Sprung ins kalte Wasser

Seit Jahren hat die Formel 1 keinen so überraschenden Transfer erlebt: Dani Ricciardo, das schönste Lachen von Red Bull, wechselt zu Renault. Alles eine Frage der Gefühlslage.

||Text: Gerald Enzinger||Bild: imago||

Sie verfluchten den Tag schon, ehe er begonnen hatte: Die Bosse der weltweit in verschiedenen Sprachen erscheinenden Fachbibel „F1 Racing“, meist gut informiert und immer bestens vernetzt, zählten die Tage bis zum ­Erscheinen ihrer August-Ausgabe: 4 – 3 – 2 – 1. Und dann: null. Gespött und Gelächter, Häme im Internet – und das Schlimmste, was man als Journalist bekommen kann: Mitleid. Ihre Coverstory „Can Honda Make Dan Champion?“ war am Tag des globalen Erscheinens bereits schrottreif, ebenso wie der Untertitel, der neben Dans Gesicht platziert war: „And Why Red Bull Are Ricciardo’s Best Hope“.

In den wenigen Tagen zwischen dem Andruck und der Auslieferung der Ausgabe hatte Dani Ricciardo mit ­einer völlig unerwarteten Entscheidung die Formel 1 ­komplett verändert – und selbst die Abgezocktesten in der Branche verblüfft und kalt erwischt. Der ewig lachende Australier hatte sich in den Tagen, als seine Vertrags­verlängerung mit Red Bull Racing besiegelt werden sollte, plötzlich entschlossen, bei Renault zu unterschreiben – und im besten Rennfahreralter von 28 Jahren und als eben noch glorreicher Sieger des Grand Prix von Monaco zu Renault zu wechseln, einem Team, das 2013 in Australien zuletzt ein Rennen gewonnen hat und damals gerade Lotus hieß. Und das zu dem Konzern gehört, mit dem Ricciardos bisheriger Lebenspartner Red Bull seit Jahren in einer Ehehölle­ lebt – die im November geschieden wird.

Aber gerade mit dieser Partnerwahl und unter den Umständen wird rasch klar, worum es bei diesem unerwartetsten Fahrerwechsel seit Ende 2012 geht: um Emotionen. Um große Gefühle und um verletzte. Bei sensiblen Sportstars und mächtigen Männern. Und um viele Zufälle.

Von allen Rennfahrern, die in der Formel 1 bisher für die Teams von Red Bull angetreten sind, war (bzw. ist) Dani Ricciardo sicher der, der dem Prototyp des von Dietrich Mateschitz gezeichneten perfekten Red-Bull-Athleten am nächsten gekommen ist: ein Surfer-Boy (der übrigens Surfen gar nicht so mag; Anm.), gut aussehend, freundlich, immer lachend und immer gut drauf, ein Werbe­botschafter, so bis ins Detail geformt, wie es ein Adrian Newey mit einem Auto tun würde. Doch oft passieren die ersten Kratzer, die später zum Bruch führen, in den Stunden der größten Erfolge, etwa in Monaco 2018, Dans ­Lebensrennen. Mit einem waidwunden Red Bull musste er noch 200 Kilometer ins Ziel fahren – doch er schaffte das ohne Fehler und siegte. Wohl der fahrerisch brillanteste Sieg der Saison. Und das an einem Wochenende, an dem sein Teamrivale Max Ver­stappen sein Auto im dritten freien Training völlig unnötig geschrottet hatte. In jenen Stunden waren die Rollen zwischen Gut und Böse übersichtlich verteilt und Dan spürte neben dem genial schnellen, aber noch viel zu verrückten Verstappen einen Hauch von Unersetzbarkeit. Er war es doch meistens, auf den sich das Team verlassen konnte, wenn es darauf ankam, der da war, wenn Red Bull an einem Sonntag plötzlich eine Chance gegen die überlegenen Mercedes (und/oder Ferrari) hatte.

Der perfekte Rennfahrer: einer mit gutem Auge, einer, dem selten Dummheiten oder Fehleinschätzungen passieren, jemand, der besser überholt als vielleicht jeder andere im Feld, der aggressiv sein kann, aber auch soft. Einer, den alle liebten und bewunderten, aber einer, der auch schon mal mit der Nachbarin flirtete. Mit Ferrari, mit Mercedes.

Ein Wirtshaus in Kitzbühel, Jänner 2012. Das Sportmagazin trifft sich mit dem jungen Ricciardo zum Gespräch. Er hat ein paar Rennen bei HRT, dem schlechtesten Team der Formel 1, hinter sich und Tests bei Red Bull Racing, dem besten Team der Formel 1, vor sich. Und einen Vertrag mit Toro Rosso. Wir reden über Tirol und über Gerhard Berger – und er kommt ins Schwärmen: „Als Kind war ich mit meinen Eltern bei meinem ersten Autorennen in Adelaide. Ich hatte ein Gerhard-Berger-Fanshirt an, denn ich war ein großer Fan von Ferrari.“ Für jemanden, der Ricciardo heißt und dessen Opa aus Sizilien stammt, eine logische Wahl. „Es wäre sicher einmal ein Traum, dort zu fahren.“

Nach seinem Sieg 2018 in Monaco ist dieser Traum real. Kimi Räikkönen ist bei Ferrari nicht unumstritten und Dani würde perfekt als Ersatz passen, doch die ersten Dates endet ohne Vollzug und so gehen die Wochen ins Land, Wochen, in denen ein gewisser Charles Leclerc plötzlich anfängt, mit dem Sauber blitzsaubere Ergebnisse abzuliefern. Ja, natürlich hat Sebastian Vettel als Teamleader keine große Lust auf ein Wiedersehen mit jenem Dani Ricciardo, der ihn 2014 bei Red Bull als Teamkollege zu oft besiegt hatte, aber sein Veto gegen den Australier ist nicht so groß, wie es medial geschildert wird. Es ist Leclerc, der Ricciardos Traum zerstört: Er ist jung, begabt und Ferrari-Junior. Präsident Marchionne liebt ihn und will ihn an Bord haben, entweder 2019, allerspätestens aber 2020. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass man keinen zweiten Fahrer braucht, der einen mehrjährigen Vertrag erhält: Entweder lässt man gleich Leclerc ran oder sonst eben noch ein Jahr Räikkönen. Dani bleibt über.

Das passiert ihm auch bei Mercedes. Toto Wolff hält große Stücke auf ihn, aber Wolff hat Erfahrung im Umgang mit Lewis Hamilton und weiß: Valtteri Bottas ist der Fahrer, der Hamilton am wenigsten aus der Ruhe bringt und neben dem er seine stärksten Leistungen abrufen kann. Ein Nico Rosberg etwa war genau das Gegenteil: Nicht dass er schneller gewesen wäre als Bottas, aber er hatte das psychologische Geschick, mit kleinen Nadelstichen Hamilton aus der Ruhe zu bringen und damit schlechter zu machen. Ein Everybody’s Darling wie Ricciardo als Boxennachbar ist ein zu großes Risiko für Mercedes. Zu groß ist die Gefahr, dass sein Lachen Hamilton aus der Ruhe bringt – und jeder weiß: Ein Lewis, der sich geborgen und sicher fühlt, ist das Beste, was die Formel 1 am Steuersitz zu bieten hat. Ricciardo bleibt draußen. Ob je verhandelt wurde, das weiß keiner. Niki Lauda, Toto Wolff, Helmut Marko – jeder definiert die Gespräche etwas anders.

Als Mercedes mit Bottas verlängerte, da schien für Marko klar: Jetzt verlängert Ricciardo bei Red Bull Racing. Die Machtverhältnisse hatten sich binnen Tagen umgedreht: Nach Monaco war Dani der beste und eigentlich einzig freie Top-Fahrer am Markt. Nun war Red Bull das letzte noch frei verfügbare Top-Team für Ricciardo. Was nun passierte, ist nicht genau bekannt. Es erinnert aber an den Fall von Sebastian Vettel 2014. Kurzzusammenfassung: Der arrivierte Fahrer fühlt sich zu sehr im Schatten des jüngeren Teamkollegen. Er will mehr Liebe, mehr Macht und mehr Respektsbezeugung in Form von Geld. Und trifft wohl auf einen Dietrich Mateschitz, der seinerseits davon enttäuscht ist, dass der langjährige Pilot offen mit anderen flirtet: Vettel einst mit Ferrari, Ricciardo mit Ferrari und gar dem Feind Mercedes. Keiner will dem anderen nun zu viel Liebe gönnen und alle sind irgendwie gekränkt. Ricciardo auch, weil er sieht, was bei Red Bull vor sich geht. Erst wurde der Vertrag mit Verstappen zu angeblich gigantischen Dimensionen erhöht, nun knausert man bei ihm um jeden Cent, er soll wesentlich weniger verdienen als Max, auch wenn er in der WM meist vor dem Holländer liegt. Dazu liest er immer wieder Sätze wie jenen von Dr. Helmut Marko: „Mein Ziel und das von Mateschitz ist es, Max Verstappen zum jüngsten Weltmeister zu machen.“ Nach der Stallkollision in Baku geben fast alle Max die Schuld, im Team aber eher Ricciardo.

Mitten in dieser Verletzungsserie der Gefühle kommt Carlos Ghosn, der Chef von Renault. Renault ist eben von Red Bull durch Honda ersetzt und seit Jahren von Red Bull für alle Probleme veranwortlich gemacht worden. Red Bull hat den stolzen Alpha-Mann von Renault oft gedemütigt (zum Teil wegen Renault-Motorschäden zu Recht). Nun sieht Ghosn seine Chance, Red Bull wehzutun. Und bietet Ricciardo viel, viel mehr als ursprünglich geplant. Er verspricht ihm, dass alles besser wird. Das Budget wird seit Jahren erhöht, die Motorenfabrik in Frankreich und die ­F1-Manufaktur in Enstone werden ausgebaut, von anderen Teams und selbst der FIA wirbt man aggressiv Top-Leute ab. Renault ist sogar aus der Formel E ausgestiegen, um sich auf die Formel 1 zu konzentrieren. Ricciardo wagt das Risiko. Und hat einen Punkt auf seiner Seite: „Als Hamilton von McLaren zu Mercedes wechselte, dachten auch alle, der gewinnt nie wieder.“