Qualfahrtsorte, Teil vier: Der 500-Meilen-Wahnsinn von Indianapolis

Das Indianapolis 500 wurde heuer 100. Die Gerade runter, mit knapp 400, und dann links. Das alles 500 Meilen lang. Willkommen beim verrücktesten Rennen der Welt.

//Text: Gerald Enzinger

//Titelbild: (C) GEPA Pictures

Im Kopfkino ist das Indy 500 deppeneinfach: Man drückt das Gaspedal durch, lenkt das Steuer leicht nach links und blickt geradeaus. Und das Ganze, wie der Name schon sagt, 500 Meilen lang. Alles im größten Sportstadion der ganzen USA, auf den Rängen haben 300.000 Zuschauer Platz. Ein Oval mit vier überhöhten Steilkurven bildet die Rennstrecke, auf der die Rennwagen an der 400-km/h-Marke streifen – der Siegerschnitt liegt, Stopps und Safety-Car-Phasen eingerechnet, bei bis zu 301 km/h, und das auf einer Distanz von 804,5 Kilometern. In der und rund um die Rennstrecke hat sich eine eigene Stadt namens Speedway gebildet: 12.800 Einwohner und das verbriefte Bekenntnis, „autofreundlich“ zu sein.

Der Tod als ständiger Begleiter

Ursprünglich wurde die Rennbahn 1909 auf rund drei Millionen Ziegelsteinen errichtet und von Anfang an galt: Rennen ist Leben – es sei denn, man überlebt es nicht. Die morbide Bilanz ist Teil des Mythos: 14 tote Rennfahrer, 8 tote Zuschauer, 4 tote Streckenposten. Allein zwischen 1931 und 1939 starben 12 mitfahrende Mechaniker – damals war es im Trend, dass Mechaniker in den Autos mitfuhren, um bei Pannen gleich helfen zu können – ein Job, wie vom Teufel erdacht. Dabei hatte schon der erste Sieger des Indy 500, 1911, genau in die andere Richtung spekuliert. Während seine Rivalen Co-Piloten an Bord hatten, deren einzige Aufgabe es war, nach hinten zu blicken und zu sagen, ob jemand kommt, verzichtete Ray Harroun auf den Assistenten. Er montierte stattdessen eine Rückspiegel – und das machte den Rennwagen, einen Marmon, entscheidend leichter. Schon zwei Jahre davor hatte es das erste Rennen, das nicht zur 500er-Serie zählte, im Oval gegeben. Nach fünf Toten wurde abgebrochen – doch im ganzen Land waren sie ab sofort alle verrückt danach, Rennstrecken dieser Art zu bauen.

Aber Indianapolis bleibt einzigartig – auch mit seinen Macken, Tücken und Kanten. Der Sieger trinkt hier seit 1936 nicht Champagner, sondern ein Glas Milch. Sein Gesicht wird im BorgWarner-Pokal verewigt. Vor dem Rennen spielt man die Hymne „Back Home Again in Indiana“, der Start erfolgt fliegend. Es gibt tausende Überholmanöver und pro Rennen bis zu 35 Führungswechsel. Auf den Tribünen erhitzt es sich auf bis zu 52 Grad. Wer einmal siegt, ist unsterblich. In den Geschichtsbüchern, nicht im Leben. Dan Wheldon schrieb 2011 so eine Saga, er gewann das Rennen als größter Außenseiter, mit einem unterlegenem Auto. Wenige Monate später verunglückte er in Las Vegas.

Im Jahr darauf trugen Zehntausende Fans Sonnenbrillen im Wheldon-Style – ihre Art der Anerkennung. Zu den Helden gehören hier auch die Rekordsieger A. H. Foyt, Al Unser und Rick Mears, die das Rennen je viermal gewonnen haben. Wie schwer es ist, dieses Indy 500 zu gewinnen, sieht man an Mario Andretti, der nur ein einziges Mal in all den Jahrzehnten seiner Karriere (1969) Milch holen durfte. Juan Pablo Montoya dagegen schrieb die Geschichte des letzten Jahres – er siegte nach einer Unterbrechung von 15 Jahren. Ein Sieg, der dem Rennen viel PR brachte, die man erstaunlicherweise bitter nötig hat, denn die ewige Krise der Indy-Serie, die ja auch lange Zeit in zwei rivalisierende Meisterschaften zersplittet war, lässt Zuschauerzahlen und TV-Quoten nach unten gehen. Da trifft es sich gut, dass heuer die 100. Auflage dieses Rennens (das fünfmal in Kriegszeiten abgesagt wurde) über den Asphalt ging. Nächster Termin: 28. Mai 2017.

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