Robert Lewandowski: The Bavarian Sniper

Bayern backstage: Warum Robert Lewandowski ohne „Robbery“ besser trifft denn je, es David Alaba nie fad wird und worüber sich sogar ein Besessener wie Matthias Sammer kaputtlacht. Plus: Wie die Konkurrenz an Pep Guardiolas Magic Touch immer mehr zerbricht.

//Text: Tom Hofer

//Titelbild: (C) GettyImages

Matthias Sammer sitzt in Zimmer Nr. 122 im ersten Stock des Bayern-Headquarters an der Säbener Straße und ist nach 20 Minuten bei seinem Lieblingsthema angekommen: Erfolg! „Mein ganzes Denken und Handeln ist nur darauf ausgelegt“, spricht der 48-jährige Sportvorstand über sein gnadenloses Motto so locker, wie andere übers schlechte Wetter schimpfen. Dass man ihm angesichts seiner Besessenheit schon vor langer Zeit den Spitznamen „Motzki“ verpasst hat, ist ihm völlig wurscht: „Ich hab noch nie auf mein Image Wert gelegt. Glauben Sie mir, Sympathie ist für mich uninteressant.“ Dass der FC Bayern zuletzt beim Jahresumsatz erstmals die 500-Millionen-Euro-Schallmauer durchbrechen konnte und damit im Deloitte-Ranking der Fußball-Giganten dem Top-Duo Real Madrid und Manchester United so nah kommt wie nie, nimmt Sammer zur Kenntnis, mehr aber auch nicht: „Ganz ehrlich, diese Rangliste beruht auf wirtschaftlichen Zahlen – die wären aber ohne sportlichen Erfolg nicht möglich. Wir dürfen nie vergessen, dass der Fußball das Kerngeschäft dieses Vereins ist.“

Die Entwicklung des „Mia san mia“

Zum Glück für Sammer gibt’s Pep Guardiola, denn Bayern ist heute mehr als die stets gut geölte, aber meist nervig-arrogante Titelmaschine. „Ich möchte Thomas Tuchel zitieren, der kürzlich gesagt hat: ‚Seit ungefähr drei Jahren verkörpert der FC Bayern etwas anderes, als es davor immer der Fall war. Er ist nach wie vor selbstbewusst, legt aber auch eine gewisse Bescheidenheit an den Tag. Dieses Mia san mia hat eine Entwicklung genommen.‘ Mir recht, wenn das so ist“, grinst Sammer im Gespräch mit dem Sportmagazin. Im Gegensatz zu früher genießt sogar der aktuell größte Star im Team höchste Sympathiewerte: Robert Lewandowski ist drauf und dran, in die Kategorie Weltstar vorzustoßen. Auf die Frage, ob der polnische Superstriker schon auf Augenhöhe mit Messi und Ronaldo ist, kämpft Sammer mit seiner Formulierung. Die Antwort ist schließlich ein Mix aus Diplomatie und Tritt in den Hintern: „Robert ist anders und deshalb nicht vergleichbar, weil die beiden anderen keine klassischen Mittelstürmer sind. Aber eines ist auch klar: Was Messi und Ronaldo schon an Titeln erreicht haben und welchen Hunger sie trotzdem noch immer haben – da sehe ich noch Entwicklungspotenzial.“

Lewandowski und der Müller-Rekord

Lewandowski hat sich schnell etabliert im Haifischbecken Bayern. Auf schlaue Tipps oder gar Zurechtweisungen pfeift er längst. Er musste früh erwachsen werden. Als sein Vater Krzysztof an Krebs stirbt, ist er 16. Ein Verlust, der ihn nachhaltig prägt. Dass er sich bei Bayern intern rechtfertigen sollte, warum er für Ronaldo statt Manuel Neuer als Weltfußballer gestimmt hat, versteht er zum Beispiel bis heute nicht: „Ich bin mir bewusst, wen ich gewählt habe, ich brauch mich dafür nicht zu entschuldigen.“ Und wenn sein Berater Cezary Kucharski trotz des langfristigen Vertrags in München (bis 2019) davon schwärmt, wie gut sein Klient nach Spanien passen würde, dann müssen die Bayern-Chefs das gefälligst aushalten. Lewandowskis aktuelle Kennzahlen (Stichtag: 12. November) sind derart beeindruckend, dass selbst der deutsche Uraltrekord von Gerd Müller (40 Tore in der Saison 1971/72) wackelt. Seine bisherige Ausbeute ließ zuletzt hochgerechnet auf 44 Volltreffer bis Saisonende schließen!

Im Kalenderjahr 2015 hat der 27-jährige Pole bewerbsübergreifend (inklusive Nationalteam) schon bombastische 43-mal zugeschlagen! Da kommt derzeit niemand mit, schon gar nicht mit einem Fünferpack in knapp neun Minuten wie gegen Wolfsburg. Doch der Müller-Rekord? Sammer ist skeptisch: „Ich beschäftige mich nicht mit so etwas. Das ist, wie wenn du sagst, du willst die Champions League gewinnen. Du verdienst möglicherweise die 40 Tore und du verdienst vielleicht irgendwann die Champions League, aber nicht durch viel Blabla, sondern weil du etwas dafür tust. Robert hat unglaubliches Potenzial und seine komplexen Stärken machen ihn zu einem erstklassigen Spieler – sorry, ich mag den Ausdruck perfekt nicht. Wenn alles passt, sind 40 Tore-möglich. Aber nicht, indem du darüber redest, sondern nur, wenn du hart dafür arbeitest.“ Sky-Experte Erik Meijer ist auf Anfrage des SPORTMAGAZINS weniger umständlich: „Wenn’s einer schafft, dann Lewandowski!“ Der Holländer war selbst Torjäger von Beruf, unter anderem in der Uniform von Leverkusen bzw. Liverpool: „Ich war lange Fan von Sergio Agüero, aber derzeit ist Lewandowski der beste Stürmer der Welt – weil er auch sehr mannschaftsdienlich spielt.“ Doch da wären wir bei der zentralen Frage: Steht und fällt Lewandowskis Rekordjagd mit dem Comeback der dauerverletzten Flügelzange „Robbery“? Meijer: „Die Neuen Costa und Coman sind zwei echte Winger, die Lewandowski mit Bällen füttern. Das ist natürlich ideal für einen Stürmer. Robben und Ribéry sind eigensinniger, machen viel mehr auf eigene Faust.“

,,Ich war lange Fan von Sergio Agüero, aber derzeit ist Lewandowski der beste Stürmer der Welt”

Sky-Experte Erik Meijer

Apropos füttern: Anna Lewandowska, Roberts Jugendliebe (zum Ringtausch trat sie allerdings erst vor zweieinhalb Jahren an), ist äußerst streng beim Thema Ernährung. Sie empfiehlt zum Beispiel „rückwärts“ zu essen, also erst Dessert, dann Hauptspeise und als Abschluss die Vorspeise -das soll angeblich gut für die Fettverbrennung sein. Den ultimativen Energiekick liefert – auch angeblich – Kaffee mit etwas Butter. „Dafür darf er keine Süßigkeiten mehr essen -Schwachsinn!“, schüttelt Meijer den Kopf. Doch einer wie Miss Anna widerspricht man besser nicht. Das Energiebündel hat den schwarzen Gürtel in Karate, holte 2008 in Tokio WM-Bronze und macht heute als Polens Fitnesslady Nr. 1 ihren Landsleuten permanent ein schlechtes Gewissen. Mit ihrem schweißtreibenden Programm („Healthy Plan by Ann“) tourt sie durch ganz Europa. Kürzlich bat das Powergirl ihre Fans in Dublin und London zum gemeinsamen Work-out. Die Tortur kennt der Herr Gemahl nur allzu gut, dementsprechend gut ist er auch beinand. In Dortmund, wo ihn der Boulevard anfangs als „Lewandoofski“ verspottete, nannten ihn die Kumpels ehrfurchtsvoll „The Body“. Als Schwarz-Gelber erzielte er sein Premierentor in der Bundesliga ausgerechnet gegen seinen jetzigen Teamkollegen Manuel Neuer.

Robert LEWANDOWSKI (Bayern Muenchen) mit Freundin Anna Stachurska. Fussball FC Bayern Muenchen, traditioneller Oktoberfestbesuch in der Kaefer Schenke, am 30.09.2015 in Muenchen/ Deutschland. Robert Lewandowski Bavaria Munich with Girlfriend Anna Stachurska Football FC Bavaria Munich traditional Oktoberfest visit in the Kaefer Tavern at 30 09 2015 in Munich Germany

Auch ein österreichischer Klub steht auf der Abschussliste. Im Dress von Lech Posen schoss der Killer mit dem Engelsblick im Herbst 2008 die Austria aus dem UEFA-Cup. Für Ingolstadt-Coach Ralph Hasenhüttl, Ex-Veilchen und mit seinen 1,91 Metern einst ein klassischer Strafraumbrecher vom alten Schlag, machen Lewandowski (1,84 Meter), abgesehen von der exzellenten Fitness, noch drei weitere Vorzüge zum Superman: „Er ist sehr laufstark, verfügt über einen gewaltigen Topspeed und ist nicht allzu groß. Denn zu lang darfst du heutzutage als Stürmer nicht mehr sein, sonst derrennst du’s einfach nicht mehr. Bei Lewandowski passt die Größe perfekt, er ist noch robust genug, um an die Kopfbälle im Zentrum ranzukommen. Also viel bessere Stürmer als er fallen mir nicht ein.“ Wie der Ingolstädter Meistermacher den Bayern-Bomber beim Duell im Dezember in der Allianz Arena neutralisieren will?“Das geht nur, wenn alle mithelfen.“

Genau das war auch der Plan von Peter Stöger beim Köln-Gastspiel in München. Hat aber nicht geklappt, weil man eben nicht nur auf Lewandowski aufpassen muss. „Wahrscheinlich hat sich in Deutschland bisher jede Mannschaft gegen die Bayern etwas überlegt, so richtig funktioniert hat es über 90 Minuten selten. Im Normalfall geben sie erst Punkte ab, wenn sie in der Meisterschaft durch sind“, stellt der Effzeh-Coach am Abend vor der 0:4-Watschn im noblen Hotel „Vier Jahreszeiten“ nüchtern fest. Bingo, Herr Stöger! Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe hatte Bayern unter Guardiola noch immer kein Bundesliga-Match im Herbst verloren – seit nunmehr drei Jahren und vier Monaten. Den Vorwurf, dass die Gegner in Ehrfurcht vor dem roten Riesen erstarren, lässt Stöger trotzdem nicht gelten: „Nicht alle haben den Plan, sich hinten einzuigeln, aber wenn du keinen Zugriff kriegst, weil sie im Passspiel halt kaum Fehler machen und immer näher zum Tor kommen, stehst du irgendwann relativ tief.“ Kölns 5-Mann-Abwehrmauer plus die davor postierte Viererkette im Mittelfeld hält der bayrischen Belagerung immerhin 35 Minuten stand, dann beordert Guardiola Shootingstar Kingsley Coman von rechts nach links, verschiebt Powerriegel Costa ins Zentrum, befreit David Alaba von seinen Defensivfesseln, schon schnurrt der FCB-Motor wie gewohnt. Nur ein paar simple Handgriffe des Trainers, aber exakt die richtigen. Auch aus dem 0:2 gegen Arsenal zieht er die richtigen Schlüsse. Beim Rückspiel in München gehen die „Gunners“ unter. Guardiola scheint für jede Problemstellung die Lösung zu haben. Vor allem erstaunlich: Lewandowski ist der erste Stürmer, der es dem Guru recht macht. Der Frontman wird in Guardiolas adaptiertem System keine Sekunde infrage gestellt. „Es ist nie einfach, wenn der Gegner kompakt und tief steht. Du musst ruhig bleiben und aufdeine Chance warten“, übte sich „Mister Vielseitig“ Alaba im Smalltalk nach dem Köln-Sieg gewohnt im Floskel-Dribbling. Gefahr, der Hunger könnte irgendwann gestillt sein, sieht der ÖFB-Star nicht so schnell aufkommen: „Siege werden nie fad!“

RB Leipzig: Der zukünftige Bayern-Hunter?

Klar spricht Alaba damit allen Bayern-Fans aus der Seele, doch ohne ernsthaften Konkurrenten fehlt dem Liga-Alltag der Kick. „Ich schau dieser Mannschaft auch gern zu“, nickt Ralph Hasenhüttl, „sie ist das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Trotzdem könnte ein bisschen mehr Spannung nicht schaden.“ An der immer größer werdenden Kluft liegt laut Hasenhüttl die große Chance des vielerorts angefeindeten Retortenklubs RB Leipzig: „Sollten sie aufsteigen und sich als Bayern-Jäger herauskristallisieren, hätten sie mit einem Schlag 50 Prozent der Bevölkerung hinter sich. Aber das ist Zukunftsmusik.“ Stimmt, noch macht die FCB-Combo den größten Lärm. Doch reicht das für den ganz großen Coup?“Diese Saison wird für Bayern nur gut, wenn sie die Champions League gewinnen“, ist sich Sky-Experte Meijer sicher. „Der Titel in der Liga ist schon Normalität, der DFB-Pokal läuft nebenher.“ Auch wenn die Saison bis jetzt entzückend ist, den Beweis, dass er wie sein Intimfeind José Mourinho mit einem zweiten Klub Europas Thron besteigen kann, blieb der katalanische Glatzkopf bisher schuldig. Antwort auf die brennende Frage, ob Guardiola auch in einem Jahr noch da ist, liefert aber selbst ein möglicher Triumph in der Königsklasse nicht.

Matthias Sammer, mit 34 Jahren jüngster deutscher Meistermacher, befasst sich nicht mit der Suche nach einem Nachfolger, wie er dem SPORTMAGAZIN glaubhaft versichert: „Wir beschäftigen uns nur mit Pep Guardiola, alles andere sind Spekulationen.“ Die Spielphilosophie von Comandante Sammer im Jahr 2002 auf dem Weg zum Titel mit Dortmund sei übrigens relativ simpel gewesen: „Ich wollte schon damals immer im Mittelfeld – dort, wo das Herz einer Mannschaft schlägt – einen Spieler mehr haben. Deswegen lach ich mich kaputt, wenn ich heute von Kollegen höre, dass sie alles danach ausrichten.“ Auf eine Stufe mit dem aktuellen Bayern-Coach will sich Sammer nicht stellen: „Pep ist in der Art und Weise, was er mit dem Ball machen will, genial – und natürlich von Barcelona und Johan Cruyff geprägt. Vergleichbares fällt bei mir weg, weil wir taktisch im deutschen Fußball nie so stark waren wie die Südeuropäer.“ Doch die Unsicherheit nervt, denn an Guardiolas Entscheidung hängt der ganze Betrieb. Sammer: „Wir haben für nächsten Sommer noch überhaupt keine Personalplanung gemacht.“