Die ganze Story: Premier League – Die Titel-Kandidaten im Check

Nirgendwo in ­Europa ist der ­Titelkampf so spektakulär wie in der Premier League. Sechs mit Top-Stars und ­Manager-Heroes gespickte Kultklubs stehen unter dem mörderischen Druck, Silberware liefern zu müssen. Wir checken mit England-Insider Johnny Ertl, wer den Stresstest meistert – und wer gnadenlos zu scheitern droht.

// text:  markus geisler // foto: oli scarff/afp //

Under Pressure – so lautet das Motto dieser Premier-League-Saison, denn noch nie war die Konstellation so brisant wie in diesem Jahr. Vor allem die Manager stehen unter Lieferdruck. Kann Mourinho mit United – wie bei all seinen Stationen – im zweiten Jahr wieder Meister werden? Gelingt es Guardiola bei City, die Ausgaben von fast 250 Millionen Euro zu rechtfertigten? Greift das „System Klopp“ in Liverpool endlich? Schafft der höchst umstrittene Wenger mit Arsenal den Turnaround? Hat sich Chelsea mit seinem Meistertrainer Conte verzockt? Und schafft Pochettino nach den Plätzen drei und zwei mit ­Tottenham jetzt den ganz großen Wurf? Um diese Fragen zu beantworten, haben wir uns einen echten England-­Insider ins Boot geholt: Puls-4-Experte Johnny Ertl, selbst sieben Jahre auf der Insel aktiv (von 2008 bis 2015 bei Crystal Palace, Sheffield United und Portsmouth), hat die sechs zum Siegen verdammten Klubs genau unter die Lupe genommen. Und prophezeit, wer am Ende die Nase vorn hat – und wer vor einem Scherbenhaufen steht.

Arsenal

Mon Dieu, Arsène! Als wäre die vergangene Saison mit dem erstmaligen Verpassen der Champions League seit zwanzig Jahren nicht schon schmerzhaft genug gewesen, wurde auch der immer lauter werdende Ruf der Fans nicht erhört, endlich einen neuen Manager zu installieren. „Wenger kann nicht einmal den Weg aus einer Papiertüte aufzeigen“, ätzte auch Klubikone Tony Adams über den seit 1996 im Amt befindlichen Franzosen. Der verlängerte ungeachtet aller Schmähungen um zwei Jahre, holte Landsmann Lacazette als Top-Transfer und stellte auf Dreierkette um – und kassierte in den ersten drei Runden prompt zwei Niederlagen, darunter ein empfindliches 0:4 in Liverpool. Dazu kam, dass sein vielleicht wichtigster Spieler, Stürmerstar Alexis Sanchez, im Sommer keinen Zweifel daran ließ, dem Klub und dem Trainer „Au revoir!“ sagen zu wollen. Eine Neuauflage des Theaters rund um den Chilenen, dessen Vertrag 2018 ausläuft, im Winter-Transferfenster scheint garantiert.

Der Ertl-Check

„Dass so ein Schlüsselspieler unbedingt gehen will, ist immer ein schlechtes Zeichen. Vergangene Saison hat Wenger der Sieg im FA Cup rausgerissen, aber heuer? Dem Klub fehlt der „Fear-Factor“, keiner Mannschaft schlottern mehr die Knie, wenn sie ins Emirates fahren. Dass mit Jens Lehmann ein Deutscher ins Trainerteam geholt wurde, hat nicht nur damit zu tun, dass er als einer der Invincibles ein Klub-Hero ist, sondern auch damit, dass man vermehrt den deutschen Markt im Auge hat. Für mich ist Rang vier heuer das Maximum, das Arsenal erreichen kann. Ob das für Wenger reicht, seine Kritiker zu beruhigen? Ich bezweifle es.“

Manchester City 

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Wahnwitzige 250 Millionen Euro gaben die „Sky Blues“ im Sommer für neues ­Personal aus, wobei man fast ausschließlich die Defensive verstärkte. Die Außenverteidiger Walker (Tottenham), Mendy (Monaco, fällt mit Kreuzbandriss bis Jahresende aus), Danilo (Real), dazu Benfica-Keeper Ederson, sie alle sollen dafür sorgen, dass man heuer öfter als nur zwölfmal zu null spielt als in der vergangenen Saison. Tottenham oder United schafften dies 17-mal. Prunkstück bleibt dennoch die spektakulär besetzte Offen­sive, in der jeder der Stars wie Agüero, De Bruyne, Sterling oder Gabriel Jesus, für den Award zum besten Youngster Europas nominiert, ein Spiel im Alleingang entscheiden kann. Dass Pep ­Guardiola in seinem ersten Jahr komplett titellos blieb, hat den Druck auf den Ballbesitz-Fetischisten auch nicht gerade gemindert. Eine weitere Saison ohne Silberware wird er sportlich nicht überleben.

Der Ertl-Check

„Pep kam von der bayrischen Komfortzone ins Haifischbecken City – und muss jetzt liefern. Die Kritik, dass er sein Star­ensemble zu offensiv ausrichtet, war nicht zu überhören. Daher war es goldrichtig, die Defensive zu stärken, wobei mir mit den Innenverteidigern Kompany, Stones und Otamendi die Tiefe fehlt. Das ist die einzige Schwachstelle im Kader. Dass die Wahnsinns­offensive eingespielt ist und sich mittlerweile blind versteht, ist ein großer Vorteil. Für mich ist fix, dass der Champion in dieser Saison aus Manchester kommt – und City hat dabei die Nasenspitze vorn.“

Chelsea

Als amtierender Meister gehört man automatisch zum engen Zirkel der Titelanwärter. Really? Die Wahrheit ist: Seit 2009 (United) gelang es keinem Klub, den Meisterpokal zu verteidigen. Dazu kommt das unwürdige Schauspiel, das sich zuletzt rund um Meistertrainer Antonio Conte zutrug. All seine Wunschspieler wie Walker (City), Lukaku (United) oder Bonucci (Milan) zog es woandershin, die Risse zwischen ihm und Sportdirektor Michael Emenalo wurden von Woche zu Woche tiefer. Was zu der ungewöhnlichen Maßnahme führte, dass der Vertrag des von Rücktrittsgedanken befallenen Italieners zwar ­finanziell aufgefettet, aber nicht verlängert wurde. „Das wird die schwierigste Saison meiner Karriere“, sagte Conte im Sommer – und dürfte damit recht behalten. Immerhin konnte die Posse um Diego Costa, den Conte per SMS eliminierte und der im Winter zu Atlético Madrid zurückkehrt, nach langem Hin und Her beendet werden.

Der Ertl-Check: „Vorab: Ich bin ein großer Conte-Fan, weil er seinen Teams eine klare Handschrift verpassen kann. Trotzdem wird heuer nicht mehr als Rang drei hinter den Manchester-Klubs drin sein. Auch wenn Chelsea seinen Kader aus meiner Sicht durchaus upgegradet hat: Rüdiger als Terry-Ersatz gefällt mir gut, Bakayoko statt Matic (zu United) ergibt auch Sinn. Bei Spielern wie ihm sagt man: ‚He’s bossing the midfield‘, er ist also einer, der die Chefrolle annimmt. Und auch Morata im Sturm ist eine Verstärkung, obwohl Conte sicher viel lieber Lukaku zurückgeholt hätte.“

Tottenham Hotspur

Die Platzierungen der Spurs in den letzten vier Jahren: Sechster, Fünfter, Dritter, Zweiter. Nicht wenige im Norden Londons träumen davon, dass bald der erste Meistertitel seit 1961 fällig wird. Hoffnungsträger Nummer eins dabei: Tormaschine Harry Kane, der in den vergangenen beiden Saisonen mit 25 bzw. 29 Toren Schützenkönig wurde. „Tottenham hat all seine Schlüsselspieler behalten, deshalb sind sie mein persön­licher Titelfavorit“, sagt kein Geringerer als José Mourinho, der damit wohl auch Druck von seinem eigenen Team nehmen will. Aber er hat recht: Das eingespielte Team von Mauricio Pochettino mit Top-Profis wie Lloris, Vertonghen, Alderweireld, Alli, Dyer oder Kane, die fast eine Stammplatzgarantie haben, versteht sich blind. Größtes Manko: Aufgrund des Stadionneubaus muss der Klub auch in dieser Saison seine Heimspiele in Wembley austragen – alles andere als optimal.

Der Ertl-Check: „Tottenham lebt von Pochettinos Pressing Game. Und allein die Tatsache, dass das Stadion in Wembley um zehn Prozent größer ist als die White Hart Lane, birgt einen großen Nachteil. Für mich ist Pochettino der einzige der sechs Manager, der nicht zum Siegen verdammt ist – zum einen wegen des Wembley-Fluchs, zum anderen, weil es bei Tottenham eine Art Salary Cap gibt: Kein Spieler verdient mehr als 100.000 Pfund (113.000 Euro) pro Woche. Eine Maßnahme, die den Druck etwas mindert. Und so stark die erste Elf ist – dem Kader fehlt es dahinter an Tiefe. Mein Tipp: Platz sechs.“

Manchester United

Diese Statistik sollte der Konkurrenz zu denken geben: FC Porto (2003), Chelsea (2006), Inter (2010), Real (2012), Chelsea (2015) – mit seinen letzten fünf Klubs wurde José Mourinho im zweiten Jahr immer Meister. Das muss ihm auch heuer gelingen, wenn er die Investitionen von rund 350 Millionen Euro seit seinem Amtsantritt rechtfertigen will. Sein wichtigster Transfer diesen Sommer schlug jedenfalls ein wie ein frisch gezapftes Ale im Hochsommer: Elf Tore erzielte Romelu Lukaku in seinen ersten zehn Auftritten im United-Dress. Was die Fans zu einem politisch unkorrekten Chant über die Länge seines … Aber lassen wir das. Selbst die Verletzung von 105-Millionen-Mann Paul Pogba, so etwas wie die Personifizierung von Mourinhos defensiv stabilem Power-System, konnte die „Red Devils“ nicht stoppen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn Zlatan Ibrahimovic nach seinem Kreuzbandriss im Jänner zurück zum Kader stößt.

Der Ertl-Check: „Bei United wusste man genau, wo der Hebel anzusetzen war. 54 Tore war vergangene Saison der schlechteste Wert der Top sieben, deswegen hat die Verpflichtung von Lukaku gepasst wie die Faust aufs Auge. Und auch Matic, den Mourinho aus seiner Chelsea-Zeit kannte, weiß genau, wie man Titel gewinnt. Lediglich die Linksverteidigerosition sehe ich mit Shaw oder Blind nicht optimal besetzt. Mit dem Portugiesen auf der Trainerbank strahlt der Klub die nötige Arroganz aus, um den ganz großen Wurf zu landen. Den „Fear-Factor“, den ich Arsenal vorher abgesprochen habe, gibt es im Od Trafford jedenfalls. Trotzdem sehe ich das Team knapp, aber doch hinter Lokalrivale City.“

Liverpool

Neulich raschelte eine beängstigende Statistik durch den englischen Blätterwald. Klopp-Vorgänger Brendan Rodgers holte in seinen letzten 73 Spielen 141 Punkte. Und sein deutscher Nachfolger bei seinen ersten 73 neun Zähler weniger. Keine Frage: Die Kritik am charismatischen Spielerversteher wird lauter, der Druck größer. Dass es in der vierten Runde ein 0:5 bei Manchester City setzte, tat sein Übriges. Vor allem die haarsträubenden Abwehr­fehler (Klopp: „Wie wir Tore kassieren, macht mich krank!“) zeigen, wie wichtig es gewesen wäre, einen Defensivspezia­listen wie Virgil van Dijk zu holen. Der Deal scheiterte wegen „unerlaubter Kontaktaufnahme“, da man zu früh mit dem Spieler gesprochen hatte. Peinlich! Dass der Ex-Salzburger Naby Keita erst für 2018 verpflichtet werden konnte, hilft den „Reds“ in der aktuellen Lage auch nicht.

Der Ertl-Check: „Hat Jürgen Klopp Liverpool weiterentwickelt? In England gibt es mehr Zweifler als je zuvor. Die Coutinho-Saga hat dem Klub zudem geschadet, auch wenn Klopp die Posse um den wechselwilligen ­Brasilianer zumindest nach außen gut moderiert hat. Die ­Defensivschwächen sind nicht zu übersehen, mir erscheint der Kader unausgeglichen. Und mit Simon Mignolet ist man auch auf der Tormannposition nicht so top besetzt wie die namhafte Konkurrenz. Für mich rittert Liverpool mit Arsenal um Platz vier, wobei ich die ‚Gunners‘ dabei im Vorteil sehe.“

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