Die ganze Story: Mustertrainer Ralph Hasenhüttl

Als Typ: der Anti-Tuchel. Als Coach: das Gegenteil von Guardiola. Als Gesamtpaket: Bayern-Jäger Nummer 1 und der österreichische Trainer, dem Experten zutrauen, eine Weltkarriere zu machen. Wir erklären das ­Phänomen Hasenhüttl.

//Text: Markus Geisler //Foto: GEPA/Red Bull

Toteninsel statt Titelkampf. Als ganz Fußball-Deutschland nach Freiburg blickte, um zu sehen, wie Tabellenführer Bayern aus dem Winterschlaf der Bundesliga erwachte, warf sich Ralph Hasenhüttl in Schale und spazierte ins Gewandhaus. Rachmaninow, Prokofjew und Tschaikowski standen auf dem Programm des Leipziger Konzerthauses. Ein Muss für Klassikfan Hasenhüttl, obwohl er selbst derzeit das wohl aufregendste Fußball-Orchester Europas dirigiert und mit seinen Kompositionen aus spektakulärem Kick und geerdetem Auftreten für ­Standing Ovations sorgt.

,,Er hat das Zeug zu einer Weltkarriere.”

Michael­ Henke

Experten sind sich einig: Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, wann sich Hasenhüttl als dritter österreichischer Trainer nach Ernst Happel und Max Merkel deutscher Meistermacher in der Bundesliga nennen kann. „Er hat das Zeug zu einer Weltkarriere“, sagt Michael­ Henke – und der muss es wissen, denn er arbeitete nicht nur in Ingolstadt mit Hasenhüttl zusammen, sondern war bei Bayern und Dortmund Co-Trainer von Bank-Legenden wie Ottmar Hitzfeld, Jupp Heynckes oder Nevio Scala. „Er weiß genau, was er will, hat ein überzeugendes Auftreten, ist flexibel und immer gewillt, sich weiterzuentwickeln.“

Der Spielerversteher

Wenn Herbert Ilsanker die Entwicklung von Ralph Hasenhüttl in einem Slogan zusammenfassen müsste, lautete dieser: „Vom Musterprofi zum Mustertrainer!“ Zu gemeinsamen Salzburger Zeiten als Profis teilten sich die beiden ein Zimmer, heute spielt sein Sohn Stefan als fle­xible Allzweckwaffe beim Sensationsteam der deutschen Bundesliga. „Ralph war schon als Spieler kein Ziager, machte nie Halligalli, war immer verlässlich. Und heute als Trainer ist er der Erste, der kommt, und der Letzte, der geht“, sagt der Tormanntrainer von Red Bull Salzburg. Als solcher weiß er, dass es viel Überzeugungsarbeit braucht, um den Herren Profis das System des Angriffspressings schmackhaft zu machen: „Was Leipzig spielt, tut den Spielern richtig weh, das geht voll an die physische Substanz. Da reicht es nicht zu sagen: ‚So, jetzt pressen wir.‘ Du musst das einfordern, sonst ziehen sich die Spieler in ihre Komfortzone zurück.“

Ein Ansatz, mit dem man normalerweise nicht zum Trainer der Herzen wird. Und trotzdem gehört zu Hasenhüttls Erfolgsgeheimnissen, dass er von seinen Spielern gemocht wird, sie nicht nur für sich und ihre Karriere, sondern auch für ihren Trainer durchs Feuer gehen. „Er hat von Beginn an mit jedem Spieler im Team eine Basis gefunden“, sagt Stefan Ilsanker. „Auch jene, die nicht regelmäßig zum Einsatz kommen, fühlen sich gerecht behandelt. Er gibt uns allen das Gefühl, wichtig zu sein.“ Hasenhüttl, der Spielerversteher, dessen Tür auch offen steht, wenn jemand ein privates Problem mit ihm besprechen will. Keinesfalls selbstverständlich im knallharten Profibusiness von heute. Dazu kommt, dass er nicht mit freien Tagen geizt und auch mal eine Einheit spontan ausfallen lässt, damit die Spieler durchschnaufen können.

Im Garten Eden

Leipzig und Ralph Hasenhüttl – das ist eine Verbindung, die so gut zusammenpasst wie Kaiserschmarren und Zwetschkenröster, des Trainers Lieblingsspeise. Hier der ambitionierte Klub, der seinen Sportlern die besten Bedingungen kredenzt, da der Trainer, der sie zu nutzen weiß. „Man muss ehrlich sein: Hasenhüttl hat hier einen Garten Eden vorgefunden. Video-Team, Analysten, Therapeuten, ein hochmodernes Trainingszentrum. Er begreift das schon als seine ganz große Chance, hier so richtig durchzustarten.“ Das sagt Kultreporter Guido Schäfer, ehemaliger Teamkollege von Jürgen Klopp in Mainz, der für die Leipziger Volkszeitung (LVZ) ganz nah dran am Geschehen ist. Auch er hat sich, wie viele Beobachter, die Frage gestellt, ob die Konstellation mit Ralf Rangnick, dem allmäch­tigen Sportdirektor, gutgehen kann – zweier Alpha-Männchen, die vorgeben wollen, wo es langgeht, und nicht dafür bekannt sind, sich gern in die Suppe spucken zu lassen.

In Salzburg singen sie noch heute ein Lied davon, dass Rangnick auch im Erfolgsfall auf nicht aus­geschöpftes Optimierungspotenzial hinweist. „Ich habe das Gefühl, dass beide wissen, was sie aneinander haben, und die Meinung des jeweils anderen schätzen“, sagt Schäfer. Und fügt mit verschmitztem Lächeln an: „Mein persön­licher Eindruck ist schon der, dass Hasenhüttl ganz genau weiß, wann es besser ist, die Ohren auf Durchzug zu stellen.“ Schon vor eineinhalb Jahren schwamm Hasenhüttl in dem kleinen Tümpel mit Trainern, zusammen mit Kapazundern wie Thomas Tuchel oder Markus Weinzierl, in den Rangnick seine Angel hielt. Damals sagte er ab, weil er seine Mission in Ingolstadt mit dem Aufstieg in die Bundes­liga noch nicht als beendet ansah. Ein Jahr später konnte er, nach Verhandlungen mit Rangnick am Ostersamstag in einem Lokal im salzburgischen Lofer, nicht mehr wider­stehen und unterschrieb einen Vertrag bis 2019. Vor allem, weil ihre aktuellen Vorstellungen von erfolgreichem Fußball einem perfekt synchronen Paarlauf entsprechen. Ballbesitzfußball à la Guardiola ist pfui, lauf- und sprintintensives Gegenpressing à la Klopp dagegen hui – eine Philosophie, mit der Leipzig alle Aufsteiger-Rekorde brach und auf Anhieb zum Bayern-Jäger Nummer 1 mutierte.

Goldenes Händchen

Hasenhüttls Trainerqualitäten darauf zu reduzieren­ wäre allerdings deutlich zu kurz gegriffen, denn zum einen hat er bereits in Ingolstadt, Aalen und Unterhaching bewiesen, auch mit ganz anderen Strategien erfolgreich sein zu können. „Vom Tiki-Taka über schnelles Umschaltspiel bis zum Gegenpressing habe ich schon alles spielen lassen“, sagt er selbst. „Und schön ist immer das, was erfolgreich ist. Das habe ich im Laufe meiner Trainerkarriere gelernt.“ Und: Hasenhüttl, seit Dezember Grazer Ehrenbürger, ist in der Lage, auch während des Spiels von der Coachingzone aus entscheidende Impulse zu setzen, eine Fähigkeit, die Herfried Sabitzer, ehemaliger ÖFB-Teamkollege von Hasenhüttl und Vater des erfolgreichen Leipzig-Offensivallrounders Marcel, hervorhebt: „Manche Trainer haben ein tolles Wissen, eine super Taktik, können aber das Spiel nicht richtig lesen. Das kann Ralph aber auch. Seine Einwechslungen haben schon oft ein Spiel gedreht.“ Ein subjektiver Eindruck, der mit Zahlen belegt werden kann. Sieben Joker­tore gelangen den Leipzigern in der Herbstrunde, die meisten aller Bundesligisten. Sabitzer: „Es ist wichtig für eine Mannschaft, zu wissen, dass da draußen jemand steht, der alles unter Kontrolle hat. Für mich hat Hasenhüttl gleich viel Anteil am aktuellen Erfolg wie die Mannschaft, wahrscheinlich sogar mehr.“

Menschenfänger

Nun ist es kein Geheimnis, dass der Sensations­erfolg der Sachsen nicht jedem Fußballfan in Deutschland schmeckt. Anfeindungen gehören zur traurigen Routine, Verunglimpfungen unterhalb der Gürtellinie und Prüge­leien wie in Dortmund Gott sei Dank zur Ausnahme. Doch auch da schafft es Hasenhüttl in bemerkenswerter Manier und mit wohlüberlegten und pointierten Aussagen („Wenn du wegen einer Sitzblockade wie in Köln länger im Bus bleiben musst, hast du als Trainer eine Steilvorlage für deine Ansprache“), unbeschadet zu bleiben. Er ist Dauergast in TV-Sendungen, gibt Interviews in Spiegel und Zeit und wurde von den Spielern der Bundesliga zum Trainer des Jahres gewählt. Kaum jemand, der Hasenhüttl nicht sympathisch findet. „Er ist ein Menschenfänger“, sagt Gottfried Sterner vom Donaukurier, der ihn in seiner Zeit bei Ingolstadt genau unter die Lupe nahm. „Er ist zwar immer ­authentisch, setzt seine gewinnende Art aber auch ganz bewusst ein. Er weiß genau, wie er auf Menschen wirkt.“

Nämlich als Typ zum Anfassen. In Leipzig lässt er sich gern einmal auf dem Weihnachtsmarkt blicken, fährt mit dem Mountainbike zum Training und steht danach für Selfies zur Verfügung. Als bei „Wer wird Millionär“ ein Kandidat auf Sepp Hundehuus als Leipzig-Trainer tippte („Alle anderen Antwortmöglichkeiten klingen ja nach Quatsch“), ließ sich Hasenhüttl bei der nächsten Pressekonferenz mit diesem Namen vorstellen – und lud den ahnungslosen Unglücksraben zu einem Bundesligaspiel ein. Selbstironie kann man nicht kaufen. „Und nach den Spielen vermittelt er das Gefühl, dass er ganz Leipzig umarmen will“, findet Herbert Ilsanker, der, wenn es die Zeit erlaubt, gern ins Zentralstadion, pardon: in die Bullen-Arena, fährt. „Ob er es gern hört oder nicht, aber in diesen Momenten kommt er ein bissl rüber wie Jürgen Klopp.“ Jedenfalls wie das komplette Gegenteil des oft unnahbar und griesgrämig wirkenden Thomas Tuchel. Oder wie es Guido Schäfer von der LVZ formuliert: „Dieser Erfolg, diese­ tolle Art, die Erdverbundenheit – das ist schon ein Gesamtpaket, das ziemlich klasse ist.“ Und eines, das Hasenhüttl mittlerweile in ganz Europa zum „coach to watch“ gemacht hat. Uli Hoeneß brachte ihn bereits als Bayern-­Trainer der Zukunft ins Spiel, auch bei Arsenal soll er auf der Shortlist für die Wenger-Nachfolge stehen.

Wintertraum

Dass Hasenhüttl selbst keine Skrupel hat, den nächsten Schritt zu machen, wenn es seiner Karriere dient, hat er bereits bewiesen. In Aalen warf er hin, weil er den Klub am Limit wähnte. Und in Ingolstadt setzte er die Bosse trotz gültigen Vertrages unter Druck, ihn (für die stattliche Ablösesumme von 1,5 Millionen Euro) nach Leipzig ziehen zu lassen. Eine Aktion, die man ihm in Oberbayern durchaus übel nahm. Bleibt die Frage, ob ihm auch Leipzig eines Tages zu klein wird und er auf dem nächsthöheren Level weiterspielen will. Zukunftsmusik, da heuer die Bayern-Jagd und die (statistisch bereits­ sichere) Qualifikation für die Champions League auf dem Programm stehen. Im Leipziger Gewandhaus wurden an besagtem Abend im Jänner neben Rachmaninows „Toteninsel“ übrigens auch noch Tschaikowskis „Winterträume“ zum Besten gegeben – ein Titel, wie extra komponiert für die Situation von Ralph Hasenhüttl.