Thomas Geierspichler: Prack ’n‘ Roll

Wenn Thomas Geierspichler etwas angeht, dann mit Karacho. Allein bei den vergangenen vier Paralympischen Sommerspielen hat er als Rennrollstuhl­fahrer neunmal Edelmetall abgeräumt. In Rio könnte die ­Medaillensammlung noch größer werden. Und jetzt spielt der Salzburger auch noch ­Tennis. Wie gut, hat das SPORTMAGAZIN draußen am Court abgeklopft.

//Text: Fritz Hutter
//Fotos: (C) Bildagentur Zolles/Leo Hagen  // (C) Red Bull Content Pool

Klauenband – ohne kann Thomas Geierspichler gar nimmer: „Ich importier das Zeug auf 50-m-Rollen aus der Schweiz. Hält viel besser als herkömmliches Tape, ist um einiges billiger und kommt in Schwarz doch wirklich cool daher!“ Aber was stellt der extrovertierte Rennrollstuhl-Superstar an mit der wasserstoffblonden Punker-Matte mit einem Tool, das sonst nur Bauern und Tierärzte zum Verbinden von verletzten Rinderklauen einsetzen? Des Rätsels Lösung liegt im vor drei Jahren erstmals angerissenen Ausgleichssport des 39-jährigen Salzburgers. Seit damals brettert der mehrfache Paralympionike nämlich nicht mehr nur über die Tartanbahnen der großen Leichtathletikstadien dieser Welt, sondern spielt dazu Tennis.

Ausgerechnet der Tom, möchte man sagen. Nach dem fatalen Autounfall als Beifahrer im Jahr 1994 musste der ehemalige Hobbykicker nämlich nicht nur mit gelähmten ­Beinen leben lernen, sondern hat auch als an der Halswirbelsäule verletzter Tetraplegiker Kraft- und Koordinationseinschränkungen in Armen, Händen sowie der Rumpfmuskulatur zu meistern. Nicht gerade die klassisch optimalen Basics, um einen Tennisrollstuhl zu manövrieren und dabei kraft- und gefühlvoll ein Racket zu schwingen. Aber genau um Letzteres doch zu managen, knallt sich Geierspichler den Pracker eben mit gut zehn Meter Klauenband in die rechte Pranke und ­fixiert ihn dort in einem einigermaßen extremen Westerngriff für giftige Vorhand-Topspins.

Und überhaupt Tennis. Warum stürzt sich jener Mann, der als weltweit so erfolgreicher Ausdauersportler und dazu als radikal offenherziger Keynote-Speaker und Buchautor schon so vielen Menschen Augen und Herz geöffnet hat, in ein völlig neues Metier? „Seit 17 Jahren fahre ich mehr oder weniger schnell von A nach B – da kommt einiges an Monotonie zusammen. Und selbst wenn ich im Moment noch alles den Paralympics 2016 unterordne, genieße ich ja schon jetzt das Privileg, praktisch alles erreicht zu haben. Tennis bereichert mein Sportlerleben um sein spielerisches Element“, schwärmt jener Mann, der am Karsamstag 2012 mit seinem heutigen Mentor Werner Tinkhauser auf den Plätzen des Rollstuhltennisvereins Salzburg im Sportzentrum Rif erstmals den Filz streicheln durfte. Der Rest ist jüngere Flachgauer Sportgeschichte: Thomas Geierspichler wird ein Jahr nach dem ersten Ballkontakt Salzburger Landesmeister in der Tetraklasse, verteidigt diesen Titel im Jahr darauf erfolgreich und darf sich seit vergangenem Frühjahr erstmals auch im Tennis Staatsmeister nennen. Zudem holt der Anifer als erster Österreicher in Zagreb einen internationalen Tetra-Titel – und das mit durchschnittlich einem Training pro Woche und während einer Leichtathletiksaison, die neben großen Meeting-Siegen einen Europarekord über die 400 Meter bringt.
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Der Test mit dem Doppelagenten

Und wie spielt er nun eigentlich, der ewige Hardrock-Fan, der den Court doch lieber im schwarzen Muscle Shirt als in noblem Weiß anfährt? Das SPORTMAGAZIN hat den „Doppelagenten“ auf der so lässigen Anlage des Sportcenter-Donaucity in Wien hautnah ausgetestet. Schon das Set-up ist sehenswert. Im Stauraum seines Autos lagert Geierspichler nun neben seinem Alltagsrollstuhl und seinem orangefarbenen Racing-Boliden eben auch einen Tennisrollstuhl. Schräg gestellte Laufräder und ein kleines Auslegerrad hinten machen diesen kippstabil, zwei kleine Rollen extrem wendig. Nachdem Tom direkt am 21er-Platz im Schlagschatten umgesattelt hat, zurrt er sich noch mit dem routinierten Support von Freundin Petra mit je einem Gurt um Hüfte, Knie und Rist im recht spartanischen Schalensitz fest. So wird die Kraftübertragung für die nötigen raschen Richtungsänderungen direkter und auch der Rumpf stabilisiert. Dann noch, wie beschrieben, der Schläger festgepickt sowie die Bälle stilecht in den Laufradspeichen griffbereit verstaut und ab geht’s.
Gleich beim üblichen Warm-up im Kleinfeld wird klar, dass Thomas Geierspichler das wohl Wichtigste beim Rollstuhl­training bereits richtig souverän draufhat, er manövriert sein Gefährt flink über den Platz: „Das Wichtigste ist, dass der ­Rollstuhl immer in Bewegung bleibt, um nicht zu jedem Ball mit viel Kraftaufwand aus dem Stand losstarten zu müssen.“ Eine Grundregel, welche die häufigen „Achter“ erklärt, die Rollstuhltenniscracks nach ihren Schlägen drehen. Ebenfalls wichtig: „Du musst im Treffpunkt die Räder trotzdem ganz kurz mit der freien Hand bremsen, um dich nicht mit dem Ausschwung mitzurotieren und dadurch Power und Kontrolle zu verlieren.“

,,Auch wenn ich beim Rennrollstuhlfahren schon ein bisserl Licht am Ende des Tunnels sehe, liegt mein Fokus aktuell voll auf Rio 2016!”

Thomas Geierspichler

Nach dem Einschlagen wechseln wir retour an die Grundlinie und finden nach wenigen Schlägen ein gemein­sames Tempo. Wenn nötig, lässt Tom die Kugel regelkonform zweimal springen, aber auch längere Bälle weit ins hintere Halbfeld bändigt er meist mit Grandezza. Besonders beeindruckend ist seine durchaus zügige Vorhand, die mit viel Vorwärtsdrall einen erstaunlich hohen Absprung liefert – schnell bekommt man eine Ahnung davon, warum der Herr Geierspichler auch für ­erfahrene Gegner schwer zu schlagen ist. Seine Rückhand wiederum kommt meist als giftiger Slice. Je nach Untergrund fährt dieser flach weg oder gräbt sich ein. Immer öfter gelingen auch gerade Backhands, die eine besondere Challenge liefern. Umgreifen ist nämlich – siehe Klauenband – nicht möglich. Vom Spielertyp grundsätzlich mehr Muster als Federer lässt Thomas doch ein gerüttelt Maß an Offensivgeist spuken. Diesen zu bändigen sieht der Mann, den sie in der Szene ehrfürchtig „die Gummiwand“ rufen, aber auch als Reserve: „Es ist einfach deppert, irgendwo mitten auf dem Platz auf den nächsten Ball reagieren zu müssen. Dieser taktische Fehler passiert mir noch zu oft. Manchmal muss ich aber einfach ans Netz!“ Und tatsächlich beweist er beim Volley gefühlvollen Touch und ein gutes Auge. Beim Service wiederum bringt Thomas die Kugel von unten mit einer druckvollen Vorhand ins Spiel. Eine Lösung, die dem Perfektionisten fast peinlich, aber, wieder aus Griffgründen, einfach die effektivste ist.

Thomas Geierspichler spielt mit Sportmagazin-Chefredakteur Fritz Hutter Tennis; Copyright: Bildagentur Zolles KG/Leo Hagen, 28.9.2015
Ansonsten bleibt Thomas Geierspichler auch am Tennisplatz einfach Thomas Geierspichler: energetisch, konzentriert, humorvoll und, im seltenen Falle von simplen Unforced ­Errors, mächtig impulsiv und dann durchaus happy, dass der Schläger fest in der Faust sitzt. Das SPORTMAGAZIN-Fazit nach 60 Minuten höchst unterhaltsamer Spielzeit: Es ist spektakulär, in welch kurzer Zeit Tom eine neue Sportart von Grund auf erlernt, bis zur Wettkampfreife verfeinert und im Rollstuhl sitzend mit seinem einst als Hobbykicker geschärften Auge für den Ballsprung ergänzt hat. Dass er heute die überwiegende Mehrzahl seiner Matches gewinnt, kann Thomas Geierspichler aber wohl auch seiner auf der ganz großen Sportbühne erworbenen Wettkampfhärte zuschreiben. Und der puren Freude am Tun, die man ihm bei jedem einzelnen Schlag anmerkt: „Beim Tennis macht mir nix Sorgen.“ Und beim ­gemütlichen Bierchen zum Après lässt er sich dann noch ein bissi tiefer in die sportlichen Zukunftskarten schauen: „Auch wenn ich beim Rennrollstuhlfahren schon ein bisserl Licht am Ende des Tunnels sehe, liegt mein Fokus aktuell voll auf Rio 2016!“ Und danach? „Da kann es dann schon sein, dass man mich ein bisserl öfter am Tennisplatz sehen wird …“

Mehr Infos: www.geierspichler.com

Thomas Geierspichler spielt mit Sportmagazin-Chefredakteur Fritz Hutter Tennis; Copyright: Bildagentur Zolles KG/Leo Hagen, 28.9.2015