Das ganze Interview mit Thorsten Fink: „Über Scharner habe ich noch nie etwas Positives gelesen“

Der Fink-Tank der Austria im Interview: Seine Kampf­ansage an Red Bull, warum ihn Raphael Holzhauser an Xabi Alonso erinnert und er ORF-Mann Rainer Pariasek einfach nicht mag.

//Interview: Markus Geisler// Foto: GEPA//

SPORTMAGAZIN: Wir stehen hier auf der Stadionbaustelle mit Helm unter Arbeitern. Erinnert Sie das an Ihre Kindheit? Sie kommen aus Dortmund, mitten im Ruhrpott, Ihr Vater war ein echter Malocher.

Thorsten Fink: Ja, er war als Stahlarbeiter unter Tage, hat die härtesten Jobs gemacht, echte Knochenarbeit. Er hat was ganz anderes geleistet als ich.

Was nimmt man davon mit?

Viel Stolz, viel Familiensinn. Wenn meine Kinder mal über mich so reden wie ich über meinen Vater, dann habe ich viel erreicht. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man, wie meine Kinder, in München groß wird oder in einer Zechensiedlung im Ruhrpott, wo es richtig zur Sache geht. Wer dort aufwächst, weiß, wie hart man für sein Geld schuften muss.

Mit harter Arbeit gegen das Geld anstinken – ist das heuer das Motto der Austria?

Es ist ja nicht so, dass wir hier im Armenhaus wären, aber im Vergleich zu Salzburg sind wir natürlich benachteiligt. Was dort mit einer Top-Strategie und richtig viel Asche aufgebaut wurde, kann man nicht von heute auf morgen einholen. Aber: Jeder Verein macht irgendwann etwas falsch, das gilt auch für Salzburg. Des­wegen werden wir versuchen, sie dieses Jahr anzugreifen.

Das ist mal eine Kampfansage.

Wenn ich heute sage, wir werden Zweiter, ist doch keiner zufrieden. Nein, wir wollen Erster werden, wir gehen das an. Wir arbeiten seit zwei Jahren zusammen, haben das Selbstvertrauen. Mit viel Teamwork können wir das schaffen.

Dazu kommt, dass sich in Salzburg einiges ver­ändert hat.

Sie haben einen neuen Trainer, im Kader gab es ein paar Änderungen. Wer weiß, wie diese Dinge harmonieren. Wenn sie nicht harmonieren, wollen wir da sein. Nur: Wenn wir Erster werden, ist es ein Außenseitersieg. Wir sind nicht auf Augenhöhe mit Red Bull. Ich sage es mal mit Che Guevara: „Seien wir realistisch und versuchen wir das Unmögliche!“

Mit Heiko Westermann haben Sie einen Spieler geholt, der im August 34 Jahre alt wird und in den letzten zwei Jahren wenig zum Zug kam. Können Sie die Kritik an dem Transfer nachvollziehen?

Wenn Sie die Zeitungen richtig verfolgt haben, gab es neunzig Prozent Zustimmung und zehn Prozent Kritik. Sie haben jetzt die zehn Prozent rausgepickt. Klar gibt es Leute, die sagen: Der verbaut einem Jungen den Weg. Ich sehe aber momentan nicht, dass wir dort die Stärke haben. Ich kenne Heiko sehr gut und weiß, dass er ein Top-Profi ist (Anm.: Fink setzte ihn beim HSV in 67 Spielen ein), 27-facher Nationalspieler, sogar Kapitän. Er hätte in Amsterdam bleiben können und verzichtet mit dem Wechsel auf richtig viel Geld, weil er lieber­ spielen will. Das sagt doch alles über seinen Charakter. Und wir haben uns über ­seine Fitness erkundigt.

,,Den kannte in Deutschland niemand.”

Thorsten Fink über Paul Scharner

Erzählen Sie mal.

Er ist bei unseren Fitnesstests unter den Top 6, hat einen Körperfettanteil von 7,8 Prozent. Viel besser geht’s nicht. Ich denke, er kann uns in dieser Saison sportlich helfen und im nächsten Jahr den jungen Spielern unter die Arme greifen, bei uns hineinzuwachsen.

Paul Scharner meinte, Westermann hätte beim HSV gefühlt die Hälfte aller Gegentore verschuldet.

(denkt lange nach) Da ist fast jedes Wort zu viel. Über Paul Scharner habe ich noch nie etwas Positives gelesen. Den kannte in Deutschland niemand. Ich kenne mich beim Kicken ein bisschen aus und weiß: Der hatte keinen Auftrag im Fußball.

Westermann soll in der Abwehr Lukas Rotpuller ersetzen, der seinen Vertrag zu den angebotenen Kondi­tionen nicht verlängern wollte. Für Sie nachvollziehbar?

Der Verein hat ein Budget und stuft die Spieler nach ihren Führungsqualitäten ein. Er hat das angeboten bekommen, wo wir ihn sehen. Er kann ja nicht über anderen stehen, die ein ähnliches Niveau haben. Da muss man strikt sein. Gehälter einzuschätzen ist eines der heikelsten Dinge in einem Verein, das kann die Hierarchie zerstören, da passieren viele Fehler.

Westermann und Monschein, der wohl Kayode ersetzen soll, sind neu, Friesenbichler wurde fix verpflichtet, mit de Paula doch verlängert. Wurden alle Ihre Wünsche erfüllt, um die hohen Ziele zu erreichen?

Ja! Also die Wünsche, die realistisch sind. Mir würden schon noch ein paar Spieler einfallen, die uns vor allem in der Breite verstärken würden, aber der Verein hat ja einen finanziellen Rahmen. Wichtig war, dass wir unsere Abwehr stabilisieren konnten. Das war unsere Schwäche.

50 Gegentore sind für ganz oben zu viel.

Ja, klar! Obwohl wir 13-mal zu null gespielt haben, was auch komisch ist. Wenn wir mal 0:1 hinten lagen, haben wir immer den Geist aufgegeben, das war das Problem. Wir haben in vier Spielen 18 Gegentore bekommen, das ist zu viel für eine Spitzenmannschaft, wie wir es sind.

Mit Raphael Holzhauser haben Sie einen genialen Strategen, der manchmal ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt. Er erinnert ein wenig an die Spielmacher der 90er-Jahre: nicht den größten Aktionsradius, aber 50-Meter-Pässe genau in den Lauf. Ich finde, er ähnelt Xabi Alonso, nur hat der schon ein paar Mal die Champions League gewonnen …

Holzhauser hat sich super entwickelt, ist zum absoluten Führungsspieler gereift. Er war früher mehr ein Luftikus, das hat er abgelegt. Wo er noch ein bisschen lernen muss: Er hat manchmal eine arrogante Art auf dem Platz, ist überheblich. Das ist teilweise gut, das hatten wir beim FC Bayern auch. Aber man darf es nicht übertreiben, muss immer Respekt vor dem Gegner haben (lacht). Wär aber auch schade, wenn er jetzt schon komplett wäre. Wir müssen nur schauen, dass wir die Verträge, die wie bei ihm nächstes Jahr auslaufen, rechtzeitig verlängern. Ihn ablösefrei gehen lassen zu müssen wäre nicht sehr intelligent.

Sobald im deutschsprachigen Raum ein Trainerposten frei wird, ist auch Ihr Name meist in der Verlosung. Gilt Ihre Ausstiegsklausel eigentlich nur für bestimmte Klubs?

Sie wissen ja, dass wir keine Vertrags­details bekannt geben. Aber gehen Sie davon aus, dass sie eher für bestimmte Ligen gilt. Faktum ist: Ich fühle mich hier sehr wohl und würde gern nächstes Jahr in dieser tollen Arena an der Seitenlinie stehen. Aber ich sage auch: Was passieren könnte, wenn ein Klub anfragen würde, weiß ich nicht. Es sollte aber immer eine Situation sein, von der alle Seiten profitieren.

Dafür sind Ausstiegsklauseln ja da.

Ich bin jetzt zwei Jahre bei der Austria, länger war in den letzten zwanzig Jahren nur ein Trainer hier (Anm.: Karl Daxbacher). Das ist heutzutage ja schon selten. Mit der Vision, die wir hier haben, kann ich mich voll und ganz identifizieren. Wenn wir es in die Champions League schaffen, können wir mit dem neuen Stadion richtig was anpacken und ein echter Konkurrent für Salzburg werden. Das ist absolut möglich.

Haben Sie eine Deadline, wann Sie wieder in der deutschen Bundesliga arbeiten wollen?

Es hätte ja schon die eine oder andere Möglichkeit gegeben. Zum Beispiel gab es nach einem halben Jahr ein Angebot (Anm.: von Hannover 96), das hat nicht geklappt, weil der Klub mich – verständlicherweise – nicht gehen lassen wollte. Wir hatten kurz zuvor eine Plakataktion, darauf stand: „Ich bin stolz, Austrianer zu sein“. Dann zu gehen hätte ich selbst als zu bitter empfunden. Das macht man nicht.

Wenn wir mit dem Abstand von knapp zwei Monaten über das Crash-­Interview mit Rainer Pariasek und Peter Hackmair reden …

Ach, darüber kann ich heute schmunzeln. Es ist einfach so, dass ich manchmal etwas rauslassen muss, nicht alles in mich reinfressen kann. Wenn ich eine Meinung habe, muss ich sie auch vertreten können, egal, ob ich vor einer Kamera stehe oder nicht. Ich bin ja nicht despektierlich geworden.

Na ja, Sie waren schon sehr angriffig.

Wie soll ich es sonst ausdrücken, wenn ich kritisch sein will? Aber ich habe niemanden beleidigt. Ich habe meine Meinung gesagt, die übrigens heute noch steht. Kein Problem für mich. Sie wollen ja auch, dass ich meine ehrliche Meinung sage. Dann weiß jeder, woran er ist. Ich bin schon emotional, das weiß ich, das ist im Fußball ja auch manchmal nützlich (lacht). Okay, bei den Interviews vielleicht nicht so. Aber am Ende kam jeder positiv weg.

Das heißt, Sie würden aus heutiger Sicht keine ­Fehler einräumen.

Nö! Warum?

Zumindest das mit dem Skifahren war schon ein persönlicher Angriff.

Ich merke, wenn Leute mir über Wochen und Monate etwas anhaben wollen. Einfach zu behaupten, wie im konkreten Fall, dass es kein Abseits war, obwohl es keiner richtig auflösen konnte … Dann weiß ich, dass der Mann mich nicht mag. Und dann mag ich ihn auch nicht. So ist das!

Wie schwer ist es generell, im Hochdruckkessel Profifußball einen kühlen Kopf zu bewahren?

Mal mehr, mal weniger, ich hab ja auch nicht immer die gleiche Temperatur. Ich kann Ungerechtigkeiten nicht leiden und sage dann auch, was ich denke. Bei Jürgen Klopp ist so etwas immer super, bei anderen nicht. Wobei ich nicht finde, dass ich in dem Fall schlecht weggekommen bin (lacht). Zumindest war ich vorher noch nie in der Bild-Zeitung auf Seite eins in der Rubrik „Gewinner“.

Haben Sie mit Rainer Pariasek nachher mal einen Kaffee getrunken?

Das nächste Interview kommt bestimmt. Nein. Wann soll ich ihn sehen? Will ich auch nicht. Alles kein Problem.

Ein kurzer Schwenk zum Nationalteam.

Als Sie kamen, wurde Marcel Koller wie ein Held gefeiert, nach der EURO ziemlich harsch kritisiert. Unfair oder Teil des Geschäfts? Teil des Geschäfts. Wir Trainer werden nach dem beurteilt, was wir leisten. Koller hat einen hervorragenden Job gemacht und das Team zur EM gebracht. Dann lief es nicht mehr rund, dann muss man sich auch der Kritik stellen.

Finden Sie die Kritik überzogen?

Überzogen ist es doch immer. Ich sage oft: Nichts ist so alt wie der jüngste Erfolg. Wenn ich dieses Jahr Fünfter werde, ist auch keiner zufrieden – und da hilft es mir auch nichts, dass ich vorher Zweiter wurde. Das interessiert dann keinen mehr.

Sie sind ein sehr modebewusster Trainer, stehen immer fesch angezogen in der Coaching Zone. Wie wichtig ist Ihnen das?

Jeder Mensch sollte doch darauf aus sein, sich gut anzuziehen. Ich finde schon, dass man in der Coaching Zone gut auszusehen hat und dort nicht im Trainingsanzug stehen sollte. Jeder muss selbst wissen, wie er sich wohlfühlt. Und bei mir ist es eben so.

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