Peter Prevc: Einer gegen alle

Noch nie dominierte ein Skispringer einen Weltcupwinter wie zuletzt Peter Prevc. Mit seinem spektakulären Stil degradiert der slowenische Ausnahmeathlet die Konkurrenten zu Flugbegleitern. Nur den Star heraushängen zu lassen liegt ihm so gar nicht.

//Text: Tobias Wimpissinger
//Bild: (C) GEPA Pictures

Die Liste an Superlativen und Rekorden, die Peter Prevc allein im vergangenen Winter in die Geschichtsbücher eintragen ließ, dürfte der Konkurrenz nicht unbedingt Motivationsschübe verleihen: höchste jemals erzielte Weltcup-Punkteanzahl (2303), die meisten Siege (15), die häufigsten Podestplätze (22), größter Punktevorsprung (813), höchster Punkteschnitt pro Springen (79,4), die meisten Gesamtzähler bei der Vierschanzentournee (1139,4). Zudem konnte der Slowene nicht nur als erster Athlet die Tournee, die Skiflug-WM und den Gesamtweltcup gewinnen, sondern auch als bisher einziger Bakkenartist zum dritten Mal in Serie Skiflugkristall in Empfang nehmen.

Nie hat ein Skispringer eine Saison derart dominiert, Prevc verkörpert den modernen Stil des aggressiv-furchtlosen Athleten. Wie er mit spielerisch anmutender Leichtigkeit seine Skier zu einem breiten V ausfährt, um die Aerodynamik optimal für sich zu nutzen, erweist sich nicht nur als überaus effektiv, die spektakuläre Technik von der pfeilschnellen Anfahrt mit der extrem nach vorne gerichteten Position über den explosiven Absprung und das magische Fluggefühl bis hin zur blitzsauberen Landung scheint auch derart stabil zu sein, dass sie auf jeder Schanze und bei allen Bedingungen funktioniert. Selbst lästige Erkältungen können den Überflieger offenbar nicht aus der Flugbahn werfen.

,,Jetzt fühlt sich alles wahnsinnig leicht an”

Peter Prevc

So stand Prevc letzte Saison mit drei Ausnahmen bei sämtlichen Weltcupstationen am Podest, nur in Lahti, Kuopio und Wisla musste er sich mit Top-5- Rängen begnügen. Dass auch die ästhetische Komponente nicht zu kurz kommt, unterstrich er im Frühjahr 2015 in Planica, als sämtliche fünf Wertungsrichter seinen 233-Meter-Flug mit der Traumnote 20 quittierten. Dabei darf der Dominator des Metiers, der bei der 64. Vierschanzentournee die siebenjährige Vorherrschaft der Österreicher beendete, keinesfalls als Eintagsfliege kategorisiert werden. „Die Ergebnisse sind ja kein Zufall“, klärt er im Gespräch mit dem Sportmagazin auf. „Seit ich 2009 in den Weltcup eingestiegen bin, habe ich mich jedes Jahr Schritt für Schritt verbessert. Jetzt fühlt sich alles wahnsinnig leicht an, sämtliche Automatismen greifen. Durch die gewonnene Erfahrung lasse ich mich nach einem schlechteren Sprung nicht mehr aus der Ruhe bringen, agiere überlegter.“

Für den nachhaltigen Erfolg musste der 24-Jährige aber lange Zeit eine enorme Leidensfähigkeit unter Beweis stellen. Ob Weltmeisterschaften, Olympische Spiele oder Kristallkugeln, wann immer es um Medaillen und Trophäen ging, schnappte ihm jemand den glänzendsten aller Preise weg. Im Wettfliegen um den Gesamtweltcup 2015 musste sich der schon im Jahr davor auf Rang zwei verwiesene Prevc beispielsweise Severin Freund geschlagen geben -nur aufgrund der geringeren Anzahl an Tagessiegen. Dass nach fünf Sprüngen auf die unteren Treppchenstufen nun bei der WM in Lahti eine Goldmünze um den Hals baumeln soll, stellt für Prevc aber keine Pflichtübung dar: „Ich schaue immer nur auf den nächsten Bewerb, auf den nächsten Sprung. Den gesamten Fokus auf einen Event zu legen kann gewaltig danebengehen.“ Ihm sei auch durchaus bewusst, dass die Leistungskurve nicht in alle Ewigkeit nach oben deuten kann: „Für jeden kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem dich der Kopf, der Körper oder einfach die Entwicklung des Sports einholt.“ Ein Weckruf sei die formbedingte Auszeit von Gregor Schlierenzauer gewesen: „53 Weltcupsiege zu feiern ist eine unglaubliche Errungenschaft, die wohl nicht so schnell wiederholt wird. Sein Fall soll uns aber daran erinnern, dass wir alle nur Menschen sind.“

Der stille Adler: „Von sich aus sagt er nichts“

Doch die Konkurrenz sei gewarnt, denn noch glaubt Prevc, sein Potenzial nicht gänzlich ausgeschöpft zu haben. Kein Wunder also, dass Sloweniens dreifacher Sportler des Jahres, heuer auch mit der Goldenen Verdienstmedaille der Republik geehrt, in seiner Heimat zur obersten Sport-Celebrity avancierte – quasi wider Willen. Denn nichts scheint der schmächtige Ausnahmekönner mehr zu fürchten als Diktiergeräte, Mikrofone und Kameras. Emotionen zeigt er einzig im Schanzenauslauf, Allüren sind ihm völlig fremd, vom Hype um seine Person lässt er sich keinesfalls mitreißen. Selbst in der Szene gilt Prevc als undurchschaubarer Einzelgänger. „Wenn du ihn ansprichst, antwortet er, aber von sich aus sagt er nichts“, berichtet etwa ÖSV-Adler Michael Hayböck. Von ähnlichen Erfahrungen erzählen viele andere, selbst seine Landsleute sollen aus dem introvertierten Oberkrainer kaum etwas herausbekommen. Da passt es bestens ins Bild, dass er sein privates Umfeld weitgehend unter Verschluss hält. Von Herzblatt Mina weiß man lediglich, dass sie als Skilehrerin in Kranjska Gora arbeitet. Selbst spielt der Fußballfan vom NK Maribor gern Volleyball, tüftelt am Computer und steht auf Schokolade. „Mit den Jahren wird man gegenüber der Öffentlichkeit natürlich etwas entspannter, doch kann ich halt auch nicht ganz aus meiner Haut“, flüstert uns Prevc erstaunlich offene Worte ins Ohr.

„In der Wettkampfperiode schalte ich daher das Handy meistens aus.“ Auf dem Sprungbalken zu sitzen und auf die tobende Masse hinunterzublicken verleihe zwar einen beispiellosen Kick, wie er gesteht, „unten will dann aber jeder etwas von dir und am liebsten mindestens eine halbe Stunde lang. Würde ich den ganzen Tag nur Interviews geben, könnte ich meinen eigentlichen Job nicht verrichten.“

Die sportliche Entwicklung von Peter Prevc nahm mit neun Jahren so richtig Fahrt auf. Als größten Förderer nennt er Papa Boidar, Besitzer eines Möbelgeschäfts und selbst einst Hobbyspringer, der das älteste von fünf Kindern vom Dorf Dolenja Vas ins zwanzig Kilometer entfernte Kranj zum Training führte, wo der Sport schnell zur Familienangelegenheit wuchs. Vom Elektrotechnik-Studium in Ljubljana gebremst, tastet sich Bruder Cene (20) über den Continental Cup wieder an die Weltelite heran, der erst 17-jährige Domen, in Engelberg und Sapporo bereits mit Peter am Podest, soll sogar das größte Talent im Hause Prevc sein. „Er verfügt über dieselben Anlagen, springt aber noch aggressiver“, schwärmt der zweimalige Gesamtweltcupsieger Primož Peterka, der heute die slowenischen Damen trainiert und möglicherweise bald selbst eine Prevc in seiner Truppe betreuen darf. Über die elfjährige Nika wird nämlich geraunt, sie springe so gut wie die gleichaltrigen Burschen. Einzig Nesthäkchen Ema (7) hupft nicht über den Bakken -noch nicht. „Schwer zu sagen, ob sie sich irgendwann für den Sprungsport interessieren wird. Einen Mixed-Bewerb mit einem Team Prevc zu bestreiten wäre aber sicher witzig.“

PASSPORT: Peter Prevc

Geboren am 20. September 1992 in Kranj

Wohnort: Dolenja Vas

Größe/Gewicht: 182 cm/56 kg

Verein: SK Triglav Kranj Ski Slatnar

Erfolge: 21 Weltcupsiege (+9 im Team), Gesamtweltcupsieg 2015/16, Vierschanzentournee 2015/16; Olympia-Silber Normalschanze, Bronze Großschanze 2014 (Sotschi); WM-Silber Großschanze, Bronze Normalschanze 2013 (Val di Fiemme), Bronze Team 2011 (Oslo); Skiflugweltmeister Einzel 2016 (Kulm), Bronze 2014 (Harrachov)

Auszeichnungen: Sloweniens Sportler des Jahres 2013,2014,2015, Mannschaft des Jahres 2011, Goldene Verdienstmedaille der Republik Slowenien 2016

Web: www.peterprevc.com