Spielberg Stories

Formel 1, ­MotoGP, DTM: Spielberg ist der einzige Ort auf der Welt, an dem die drei großen Serien im Kreis ­fahren. Eine Rundreise am schnellsten Spielplatz Österreichs. Hier ist der Kreißsaal der Superstars, aber auch der einzige Friedhof, der an einer Rennstrecke liegt. Ein Lokal­augenschein mit Blick fürs Detail.

||Text:  Gerald Enzinger||Foto: Sündhofer||

Es ist einer der berühmtesten Orte Österreichs – obwohl bei uns gefühlt jeder Dritte „Spielfeld“ sagt, wenn er Spielberg meint. Beide Orte haben etwas gemeinsam: Hier überschreitet man Grenzen, in Spielfeld die eines Staates, in Spielberg seine eigenen. Spielberg ist ja auch ein Spielfeld der Weltstars. Ohne den Ring wäre Österreich nicht die viert­erfolgreichste (!) Nation in der Formel-1-Geschichte. Und hier wäre heute nicht der schnellste Spielplatz der Alpen. Was aber sollte man wissen, um Herr oder Frau der Ringe zu sein?

Wir reden hier immer von der gleichen Wiese! Egal, ob wir von den Rennstrecken in Zeltweg oder Spielberg, vom Österreichring, A1-Ring oder Red Bull Ring sprechen, gemeint ist immer der gleiche himmlische Flecken Erde, auf dem schon viele Renngötter wie der Teufel gefahren sind. Der Grund der Verwirrung liegt darin, dass es 1964 ein Formel-1-Rennen am Flugplatz in Zeltweg gab. Weil sich die Strecke dort als langweilige Rumpelbahn erwies, baute man lieber eine richtige Rennstrecke auf einer Wiese in der Nähe.

Die lag zwar schon in Spielberg, aus Gewohnheit aber sprach man bis 1996 von „Zeltweg“ als Ort. Erst im Zuge des Umbaus zum A1-Ring wurde „Spielberg“ auch offiziell zur Heimatadresse. Und als ob das alles noch nicht verwirrend genug wäre, spricht der jetzige Eigentümer Red Bull plötzlich von „dem Spielberg“. Ist aber irgendwie aufgelegt. Apropos großes Kino: So nebenbei fanden Ahnenforscher auch noch heraus, dass der Ururururgroßvater von Hollywoods berühmtestem Regisseur hier geboren wurde. Sie dürfen nun raten, von welchem Filmemacher die Rede ist.

Die Rennstrecke hat eine Kirche und einen Friedhof! Das gibt es sonst wohl nirgends: An der Rennstrecke liegt nicht nur die Kirche der Pfarre Schönberg, sondern bei ihr auch ein Friedhof. Dort wiederum befindet sich neben den beiden Gedenktafeln für die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege noch eine dritte Tafel. Sie erinnert an die drei hier verunglückten Streckenposten Josef Grasser (1970), Manfred Schaller (1975) und Sigi Lerch­bacher (1980). Seitdem ist der weitere Platz auf der beängstigend großen Tafel gottlob leer geblieben. Die Kirche wurde übrigens nicht erst zum Segen der Rennstrecke erbaut, sie steht dort wohl seit dem Jahr 1103, gefühlt ist das näher bei der Erfindung des Rades als bei der des „Heiligenscheins“ Halo für Formel-1-Boliden.

Hier sind nicht nur Vollgastiere unterwegs! Im Paradies der Vollgastiere könnte man „Brehm’s Tierleben“ verfilmen: 1969 staunte Dr. Helmut Marko bei ersten Testfahrten im Porsche 917 über eine Kuh, die plötzlich im Weg stand. 1971 montierte man den grasenden Kühen ihre Glocken ab, weil sich der rasende Jackie Stewart über die morgendliche Lärmbelästigung echauffierte. Und beim Warm-up zum Grand Prix 1987 saß ein Reh hinter der Kuppe des „VOEST“-Hügels am Eingang zur Rindt-Kurve, als McLaren-Pilot Stefan Johansson angerast kam. Der Schwede erinnert sich: „Ich hatte nicht einmal Zeit zu bremsen, hab das Tier an der linken Seite erwischt. Mir flogen die Teile meiner Aufhängung um die Ohren – und Ayrton Senna, der hinter mir fuhr, bekam Teile des armen Tieres ins Cockpit. Hätte ich das Reh um ein paar Zentimeter zentraler getroffen, wäre ich tot gewesen. Allein wenn ich wie jetzt noch einmal daran denke, mache ich mir fast in die Hose!“ Heute sind die Zäune zum Glück längst engmaschiger – und so sollte der Bulle, das Wahrzeichen des Red Bull Rings, nun das einzige Tier im Motorsportpark bleiben. Die gesamte Skulptur inklusive Bogen ist 17, 20 Meter hoch, der Stier 14,60 m. Der Stier besteht aus einer Haut aus ca. 1700 verschweißten Cor-ten-Stahl-Platten und einem tragenden Gerüst aus Schwarzstahl in Form eines Stierskeletts. Das Gesamtgewicht von Stier und Gerippe beträgt 68 Tonnen. Die Hörner sind übrigens vergoldet. Ehe Sie jetzt überlegen, den Bullen zu kratzen: Das Goldgewicht des Kunstwerks entspricht nur dem einer einzigen Philharmonikermünze.

Spielberg ist der Kreißsaal der Superstars! Was haben Sebastian Vettel, Max Verstappen und Marc Marquez gemeinsam? Sie haben verschiedene „erste Male“ hier erlebt. Vettel fuhr seine ersten Runden in einem Rennauto (mit 14, instruiert von Gustl und Bernhard Auinger), Max Verstappen bereitete sich hier in einem World­Series-Rennwagen auf seinen ersten Formel-1-Test vor, Marquez debütierte wie sein Noch-Honda-Teamkollege Dani Pedrosa Anfang Juni in einem Formel-1-Auto. Alex Wurz tat selbiges 1996 in einem Sauber und die Herren Niki Lauda, Helmut Marko, Gerhard Berger und Nigel Mansell fuhren ihren ersten Grand Prix in Zeltweg, äh, Spielberg.

Der Red Bull Ring hat seine heißen Kurven! Das Sportmagazin fragt nach bei den Könnern: Wie schaut es mit der Kurven-Lage in der Steiermark aus? Sebastian Vettel kommt sofort die Rauch-Kurve (im Volksmund: Bosch-Kurve) in den Sinn: „Für mich eine echte Herausforderung. Es ist extrem schwierig, hier den Scheitelpunkt zu finden. Ich habe ihn schon sehr oft nicht getroffen.“ Marc Marquez hält die letzte Kurve für „eine der schwierigsten im MotoGP-Kalender“. Trotzdem hat er hier 2017 einen legendären Angriff auf Andrea Dovizioso gesetzt. Früher war diese Kurve übrigens richtig ­lebensgefährlich. Erst bei der „Kürzung“ vom Österreichring zum A1-Ring wurde sie um einige Meter nach innen versetzt, dadurch hat man nun etwas Essenzielles: eine Auslaufzone.

Die Westschleife bleibt unvergessen! Apropos Umbau: Diesem fiel einst auch die berühmte Westschleife bei Flatschach zum Opfer: „Erst die Hella-S-Kurve, dann die lange Gerade rauf, ehe es nach einer Rechtskurve auf die Schönberggerade ging. Eine richtige Mutpassage.“ So erinnert sich Gerhard Berger an diesen legendären Abschnitt. Noch immer lebt der Traum und gibt es Konzepte, diesen Teil wiederzubeleben. Derzeit ist es ein Spazierweg.

Meiden Sie die Boxenmauer! In knapp ­einem halben Jahrhundert wurden hier viele Geschichten geschrieben. Ein „Autor“ verewigte sich dabei sogar in der Boxenmauer: Vittorio Brambilla, „der Gorilla von Monza“, war nach seinem ersten (und einzigen) Formel-1-Sieg 1975 so enthusiasmiert, dass er die Hände zum Jubeln in die Höhe riss – und im strömenden Regen bei Aquaplaning mit seinem March quer abbog und diesen in der Mauer schrottete. Und Nigel Mansell knallte einmal auf der Ehrenrunde auf einem Lkw mit dem Kopf in einen Metallträger – die Beule kann man bis heute ertasten. Weniger schmerzhaft war dann das, was dem Sieger 1977 passierte: Da keiner mit einem Erfolg von Alan Jones gerechnet hatte, war die australische Hymne nicht verfügbar. Die unkonventionelle Lösung: Man spielte einfach „Happy Birthday“.