Scharapowa-Comeback: Geliebt. Gehasst.

Fünfzehn Monate musste Maria Scharapowa wegen eines Dopingvergehens aussetzen – in Stuttgart wird die fünf­fache Grand-Slam-Siegerin auf die WTA Tour zurückkehren. Die Turnierveranstalter freuen sich, im Spielerinnenfeld ­fallen die Reaktionen aber gelinde gesagt eher reserviert aus. Sportlich traut der ehemaligen Nummer 1 jedenfalls auch ihr einstiger Amtskollege aus Österreich, Thomas Muster, einiges zu.

//Text: Jens Huiber //Foto: imago sportfoto

Waren das großartige Bilder? Sonne, der Strand von Manhattan Beach vor den Toren von Los Angeles, ein Netz – und mittendrin eine wunderschöne Frau, noch dazu eine weltbekannte, die das Sportgerät, einen Beachtennisschläger, höchst gekonnt bewegt: Maria Scharapowa,­ leider halt wegen Doping gesperrt, aber dafür in einer ­betörenden Dreiviertelhose. Das berichten zuverlässige Zeugen vor Ort. Und wer es nicht selbst gesehen hat, dem kann natürlich geholfen werden: Knapp 23 Millionen Follower auf Facebook, Twitter und Instagram können nicht irren, die 1,88 Meter große Russin ist auf verschiedensten Kanälen die Allergrößte. Fanzahlen wie diesen kann und will sich kaum ein Turnierveranstalter verschließen, zumal es im professionellen Damentennis exakt nur zwei Spielerinnen gibt, die Tickets en masse verkaufen: Serena Williams und eben Scharapowa. Gemeinsam haben sie 2016 nach den Australian Open noch sieben Events bestritten, die Olympischen Spiele eingeschlossen. Maria durfte aus den bekannten Gründen gar nicht ran, Serena hat also solo ihren Charme wirken lassen, sich aber noch rarer gemacht als sonst – und zuletzt ihre Schwangerschaft und die daraus resultierende Karenzzeit bekanntgegeben.

Ende April aber gibt es Hoffnung, dann kehrt ­Maria Scharapowa auf die WTA-Bühne zurück. In Stuttgart, bei einem der wichtigsten Turniere abseits der Grand Slams, dem Porsche Tennis Grand Prix, darf sie mit einer Wildcard direkt den Hauptbewerb entern. Denn wer Scharapowa engagiert, bekommt hundertprozentigen Einsatz, maximale Professionalität – Eigenschaften, die beim sportiven Autobauer ganz besonders geschätzt werden. Die Beziehung ist über Jahre gewachsen, man kennt und schätzt sich. Logisch also, dass Porsche seinem glitzernden Star sofort wieder die Bühne mit dem strahlendsten Rampenlicht bieten möchte und nicht die Mühen einer strapaziösen Qualifikation – selbst wenn die einstige Nummer 1 aktuell ohne offizielle Weltranglistenposition dasteht. Die Logik der einen bedeutet aber nicht automatisch Verständnis bei den anderen. Störfeuer kommen nicht nur von bekannt meinungsstarken Akteurinnen wie Dominika Cibulkova („Niemand findet das in Ordnung“) oder Caroline Wozniacki („Respektlos gegenüber den anderen Spielerinnen“), sondern auch aus einer unerwarteten Ecke, nämlich von zwei Markenkolleginnen Scharapowas.

,,Sie hätte wieder ganz von unten ­anfangen müssen”

Barbara Rittner

Angelique Kerbers Trikot ziert wie jenes der 30-jährigen Russin der Schriftzug des Stuttgarter Titelsponsors. Die Deutsche ist bis dato nicht als Meinungsmacherin aufgefallen, die Wildcard-Vergabe an Scharapowa in Stuttgart stößt ihr allerdings sauer auf. Warum man nicht einer deutschen Spielerin den Fixplatz im Hauptfeld zugestehen könne, ließ Kerber nachfragen. Deutlichere Worte findet Barbara Rittner, die deutsche Fed-Cup-Chefin. „Scharapowa hätte wieder von ganz unten anfangen müssen“, erklärte Rittner in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das ist insofern pikant, als die ehemalige Weltklassespielerin Porsche sehr nahesteht, sogar die Kooperation zwischen den Schwaben und dem Deutschen Tennis Bund eingefädelt hat. Und in Stuttgart wird sich in der Tat Außerordentliches zutragen: Nachdem Maria Scharapowa zu Turnierbeginn noch gesperrt ist, wird sie erst am Mittwoch, dem dritten Tag des Hauptbewerbs, ihre erste Runde bestreiten. Die WTA-Bücher geben das zwar durchaus her, gedacht war die Ausnahmeregelung aber eigentlich für Spielerinnen, die verspätet von etwaigen Fed-Cup-Par­tien anreisen. Man habe keine Regeln verbogen, ließ Turnierdirektor Markus Günthardt eher knapp ausrichten.

Mit der WTA liegt Scharapowa aber ohnehin nicht über Kreuz, positiv getestet wurde sie von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA bei den Australian Open 2016, einem­ Event der International Tennis Federation (ITF), die dann im folgenden April auch die Sperre wegen der Ein­nahme des damals einigermaßen frisch verbotenen Herzstärkungsmittels Meldonium aussprach. Die Position der ITF ist eine gute, deren Grand-Slam-Turniere sind von Schwankungen im Publikumsinteresse ausgenommen, Abhängigkeiten von einzelnen Stars bestehen nicht. So gesehen ist es nicht überraschend, dass die Veranstalter der French Open nicht sofort mit einer Wildcard für Schara­powa gewunken haben wie etwa die Verantwortlichen in Madrid oder Rom. Was natürlich nicht heißt, dass der ­Freifahrtschein in das Hauptfeld von Roland Garros damit endgültig gestorben wäre. Für Wimbledon hat Lokalmatador Andy Murray schon einen verbalen Testballon steigen lassen: Bei den vier größten Veranstaltungen des Tennisjahres müssten auch die höchsten moralischen Ansprüche gestellt werden, gerade bei der Vergabe der Wildcards. Bis zum Start des wichtigsten Turnieres des Jahres habe Maria Scharapowa aber ohnehin genug Möglichkeiten, ausreichend Punkte für einen direkten Platz im 128er-Raster zu erspielen. Sagt Murray, der mit der fünffachen Major-Siege­rin den Schläger-Ausrüster teilt.

,,Gegen Ende des Jahres wird sie sich aber wieder unter die besten Spielerinnen der Welt eingereiht haben”

Thomas Muster

Wie das Comeback Scharapowas sportlich laufen wird, lässt sich schwer abschätzen. Anke Huber, ehemals Finalistin der Australian Open und nunmehr mit Markus Günthardt für die Organisation des Stuttgarter Turniers ­zuständig, warnt im Gespräch mit dem Sportmagazin vor übertriebenem Optimismus. „Es wird extremer Druck auf Maria liegen“, so Huber. „Man geht nicht nach 15 Monaten auf den Platz und spielt, als ob nichts gewesen wäre. Selbst wenn sie das erste Match gewinnt, wird sie im zweiten noch tight sein.“ Training und Wettkampf sind zwei unterschiedliche Paar Tennisschuhe, selbst für eine 35-fache Turniersiegerin. Thomas Muster, der sich ebenfalls nach einer langen Pause wieder zurückkämpfen musste, bewertet die Ausgangslage für Maria Scharapowa ähnlich. Ein Turniersieg gleich in Stuttgart sei eher unrealistisch, so Muster: „Gegen Ende des Jahres wird sie sich aber wieder unter die besten Spielerinnen der Welt eingereiht haben.“

Hier ein kleiner Reminder für alle, die schon vergessen haben, wie sich Maria Scharapowa anhört:

Vieles spricht dafür, dass der beste österreichische Tennisspieler aller Zeiten damit richtigliegt: Das Niveau und vor allem die Konstanz der aktuellen Top-Spielerinnen lassen in Absenz von Serena Williams viele Wünsche offen, die Gemengelage auf den Sonnenplätzen der Weltrangliste ist unübersichtlich: Angelique Kerber liegt zwar an Position eins, durchlebt aber gerade eine veritable Schaffenskrise, Simona Halep und Agnieszka Radwanska fehlt der nötige Punch, Power-Hitterinnen wie Karolina Pliskova oder Garbine Muguruza scheitern wiederum entweder an schwacher Beinarbeit oder unzureichender Hitzebeständigkeit – meistens aber an sich selbst.