Sport für Flüchtlinge – Strikes statt Prügeln

Mit der Initiative Sport verbindet uns tun die drei Dachverbände ASKÖ, ASVÖ und Sportunion das, was sie am allerbesten können – den Sport zum freudvollen Erlebnis machen. In diesem Fall eben für Flüchtlinge. Wir durften uns in ein Projekt einklinken, das speziell jungen Afghanen nach ihrer gefahrvollen Flucht vor den Todes­drohungen der Taliban wieder ein Lächeln ins Gesicht und Zuversicht in die Seele zaubert – mit Cricket.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: Christian Hofer

Gleich nach der Grenze zur Türkei haben ihm die Hunde der bulgarischen Polizei den rechten Arm zerfleischt. Heute, gut drei Monate später, sind die Wunden verheilt, aber die Narben schockierend tief. Nicht nur jene am Arm. Ehsanullah ist 15 und genau wie seine etwa gleich alten Teamkollegen nahm er von Afghanistan aus die Route über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn, um schließlich im sicheren Österreich ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Was hinter jenen insgesamt gut 35 afghanischen Buben liegt, die wie etwa 130 weitere Flüchtlinge in einer Sonderbetreuungsstelle im niederösterreichischen Mödling zumindest ein vorübergehendes Zuhause gefunden haben, rangiert jenseits hiesiger Vorstellungskraft. Wegen vermeintlicher Kleinigkeiten wie dem in der Schule geäußerten Interesse an Englischunterricht oder dem Wunsch nach einem eigenen Computer wurden sie von den radikalislamischen Taliban mit Entführung und Tod bedroht und deshalb von den oft täglich ausgeplünderten Eltern („Sie holen sich unsere Vorräte für ihre Kämpfer“) aus Furcht um das Wohl ihrer Söhne, aber auch um jenes der restlichen Verwandten auf die mehr als 6000 Kilometer lange Reise geschickt. Und dieser meist unter Aufbietung des gesamten Familienvermögens finanzierte Weg in eine wage, auch vom Ausgang der teils gefühlt quälend langen Asylverfahren in den Zielländern bestimmte Zukunft ist praktisch immer ein Höllentrip. Sämtliche Jungs, die zwar vielfach aus derselben Region, dem Bergland zwischen Kabul, Paghman und der pakistanischen Grenze stammen, einander aber erst in Österreich kennengelernt haben, berichten Ähnliches: von sechstägigen Fußmärschen aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Von den surrenden Kugeln der iranischen Soldaten („Sie schießen einfach!“). Vom Streit um Schlafplatz und Essen in den überfüllten Flüchtlingslagern in der Türkei. Von den Prügeln der bulgarischen Polizisten – einer der Jugendlichen zeigt die zehn Zentimeter lange Narbe am Haaransatz –, der Angst vor den ungarischen Grenzpatrouillen und deren brutalen Versuchen, verzweifelte Kunden von Schleppern („Für viele die einzige Chance“), aber eben auch Jugendliche mit regulären Papieren am Grenzübertritt aus Serbien („Dort ist man wirklich gut zu Flüchtlingen, genau wie hier“) zu hindern.

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Coach Umer (links) mit dem Kern seines Teams. Stehend von links: Asil, Nezakatullah, Khaderkher, Akram; vorne: Umar und Asan.

Das alles und mehr erzählen sie mit Händen und Füßen,­ manchmal auf Englisch und mit Begeisterung im bereits beachtlichen Deutschvokabular, welches großteils Produkt des täglichen Unterrichts in Mödling ist. Dass sie überhaupt bereit sind, sich untereinander und etwa auch dem Sportmagazin vertrauensvoll mitzuteilen, sei aber zu einem schönen Stück einer sportlichen Initiative gedankt. So fühlen wir bei unserem Besuch und so bestätigt es uns auch Umer Koloo. Der mit einer Österreicherin verheiratete Geschäftsmann aus Indien kommt zweimal wöchentlich an diese und andere Betreuungsstellen, frönt mit den Jugendlichen ihrem gemeinsamen Spiel und liefert so ein heiles Stück Heimat mit. Cricket it is! Einst von den britischen Kolonialherren nach Indien, Pakistan und auch Afghanistan gebracht, rangiert dieser Sport bei den Burschen noch deutlich vor Fußball. Die Basics beherrschen fast alle, den Rest bringt ihnen seit einem guten halben Jahr Umer bei. Egal, ob es um die korrekte Wurftechnik für den Bowler (Werfer), echte Striker-Feinheiten am Schlag oder disku­table Regelwerksparagrafen geht, der Coach weiß Rat. Und versteht es, bei dessen wohldosierter Verabreichung den Ton zu treffen. Freundlich, kameradschaftlich, aber konkret – und in einer Sprache, derer das ganze Team mächtig ist. Das im pakistanisch-indischen Grenzgebiet weitverbreitete Urdu ist eng mit der ebenfalls iranischstämmigen Amtssprache Afghanistans, dem Paschtu, verwandt. Und Trainer Koloo stammt aus der seit Jahrzehnten ebenfalls immer wieder heftig umkämpften Region Kaschmir.

Verständigungsschwierigkeiten gibt es auf und neben dem improvisierten Cricket-Grün auf der idyllisch-holprigen Hundewiese im Wienerwald keine: Auch Umer Koloo selbst wurde von seinen Eltern einst zum Studium in den friedlichen Süden Indiens geschickt, während sie selbst den Gefahren bis heute trotzen. Und er weiß genau, wie heilsam Cricket und überhaupt sportliche Kameradschaft auf Körper, Geist und Seele wirken können, wenn man in der Fremde an einem neuen Leben basteln muss. „Die Jungs bleiben gesund und fit. Und vor allem lernen sie sich durch das regelmäßige, gemeinsame Training besser kennen. Ohne Sport würden sie wie viele andere einsam und verunsichert im Quartier sitzen. Durch Cricket sind sie eine Gemeinschaft geworden, die sich auch abseits des Spielfeldes unterstützt“, so Umer Koloo, der immer wieder in die alte Heimat reist und sich bereits Wochen davor mit den alten Sportskameraden zum Matcherl auf den indischen Homegrounds verabredet. Immer wieder organisiert er in Indien auch Schläger, Bälle und andere Ausrüstungsteile fürs Training mit „seinen“ Teenagern in Österreich.

Dass er seine Leidenschaft mit den afghanischen Kids in Österreich teilen kann, verdanken diese einer Initiative der drei Dachverbände ASKÖ (http://askoe.at), ASVÖ (http://asvoe.at) und Sportunion (http://sportunion.at). Unter dem Label „Sport verbindet uns“ organisiert und finanziert man mithilfe der eigenen Strukturen aus Sportvereinen und Trainern und mit Unterstützung von Sport- und Innenministerium bzw. den zuständigen Landesstellen Bewegungsangebote vorwiegend für unbegleitete Jugendliche unter den Flüchtlingen. Seit vergangenem Frühjahr kann so in Betreuungsstellen und Erstaufnahmezentren in allen Bundesländern eine Vielzahl von Sportarten – von Fußball über Schwimmen oder Laufen bis hin zum mongolischen Ringen oder eben den vom Verein SanaVia und der Sportunion ermöglichten Cricket-Sessions – angeboten werden.

Für die jungen Menschen, die in Österreich nicht nur auf Asyl, sondern auch auf möglichst gute Nachrichten von den Liebsten daheim hoffen und warten, bringt kontinuierliches Training nach Plan neben den bereits erwähnten Effekten zusätzlich noch dreierlei: die Chance, zweifelsfrei aufgestaute Aggressionen friedlich, durch intensive Bewegung abzubauen; die Möglichkeit, die Langeweile und Einsamkeit zwischen anderen Betreuungsfixpunkten wie eben dem Sprach- und Schulunterricht zu überbrücken; und die freudvolle Erfahrung, dass es nicht wehtun muss, sondern einer Gemeinschaft durchaus guttun kann, wenn sich ihre Mitglieder allesamt an gewisse Regeln halten.

Letzteres weiterzugeben liegt Umer Koloo besonders nah am Herzen. Und nicht nur, weil Cricket auf der schiefen und zurzeit massiv matschigen Wiese nicht zum Catchen werden soll: „Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass es wichtig ist, sich an die österreichischen Gesetze zu halten, weil diese für die Menschen gemacht und die Basis für ein friedliches Zusammenleben sind. Für Menschen aus einem Land wie Afghanistan ist das keineswegs selbst­verständlich.“

Ein weiterer positiver Aspekt, den speziell Sportstunden auf öffentlichen Sportanlagen oder Plätzen wie dem improvisierten Cricket-Pitch unweit von Mödling mit sich bringen, ist der unkomplizierte Kontakt mit der Bevölkerung. Allein während des vom Sportmagazin dokumentierten Trainings kamen sicher zwanzig Spaziergänger vorbei und allesamt haben sie die Szenerie eindeutig wohlwollend beobachtet. Einige blieben länger stehen und sahen interessiert zu, andere warfen bereitwillig im Off gelandete Bälle zurück. „Wir hatten noch kein einziges Mal Schwierigkeiten. Die Leute begegnen uns freundlich, speziell Kinder kommen immer öfter, um zuzusehen. Meine Schützlinge spüren dieses Entgegenkommen natürlich und versuchen niemanden zu stören“, so Umer Koloo unmittelbar nach dem finalen Schlag einer Einheit, die trotz heftigem Schneetreiben und temporärer Knappheit im Kader – immer wieder werden Jugendliche aus organisatorischen Gründen in andere Quartiere verlegt – für durchwegs fröhliche Gesichter sorgte.

Die Schlusspointe für diese Geschichte schrieb das ­Leben, denn ausgerechnet dem eingangs erwähnten Ehsa­nulla, beim Cricket an diesem Tag nur Zuschauer, wurde der zuletzt geschlagene Cricketball von einem kuschel­süchtigen Golden Retriever aus dem Gebüsch apportiert. Schön war es schon, den jungen Mann und seine Freunde so ­unbeschwert und diesmal ganz friedlich mit einem Hund herumtollen zu sehen …