Rubin Okotie über Fußball in China: „Sehr ehrgeizig und wenig Geduld!“

Rubin Okotie wechselte im Sommer von 1860 München zum chinesischen Zweitligisten Beijing Enterprises. Hier erzählt er, wie er die chinesische Fußball-Revolution wahrnimmt, warum das Leben in Peking gefährlich ist und ob China ein Weltmeister der Zukunft ist.

//Interview: Markus Geisler //Fotos: imago Foto, privat

Sportmagazin: Es war sicher keine leichte Entscheidung, den Schritt nach China zu machen. Wie fällt dein Fazit nach knapp vier Monaten aus?

Rubin Okotie: Ich habe den Schritt nie bereut und empfinde ihn auch heute noch als richtig. Ich hab mir ganz bewusst eine Woche lang Zeit genommen, die Entscheidung zu fällen, hab mir vor Ort alles in Ruhe angeschaut. Und mich dann, zusammen mit meiner Frau Vanessa, dafür entschieden.

Acht Einsätze, ein Tor, immer wieder verletzt. Dein sportliches Resümee?

Durchwachsen! Es ging gut los, ich habe sofort im ersten Spiel ein Tor erzielt. Dann kamen gleich die Probleme mit der Oberschenkelmuskulatur, ich konnte immer nur maximal eine Halbzeit spielen. Nach drei Wochen ging es gar nicht mehr, ich hab dann sechs Wochen pausiert. Dann wieder gespielt, dann wieder verletzt. Das Problem war, dass ich nach der EURO nur zwei Wochen Urlaub hatte und ohne Vorbereitung in die Saison eingestiegen bin.

Dafür hast du jetzt längeren Urlaub zum Erholen.

Ja, die Vorbereitung auf die neue Saison startet Anfang Jänner. Jetzt kann ich mal abschalten und regenerieren.

Österreich, Deutschland, Belgien, Dänemark. Du hast schon in vielen europäischen Ligen gespielt. Wo liegen die großen Unterschiede in China?

Da muss ich nachdenken. Vieles ist ähnlich wie in Europa, man orientiert sich hier auch stark an europäischen Klubs. Und ich kann auch nur für meinen Klub Beijing Enterprises sprechen. Hier läuft alles sehr professionell ab, wir haben einen Stab mit fünf Trainern, jede Einheit wird aufgezeichnet.

Dein Trainer Aleksandar Stanojevic ist Serbe.

Ja, die Co-Trainer auch, der Konditionstrainer kommt aus Südkorea, der Teammanager ist Chinese, dazu kommen noch drei Dolmetscher.

China hat eine klare Ausländerregelung.

In der zweiten Liga sind maximal drei Ausländer erlaubt, in der ersten Liga sind es vier. Unser Trainer spricht jedenfalls englisch, das wird dann ins Chinesische übersetzt. Und wenn der Teammanager etwas sagt, bekommen wir es ins Englische übersetzt.

Und wie groß war die Umstellung im Privatleben?

Die war schon sehr groß. Kaum jemand spricht englisch, alles ist auf Mandarin angeschrieben. Da ist es schwer, zum Beispiel Lebensmittel einzukaufen. Aber am krassesten ist der Smog. Im Oktober war es extrem schlimm, da hatten wir tagelang so schlechte Luftwerte, dass meine Frau mit unserem Sohn tagelang nicht aus dem Haus gegangen ist. Die Werte waren teilweise fünfmal so schlecht wie in Österreich.

Dein Sohn ist zwei Jahre alt. Macht man sich da nicht Sorgen?

Definitiv! Das erste, was wir gemacht haben, war, unsere Wohnung mit Filtern auszustatten. Dazu haben wir Pflanzen bestellt, die besonders gut für die Luftreinigung geeignet sind. Das Gefährliche ist: Du siehst den Smog zwar, aber du spürst ihn nicht. Die meisten Chinesen blenden das Thema aus und gehen trotzdem ganz normal nach draußen. Ich wundere mich jedenfalls, wenn ich sehe, wie kleine Kinder bei größter Belastung ganz normal herumlaufen.

Mit 20 Millionen Einwohnern ist Peking eine Wahnsinns-Metropole.

Die Dimensionen dort sind riesig. Wir wohnen zentral, die Gegend nennt sich Central Business District (Anm.: dort ist das Finanz- und Medienzentrum der Stadt). Dort leben viele Ausländer und Geschäftsleute. Zum Training werden die Spieler abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Das ist ein westlich orientierter Bezirk, dort gibt es vieles, was es in Europa auch gibt.

Der chinesische Fußball befindet sich im Aufbruch. Woran merkst du das vor Ort?

Man muss schon differenzieren zwischen erster und zweiter Liga, vor allem, was die Zuschauer angeht. Als wir am Anfang noch um den Aufstieg gespielt haben, hatten wir um die 5.000 Zuschauer. Am Schluss waren es vielleicht noch 1.000. Da sieht das Stadion dann schon ziemlich leer aus. Die Vereine, die aufsteigen, sind dann aber gleich mal ausverkauft. Der andere Pekinger Klub, Guoan, hat so um die 40.000 Zuschauer. Die Klubs haben Nachholbedarf, weil viele noch relativ neu sind und kaum Tradition haben. Da muss sich die Fankultur auch erst entwickeln. Die Stimmung ist auch anders, als man es in Europa kennt.

Inwiefern?

Sobald der Ball Richtung Strafraum kommt, fangen die Fans an zu schreien, werden nervös, es wird richtig laut. Klingt am Anfang komisch.

Die Chinesen haben im Fußball sehr hohe Ziele, Staatspräsident Xi Jinping träumt sogar davon, in absehbarer Zeit Weltmeister zu werden. Realistisch oder übertrieben?

Die Chinesen sind ein sehr ehrgeiziges Volk, du merkst, dass sie immer nach dem Höchsten streben. Und mit 1,3 Milliarden Menschen haben sie ein riesiges Potenzial. Auf lange Sicht ist ihnen alles zuzutrauen. Aber es dauert eben ein paar Jahre, um das aufzuholen, was vorher ganz lange versäumt wurde.

,,Man merkt schon, dass Geld bei vielen Klubs keine Rolle spielt.”

China-Legionär Rubin Okotie

In den chinesischen Fußball fließt derzeit unglaublich viel Geld. Unternehmen investieren, um bei der Partei gut dazustehen, dazu gibt es einen TV-Deal, der den Klubs der ersten Liga 200 Millionen Euro pro Saison bringt.

Man merkt schon, dass Geld bei vielen Klubs keine Rolle spielt. Das ist ja auch der Grund, warum viele Spieler momentan nach China kommen. Hulk, Teixeira, Ramires, Pelle. Das liegt natürlich auch an den hohen Summen, die dort bezahlt werden.

Dazu kommen große Trainertypen wie Pellegrini, Scolari, Magath oder zuletzt Villas-Boas, die in China werken. Haben die den Fußball bereits auf ein höheres Level gehoben?

Ja, klar! Über diese Trainer fließt wertvolles Know-how aus den größten europäischen Ligen und Top-Klubs in den chinesischen Fußball. Trotzdem haben sie es schwer, weil sie zum Beispiel durch die Ausländerregelung stark begrenzt sind. Deswegen wird von ihnen auch verlangt, dass sie die chinesischen Spieler besser machen.

Führt das nicht zu einem großen Niveau-Unterschied innerhalb der Teams? Hier die starken Legionäre, dort die weniger starken Chinesen.

Genau das ist eines der Probleme. Von den Chinesen gibt es pro Team einen oder zwei, die richtig gut sind, der Rest bewegt sich auf einem ziemlich gleichen Level. Das macht es schwierig. Deswegen sind viele Spiele auch relativ eng und werden durch Einzelaktionen entschieden.

SHANGHAI, CHINA - JULY 10: (CHINA OUT) Hulk 8 of Shanghai SIPG is challenged by Henan Jianye players during the Chinese Football Association Super League match between Shanghai SIPG and Henan Jianye at Shanghai Stadium on July 10, 2016 in Shanghai, China. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY CFP488079585 Shanghai China July 10 China out Hulk 8 of Shanghai SIPG is Challenged by Henan Jianye Players during The Chinese Football Association Super League Match between Shanghai SIPG and Henan Jianye AT Shanghai Stage ON July 10 2016 in Shanghai China PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY
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Wie würdest du das Niveau der chinesischen Liga im europäischen Vergleich einordnen?

Das ist ganz schwer. Wenn die stärkste Mannschaft Chinas, Evergrande Guangzhou (Anm.: wurde vor zwei Wochen zum sechsten Mal in Folge Meister), sagen wir gegen den SC Freiburg spielen würde… Ich wüsste nicht, wer da die Nase vorn hat. Man müsste mal bei Alan nachfragen, was er glaubt, wie sie gegen „seine“ Salzburger von früher abschneiden würden. Ich bin mir nicht sicher.

Die Fußball-Euphorie ist teils staatlich verordnet. Wie schätzt du die echte Begeisterung der Bevölkerung ein?

Was ich mitbekomme, lieben sie den Fußball schon sehr. Das hat mich überrascht. Hier gibt es zig Sender, die alle Spiele aus der ganzen Welt live zeigen.

Was nicht funktioniert, ist das Nationalteam.

Ja, sie haben kürzlich sogar gegen Syrien verloren.

Was erwartet man sich jetzt vom neu installierten Teamchef Marcello Lippi?

Ich denke, sie wissen schon, dass die Qualifikation für die WM 2018 wohl nicht mehr zu schaffen sein wird. Mit der Installierung von Lippi denken sie aber gleich wieder ans Maximum. Wie gesagt: Die Chinesen sind sehr ehrgeizig, haben wenig Geduld, wollen so schnell wie möglich Erfolg haben. Da ist ihnen fast jedes Mittel recht.

Wird die Mannschaft deiner Einschätzung nach in den nächsten 20 Jahren eine ernsthafte Rolle im Weltfußball spielen?

In den nächsten 20 Jahren sicher. In den kommenden sechs bis acht Jahren kommen die ersten Talente aus den Akademien, da wird sich einiges tun. Das aktuelle Problem ist: Es gibt zwar Akademien und Fußballschulen, aber noch keine Jugendligen. Es gibt nichts, wo sich die Jungen Spieler messen oder Wettkampfpraxis sammeln könnten. Evergrande hat zum Beispiel die größte Fußballschule der Welt, die Kinder spielen aber keine Meisterschaft. Das werden sie aber sicher bald einführen.

 

Eine ausführliche Geschichte zum großen Aufbruch im chinesischen Fußball lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Sportmagazins.