Road to France: Hinter den Kulissen des ÖFB-Dreamteams

Auf der Road to France sind Alaba und Co. nicht mehr zu stoppen. Vor dem Showdown in der EURO-Quali im Herbst wirft das SPORTMAGAZIN einen exklusiven Blick hinter die Kulissen des rot-weiß-roten Dreamteams. Ein Inside-Report über kleine Panzer, Riesenspinnen, Purzelbäume, Spieleabende und gemeinsame Träume.

//Text: Tom Hofer

//Fotos: (C) GEPA Pictures

Frankreich? Da war doch was! Genau gesagt am 14. Oktober 2009. Ausgerechnet gegen die Équipe Tricolore trägt David Alaba im Stade de France im zarten Alter von 17 Jahren und 112 Tagen erstmals den Bundesadler auf der Brust. Zehn Minuten vor Schluss darf er für Christian Fuchs ran. Nie war ein heimischer Kicker bei seiner Feuertaufe im Teamdress jünger. „Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, sein Debüt vergisst man schließlich nicht. Es ist ja auch noch gar nicht so lange her. Klar war ich nervös“, macht der Bayern-Star wenige Tage vor seinem 23. Geburtstag im Smalltalk mit dem SPORTMAGAZIN eine „sentimental journey“. Nicht nur für ihn würde sich nächsten Sommer der Kreis schließen. Inklusive Christian Fuchs und Alaba waren mit Veli Kavlak, Yasin Pehlivan, Aleksandar Dragovic, Julian Baumgartlinger, Jakob Jantscher und Marc Janko insgesamt acht aktuelle Koller-Jünger beim 1:3 in Paris schon dabei. Sechs Jahre später brettern Alaba und Co. mit Vollgas auf der Road to France. Die Hochrechnung für eine triumphale Ankunft ist simpel: Vier Punkte noch aus den verbleibenden vier Boxenstopps im Herbst (darunter zu Hause gegen die Nachzügler Moldawien und Liechtenstein), dann kann auch theoretisch nix mehr schiefgehen mit der erstmals auf sportlichem Weg geschafften Quali für eine EURO. Doch was steckt hinter dem rot-weiß-roten Fußballmärchen, wer führt in der frechen ÖFB-Boyband den besten Schmäh, welche Kicker sind das Herz von Österreich und was macht Teamchef Koller besser als seine Vorgänger in der Coachingzone?

David Alaba bei seinem Debüt um Stade de France im Oktober 2009

 

Das Nationalteam ist kein FC Alaba!

Gleich zu Beginn sollte man mit einem oft verbreiteten Vorurteil aufräumen: Das Nationalteam ist kein FC Alaba! „Ihr Journalisten sehts das vielleicht so, mir war das vorher auch schon klar. Wir haben eine großartige Mannschaft mit sehr guten Einzelspielern. Was uns aber wirklich stark macht, ist, dass wir als Einheit auf dem Platz stehen. Ich glaub, dass kann man bei jedem Spiel sehen“, ist Alaba sichtlich stolz auf seine Kollegen, die ohne ihn gleich zweimal den russischen Bären erlegten. Dieser unerschütterliche Teamgeist sei das wahre Erfolgsgeheimnis des Teams, ist sich Alaba sicher: „Die Stimmung ist schon bei jeder Zusammenkunft super. Es ist fast so, als wenn wir alle zusammen aufgewachsen wären.“ ORF-Experte Helge Payer, 2009 gegen Frankreich Nr. 1 im Tor, erinnert sich noch gut an seinen ersten Kontakt mit dem damaligen Youngster: „Am Tag vor dem Match in Paris war ich mit David auf einen Kaffee. Plötzlich hat er zu schwärmen begonnen: ‚Helge, du bist eine Legende für mich!‘ Dann hat er mir ganz stolz erzählt, dass er mich mit meinem damaligen Auto, einem weißen VW Scirocco, auf der Mariahilfer Straße gesehen und wie ihn das beeindruckt hat.“ Heute casht Alaba kolportierte sieben Millionen Euro im Jahr und kurvt mit einem Audi RS7 Sportback (mit exklusiver Lackierung: Nardograu matt) durch die Gegend. 560 PS schlummern unter der Motorhaube des schnittigen Boliden. Das Münchner Kennzeichen (das Kürzel „DM“ steht für Deutscher Meister; die vierstellige Zahlenkombi endet mit 27, Davids Rückennummer) verrät schnell, dass es sich beim Lenker um einen FCB-Promi handelt. Doch Allüren sind dem gebürtigen Donaustädter fremd. Zwölf Titel hat Alaba im Bayern-Dress schon gewonnen. Alle wichtigen Häferl des Klubfußballs hat er in den letzten viereinhalb Jahren gestemmt: Champions League, UEFA-Supercup, Klub-WM inklusive. Mehr geht eigentlich nicht. Und dennoch: Es ist das Ticket für die EURO 2016, das ihm Berge geben würde: „Nicht nur für mich, sondern für die gesamte Mannschaft und das ganze Land wäre das großartig. Dafür geben wir alles, das wollen wir und davon träumen wir! Und diesen Traum wollen wir uns erfüllen!“

,,Die Stimmung ist schon bei der Zusammenkunft ­super. Es ist fast so, als wenn wir alle zusammen aufgewachsen wären.”

David Alaba

Schon komisch, dieses Wir-Gefühl ist ausgerechnet einem Schweizer zu verdanken. Klar kommt Marcel Koller zugute, dass er so viele Legionäre zur Auswahl hat wie kein Teamchef vor ihm. Klar stimmt derzeit der heikle Mix aus Alter, Erfahrung und Erfolgshunger. Doch auch wenn’s blöd klingt, unter Koller ist die nötige Professionalität im Nationalteam eingekehrt. Die Mannschaft trägt unverkennbar seine Handschrift. Weil am aggressiven Spielstil des 54-jährigen Zürichers in den Übungseinheiten von Anfang hart gearbeitet wurde. Koller hält die Spieler einerseits an der kurzen Leine, hat aber andererseits nichts dagegen, wenn ein freier Vormittag zum Shoppen genutzt wird. Denn in Wien logiert das Team mitten in der City, nicht mehr wie früher weit weg vom Schuss. „Der Teamchef ist ein wichtiger Faktor, das sieht man an der Entwicklung der Mannschaft in den letzten Jahren. Wir sind auf einem sehr guten Weg, aber noch nicht am Ziel. Wir wollen immer besser werden und dabei spielt der Teamchef eine große Rolle“, ist Alaba voll des Lobes. Der Beweis: Als Koller kam, lag Österreich im FIFA-Ranking auf Platz 70 – viereinhalb Jahre später ist man stolzer 16.! Ein All-Time-High – einen Platz besser als Anfang 1999, der bisherigen Bestmarke. Die Fans lieben den Schweizer, auch weil er sie von Anfang an mit ins Boot geholt hat. Die Zeiten, als im Teamquartier über die Trainingsmethoden gelästert wurde, sind zum Glück lange vorbei. Unter Kollers Vorgängern bissen sich die Spieler bei öffentlichen Äußerungen auf die Zunge, lediglich off records redete sich so mancher seinen Frust von der Seele. Zum Beispiel im intimen Talk mit dem Sportmagazin. Ein kurzer Auszug aus so einem Hintergrundgespräch mit einem Teamkicker (der noch immer aktiv ist, dessen Identität aber geheim bleiben muss) gefällig?“Wir mussten uns beim Aufwärmen im 4-4-2 aufstellen, obwohl wir im Match dann gar nicht dieses System gespielt haben. Dann gab’s folgende Übung: fünf Meter nach vor laufen, Purzelbaum, fünf Meter zurück, Purzelbaum. Sinnlos, normal müsstest du ja als Spieler wieder rein in die Kabine gehen, aber das kannst du ja auch nicht machen. Auf die Frage an den Teamchef, ob wir nicht vielleicht etwas Taktik trainieren sollten, hat’s nur geheißen: Warum sollen wir Taktik machen, das lernts eh im Verein.“ Ein nicht minder skurriler Vorfall: Ein anderer Koller-Vorgänger „analysierte“ den Gegner mangels Informationen anhand seiner optischen Eindrücke von den Passfotos der Spieler.

Koller und sein Dream-Team

Doch schnell zurück aus diesem Albtraum in die Gegenwart. Oder noch besser -in die Zukunft! Die könnte für Aleksandar Dragovic in Deutschland, England oder Spanien liegen. Der 24-jährige Team-Verteidiger gilt als Bluechip an der Transferbörse. Das weiß vor allem Thomas Kroth, Dragovic‘ neuer Berater, zu dessen Klientel neben Deutschlands Tormann-Titan Manuel Neuer und Dortmund-Zangler Shinji Kagawa auch ÖFB-Mittelfeldmotor Julian Baumgartlinger zählt. „Das ist schon mehr als eine Geschäftsbeziehung, wir vertreten Julian schon, seit er bei 1860 München in der Jugend gespielt hat“, erklärt Kroth. Baumgartlinger hat viele Fans -der wichtigste davon neben Marcel Koller ist Martin Schmidt. „Julian ist unser kleiner Panzer, der für Stabilität im Spiel sorgt“, charakterisiert der Mainz-Coach den Salzburger. Spielerberater Kroth kickte Anfang der 1980er-Jahre in Frankfurt kurz mit Österreichs leider viel zu früh verstorbener Verteidiger-Legende Bruno Pezzey zusammen. Mit Pezzey, der bei zwei Weltmeisterschaften und insgesamt 84-mal den Teamdress trug, will er Dragovic aber (noch) nicht vergleichen. Der smarte Deutsche, einst Mittelfeldspieler mit waffenscheinpflichtigem linken Fuß, übt sich im Interview mit dem SPORTMAGAZIN in Understatement: „Aleksandar spielt seit Jahren konstant auf hohem Niveau, hat in den letzten Jahren immer wieder Titel gewonnen und ist auf einem sehr guten Weg.“ Die EURO wäre ein nächster wichtiger Entwicklungsschritt, meint Kroth. Dessen ist sich Dragovic bewusst. Die Zusammenarbeit mit Ex-Herminator-Coach Heini Bergmüller hat er zwar beendet („Ich hab sehr von ihm profitiert, aber ein Personal Coach hat auf Dauer nur Sinn, wenn er vor Ort ist“), dafür ist Superadler Gregor Schlierenzauer als Ernährungsberater neu im privaten „Team Dragovic“. Dass Österreich die wenigsten Gegentreffer in der Quali-Gruppe G kassiert hat, könnte sich Abwehrchef Dragovic auf die Fahnen heften – tut er aber nicht. „Wir haben uns vorgenommen, wenig Tore zu kassieren, aber dazu gehört auch das nötige Quäntchen Glück – wie zuletzt in Moskau. Ganz ehrlich, die zweiten 45 Minuten dort sind mir vorgekommen wie vier Tage. Das war sicher unser anstrengendstes Match bisher.“ Und nebenbei bemerkt bereits die neunte Zu-null-Partie (im 22. Länderspiel) von Goalie Robert Almer.

Die Bescheidenheit und Von-Spiel-zu-Spiel-Philosophie wirkt nicht aufgesetzt, sie wird gelebt. Eine Vorgabe von Teamchef Koller, der auffallend viele Vieraugengespräche mit den Spielern führt. Auch Sportdirektor Willi Ruttensteiner, auf dessen Vorschlag Koller 2011 geholt wurde, pflegt einen sehr engen Kontakt zur Mannschaft: „Schon wenn das Team aufs Feld marschiert, ist jetzt dieser Siegeswille spürbar. Nach dem Motto: Wir können jeden schlagen!“ Team-Psychologe Thomas Graw, seit gemeinsamen Bochumer Tagen an Kollers Seite, tritt nur als stiller Trainingsbeobachter in Erscheinung. Die Ratschläge des Glatzkopfs gibt der Teamchef meist selbst weiter. Am meisten davon profitiert haben dürfte Marko Arnautovic. Das einst lauffaule Enfant terrible ist unter Koller (der selbst wegen seines lädierten linken Knies nicht mehr laufen kann) zum braven Kilometerfresser mutiert. „Marko hat begriffen, dass es nicht anders geht. Er will ja selbst unbedingt zur EM. Ich bleib dabei: Wenn er seine Fähigkeiten ausspielt, ist er der beste Fußballer Österreichs. Und das sag ich nicht, weil wir beste Freunde sind, das mein ich ehrlich“, erklärt Arnies best buddy Dragovic. Die einst nicht nur zahlenmäßig starke Anti-Arnautovic-Front im Kader hat sich mangels dummer Sprüche und Disziplinlosigkeiten aufgelöst. Mehr noch: Das Trio Alaba/Arnautovic/Dragovic sorgt (abwechselnd mit Neo-Watford-Legionär Prödl) einerseits für den Sound in der Kabine und gibt als Spaßkombo auch schmähmäßig Gas. „Es kann sich keiner vorstellen, was wir für eine Gaudi haben“, reißt Dragovic einen wichtigen Erfolgsfaktor an. Auch wenn man anderes vermuten würde, die aktuellen Team-Kids gehören nicht zur Generation PlayStation. Stattdessen wird nach den Trainingssessions gepokert und sogar das gute alte Stadt-Land-Fluss gespielt!

Ein Bild verzückt Fußball-Österreich: Janko und sein Siegtreffer gegen Russland.

Eher spaßbefreit ist Top-Torjäger Marc Janko, wenn’s um sein Privatleben geht. Homestorys sind generell tabu, via Weddingplannerin Victoria Ainedter drohte der große Blonde im Juni allen Medien sogar mit rechtlichen Schritten, sollten Fotos von seiner Hochzeit (auf der Special Guest Julian Le Play für das Brautpaar sang) in der Südsteiermark mit Herzblatt Nina, einer Ex-Polizistin, veröffentlicht werden. Der berüchtigte Grazer Paparazzo Elmar Gubisch, der sich mit exklusiven Fotos von Briefbomber Franz Fuchs und Serienkiller Jack Unterweger in der Szene einen Namen machte, schoss -gut getarnt aus dem Auto – Herrn und Frau Janko dennoch ab. Völlig konträr zu dieser Episode ist Janko ein echter Teamplayer, der ein Jahr lang die mühsame Anreise aus Down Under gern in Kauf nahm. Mit insgesamt 21 Volltreffern ist Janko die Nr. 11 im ÖFB-All-Time-Ranking und derzeit der mit Abstand beste Team-Torschütze. Die drei Tore in der laufenden Quali waren der Türöffner zum FC Basel. Jankos Plus: Der 1,96-Meter-Hüne ist nicht nur im Starfraum furchtlos, in Sydney brachte ihn auf der Fahrt zum Training selbst die plötzlich aus dem Motorraum krabbelnde Riesenspinne nicht aus der Ruhe. Ganz im Gegensatz zur irren Entscheidung von Josef Hickersberger, ihn 2008 nicht für die Heim-EURO zu nominieren. Ein Tiefschlag, den weder Janko noch die Fans nachvollziehen konnten. Das Ticket für Frankreich wäre die späte Genugtuung für den sensiblen Striker. Und die fête française wohl auch das (würdige) Happy End unter das Kapitel Nationalteam für den dann 32-jährigen Niederösterreicher. Das Gleiche könnte auch auf Christian Fuchs (29) zutreffen, der nächsten Sommer sein Zehnjähriges im Teamdress feiert. Wobei durchaus denkbar ist, dass der Unverwüstliche weitermacht, da schon am 25. Juli in St. Petersburg die Gegner für Russland 2018 ausgelost werden. Fuchs ist jedenfalls jener Spieler, dem die verpassten Qualis in der Vergangenheit am meisten zu schaffen machten. „Keine Ausreden mehr!“, lautete deshalb das unmissverständliche Credo des Kapitäns vor Beginn der laufenden Kampagne. Die Botschaft ist angekommen: „Es ist ganz einfach so, dass wir ein gemeinsames Ziel haben und sich jeder unterordnet“, bestätigt der Neo-Leicester-Crack dem SPORTMAGAZIN am Telefon. Dass Fuchs zuletzt im Teamdress regelmäßig bessere Leistungen ablieferte als bei Schalke, missfiel den Verantwortlichen der Königsblauen. Eine Tatsache, die allerdings leicht zu erklären ist, schließlich bekam Fuchs vom Teamchef stets mehr Rückendeckung (oder Liebe, wie Pep Guardiola sagen würde) als vom jeweiligen Coach auf Schalke.

Backstage: So viel casht der ÖFB in Frankreich

Zlatko Junuzovic, eine weitere Säule des Teams, haben alle gern. Sogar Köln-Coach Peter Stöger ist ihm nicht bös – obwohl Zladdi dem „Effzeh“ einen Korb gab und stattdessen den Vertrag in Bremen bis 2018 verlängerte. Nach 43 Pflichtspielen in der abgelaufenen Saison konnte das Duracell-Haserl im Urlaub endlich die Batterien wieder aufladen: „Vor allem, weil die Winterpause auch nicht gerade erholsam war -zehn von zwölf freien Tagen war ich krank.“ Mit eineinhalb Beinen sei man nach dem Sieg in Moskau schon in Frankreich, spricht Junuzovic Klartext: „Wir sind auf einem sehr guten Weg und haben sogar den Gruppensieg selbst in der Hand.“ Im SPORTMAGAZIN-Interview beim verlängerten Heimaturlaub in Graz verriet der bescheidene Freistoß-King auch, dass im Team stets an verschiedenen Varianten getüftelt wird: „Wir haben bei den Standards immer einige Tricks und Laufwege auf Lager. In Moskau kamen wir aber nur ein einziges Mal in eine Position, wo man etwas davon einsetzen konnte. Das Gute ist aber, dass unser Spiel gar nicht darauf angewiesen ist.“ Für den Fall der Fälle gibt’s im Team jedenfalls mit Alaba, Fuchs und Junuzovic gleich drei echte Spezialisten. Zladdis Frankreich-Bezug ist dagegen noch ausbaufähig: „Mit meiner Frau war ich einmal ein Wochenende in Monaco, zählt das?“ Non, Monsieur, da geht noch viel mehr. Gleich nächsten Sommer!