Stefan Spiessberger: Ein Kitesurfer erobert New York

Österreichs erfolgreichster Freestyler am ­Kiteboard kann es überall. Nicht nur vor den Traumstränden und Inselparadiesen dieser Welt, sondern auch in New York, wo der Ebenseer erst unlängst für sein Projekt „Pieces of New York“ sogar Lady Liberty um die Ohren gefahren ist.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: Nine&One/Manu Grafenauer

Kellnerieren muss er nicht mehr. Sicherheitshalber erlernt hat Österreichs derzeit wohl bester Kitesurfer das Gastgewerbe einst trotzdem – und, je nach Budgetlage, auch immer wieder ausgeübt. Aber sein Schmäh als flinke Servicekraft an den heimatlichen Gestaden des Traunsees ist mittlerweile jener von gestern. Bereits seit gut drei Jahren ist der Oberösterreicher Stefan Spiessberger (http://www.stefanspiessberger.com/) nicht mehr angewiesen auf die gastronomischen Summen, die er früher während eines Monats zusammenkratzen konnte, um danach wieder für drei Wochen irgendwo auf der Welt am Kite abzuhängen. Als Mitglied des internationalen Teams seines Brett- und Drachen­machers und eines kleinen, aber feinen Sponsorenportfolios aus einem heimischen Energieanbieter und Modemachern fürs Kite­surfen wie für den stylishen Landgang kann der 27-Jährige mittlerweile recht gut leben, wie er im Sportmagazin-Interview selbst sagt.

Nicht übel für einen, der Leidenschaft und Talent für seinen Sport vor rund einem Jahrzehnt als Tourismusschüler am heimatlichen Traunsee entdeckt hat und die Leinen danach nie wieder loslassen wollte. „Es war und ist dieses Aha-Erlebnis, wenn du Tricks wieder und wieder probierst, dabei teils kapitale Stürze baust, aber das Ding dann irgendwann plötzlich stehst. Dieses Entwickeln hat mich von Anfang an fasziniert und taugt mir etwa auch am Skateboarden oder Wellenreiten“, erklärt uns jener Mann, der sich nach drei eher höhepunktlosen Feriensommern am Windsurfbrett während seiner Zeit als Tourismusfachschüler erstmals an den Kite hing, um nur zwei Jahre später sein Debüt als österreichischer Meister zu geben.

Die ersten Tricks kupferte Spiessberger noch selbst aus den zahlreichen Webvideos ab, heute wird er von jungen Freestylern aus der ganzen Welt kopiert. Zum Beispiel, wenn die aktuelle Nummer 7 im Ranking der exklusiven Rider-Vereinigung World Kiteboarding League als einer der wenigen den Half Cab Mobe (Drehung, Rückwärtssalto, Drehung mit Handwechsel hinterm Rücken) in Perfektion zelebriert. Oder mit ähnlich spektakulären Manövern zu Erfolgen wie dem World-Toursieg im südfranzösischen Leucate brettert, so wie vergangenes Frühjahr.

Wettkämpfe und Videos, das sind die beiden Hauptzutaten fürs Berufsleben eines jungen Mannes, der sich ganz und gar seiner Herzenssache verschrieben hat und seine solide Ausbildung zum Tourismusfachmann aktuell maximal als durchaus beruhigenden Rückhalt für ein (viel) späteres Dasein am Trockendock sehen will. Weit weg davon ist er im Moment davon, mit düsteren Gedanken an eine möglichst wasserdichte Pensionsvorsorge schwanger zu gehen, lieber nutzt er Tage ohne Drehs oder Contests, um möglichst viel Flow-Feeling zu tanken. Und weil das für einen Kitesurfer am allersüdlichsten Punkt des europäischen Festlandes doch noch einen Tick gschmeidiger funktioniert als im heimatlichen Ebensee, hat der 1,81-Meter-Modell­athlet seinen Hauptwohnsitz zuletzt ins andalusische Kite- und Surfmekka Tarifa verlegt. Mit seiner schwedischen Freundin und Kite-Komplizin Catharina rührt er sein Frühstückskaffeetscherl im Strandappartement mit Blick auf die Drachen der Gesinnungsgenossen um – und lebt danach seinen Traum. Rund um den Interviewtermin mit dem Sportmagazin standen für diesen Tag zwei Stunden Wellenreiten, zwei Stunden Kiten und obendrauf noch eine gute Stunde Skateboarden am Lebensplan, der im Winter noch mit dem einen oder anderen Skitag in den heimatlichen Bergen gepimpt werden soll.

Davor warten auf den einstigen Ski-Racer („Bin bis 15 sogar FIS-Rennen gefahren und die Einstellung zum Wettkampf und zur gezielten Vorbereitung hilft mir sicher auch heute noch“) drei Wochen Training in Brasilien für die am 14. Dezember anstehende, inoffizielle WM der World Kiteboarding League vor dem südpazifischen Neukaledonien. Ein Event, der heuer noch als eine Art „X-Games der Kiteboarder“ firmiert, ab 2017 dann aber auch vom internationalen Segelverband als offizielle Kiteboarding-Weltmeisterschaft geführt wird.

Bevor Stefan Spiessberger aber für mögliches Edelmetall wieder auf Beast-Modus switcht, hat er noch von seinem bislang ausgefallensten Projekt zu berichten. Jener Mann, der seinem Kite am liebsten in den kleinen Flachwasserbuchten („Wellen sind Gift fürs Freestylekiten, weil sich die Unruhe direkt aufs Board überträgt“) in der Nähe von Perth in Westaustralien nachjagt, eroberte nämlich erst Ende ­September für eine spektakuläre Foto- und Filmsession die Upper Bay vor New York und stahl dabei für bisher einzigartige Shots vor der Kulisse des Big Apples sogar Lady Liberty­ die Show: „Ich bin draufgekommen, dass eigentlich alle Kitefilme gleich daherkommen und dadurch langweilig werden können. Ich wollte mich und meine Sponsoren einmal in einem ganz anderen Umfeld präsentieren und meinen Sport mit Lifestyle und Fashion verknüpfen.“

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Zu diesem Zweck schipperte man im 6-Mann-­Fischerboot dorthin, wo der Hudson River in den Atlantik mündet. Freilich ohne zuvor diverse New Yorker Magistratsabteilungen abklappern zu müssen, sondern einfach mit der im Internet gewonnenen Gewissheit, dass man am einstigen Tor zur Neuen Welt keine Berührungsängste mit Wassersportlern pflegt. „Es ist unglaublich, was da alles unterwegs ist. Vom Ruderboot übers Megakreuzfahrtschiff bis zur schwimmenden Industrieplattform begegnet dir da praktisch alles. Nur Kitesurfer habe ich keinen zweiten gesehen“, erinnert sich Stefan Spiessberger an einen Städtetrip, der alles brachte außer Idealbedingungen zum Kitesurfen. Neben dem erwähnten, durchaus dichten Verkehr, einigermaßen kaltem Wasser und kniffligen Strömungen dort, wo der Fluss zum Teil des Meeres wird, kam noch der ungewohnte Start vom Boot aus. Entschädigt wurden Spiessberger und sein Team mit dem Blick auf die vom Wasser aus fast noch beeindruckendere und grad 130 Jahre alte Freiheitsstatue und die funkelnde Skyline von Manhattan. Perfekt für spektakuläre Pics und das spektakuläre Video „Pieces of New York“, kiten lässt es sich anderswo in der Nähe von New York doch deutlich feiner.

Am Gilgo Beach etwa, auf einer der zahllosen Inseln vor Long Island, wo Stefan Spiessberger dann alles fand, was das Kiter-Herz begehrt: viele kleine Lagunen mit teils ablandigem Wind und spiegelglattem Wasser. Ideal, um mit einem Luftstand von gut vier Metern zu spüren, worauf es ankommt, wenn der junge Mann und das Meer allein sind mit dem Drachen und dem Board …

Hier geht’s zum Video „Pieces of New York“