Rosberg vs. Hamilton: Der intime Psychokrieg

Duell im Morgengrauen: Nico Rosberg muss seinen Erzrivalen Lewis Hamilton in dieser Saison von Anfang an biegen, und das, im wahrsten Sinn, mit aller Härte. Ihr gemeinsamer Kindheitsfreund sagt bei uns, warum die beiden mehr gemeinsam haben, als sie zugeben.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: (C) Mercedes AMG/Hugo Boss

Donald Duck und Gustav Gans. Stan Laurel und Oliver Hardy. Jean Gabin und Marlene Dietrich. Gilles Villeneuve und Didier Pironi. Unter Milliarden von Wesen gibt es doch immer wieder zwei, die das Schicksal aneinanderreibt: am Abgrund, im Herzen, in der Tiefe, am Puls, dort, wo es wehtut. Nico Rosberg könnte der erfolgreichste Rennfahrer der Welt sein: gut aussehend, im schnellsten Boliden, als Teil des besten Teams. Jedes Rennen könnte er dominieren, das ganze Licht ihn beleuchten -wenn da nicht noch ein anderer wäre: Lewis Hamilton ist sein Weggefährte seit zwei Dekaden und doch meist um das Zehntel einer Sekunde voran: schillernder, divenhafter, erfolgreicher. Einer für Hollywood, mit einem Drehbuch voller Flecken aus Öl, Dreck, Tränen und Schweiß.

Reich gegen Arm? „So ein Blödsinn!“

Reich gegen Arm -der ewige Zweikampf, bei dem Reich nie die Chancen hat, die Herzen der Zuseher einzunehmen. „So ein Blödsinn!“ Andreas Zuber, 32, steht in einer Werft in Ancona, er schnaubt ihn sein Telefon: „Lewis Hamilton war nie so arm, wie es immer geschrieben steht, denn wie Rosberg hatte er alle Hilfe der Welt, um in die Formel 1 zu kommen. Er wurde früh und intensiv gefördert und hatte die gleichen Chancen zum Aufstieg wie Nico -und die viel besseren als die meisten anderen. Er wurde von Ron Dennis und dem McLaren-Team professionell geführt, gelotst – vom Kart weg.“ Wenn sich die beiden heuer zum dritten Mal in Serie im einfärbigen Nahkampf zweier Teamrivalen um den Titel matchen, dann fühlt Zuber, Rennfahrer und Händler exklusiver Yachten, mit. Der Weißkirchner ist mit Hamilton und Rosberg aufgewachsen, Nico war zwei Jahre lang sein Teamkollege, Lewis sein Party-Buddy, den er in Istanbul 2006 in der GP2 besiegen konnte: „Er hatte den schlechteren Startplatz wegen des Kippens der Startreihenfolge, dafür aber auch das bessere Auto, freuen tut’s mich jedenfalls, einmal am Podium über so einem Supertalent gestanden zu sein.“

,,Lewis Hamilton war nie so arm, wie es immer geschrieben steht”

Andreas Zuber

Dort könnte heuer auch Rosberg sein: „Ich denke, heuer kann er Hamilton von Anfang an Paroli bieten. Beide sind superehrgeizig und vor allem Lewis hat einen unglaublichen Stolz, aus dem auch viel Kraft entsteht. Rosberg setzt sich sehr unter Druck, aber bei den letzten drei Rennen 2015 haben wir gesehen, wozu er fähig ist, wenn er befreit fährt. Diesmal könnte dieser Schalter sofort aktiviert werden.“ Muss er wohl auch, denn nach zwei Niederlagen in den WM-Duellen 2014 und 2015 muss nun Nico dagegenhalten. Und es ist ein neuer Nico, den wir erleben. „Irgendwas hat klick gemacht“, sagt der Deutsche selbst. Und zwar in Austin: Das war das brutale Manöver von Hamilton am Start, das war die Kappe mit der Aufschrift 2nd, die Lewis provokant in Richtung seines Rivalen warf. In den Minuten, Stunden, Tagen danach haben Freunde den direkten Augenkontakt zu Rosberg gesucht, so als ob sie ihn durch Hyponose heilen wollten: Du musst härter werden! Du darfst dir nicht alles gefallen lassen! Du steckst nicht zurück!

Seitdem wirkt Nico aufrechter. In Mexiko fuhr er, der eben Abgeschriebene, grandios. Prompt schwächelte Hamilton, wie auf Knopfdruck. „In diesem faszinierenden Psychokrieg ist Hamilton nicht subtil wie Alain Prost, sondern eher einer, der Hiebe setzt wie Muhammed Ali.“ Sagt David Coulthard. Doch Lewis weiß, was er tut: „Er macht gewisse Aussagen strategisch durchdachter, als man es ihm anmerkt, etwa wenn er einige Wochen nach dem peinlichen windbedingten Versetzer von Rosberg sagt, dass „Nico hier hervorragend gefahren ist – kein Fehler, keine Windböe“. Doch Bayern-München-Fan Nico zeigt neuerdings wieder „Balls“. Das führt zu einem Nebeneffekt, wie Gerhard Berger bemerkt: „Dann ist Lewis auf einem schmalen Grat unterwegs, da kann er die Nerven wegschmeißen.“ Zumal sich Rosberg, wie Ex-Weltmeister Damon Hill vermutet, „heuer absolut nichts mehr gefallen lassen wird“. Denn: „Nico läuft die Zeit davon, er muss jetzt die Wende vollziehen.“ Besonders, weil er nicht ewig Zweiter werden kann in einem Konzern, der mit dem Satz „Das Beste oder nichts“ wirbt. Und der mit Pascal Wehrlein (bei Manor) und Esteban Ocon (Testfahrer bei Renault) längst die Superstars von morgen ausbildet.

Denn sie wissen, was sie tun

Doch die Helden aus den 80ern denken nicht daran, abzutreten, ganz im Gegenteil, sie sind am Zenit ihres Könnens und wissen jetzt genau, was sie tun. Hamilton träumte kürzlich laut davon, neun WM-Titel zu erobern, dreimal so viele wie Senna. Seine Trieb, Rekord um Rekord zu brechen, verbindet ihn mit Lindsey Vonn, die immer öfter an seiner Seite auftaucht. Doch wie sie wirkt auch er im Kollegenkreis oft isoliert, nie wurde das so deutlich wie beim Begräbnis von Jules Bianchi in Nizza, wo er stets abseits seiner dreißig anwesenden Berufskollegen stand. Und im Fahrerlager kann man sich nicht mehr erinnern, wann man Lewis zuletzt beim Smalltalk mit einem Kollegen gesehen hat. Hamilton sucht lieber die Nähe zu Musikern und Schauspielern. Durch die Nächte zieht er meist mit hochgeklapptem DRS-Flügel, aber nicht immer pannenfrei. In Monaco schrottete er einen zwei Millionen Euro teuren Pagani Zonda, und zwar um exakt 3.28 Uhr in der Früh. Der Crash machte kaum Schlagzeilen im Vergleich zur Aufregung, die zu McLaren-Zeiten 2010 in Melbourne herrschte, als er wegen eines „Donuts“ auf der Stadtstraße von der Polizei gestoppt wurde. Das zeigt, wie gut er von Mercedes medial geführt wird -und auch menschlich. Die Freiheiten, die ihm Toto Wolff und sein väterlicher Vertrauter Niki Lauda geben, hätte er wohl in keinem anderem Team der Welt. Wolff sagt: „Sein Lifestyle ist seine Sache, solange die Leistung passt.“ Gerhard Berger stimmt dem zu, er selbst war bei McLaren in die Krise geschlittert, weil er nicht mehr er selbst war, sondern so, wie ihn Teamchef Ron Dennis haben wollte.

McLaren ist indes ein Wort, das bei dem Mercedes-Menschen immer leichte Nervosität aufkommen lässt. Der Sturzflug des Ex-Partners vom WM-Favoriten 2013 zur McLachnummer ist eine Warnung, dass man in der Formel 1 nach hinten noch schneller durchgereicht werden kann als nach vorne. Doch bei den Silberpfeilen sollte das vorerst nicht passieren, wenngleich man nun den Preis des Erfolges zahlt und zusehen muss, wie die Konkurrenz gute Ingenieure der zweiten Ebene abwirbt. Aber die Stärke ist ungebrochen: Man munkelt, dass der Antrieb der Silbernen bereits nahezu 1000 PS leistet, und Red-Bull-Vordenker Dr. Helmut Marko muss nicht lange nachdenken, wenn er den WM-Favoriten 2016 skizziert: „Wenn Mercedes nichts falsch macht, werden sie am Anfang des Jahres nur Doppelsiege feiern.“ Wobei die Kraft noch weniger Befürchtungen auslöst als die Ausdauer. Bei den Tests in Barcelona mussten an manchen Tagen sowohl Hamilton als auch Rosberg ins Lenkrad greifen. Der Grund: Der Mercedes-Rennwagen spulte ohne Ruckler und ohne Mucken so viele Runden ab, dass das für einen einzigen Fahrer an einem Tag psychisch nicht einmal zu bewältigen gewesen wäre.

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