Schlag auf Schlag: Rio-Silber für Mendy Swoboda

Mendy Swoboda wollte als serieller Champion im Parakanu bei der in Rio anstehenden Premiere seiner Sportart Gold – letztlich wurde es eine strahlende Silbermedaille hinter einem Kriegshelden und Weltmeister von 2016.  Hier unser Porträt aus dem vergangenen Juni.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: Martin Eder, gepa-pictures.com

Die Jahre 2010, 2011, 2012, 2013, 2014, und 2015 brachten alle dasselbe – den Weltmeistertitel. Aber noch etwas hat diese Ära dem heute 26-jährigen Markus Swoboda, den alle bei seinem zweiten Vornamen Mendy (Kurzform von Mendrick) rufen, beschert: einen einschüchternd heftigen Erwartungsdruck auf dem Weg zu seinem ganz großen Ziel. Denn wem sonst als dem Oberösterreicher aus Altenberg bei Linz sollte bei der anstehenden Paralympics-Premiere seiner Sportart die allererste paralympische Kanu-Goldmedaille umgehängt werden? Nun, Mendy, der mit sieben bei einem dramatischen Unfall in der Förderschnecke einer Hackschnitzelheizung beide Beine verlor, wüsste einen. Der hat ihm nämlich unlängst bei der 2016er-WM den Nimbus der Unbesiegbarkeit genommen. „Tatsächlich war es für mich mental super, dass ich diesmal ‚nur‘ Zweiter geworden bin. Gerade heuer, im Vorfeld von Rio, ist der Druck, ja niemanden – mich selber, aber auch mein Umfeld – enttäuschen zu wollen, enorm geworden“, zeigt sich Swoboda erleichtert darüber, nicht mehr zwingend der Top-Favoritenrolle gerecht werden zu müssen. Zu stark hat sich unlängst beim WM-Sprint über 200 Meter Curtis McGrath (Foto unten) präsentiert und dabei das rot-weiß-rote Flaggschiff um etwas mehr als eine Sekunde abgehängt.

DUISBURG, GERMANY - MAY 19: Curtis McGrath of Australia celebrates after he competes in the KL2 M 200 during Day 2 of the European Canoe Sprint Olympic Qualifying held at Sportpark Regattabahn on May 19, 2016 in Duisburg, North Rhine-Westphalia. (Photo by Dean Mouhtaropoulos/Getty Images)

Einen krachenden Warnschuss setzte der Australier seinem kängurulosen Konkurrenten bereits im Vorjahr vor den Bug. Als Weltmeister im Auslegerkanu wechselte er für die kommenden Spiele in Rio ins kippeligere Einrumpfboot und rückte dem langjährigen Dominator Swoboda mit lediglich sechs Zehntelsekunden Rückstand spürbar auf den Pelz. Der nahm die Kampf­ansage aus Down Under schon damals ernst: „Der knappe Vorsprung zeigt mir, dass ich mehr und mehr trainieren muss.“

LINZ- OTTENSHEIM,AUSTRIA,26.JUL.14 - CANOE - Austrian Championships, 1000m men master class. Image shows Markus Swoboda (AUT). Photo: GEPA pictures/ Florian Ertl

Geworden ist es letztlich keine Steigerung des Umfangs, sondern eine der Qualität. Stellte Mendy Swoboda letztes Jahr noch die Grundlagenausdauer in den Fokus, ging und geht es heuer vermehrt um Kraft und Schnelligkeit. Drei intensiven Trockentrainings, meist „genossen“ an der Paddelmaschine im Olympiazentrum Linz, stehen 80 bis 100 Kilometer auf dem Wasser des Donaualtarms bei Ottensheim gegenüber. Was er außer diesem Programm seinem bärenstarken Aussie-Konkurrenten, der seine Beine als Soldat im Sommer 2012 auf einer Tretmine in Afghanistan lassen musste und vor seiner Verwundung unter anderem hobbymäßig Wildwasser gefahren ist, noch entgegensetzen kann? Neben seinem legendär eisernen Willen sicher eine Extraportion Erfahrung im Flachwassersport. Animiert von Freunden hat der erklärte Natur- und Donauliebhaber und Sohn eines ehemaligen Wasserskistaatsmeisters bereits mit zehn seine ersten Paddelschläge getan. Schon bald danach wollte Mendy, der trotz zweier Beinprothesen noch so lange Fußball spielte, „bis ich gemerkt habe, dass ich meine Freunde bremse“, auch Rennluft schnuppern. Die erste Regatta wurde dann gleich gewonnen und auch später hielt er sich locker in der Riege der besten nichtbehinderten Nachwuchspaddler im Land. Der Sprung zur Altersklasse U23 glückte dann aber nicht ganz nach Wunsch: „Damals ist unter anderem wegen Änderungen wie dem Nationaltrainerwechsel von meinem Vereinscoach Vasile Lehaci zum heutigen Cheftrainer Nandor Almasi ein Teil unseres Teams weggefallen. Seither bin ich zu 95 Prozent allein auf dem Wasser. Speziell am Anfang hat mir die Gruppendynamik schon sehr gefehlt.“

Der von Mendy damals gelinde gesagt als holprig empfundene Switch vom langjährigen Betreuer Lehaci, Vater der zuletzt mit Viktoria Schwarz so knapp am Olympialimit gescheiterten Zweier-Paddlerin Ana Lehaci, hin zu Nandor Almasi nagte anfangs spürbar an der Motivation: „Unser Start war nicht einfach, aber beginnend mit dem ersten gemeinsamen Trainingslager haben wir uns dann zusammengerauft. Er ist ein echter Top-Trainer mit vierzig Jahren Erfahrung.“ Mittlerweile klappt die Kooperation mit dem Ungarn mit dem charmanten Ö-Dialekt ausgezeichnet. Einmal wöchentlich arbeitet man in Ottensheim und gelegentlich auch in Wien Face-to-Face zusammen, digital wird täglich kommuniziert. Immer live dabei ist Mendy Swobodas­ persönlicher Betreuer György Lentuloy. Großteils finanziert über das „Projekt Rio“ von Sportministerium, ÖPC und ÖOC, steht dieser an Land wie zu Wasser mit Trotz und Rat zur Seite und muntert den paddelnden Chemiestudenten („Für die Zeit nach Rio habe ich mir vorgenommen, den Bachelor zu erledigen“) in Müdigkeitstiefs auf. „György ist immer positiv, aber hin und wieder vermisse ich den Tritt in den Hintern“, so Swoboda, der sich zudem voll auf die Unterstützung seiner Familie und jene von Lebensgefährtin und Chemie-Studienkollegin Lisa (rechts am Foto unten) verlassen kann.

Interview mit Markus Swoboda (Para-Kanu); © FOTObyHOFER/Christian Hofer, 24.5.2016

Auch den Support eben von Projekt Rio, jenen der Sporthilfe und seines Sponsors Energie AG weiß er sehr zu schätzen. „Es war extremes Glück, dass mein Sport paralympisch geworden ist. Von Österreich werde ich sehr gut unterstützt, vom Österreichischen Kanuverband allerdings weniger. Da fühle ich mich schon etwas stiefmütterlich behandelt“, spricht er mühsame, weil zeitlich extrem verzögerte Abrechnungen oder auch das Fehlen eines Landestrainers in Oberösterreich an.

Letztlich hat Mendy Swoboda aber seit dem Beschluss von 2012, Parakanu ins paralympische Programm zu ­nehmen, ohnehin nur mehr ein einziges Ziel im Visier: das 200-Meter-Finale in der Kategorie KL2 (Rumpf und Arme funktionsfähig, Beine eingeschränkt fürs Paddeln nutzbar) in der Lagoa Rodrigo de Freitas von Rio de Janeiro. Das ob seiner schwankenden Qualität des Öfteren diskutierte Wasser dort hat der Oberösterreicher jedenfalls bei einem Testwettkampf bereits verkostet und gibt Entwarnung: „Beim Paddeln oder Rudern wird man davon sicher nicht krank.“ Das deutlich größere Problem könnten die je nach Temperatur dichter oder weniger dicht wuchernden Wasserpflanzen werden. Letztere würden bremsen, indem sie sich etwa im Steuerruder jenes Bootes verfangen, das Swoboda mit einem Mechanismus um den Rest seines linken Beines lenkt. Um zumindest einen Teil der Kraftübertragung ­eines Kanuten mit funktionstüchtigen Beinen generieren zu können, schnallt sich Österreichs große Rio-Hoffnung mit zwei hochfesten Oberschenkelmanschetten in ein sonst einigermaßen serienmäßiges Rennkanu. Serien­mäßig bis aufs Cockpit, das sich Mendy im Hüftbereich etwas schmäler hat machen lassen, um möglichst direkten Bootskontakt zu fühlen.

Apropos Feeling: Vom legendären Paralympics-Charme und dem bekannten Flair der Sambametropole will sich Naturwissenschaftler Swoboda bis zum finalen Zielsprint am 15. September 2016, mutmaßlich gegen Australiens Kriegshelden McGrath, in keiner Weise bezirzen lassen: „Bis zu meinem Rennen bleibe ich nur im Athletendorf, erst danach gehe ich dann überall dorthin, wohin mich meine Familie schleppen will.“

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Aber eben auch ein anderer ist bereits messerscharf auf den Showdown von Rio: Curtis McGrath. Gleich nach der WM erwies er dem erstmals besiegten österreichischen Serienchamp via Facebook seinen Respekt: „Du bist bescheiden im Sieg und auch bescheiden in der Niederlage. Ohne dich wäre der Sport nicht dasselbe und du hast allen gezeigt, was ein echter Champion ist. Ich freue mich schon darauf, bald wieder gegen dich anzutreten. LOOK OUT, RIO!“