Sounds of Silence: Österreichs Tennis-Ass für die Deaflympics 2017

Sogar harte Schläge kann Mario Kargl deutlich besser fühlen als akustisch wahrnehmen. Kein wirkliches Problem für den Steirer. Er ist einer der besten Gehörlosen auf den Tennisplätzen dieser Welt und will im Juli endlich Gold bei den Deaflympics erobern. Für Österreich und für sich selbst – denn es ist der Sport, der seine Welt zum Swingen bringt.

//Text: Fritz Hutter //Foto: Christian Hofer

Gut, wäre dem Kargl-Mario damals, beim so kapi­talen Skicrash mit 17, nicht der zertrümmerte Oberschenkel durchs Fleisch ins Freie gefahren, dann hätt’ ma heute eventuell einen weiteren Top-Rennläufer. Aber so ist im blutigen Schnee von Kaiserau eine Entscheidung gefallen. Das Multi­sporttalent fokussierte sich fürderhin aufs Tennis statt auf den Riesentorlauf. Der langfristige Effekt: Österreich kann mit dem in Selzthal geborenen Steirer auch im kommenden Juli einen der besten Gehörlosen-Cracks der Welt zu den Deaflympics, den Weltspielen für Athleten mit Hörbeeinträch­tigung, ins türkische Samsun entsenden. Dort ist Tennis eine von 21 Disziplinen und zählt mit gut 100 Meldungen zu den bestbesetzten Events im Programm dieser 23. Sommerspiele.­ Und Mario Kargl, der vor 31 Jahren mit einem nicht ausgebildeten Gehörnerv zur Welt gekommen ist, zu den Favoriten im Match um Edelmetall.

Der Sport war schon immer Lebensinhalt für den Eisenbahnersohn. Fußball mit Freunden und im Verein, Skifahren bis rauf auf nationales Niveau und eben Tennis ließen den Buben sein Handicap oft einfach vergessen. In der Schule hatten er und das Lehrerkollegium deutlich mehr Troubles mit seiner Lebhaftigkeit denn mit seiner Beeinträchtigung, die sich mit einem Hörgerät immerhin auf Sensibilität für ganz laute Musik („Ohne müsst ein Düsenjet an mir vorbeifliegen, damit ich etwas wahrnehme“) verstärken lässt. Kommunikationsstörungen gab es damals maximal inhaltlicher Natur, wie sich Mario Kargl im Interview mit dem Sportmagazin lächelnd erinnert: „Speziell in der Handelsschule hatten die Lehrer eher weniger Verständnis für Sportler. Und ein bisserl ein Poser war ich zu der Zeit schon auch.“ Dass Gespräche mit dem auch durch spezifisches Krafttraining zum Modellathleten ausgewachsenen Mario kein Problem sind, ist einerseits dem Sprachlehrer aus der Kindheit zu verdanken und andererseits seinem Talent zum Lippenlesen: „Beim Sprachunterricht habe ich nicht nur gelernt, korrekte Laute zu bilden, sondern auch jene meines Gegenübers zu erkennen.“

Besonders wichtig für jenen Mann, der 2006 vom ÖTV dem Österreichischen Gehörlosen-Sportverband empfohlen wurde und dem Wahlwiener seither bei Deafolympics dreimal Bronze (2013 im Einzel und 2013 mit Robert Gravogel sowie 2009 mit Daniel Erlbacher im Doppel) ­sowie Medaillen bei EM und WM bescheren konnte. Seit Jahren Stammgast unter den Top 5 der Gehörlosen hat ­Mario Kargl seine lange durchaus intensiv gehegten Profiambitionen vor ein paar Jahren abgehakt. Immerhin: Mit Kumpel Lukas Weinhandl gelang noch 2011 der Einzug in ein Future-­Doppelendspiel und neben einigen Quali-Finale auch der jenen in den einen oder anderen Einzelhauptbewerb. Versucht hat er es wohlgemerkt gegen hörende Spieler, deren Gleichgewichtsorgan und die so wichtige akustische Wahrnehmung von Drall und Härte des Balles – Tennisfans wissen, wie wichtig beides ist – perfekt funktionieren. „Leider konnte ich mir nie längere Turnierreisen leisten“, analysiert einer, der freimütig einräumt, dass etwa auch eine Extraportion Gelassenheit mehr Erfolg auf dem Platz hätte bringen können. Zu emotionsgeladen und manchmal zu laut sei er öfter gewesen. Einmal soll sogar ein Match gegen Gerald Melzer in ein Chaos aus Tiraden ausgeartet sein, hört man.

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Mario mit Mentor Roland Berger (li.) und Idol Werner Eschauer. Gemeinsam wirken sie heute in der Tennis Zone International.

Übel genommen hat Österreichs Nummer 2 der heimischen Nummer 1 im Gehörlosentennis den Wickel offenbar nicht, zählt diese doch mittlerweile zum Trainerstab der „Tennis Zone International“, wo unter der Leitung der Headcoaches Roland Berger („Mein Mentor, Trainer und mein Ersatzpapa in Wien“) und Werner Eschauer („Als ehemalige Nummer 52 der Welt mein absolutes Idol“) eben auch Gerald Melzer und einige Top-Nachwuchsspieler betreut werden. Und dort, auf der Anlage des renommierten Wiener Colony Clubs, ist der ungebrochen spielstarke ­Mario Kargl nicht nur ein gefragter Sparringpartner für ­angehende und bereits aktive Profis, sondern mittlerweile selbst ein viel beschäftigter Trainer. „Da bin ich deutlich geduldiger als früher mit mir selbst. Streng werd ich nur, wenn jemand unmotiviert über den Platz schleicht“, so Coach Kargl, dem sein Job bei allem Konzentrations­aufwand in der Kommunikation mit den Schützlingen – für genauere Technikanweisungen muss Aug in Aug vorn am Netz Kriegsrat gehalten werden – ein echter Traumberuf ist. Weil Mario den Sport als Lebensschule sieht, die ihm die Welt, auch jene der Hörenden, bis heute immer weiter und weiter öffnet. Und weil er als „Playing Coach“ und Liga-Spieler in Wiens höchster Leistungsklasse auch selbst ziemlich ideale Trainingsbedingungen für ein hohes Ziel vorfindet. „Ich hab drei Bronzene, das reicht. Bei den nächsten Deaf­lympics im Juli will ich endlich Gold“, sagt einer, der zum Abschluss eine Message für alle Gehörlosen im Land ­anbringen möchte: „Traut euch raus und macht Sport. Das hilft sehr, die eigene Schüchternheit zu überwinden, Freunde zu finden und ein schöneres Leben zu führen!“ Kann man so stehen lassen, wie wir finden.

Infos: http://deaflympics2017.org/en/home-page