Qualfahrtsorte, Teil drei: Am Schmerzberg

Eisen und Schmerz in Eisenerz. Von 1500 Startern kommen nur zwei, drei oder sieben ins Ziel. Das Erzberg Rodeo ist der härteste Sport-Event Österreichs.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: Sebastian Marko/Red Bull Content Pool

Weltberühmt, nicht nur in Österreich. Wenn man eine All-Star-Auswahl der brutalstenMotorsportevents des Planeten formt, dann ist auch zumindest ein Bewerb aus dem Alpenland gesetzt: das Erzberg Rodeo im steirischen Eisenerz, im Sponsorendeutsch auch Red Bull Hare Scramble genannt. Die mit Abstand größte, schwierigste und populärste Hard-Enduro-Party des Jahres – wobei die Teilnehmer hier von der Party selbst eher ausgeschlossen sind. Zu fordernd, zu hart, zu kräfteraubend ist diese Tour der Leiden. 1500 Starter gehen in den Bewerb, am Ende bleiben 500 für das Hare Scramble am Sonntag über – und von denen kommen manchmal zwei, maximal aber 15 oder 20 ins Ziel.

Der Mythos der Steiermark

Der Begriff Qualfahrt hat hier eine ganz andere Bedeutung. Ein Dreckssport (Verzeihung!) im allerbesten Sinn. WEC-Weltmeister Mark Webber, FMX-Ikone Ronnie Maddison, Kimi Räikkönen – sie alle waren schon unter den 40.000 Fans, die Jahr für Jahr auf den roten Berg kommen, um die zu bewundern, die unglaubliche Strapazen auf sich nehmen, wenn es darum geht, dieses Gemächt aus Erz und Eisen zu bezwingen. Unter diesen Helden ist auch ein Österreicher: Lars Enöckl, 27, aus Lunz am See. Der Architekturstudent galt als Ski-Supertalent, er war schon bei FIS-Rennen unterwegs, doch er entschied sich für weniger Ruhm und mehr Leiden -und damit für Hard Enduro. Aus welchem Holz der junge Familienvater geschnitzt ist, sah man 2012, als er sich mit einer wirklich schweren Fingerverletzung bis ins Ziel kämpfte.Der KTM-Werksfahrer verkörpert die Natur des modernen Erzberg-Arbeiters: robust, voller Feingefühl, athletisch, ein Sport-Universaltalent. Anders bezwingt man diesen Berg nicht – und auch die Tatsache, dass der Beste der jungen Wilden Jonny Walker heißt, ändert nichts daran, dass man in dieser Disziplin eines braucht: Disziplin. Und verdammt viel Ausdauer, denn dieser Berg, der in der Steiermark mehr Mythos ist als Anhöhe, verarscht viele, die es mit ihm aufnehmen wollen.

Graham Jarvis hat alle großen Rennen der Welt gewonnen, doch am Erzberg scheiterte er viermal in Serie wegen Disqualifikationen, weil er einen Checkpoint verpasst hatte. Zweimal sogar als vermeintlicher Sieger. 2015 war es dann so weit, doch er musste den Triumph mit den Kollegen Walker, Andreas Lettenbichler und Alfredo Gomez teilen. Der Grund: die neue Passage „Downtown“ hatte sich als unfahrbar erwiesen, nur gemeinsam konnten die vier diesen Streckenteil bezwingen, weshalb sie alle gemeinsam zum Sieger erklärt wurden. Welches andere Rennen hat solche Hindernisse und solche Abgründe zu bieten?

,,Früher sind die Fahrer über zwei, drei Baumstämme gefahren, jetzt fahren sie über zwei, drei Berge.”

Erzbergerfinder Karl Katoch

Dabei hatte alles eher als Hetz begonnen. Karl Katoch, eigentlich Beamter der Stadt Wien (Abteilung Verkehrsorganisation und technische Verkehrsangelegenheiten) hatte die Idee, 300 mehr oder weniger Verrückte auf den stillgelegten Erzberg zu lassen. Was 1995 als einmaliger Überraschungscoup konzipiert war, hat eine ganze Region wiederbelebt. Nun sinddie 1500 Startplätze nach 50 Minuten ausverkauft „und tausend stehen auf der Warteliste“, erzählt uns Katoch. Und das, obwohl die Anforderungen gestiegen sind: „Früher sind die Fahrer über zwei, drei Baumstämme gefahren, jetzt fahren sie über zwei, drei Berge.“ Wobeider Schwierigkeitsgrad konstant bleibt, nur die Distanz zunimmt: „Der Fahrer tut sich nach vier Stunden wesentlich schwerer, das Ziel zu erreichen, als nach drei.“ Die Ansprüche steigen und steigen, das Ziel ist unausgesprochen, aber klar: „Alles, was wir brauchen, ist ein Sieger.“ Das heißt: Idealerweise kommt eines Tages nur mehr ein Einziger ins Ziel. Das könnte – theoretisch – auch eine Frau sein, einige wie Veronika Dallhammer fighten immer wieder tapfer mit. Katoch, lachend: „Das wäre was, wenn einmal eine Frau ins Ziel kommt. Dann muss ich nämlich eine Wette einlösen, dann fange sogar ich zu gendern an.“ Bis dahin wird noch einiges passieren am Erzberg: Es wird tropisch heiß sein, bitterkalt, schneien, es wird stürmen und staubig sein. All das erlebt man hier meist binnen Stunden. Bei einer einzigen Schlammschlacht.

Der Event Hard-Enduro-Rennen Seit 1995 Der erste Sieger Alfie Cox (Südafrika), lebt jetzt als KTM-Händler in seiner Heimat Österreich-Bezug Das Hauptrennen konnte noch nie ein Österreicher gewinnen. Heinz Kinigadner stellte aber 1999 mit 12 Minuten einen sensationellen Streckenrekord im Prolog auf. TV Live aus ServusTV.