Federer: The King and I

Von einer nach den Australian Open erlittenen Knieverletzung genesen, lässt es der Tennismonarch ab sofort wieder krachen. Schon vor Weihnachten hat das SPORTMAGAZIN erkundet, wie es sich im Schatten einer echten Lichtgestalt ­anfühlt, warum ein ­Österreicher mit der Welt berühmtestem Schweizer das Stuttgarter Gras wachsen lässt und wie locker es sich mit Roger Federer Face-to-Face tatsächlich plaudert. Hier die Story.

//Story: Fritz Hutter

//Fotos (C) mercedescup.de/ privat

Nach rund 15 Minuten asiatischer Höflichkeit seitens Kei Nishikori ebbt am vorletzten Gruppenspieltag der ATP World Tour Finals 2015 in London das Medieninteresse am Japaner doch ein bisserl ab. Draußen vorm großen ­Mediensaal von „The O2“, seit 2009 Bühne für den Clash der allerbesten acht Cracks der abgelaufenen Tennissaison, brodelt es hingegen mächtig. Erwartet wird niemand Geringerer als der heutige Nishikori-Bezwinger Roger Federer. Der 34-jährige Schweizer ist nicht nur für Journalisten und Millionen Fans so was wie das letzte Einhorn einer Weltsportart, die traditionell ohnehin nicht arm an Helden dasteht. Der Auftritt ist dann ein volksnaher. Begleitet von einer Presse-Lady der ATP bahnt er sich geschnäuzt, gekampelt und freundlich ­grüßend den Weg hinters Mikro, um dort souverän und auf Deutsch, Französisch und Englisch dem trilingualen Fragen­gewitter zu trotzen. Was denn Ehefrau Mirka zum so viel diskutierten Dreitagebart sagt? „Mirka mag ihn. Also ich glaube, sie mag ihn. Aber ein paar Entscheidungen darf ich noch selber treffen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit Ihrer Frau geht, aber ich darf das (lacht).“ Ob es ihm im Hinblick auf die Setzung beim Ende Jänner anstehenden Australian Open wichtig sei, das Jahr als Nummer 2 statt als Nummer der 3 der Welt abzuschließen? „Darüber habe ich noch keine Sekunde nachgedacht. Wenn du ein Turnier gewinnen willst, dann musst du ohnehin alle anderen schlagen. Die Reihenfolge ist da egal.“ Gut zwanzig Minuten geht es so mit durchwegs pointierten Antworten auf mehr oder weniger kluge Journalistenfragen ­dahin, danach zieht die Presse zufrieden ab.

Der Coup mit Roger Federer

Und Roger selbst? Der verschwindet nach einer lautstarken Blödelei mit dem Schweizer Ex-Profi und nunmehrigen TV-Experten Marc Rosset hinter den Kulissen, um ein paar Treppen in die VIP-Lounge seines langjährigen Autosponsors hochzufedern. Dass sich dort schon Sekunden vorher auch das SPORTMAGAZIN nebst zwei honorigen und deutschen Kol­legen und einer handverlesenen Gästeschar einparken durfte, hat seine Ursache in einer speziell für mitteleuropäische Federer-Aficionados frohen Botschaft, die wir gern in den rot-weiß-roten Bereich hineintragen. Edwin Weindorfer (Foto unten), österreichischer Turnierdirektor des traditionsreichen MercedesCup, ist es in Kooperation mit dem Titel­sponsor wenige Tage zuvor gelungen, den Publikumsliebling zum Aufschlag am Stuttgarter Weißenhof zu ­bewegen. Dies freilich nicht nur mit einem kolportierten siebenstelligen Eurobetrag, sondern vor allem, weil der einstige Sandplatzklassiker seit vergangenem Juni auf original Wimbledon-Rasen steigt. Somit passt Stuttgart optimal ins Vorbereitungsprogramm der Superstars – heuer siegte Rafael Nadal – für den Grand Slam im All England Club. Und nicht nur 2016 wird Roger Federer beim offiziellen Partnerturnier von Wimbledon die Ränge füllen, auch noch im Jahr 2017 will er dort die Augen zum Glänzen und die Kassen zum Klingeln bringen.

 
Für Weindorfer, zusammen mit Herwig Straka Chef der Sportmanagement-Company emotion und damit u. a. auch Ausrichter des Erste Bank Open in Wien oder des 2016 brandneuen WTA-Events am Rasen von Mallorca, ein Meilenstein: „Mit dem Start von Roger Federer in den nächsten zwei Jahren stoßen wir mit dem MercedesCup in Stuttgart in neue Dimensionen vor. Federer prägt wie kein anderer das inter­nationale Tennisgeschehen.“ Und das hat uns der Meister selbst zum bevorstehenden allerersten Stuttgart-Start in seiner dann 18. Profisaison zu sagen: „Schon als der Wechsel auf Rasen feststand, habe ich mir das angeschaut, aber dann gedacht, ich warte einfach einmal das erste Jahr ab, denn reinhetzen muss ich mich nicht. Dann habe ich auch mit ­Tommy Haas gesprochen und der hat nur Gutes erzählt. Auch die Plätze wirkten sehr gut – am Ende der Woche fast gleich wie am Anfang. Letztlich habe ich Edwin und meinen Manager Tony Godsick gebeten, sich anzuschauen, ob es möglich ist, dass ich in Stuttgart spiele. Und jetzt freue ich mich, wieder einmal etwas ganz Neues auszuprobieren.“

 

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In Sachen „Modernisierungen“ zeigt sich Roger Federer aufgeschlossener als im letzten SPORTMAGAZIN-Interview vor Olympia 2012. Damals verteufelte er den elektronischen Linienrichter, das Hawk-Eye bzw. das Challengen der Linienrichterentscheidungen, noch als „unnötig, weil es zum Spiel gehört, mit Fehlentscheidungen mental klarzukommen“. Das heute von vielen praktizierte Rutschen auf Hartplatz typisierte er wiederum als „unvorstellbar und auf Dauer tödlich für Knie und Hüften“. Heute relativiert er beides: „Klar sollte das Hawk-Eye nicht zum Einsatz kommen, weil ohnehin Linienrichter am Platz sitzen, die nur genau einen Punkt im Auge behalten müssen. Aber die drei Challenges pro Satz sind ja zum Verbraten da und oft ohnehin nicht wirklich ernst gemeint. Mittlerweile finde ich es aber schon ganz gut, weil Matches nicht durch menschliche Fehler entschieden werden sollten. Wie gut wir das Rutschen aushalten, überrascht mich selber. Aber wir schlagen die Bälle heute noch schneller und noch früher, sodass es nicht mehr nur auf Sand nötig ist, manchmal in die Schläge hineinzurutschen. Letztlich ist es eine Frage des Selbstvertrauens und auch eine der guten Regenerationsmaßnahmen, dass es ohne Verletzungen funktioniert.“

Weitere Themen in der Dreierrunde: das Tourleben mit den fünfjährigen Zwillingsmädchen Myla und Charlene und deren vier Jahre jüngeren Brüdern Leo und Lenny („Sie sind das viele Reisen gewohnt und lernen unheimlich viel dabei. Für die Mädchen haben wir mittlerweile einen Privatlehrer ­gefunden, der auch mitreist. So sehe ich die Kleinen und sie freuen sich, dass sie den Papa sehen können. Wir haben es wirklich lustig und supercool auf der Tour.“) und die berufliche Zukunft. Letztere könnte neben einer Rolle als Markenbotschafter im Tennis („Das kann man ja ein bisschen länger ­machen“) und jener als Gründer der „Roger Federer Stiftung“ auch in einen fliegenden Seitenwechsel münden, und zwar ­innerhalb jener von Tony Godsick gegründeten Sportmanagementagentur, in der Federer aktuell als Klient und Teilhaber firmiert: „Das schauen wir uns gerade an. Es wäre vielleicht eine sehr schöne Option für später. Aber da stehen wir erst am Anfang und ich muss mich da überhaupt nicht reinstressen. Obwohl ich natürlich über später nachdenke, müssen jetzt die Familie und das Tennis absolute Priorität haben.“

,,Obwohl ich natürlich über später nachdenke, müssen jetzt die Familie und das Tennis absolute Priorität haben.”

Roger Federer

Und zum Schluss haben wir mit Roger Federer auch noch Weihnachten abgehandelt, das die Familie heuer nicht in Basel, sondern am Zweitwohnsitz in Dubai (Anm.: inkl. Tennisplatz und Fitnesscenter) zelebriert und dass Roger dort auch gleich den gewohnt beinharten Trainingsblock durchzieht: „Solange wir zusammen sind, ist es egal, wo wir sind. In diesem Jahr ist es mit dem Hin-und-her-Reisen mit den Buben etwas schwieriger und deshalb haben wir gesagt, es ist besser, wenn wir gleich on the road bleiben und Weihnachten dort feiern. ­Übrigens mit einem echten Baum!“

Mit diesem tröstlichen Hinweis, einem festen Händedruck und einem sympathisch direkten Blick in die Augen für jeden einzelnen Anwesenden verabschiedet sich Roger Federer dann höflich („Die Kinder warten!“) und entschwindet in die dann für uns doch geheimen Katakomben von „The O2“. ­Zurück bleibt auch nach unserer dritten Begegnung große Sympathie für jene Eleganz, mit der einer der bekanntesten und erfolgreichsten Sportler aller Zeiten selbstbewusste Entschlossenheit und freundliche Bescheidenheit unter einem Hut verstaut. Respekt, Roger! Und danke fürs Selfie …

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