Inside Schöpf-Mania: „Er wird die Nationalmannschaft prägen“

Der einzige Österreicher, der die EURO-Bühne als ­Gewinner verließ, war ­Alessandro Schöpf. Hier erfahren Sie, wie er seinen verrückten Sommer erlebte, ­warum er das ÖFB-Team in den nächsten ­Jahren prägen wird und was Rapid mit seinem Wechsel zu Schalke 04 zu tun hat.

//Text: Markus Geisler
//Bild: (C) GEPA Pictures

Es hätte auch alles stinknormal laufen können. Alessandro Schöpf springt in letzter Sekunde auf den EM-Zug, ist froh, überhaupt beim ­Turnier dabei zu sein, und wärmt als vierter Einwechselspieler von links drei Spiele lang die Bank. Doch von normal war diese EURO auch für den Schalke-Legionär weit entfernt. Fixkraft Zlatko Junuzovic verletzt sich im ersten Spiel gegen Ungarn, Schöpf wird zweimal eingewechselt und mausert sich in nur 37 höchst erfrischend gestalteten Einsatzminuten vom stillen Reservisten zum vom Fußballvolk lautstark herbeigewünschten Hoffnungsträger. Er sticht aus einer lethargisch und unsicher wirkenden Mannschaft derart heraus, dass der 12. Mann geschlossen fordert: Gegen Island muss der Schöpf ran! Allein, der Teamchef lässt ihn nicht. Marcel Koller fehlt der Mut, auf die Unbekümmertheit seines Youngsters zu setzen, und bringt ihn erst, als er nach einer desaströsen ersten Halbzeit mit dem Rücken zur Wand steht. Schöpf erzielt den Ausgleich und hat sogar den Siegtreffer auf dem Fuß, Österreich scheidet aus. Normal ist wahrlich anders.

Schöpf und die Büskens-Connection

Viel zu verarbeiten für einen 22-Jährigen, der ein gutes halbes Jahr zuvor noch Zweitligaspieler in Nürnberg und von der EM-Teilnahme so weit entfernt war wie, sagen wir, Cristiano Ronaldo vom Einzug in die Kartause Gaming. Gelungen ist ihm das auf Kreta, wohin er sich nach der EURO mit seiner Freundin für zehn Tage vertschüsste. „Um ehrlich zu sein, habe ich beim Einschlafen öfter den Ball bei meiner zweiten Chance ein paar Zentimeter höher ins Tor geschossen. Ich bin generell der Typ, der sich viele Gedanken über alles Mögliche macht, fast schon zu viele, aber es war ja auch eine intensive Zeit“, verrät Schöpf im SPORTMAGAZIN-Talk, bei dem er zum ersten Mal ausführlich über sein verrücktes Jahr 2016 spricht. Angefangen hat alles im Jänner mit seinem spektakulären Wechsel zu Schalke 04, für den in erster Linie der heutige Rapid-Trainer Mike Büskens verantwortlich zeichnet. Der war damals Scout der „Knappen“ und als solcher für die 2. Bundesliga zuständig. „Mike hat ihn ein Dreivierteljahr lang beobachtet, war bei Spielen und beim Training in Nürnberg. Seine Empfehlung war: Zuschlagen, der Typ hat enorm viel Potenzial“, erzählt Ex-Sturm-Spieler Horst Heldt, bis Sommer 2016 Sportvorstand auf Schalke. Aber es waren nicht nur die fußballerischen, sondern auch die mentalen Fähigkeiten, von denen die Macher im Ruhrpott begeistert waren. Heldt: „Schöpf ist ein mutiger Spieler, einer, der immer agieren will, sich nix scheißt. Wir wussten: Wer so viel Verantwortung übernehmen will, sich nicht versteckt, der ist auch charakterlich gefestigt, um bei einem Klub wie Schalke zu bestehen.“ Oder bei einer EURO.

,,Schöpf ist ein mutiger Spieler, einer, der immer agieren will, sich nix scheißt”

Ex-Schalke-Sportdirektor Horst Heldt

Schalkes damaliger Trainer André Breitenreiter baute Schöpf behutsam auf, wechselte ihn im Frühjahr oft ein, beorderte ihn fünfmal in die Startelf, erhöhte die Vertrauens­dosen sanft, aber konstant – und der Tiroler lieferte. „Es war ein ordentliches Halbjahr“, sagt Schöpf. Eine Untertreibung. Drei Tore und drei Assists ergeben sechs Scorerpunkte, mit denen er, in Relation zu seinen Einsatz­minuten, zum torgefährlichsten Schalker in der Rückrunde avancierte. Der „Schalker Kreisel“, die legendäre Vereinszeitschrift, widmete ihm ein siebenseitiges Porträt mit dem Titel „Ambitionierter Abräumer“, aus der Fankurve der Veltins-Arena ist die Ruhrpott-Adelung „Boah, der Junge, der kann watt“ überliefert. Genau in dieser Zeit befiel Schöpf erstmals der Gedanke, dass die EURO bei seinen Sommerplänen eine Rolle spielen könnte: „Nach den ersten guten Auftritten im Schalke-Dress dachte ich: ‚Vielleicht geht ja doch noch ein Türchen auf.‘“
Der Türöffner: Marcel Koller. Ende März gewährte der Teamchef Schöpf zwei Kurzeinsätze gegen Albanien und die Türkei, bei seinem Startelf-Debüt gegen Malta Ende Mai gelang ihm gleich sein erstes Länderspieltor. Wie schon in Nürnberg, wo er Ende 2014 auf Anhieb zum „Clubberer der Hinrunde“ gewählt wurde, und auf Schalke zeigte er auch im ÖFB-Dress die Fähigkeit, sich wieselflink in einem  neuen Umfeld zurechtzufinden. Schöpf, der Blitzgneißer. So hatte Koller gar keine andere Wahl, ihn als letzten Nominierten mit nach Frankreich zu nehmen. „Das war ein Wahnsinn, die Erfüllung eines Traums“, sagt Schöpf. „Zumal ich zu Beginn des Jahres überhaupt nicht damit gerechnet hatte.“

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(C) Privat

Und dann kam die EURO. Und mit ihr der Aufstieg zum Hoffnungsträger einer ganzen Fußballnation. Wie sehr das Land von seinen herzerfrischenden Auftritten gegen Ungarn und Portugal schwärmte, will er allerdings gar nicht mitbekommen haben: „Wir waren im Hotel komplett abgeschirmt, ich war immer mit den Jungs zusammen, hab nichts gelesen.“ Und auch seine eige­nen Begehrlichkeiten hielten sich in Grenzen: „Okay, nach Zladdis (Anm.: Junuzovic) Ausfall sind meine Hoffnungen schon gestiegen, dass ich spiele, aber es ist auch nicht ­einfach für einen Trainer. Ich hätte gegen Island gern von Beginn an gespielt, war aber auch nicht enttäuscht, als es nicht so war. Da muss man als Spieler sein Ego hintanstellen.“

Und bereit sein, wenn es dann doch so weit ist. Keine 15 Minuten war Alessandro im Spiel, als er zum 1:1 traf. Mit einem Move, den er bereits gefühlte hunderttausendmal ­gemacht hat: Annahme, Haken, Schuss ins lange Eck. „Ich hatte mich vorher schon orientiert und gesehen, dass nur mehr ein Verteidiger vor mir steht. Ich bin dann volles Risiko gegangen und wusste sofort: Das wird was.“ Nicht auszudenken, wenn ihm zwölf Minuten später auch noch der Führungstreffer gelungen wäre. Eine verpasste Chance, die ihm alle Freude über den gelungenen Auftritt zunichte­machte. „Da wir ausgeschieden sind, zählt das Tor ja viel weniger“, erklärt er. „Das Tor wäre viel wertvoller gewesen, wenn ich das zweite auch noch gemacht hätte. Diese Szene ist mir noch lange durch den Kopf gegangen.“ Tränen statt Triumphgeschrei, Heimflug statt Heidewitzka. Wie aber ist es ihm gelungen, in dieser völlig verunsicherten Mannschaft seine Unbekümmertheit zu bewahren und als einziger Öster­reicher die EURO als Sieger zu verlassen? „Schwer zu sagen“, meint Schöpf. „Ich habe mich selbst gefragt: ‚Was habe ich zu verlieren?‘ Ich konnte ja nur gewinnen. Ich hatte nicht mit einer Teilnahme gerechnet, dann galt es nur noch, alles reinzuwerfen und dem Team zu helfen.“

„Schöpf wird die Nationalmannschaft prägen“

Was ihm unbestritten gelungen ist. In Österreich entstand eine regelrechte Schöpf-Mania, der englische „Guardian“ zählte ihn zu den „ten rising stars“, auf die man bei der gerade angelaufenen WM-Qualifikation achten sollte, die Spielergewerkschaft VdF kürte ihn zum „Aufsteiger des Jahres“. „Ich bin überzeugt: Alessandro wird in den nächsten Jahren die österreichische Nationalmannschaft prägen“, sagt Mentor Horst Heldt. „Der ist nicht aufzuhalten.“ Trotzdem saß er beim Quali-Auftakt in Georgien 66 Minuten lang auf der Bank, ehe er für Junuzovic eingewechselt wurde – und kratzte kurz vor dem Ende einen Ball von der Linie, der sonst zum 2:2-Ausgleich eingeschlagen hätte. Ob es für den Doubleheader gegen Wales (6. Oktober) und Serbien (9.10.) für die Startelf reicht, ließ Koller offen: „Er hat es bei der EURO gut gemacht, jetzt kommt es auch darauf an, wie es bei Schalke läuft.“ Dort gilt es jetzt, den nächsten Schritt in der Entwicklung zu machen. Die Konkurrenz im Mittelfeld (u. a. Meyer, Embolo oder Choupo-Moting) ist trotz des 50-Millionen-Abgangs von Leroy Sané riesig, dennoch soll es heuer unter dem neuen Trainer Markus Weinzierl öfter gelingen, den Sprung in die Startelf zu schaffen, wobei Schalke-Insider Heldt warnt: „Er darf nicht nervös werden, wenn er mal auf der Bank sitzt. Ich vergleiche­ seine Situation mit der von Kingsley Coman bei den Bayern. Der spielt auch nicht immer von Beginn an, ist aber trotzdem ein herausragender Spieler.“ Die Anlehnung an einen Bayern-Star – kein normaler Vergleich. Aber was ist in diesem Jahr bei Alessandro Schöpf schon normal?

PASSPORT: Alessandro Schöpf

Geboren am 7. Februar 1994 in Umhausen (Tirol)

­Größe: 1,78 Meter

Position: offensives Mittelfeld („Am liebsten zentral, da kann ich meine Stärken am besten ausspielen“)

Vereine bis 2007: SV Längenfeld, 2007–09: AKA Tirol, 2009–14: Bayern München (Jugend, Amateure), 2014–Jänner 2016: 1. FC Nürnberg (2. Bundesliga), seit Jänner 2016: FC Schalke 04 Nationalteam Einbe­rufungen in alle Nachwuchs-Nationalteams zwischen 2009 und 2015; 8 Spiele für die A-Nationalmannschaft (2 Tore), Debüt am 26. März 2016 gegen Albanien

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