Planeten gemacht hätte, für böses Blut im Klub. Nur Conte blieb stets cool: „Ich war immer überzeugt von Diegos ­Willen, für dieses Team zu kämpfen und alles zu geben.“ Um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein, soll sich Chelsea mit Real-Striker Alvaro Morata bereits einig sein.

Unbeugsamer Wille ist vor allem das, wofür Victor Moses steht. Mit elf musste er daheim in Nigeria mit ansehen, wie seine Eltern von religiösen Fanatikern ermordet wurden. Sein Onkel versteckte den Buben und rettete ihm so das Leben. Als Moses wenig später in England um Asyl ansuchte, hatte er einen Traum: „Ich wollte Profifußballer werden, damit meine Eltern im Himmel stolz auf mich sind.“ Via Crystal Palace und Wigan landete er an der Stamford Bridge, doch der Durchbruch ließ auf sich warten. Er wurde verliehen, erst nach Liverpool, dann zu Stoke, schließlich zu West Ham. Im Sommer 2016 kehrte Moses nach London zurück. Jetzt greift er nach den Sternen. „Ich hab von Tag eins der Vorbereitung an sein enormes Potenzial gesehen. Mir ist schleierhaft, wie ihn meine Vorgänger unterschätzen konnten“, schwärmt Conte. Bringt Chelsea den Vorsprung über die Ziellinie, schreibt sich die Herz-Schmerz-Story der Saison ganz von selbst.