Ski-Königin Mikaela Shiffrin im Interview: „Es geht einfach ums Racing!“

Mikaela Shiffrin ist grad 22, Olympiasiegerin, mehrfache Weltmeisterin und die designierte Nachfolgerin von Lara Gut als Gesamtweltcup-Triumphatorin. Im Sportmagazin spricht das einstige Wunderkind mit wohl demnächst mehr als 30 Weltcupsiegen über ihren Ruf als Skiroboter, ihre Schwächen und was ihr am Skisport auf die Nerven geht.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: GEPA-Pictures.com, Longines

Sportmagazin: Was hält dich praktisch schon dein ganzes Leben auf den Skiern und auf der Piste?

Mikaela Shiffrin: Ich liebe das Timing: einerseits einen Bewegungsablauf möglichst präzise­ durchzuführen und andererseits die Messbarkeit des Rennlaufs. Natürlich macht es Spaß, einfach einen Berg runterzufahren, aber ich liebe es, anhand meiner gestoppten Zeiten den Wert meiner Leistung abzulesen. Die Uhr sagt mir, ob ich mich verbessert habe und ob meine Technik besser geworden ist. Ich wollte schon von Anfang an immer schneller und schneller werden.

Du bist also eher nicht der Freeride-Typ?

Nicht wirklich. Natürlich macht es auch mir Spaß, im Powder und zwischen den Bäumen zu fahren, aber was ich wirklich liebe, ist der Wettkampf und zwischen Toren immer mehr heraus­zuholen. An guten Tagen kann ich es zwischen den Trainingsruns kaum erwarten, beim nächsten Lauf noch schneller zu sein als beim gerade absolvierten. Es geht einfach ums Racing.

Gibt es etwas, was dich am Skisport wirklich nervt?

Ich mag die Verletzungen nicht und ich mag das Risiko nicht. Viele der anderen Mädchen sagen, dass sie nie daran denken, dass sie sich verletzen könnten, und sind am Start wirklich furchtlos. Bei mir hingegen ist es diese Präsenz des Risikos, die dafür verantwortlich ist, dass ich mich erst seit Kurzem an die Speed­disziplinen herantaste. Auf das gewisse Restrisiko dort fühle ich mich noch nicht perfekt vorbereitet. Lieber lasse ich ein Rennen aus und bleibe gesund. Das war übrigens auch der Grund, warum ich bei der WM die Kombi ausgelassen habe. Wäre statt der Abfahrt ein Super-G vor dem Slalom gewesen, wäre ich wohl gefahren.

Für deinen ersten Gesamtweltcupsieg werden nach der schweren Knieverletzung von Lara Gut eher keine Speedstarts mehr nötig sein. Trübt es die Freude über die nun sehr wahrscheinliche große Kristallkugel, dass es nun keinen echten Showdown gibt?

Es tut mir sehr leid, dass sich Lara verletzt hat. Sie zählt zu den Superstars in unserem Sport und zu jenen Frauen, die etwas Besonderes in den Weltcup bringen, und ein spannedes Finale­ wäre auch cool für die Fans gewesen. Auch, weil die Situation im Vorjahr durch die Verletzung von Lindsey Vonn ja eine ähnliche war.

,,Anderen sieht man vielleicht lieber zu, weil sie wilder oder eleganter unterwegs sind”

Benjamin Raich stellte dich im letzten Sportmagazin technisch als Vorbild auch für viele Herren ins Spotlight. Was siehts du selbst als jene Skills, die dich so oft so schnell machen?

Tatsächlich ist meine Technik doch sehr solide. Das liegt vor allem daran, dass ich bereits in sehr jungen Jahren gezielt daran gefeilt habe und sie mit vielen Drills festigen konnte. Lange Zeit hat man gehört, dass ich wie ein Roboter Ski fahre, manche sagen das noch immer. Natürlich ist das nicht immer schön für mich und sicher ist es nicht immer besonders lustig, mir zuzuschauen.­ Anderen sieht man vielleicht lieber zu, speziell weil sie wilder oder eleganter, aber trotzdem schnell unterwegs sind. Und auch ich versuche, immer mehr Lockerheit und Flow in meine Fahrweise zu bringen. Trotzdem: Meine Disziplin in Sachen Technik dürfte über jener von allen anderen stehen (lacht).

Skiroboter?!? Der Shiffrin-Style zum Videostudium: 

Wenn du den Rennlauf in Europa mit den Weltcups in den USA vergleichst, wo liegen die größten Unterschiede?

Nun, der Schnee ähnelt in den meisten, nicht ausgesprochen hoch gelegenen euopäischen Orten jenem, den wir an der amerikanischen Ostküste haben, und ist daher häufig relativ nass, aber auch hart. St. Moritz ist da eher eine Ausnahme: hoch gelegen und vom Schnee her trockener, ähnlich wie daheim in Colorado. Wir nennen das manchmal „Hero Snow“ und es macht wirklich großen Spaß, darauf Ski zu fahren. Der andere große Unterschied liegt für mich in der Atmosphäre. Die meisten Orte wurden schon vor Jahrhunderten gegründet und gebaut. Du spürst die große Tradition – auch und besonders im Skisport. Für mich sind die Trips in diese Städte mit ihren alten Häusern und Kirchen und Kopfsteinpflasterstraßen fast wie ein Studienreise. Leider haben wir nur selten Zeit, uns alles genauer anzuschauen, aber ich liebe es, zumindest die alten Stadtzentren zu besuchen.

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Sehr jung, 15 oder 16, sind die Starterinnen bei dem von deinem Sponsor initiierten Longines Future Ski Champions. Du selbst hast 2011, zwei Tage vor deinem 16. Geburtstag, dein Debüt im Weltcup gegeben. Wie wichtig war der internationale Vergleich in der Jugend für deine Karriere?

Ich halte solche Rennen für extrem wichtig. Auch ich bin früher Nachwuchs­klassiker wie die Trofeo Topolino oder den Whistler Cup gefahren. Um Erfolg zu haben, musst du einfach wissen, wo du von den Zeiten her und auch in Sachen Technik im Vergleich zu den Top-Kids aus den anderen Skinationen stehst. Ich zum Beispiel habe sehr viel in den kleinen Skiresorts an der Ostküste, etwa in New Hampshire, trainiert. Da läufst du schnell Gefahr, nur im eigenen kleinen Rahmen zu denken. Aber wenn du zu den Besten der Welt gehören willst, dann musst du auch gegen die Besten der Welt antreten. Es war spannend, bei Kinderrennen mit zwölf oder dreizehn gegen all diese Mädchen anzutreten. Danach sind wir alle wieder zurück in unser Heimatland gefahren, um weiter­zuarbeiten und fünf Jahre später im Weltcup gegeneinander anzutreten. Ich bin zum Beispiel damals bei einer Junioren-WM in Crans Montana gegen die Schweizerin Wendy Holdener gefahren. Damals hat sie mich im Riesenslalom geschlagen, dafür ich sie im Slalom (lacht), und heute sind wir wieder zusammen unterwegs.

Ein kleines Gedankenexperiment: Gibt es eine andere Sportart, bei der du dir vorstellen könntest, sie erfolgreich zu betreiben?

Früher habe ich intensiv Tennis und Fußball gespielt, mach aber heute beides nur noch als Ausgleich und als Abwechslung im Konditionstraining. Speziell Tennis ist ein gutes Crosstraining und manchmal denke ich, dass es cool wäre, mein Tennis­ weiterzuentwickeln. Aber ich bin halt schon 21 und für manche Sportarten ist man in diesem Alter einfach deutlich zu spät dran. Übrigens, meine Mum ist eine wirklich gute Tennisspielerin …

Abgesehen von deinem Job als Skirennläuferin, bist du mehr der Sommer- oder doch eher der Wintertyp?

Natürlich mag ich den Sommer, wegen seiner Wärme und weil man ein wenig Farbe bekommt – das ist ganz nett, aber in Wahrheit ist mir der Herbst am liebsten. Ich mag es, dass die Tage noch warm sein können, ich mag die Herbstmode und ich mag es, dass der Winter bereits in der Luft liegt. Und ich freue mich immer auf den Tag, an dem der erste Schnee fällt.

Der erste Schnee als Motivation für eine neue Saison?

Ja, da bin ich noch immer jedes Jahr ganz aufgeregt (lacht).

Apropos Aufregung: Trainierst du eigentlich deine mentale Stärke oder ist dir die von Natur aus gegeben?

Sicher habe ich viel von der Mentalität profitiert, die mir meine Eltern von Anfang an mitgegeben haben. Mich zu fokussieren und hart zu arbeiten gehört einfach zu meiner Lebenseinstellung. Das hat mir auch im Weltcup vom Start weg geholfen. Aber auf der anderen Seite gibt es schon auch Dinge, die ich noch üben muss. Speziell bei Groß­ereignissen wie Olympia oder Weltmeisterschaften muss ich lernen, manches, was durch ein Ohr reinkommt, beim anderen einfach wieder rauszulassen, anstatt lange, manchmal sogar, bis ich im Starthaus stehe, darüber nachzudenken.

Worin bist du wirklich schlecht?

Da gibt es einiges, zum Beispiel koche ich nicht gut. Eigentlich kann ich nur Nudeln und Eier (lacht). Es fällt mir aber auch nicht leicht, zu sagen, was ich gut kann. Vielleicht einigen wir uns auf Skifahren …

Hier geht’s zu Mikaelas wirklich amüsantem Instagram-Konto:  https://www.instagram.com/mikaelashiffrin/?hl=de

Longines Future Ski Champions Gewinnland Finnland

Als WM-Zeitnehmungspartner sind der Schweizer Uhrenschmiede Longines Sekundenbruchteile Herzensangelegenheiten. Um dies nachhaltig zu untermauern, gab man in St. Moritz bereits zum vierten Mal auch dem Nachwuchs die Chance, sich auf der steilen WM-Riesenslalompiste zu präsentieren. Und so bretterten unmittelbar nach der Herren-Kombination 13 Top-Läuferinnen des Jahrgangs 2001 über den für manche ungewohnt selektiven Hang ins Zielstadion oben am St. Moritzer Hausberg Corviglia. Angereist aus jenen 13 Nationen, die als Rennveranstalter im Weltcupkalender aufscheinen, und daheim bei nationalen Schülerrennen gecastet, hatten die Mädchen zwei Riesenslalomdurchgänge zu absolvieren.

Longines_Future-Ski-Champion-2017_14_Race_Winner-Erika-Pykäläinen

Für Österreich ging die Tirolerin Tina Schädle, Skigymnasiastin in Stams und zuletzt in Hippach Siegerin bei einem der wichtigsten ÖSV-Rennen für ihren Jahrgang, an den Start. Mit dem Sieg hatte die Fünfte des ersten Runs nach ihrem schweren Sturz im zweiten Durchgang dann leider nichts zu tun: „In der Kompres­sion hat es mich extrem zusammengestaucht. Leider habe ich schon länger ein bisserl Knie­probleme und konnte einfach nicht mehr ausgleichen.“ Die 20.000-Euro-Prämie, zweckgebunden für die Jugendarbeit im Heimatverband, und eine Longines-Uhr sicherte sich letztlich die Finnin Erika Pykäläinen (Foto oben). Auf den Rängen die regierende Schweizer Meisterin Aline Höpli und Frankreichs U16-Champion Clarisse Brèche.