Teamchef in Afghanistan: Sie nennen ihn den „man of hope“

Terror, Angst und schwere Waffen gehören hier genauso zum Alltag wie Stromausfälle und Verkehrschaos. Petar Šegrt ist Teamchef in Afghanistan, einem der gefährlichsten Länder der Welt. Das SPORTMAGAZIN besuchte ihn in Kabul, wo die Zukunft schon lange nicht mehr zuhause ist. Warum tut sich jemand so etwas an?

//Text und Fotos: Markus Geisler

Am 11. Dezember 2015 fürchtete Petar Šegrt, die schlimmste Fehlentscheidung seines Lebens getroffen zu haben. Erstmals seit vielen Jahren sollte das afghanische Nationalteam wieder in Kabul anstatt im Ausland trainieren, unter den Augen der eigenen Fans, als Helden zum Anfassen. Doch gleich am ersten Tag sorgten Taliban für einen verheerenden Anschlag auf die spanische Botschaft, nur ein paar Granatenwürfe vom Teamhotel entfernt. Was folgte, waren quälende Stunden der Ungewissheit: Hat es einen unserer Spieler erwischt? War jemand aus dem Team zur falschen Zeit am falschen Ort? Einige Spieler mussten mit ansehen, wie Leichen – offiziell gab es zehn Tote, nach Augenzeugenberichten mindestens zwanzig – unter Schutzdecken am Straßenrand gestapelt wurden. Fast schon grausamer Alltag in einem Land, für das es deutlich mehr Reisewarnungen als Reiseführer gibt. „Wäre einem meiner Jungs etwas passiert, wäre ich zurückgetreten. Das habe ich mir in der Nacht des Bangens geschworen“, sagt Šegrt.

(C) SPORTMAGAZIN/Geisler

Das zweitgefährlichste Land der Welt

Der 49-Jährige ist seit knapp einem halben Jahr Teamchef in Afghanistan. Ein Job mit garantiertem Adrenalinüberschuss. Hier kommt zu dem Druck, Spiele gewinnen zu müssen, noch die Angst ums nackte Überleben hinzu. Mehr als 11.000 Zivilisten wurden 2015 laut UNO-Bericht bei Kampfhandlungen getötet oder verletzt, die Dunkelziffer liegt weit höher. Die „Forbes“-Liste führt Afghanistan hinter Somalia auf Rang zwei der gefährlichsten Länder der Welt. Und das Wiedererstarken der Taliban gibt nicht gerade Anlass zu übertriebener Hoffnung. „Das Verrückteste, was ich je gemacht habe“, sagt Šegrt. Und der Mann hat bereits einige Verrücktheiten in seiner Biografie stehen: Er war georgischer Teamchef und Sportdirektor, als die Russen dort mit dem Säbel rasselten; er trainierte in Indonesien sowohl auf der Trauminsel Bali als auch bei PSM Makassar; und er warf sich mit Zvijezda Gradacac in den bosnischen Abstiegskampf. Dagegen klingen seine Österreich-Stationen Leoben, Ried und Wiener Sportklub wie Urlaub auf dem Ponyhof.

Kein Schritt ohne Leibwächter

Heute, als ich ihn in Kabul begleite, beginnt der Tag früh. Šegrt ist beim Frühstücksfernsehen eingeladen, um über die anstehenden Qualifikationsspiele in Japan und gegen Singapur zu sprechen. Die beiden Bodyguards, die ihn bei jedem Schritt außerhalb des Hotels begleiten, stehen mit ihrem gepanzerten Toyota Landcruiser um Punkt sechs vor dem Hotel Kabul Palace*. Ahmed*, ein ehemaliger Soldatenausbildner, ist der Stratege der beiden, Majid* gilt als Mann fürs Grobe. Zwei nette Jungs. Ein schwer bewaffneter Wachmann nickt, die erste Stahltür beim Hotelparkplatz wird geöffnet und geschlossen, dann die zweite. Der Mann mit der Kalaschnikow vor der Außenmauer winkt und lächelt freundlich. Šegrt winkt zurück. „Alle paar Wochen, wenn es irgendwelche Hinweise auf Anschläge gibt, werde ich gebeten, das Hotel zu wechseln“, erzählt er. „Aber das will ich nicht.“ Weil er sich im Kabul Palace wohlfühlt. Und weil es ohnehin nirgendwo eine Garantie gibt.

Public Viewing als mutiges Statement

Mit im Auto sitzt Faysal Shayesteh, der Kapitän der afghanischen Nationalmannschaft. Auf dem Weg zum Sender fahren wir an einer Mauer vorbei, auf der ein gemaltes Bild von ihm in Überlebensgröße prangt. Es stammt von Omaid Sharifi, der zu den „Art Lords“ gehört, eine Anspielung auf die Warlords, die so viel Angst und Schrecken in das Land tragen. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die hässlichen Schutzmauern aus Beton, die das Stadtbild verschandeln, mit hoffnungsvollen Motiven zu bemalen. „Und die Fußballer geben uns derzeit die größte Hoffnung“, sagt Sharifi. Erst recht, seitdem sie im Jänner mit spektakulärem Fußball den zweiten Platz beim Südasien-Cup in Indien belegten und für einen regelrechten Hype im Land sorgten. Frauen, Kinder und Männer veranstalteten während der Spiele der „Löwen von Khorasan“ gemeinsame Public Viewings, ein Novum in diesem Land. Und ein mutiges Statement, denn viel klarer kann man in der Islamischen Republik Afghanistan nicht zum Ausdruck bringen, dass man sich von religiösem Fanatismus nicht unterkriegen lassen will.

(C) Markus Geisler

Der Traum vom Spiel in Kabul

Wir steigen aus, um Fotos vor der Wandmalerei zu machen, die Gesten von Leibwächter Ahmed zeugen von Nervosität. Länger als fünfzehn Minuten sollte man sich als Ausländer in Kabul nie an einem öffentlichen Ort aufhalten, schon gar nicht bei einem belebten Kreisverkehr. Entführungen sind eine beliebte Geldquelle von Verbrechern aller Art. Trotzdem will ich von Faysal, der in Holland bei Twente und Heerenveen ausgebildet wurde und derzeit in Thailand unter Vertrag steht, wissen, ob er von einem Engagement in Europa träumt. „Nein“, sagt er entschieden. „Ich träume auch nicht davon, gegen irgendwelche Stars zu spielen. Mein größter Traum ist es, eines Tages mit der Nationalmannschaft hier in Kabul zu spielen.“ Mit einer Ausnahme im Oktober 2013, als man gegen den Nachbarschaftsrivalen Pakistan im Kabuler Ghazi-Stadion antreten durfte, untersagt die FIFA seit vielen Jahren alle offiziellen Länderspiele bis hinunter zur U17 in Afghanistan. Für Šegrt nachvollziehbar: „Wir können hier nicht einmal für unsere eigene Sicherheit garantieren, geschweige denn die unserer Gegner.“ Also ist die iranische Hauptstadt Teheran die aktuelle Heimstätte, dort leben viele geflüchtete Afghanen im Exil und sorgen für eine brauchbare Heimspielatmosphäre.

„Nicht zu lange trauern“

Beim Privatsender Tolo TV angekommen, öffnet sich plötzlich die Tür zu einer Parallelwelt. Während draußen die Hippiemetropole der 1960er-Jahre ihre Kriegswunden leckt, ist hier der Kitsch zuhause. Die Studiokulisse mit lila Stühlen, einem Tisch voller Blumen und einem großen Bildschirm mit Wecker ist zwar etwas heruntergekommen, könnte aber genauso gut in Wien oder Hamburg stehen. Die Atmosphäre ist betont relaxt, die Sendung wird von einer Frau und einem extrovertierten Paradiesvogel moderiert. Doch die gute Laune irritiert auch ein wenig. Erst vor wenigen Wochen sind acht Mitarbeiter des Senders bei einem gezielten Anschlag ums Leben gekommen. „Und es werden weitere folgen, wenn der Sender nicht sofort damit aufhört, bösartige Propaganda über die Taliban zu verbreiten“, hieß es im Bekennerschreiben. Šegrt, aufgrund seiner enormen Popularität Stammgast des Senders, erkundigt sich bei einem Kameramann. Dessen verblüffende, aber keineswegs kalt wirkende Antwort: „Wir haben uns abgewöhnt, zu lange zu trauern. Wichtiger ist es, nach vorne zu schauen.“ Kurz darauf sagt Šegrt im Interview, dass er mit der Mannschaft Geschichte schreiben und erstmals bei der Qualifikation für die Asien-Meisterschaft dabei sein will. Mutig für ein Land, das auf Rang 150 der Weltrangliste steht. Doch er will den Menschen draußen Optimismus bieten, das ist für ihn in diesem Moment das Wichtigste.

,,Diese Menschen hier sind einer der Gründe, warum ich meine Angst in Afghanistan manchmal vergessen kann.”

Petar Segrt

Tod am Elfmeterpunkt

Nach dem Auftritt geht es zum Gelände des Fußballverbandes AFF, wo heute ein Training einer Jugend-Nationalmannschaft ansteht. Auf dem Weg dorthin kommen wir am Ghazi-Stadion vorbei. Die olympischen Ringe an den Eingangstüren aus Holz bröckeln langsam ab, der Weg zu den Tribünen ist voller Pfützen, es hat die ganze Nacht geregnet. Obwohl das Stadion menschenleer ist, besteht der Wachmann darauf, dass ich die Fotokamera anmache. Es könnte ja Sprengstoff drin sein. Die größte Sportstätte des Landes hat eine tragische Geschichte, da sie von den Taliban während ihrer bis 2001 dauernden Schreckensherrschaft missbraucht wurde. Zwar wurden Fußballspiele in dieser Zeit offiziell gestattet, in den Halbzeitpausen gab es aber Auspeitschungen, Steinigungen und andere Exekutionen. Es existiert ein Video aus dem Jahr 1999, in dem die damals 35-jährige Zarmina, Mutter von fünf Kindern, am Elfmeterpunkt kniet und von einem Kämpfer mit zwei Kopfschüssen hingerichtet wird. Ihr angebliches Vergehen: Ehebruch. „Das ist der Grund, warum ich dort nicht gern trainiere“, sagt Šegrt, der das Wort „Taliban“ meidet wie die hiesigen Autofahrer den Blinker. Es wirkt wie ein unausgesprochener Waffenstillstand. Ich lasse euch in Ruhe, lasst mich bitte in Frieden arbeiten. Das Stadion wurde mittlerweile zwar komplett renoviert und 2011 wiedereröffnet, doch die Geister der Vergangenheit konnte man dabei nicht aus der Arena verbannen, sie sind auch heute noch allgegenwärtig.

(C) SPORTMAGAZIN/Geisler

Zwei Stunden Normalität

Am Verbandsgelände angekommen, übernimmt Šegrt sofort das Kommando, teilt ein, weist an. Hier kann er das sein, was er am liebsten ist: Fußballtrainer. Es sind die zwei Stunden des Tages, in denen sich sein Leben kaum von dem eines anderen Trainers irgendwo auf der Welt unterscheidet. Es sind allerdings auch die zwei einzigen Stunden. Als wir gehen wollen, erzählt uns der 13-jährige Rohulla, der das Training beobachtete, dass viele seiner Freunde und Verwandten mittlerweile in Deutschland leben. Ob das auch sein Ziel sei, wollen wir wissen. „Nein“, sagt er. „Ich will hierbleiben und helfen, dass die Nationalmannschaft noch erfolgreicher wird.“

Die ungewöhnlichste Liga der Welt

Im kleinen Stadion des Verbandes, das Platz für etwa 6000 Zuschauer bietet, finden auch die Spiele der Afghan Premier League (APL) statt, eines der ungewöhnlichsten Ligabetriebe der Welt. Ins Leben gerufen wurde sie 2012 (bis dahin gab es nur eine Kabuler Stadtmeisterschaft) von Privatsendern, die in einer Art Castingshow Spieler für acht Teams aus verschiedenen Regionen des Landes zusammenstellten. Afghanistan sucht den Fußballstar. Diese acht Mannschaften mit klingenden Namen wie „Adler vom Hindukusch“ oder „Sturm Harirod“ spielen erst in einer Gruppenphase, dann im K.-o.-System den Meister aus. Das Problem: Das ganze Ballyhoo, das mit hohen Zuschauerzahlen und Top-Einschaltquoten bei den fußballverrückten Afghanen sehr gut ankommt, dauert nur gut sechs Wochen. „Mehr Zeit habe ich nicht, mir die heimischen Spieler anzuschauen, das ist ein Problem“, klagt Šegrt. Andererseits hält er es für gut möglich, dass es irgendwo auf der Welt kickende Exilafghanen gibt, die noch auf keiner Scouting-Liste stehen und in seinen Kader passen, der vorwiegend aus Spielern besteht, die in unteren europäischen Ligen spielen. Detektivarbeit. Und eine der vielen Baustellen, die Šegrt, mit einem 5-Jahres-Vertrag ausgestattet, in den nächsten Monaten angehen will.

Der Mann, der Hoffnung gibt

Am späten Nachmittag möchte Šegrt auf einen Hügel fahren, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über die 6-Millionen-Metropole Kabul hat und wo die Kinder ihre Drachen steigen lassen. Hier lässt sich erahnen, wie faszinierend und anziehend die Stadt, in der Strom heute Glückssache und der Verkehr so geordnet wie ein Ameisenhaufen ist, einmal war. Und die heute einem explosiven Pulverfass gleicht, in der bewaffnete Männer und Stacheldraht das Stadtbild prägen. 300 Meter mag der Weg, den man dort gehen kann, lang sein, doch wir kommen nicht weit. Alle paar Sekunden wird der „Coach“, wie sie Šegrt rufen, belagert und um ein Foto gebeten. Von verschleierten Frauen, Kindern, bewaffneten Soldaten, jungen Männern, die selbst Fußball spielen. „Sie sind der Mann, der uns wieder an eine Zukunft glauben lässt“, sagt einer in gebrochenem Englisch. „Sie sind der Mann unserer Hoffnung.“ Der „man of hope“. Man merkt sofort, dass er damit einen wunden Punkt getroffen hat. Šegrt, der den Jugoslawien-Krieg hautnah miterlebte, hält inne: „Diese Menschen hier sind einer der Gründe, warum ich meine Angst in Afghanistan manchmal vergessen kann.“

(C) SPORTMAGAZIN/GEISLER

Warum tut er sich das an?

Es ist spät am Abend, als sich beim Abendessen im Hotel die bis dato unausgesprochene Frage Raum verschafft, die an einem Tag wie diesem so unausweichlich scheint wie das Hämmern der Rotorblätter der Militärhubschrauber, die ständig über Kabul kreisen: Warum tut sich jemand diesen Job an? Warum riskiert jemand sein Leben, um hier zu arbeiten? Petar Šegrt gönnt sich einen tiefen Zug von seinem Zigarillo: „Nach meiner Entlassung und dem Abstieg von Gradacac war ich tief enttäuscht und hatte das Gefühl, an einem Scheidepunkt meiner Trainerkarriere angelangt zu sein. Ich wollte unbedingt so schnell wie möglich wieder arbeiten, bekam aber kein passendes Angebot.“ Dann rief Afghanistan an. Und Petar Šegrt fragte ein paar seiner engsten Freunde, ob sie in den letzten dreißig Jahren auch nur einen einzigen positiven Satz über Afghanistan gehört oder gelesen hätten, nur einen einzigen. Als alle verneinten, war sein Ehrgeiz geweckt: „Warum soll es uns nicht mit dem Fußball gelingen, das Land in ein besseres Licht zu rücken? Das muss doch verdammt noch einmal möglich sein.“

 

*Aus Sicherheitsgründen wurden einige Namen in der Geschichte geändert.

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