Qualfahrtsorte, Teil eins: Brutales Monaco

In Monaco, Le Mans, Indianapolis auf der Isle of Man und am Erzberg finden dieser Tage die härtesten Rennen der Welt statt. In den Wallfahrtsorten des Motorsports hofft man auf die heilige Verwandlung von Blut, Öl, Schweiß und Tränen in Champagner. Man gewinnt sicher – an Erkenntnis: Wer fährt, ist gefährdet. Ein Auszug über: Monaco.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: (C) GEPA Pictures

Jeder Grand Prix von Monaco könnte der letzte sein. Alain Prost, der hier viemal gewonnen hat, erzählt in stillen Momenten von seinen schrecklichsten Gedanken: „Eines
Tages kann es hier in den engen Häuserschluchten einen Super-GAU geben, die Gefahr ist immer da.“ Ein Wagen, außer Kontrolle, hier, gleich daneben die Tribünen – mehr will und kann man sich gar nicht ausdenken.

„Dann wird es hier nie mehr einen Race-Event geben“, seufzt Prost. Selbst unter den brutalsten Rennen der Welt nimmt Monaco eine Sonderstellung ein. Der Grand Prix ist eine Diva, zu der man sich wegen ihrer Allüren und ihrer Abgehobenheit hingezogen fühlt, die aber jederzeit durchdrehen kann, um alles zu zerstören. Eine Zicke mit einzigartigen Rechten: Auf den übrigen Rennstrecken dieser Welt stehen die Kontrolleure der FIA mit neongelben Sicherheitswesten und besorgten Mienen und fordern, tausende Sicherheitsauflagen zu erfüllen. Jeder Millimeter Auslaufzone ist bewacht, durchdacht, unabdingbar. Und dann kommt man nach Monaco,  in das Land der Gesetzlosigkeit. 900-PS-Geschosse drücken sich durch die Stadt, atemberaubender Abtrieb mit steil gestellten Flügeln soll sie auf den Asphalt pressen. Im Rennen warten über 1.000 Kurven, an die 4.000 Schaltvorgänge, alle zwei Sekunden einer. „Es ist wie Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer“ – der legendäre Satz von Nelson Piquet senior hat noch immer Gültigkeit.  Kein anderes Rennen fordert von den Motoren-Technikern so viel Vorarbeit. Bis zu vier Tage braucht man um die Triebwerke auf den Prüfständen für dieses atypische Rennen einzustellen – vor Bahrain braucht man nur einen Tag.

,,Es ist wie Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer”

Nelson Piquet

Die niedrigen Geschwindigkeiten machen die Kühlung zur Wissenschaft, das blecherne Tier namens Rennwagen wird von Kurve zu Kurve gehetzt. Ecke, Winkel, Kuppe, Engstelle. Mensch und Material wird das Recht verwehrt, sich zu erholen. Selbst der Atemvorgang der Piloten ist hier ein Mythos. Manchmal aber, da bleibt allen hier die Luft weg. Sergio Perez knallte 2011 in die Reifenstapel, Ralf Schumacher 2001 in Saint-Devote in die Leitplanke, Karl Wendlinger 1994 für 19 Tage ins Koma. 2011 fehlten Millimeter und Karun Chanduk und Jarno Trulli hätten sich fast geköpft – in der Rascasse, bei nur 40 km/h. Einen Toten gab es in all den Jahren seit dem ersten Rennen 1929 – Lorenzo Bandini 1967, verbrannt in einer meterhohen Rauchsäule in der Hafenschikane. Das Schicksal ist aber selbst auch eine mordende Zicke: 1955 stürzte Alberto Ascari in Monaco ins Meer, er wurde von Froschmännern unverletzt (!) geborgen. Vier Tage später starb er beim Test in Monza.

Doch Monaco fordert nicht nur, es liefert auch, etwa Naturereignisse. 1984 kam die Sintfl ut über das Fürstentum – und in ihr konnten Ayrton Senna und Stefan Bellof wundersame Talente zeigen. Senna wurde später zum Rekordsieger (sechsmal), ehe er im Rennwagen starb. Bellof starb schon knapp 16 Monate später, ohne je in einem Siegauto gesessen zu sein. Jochen Rindt feierte hier seinen größten von sechs Triumphen, als er nach einer grandiosen Aufholjagd den Führenden Jack Brabham so unter Druck setzte, dass dieser in der letzten von mehr als 1000 Kurven entnervt geradeaus fuhr. Niki Lauda gewann zweimal, 1975 und 1976, und küsste danach Fürstin Gracia die Hand. Alex Wurz forderte hier 1998 Michael Schumacher zum Duell, rotzfrech. Einige echte Fans beobachten das vom Pelouse Rocher aus, einem Felsen oberhalb der Rascasse. Mit Pickel und Schaufel graben sie sich dort ihre Tribüne. Unten in den Nobelhotels und auf den Yachten kostet das Wochenende mehr als 10.000 Euro. Himmel und Hölle liegen hier nebenan. Spätestens seit Red Bull hier eine eigene Party-Insel in den Hafen baut, kann man mit dem Prosecco am Pool liegen, während ein paar Meter entfernt 22 junge Männer ums Überleben kämpfen und zugleich für ewigen Ruhm. „Ein Sieg zählt hier einfach mehr“, sagt Nico Rosberg, der hier schon zur Schule gegangen und seit 2012 unbesiegt ist.

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