Die ganze Story: Paris can’t wait

Mit nie da gewesener Finanzpower wollen die PSG-Macher die Cham­pions League gewinnen. Während Neymar, Mbappé & Co. die Fans ­verzücken, wird die internationale Kritik immer lauter. Und es geht die Angst um: Wie lange haben die Scheichs aus Katar Lust, sich einen Staatsklub zu halten?

//Text: Markus Geisler//Foto: Getty//

Am Tag nach der größtmöglichen Demütigung wirkten die Worte noch kryptisch. „Jetzt weiß ich, wie man die Champions League gewinnt“, sprach PSG-Boss Nasser Al-Khelaifi. Zuvor hatte sein damals schon statt­liches Starensemble einen 4:0-Vorsprung gegen Barcelona vergeigt und sich bei der 1:6-Rückspielpleite zum Gespött von Europa gemacht. Schon wieder frühzeitig aus der ­Königsklasse geflogen, nein, katapultiert worden, wie bereits all die Jahre zuvor. In diesen Stunden des fiebrigen Schmerzes ist der Gedanke entstanden, beim Projekt PSG die nächste Antriebsstufe zu zünden. Es wurde ein Boost epochalen Ausmaßes: 222 Millionen Euro für Neymar, weitere 180 für Kylian Mbappé, das größte Juwel des europäi­schen Fußballs, allerdings erst später zahlbar. Zwei Deals, die mit ihrem Gesamtvolumen (Handgeldern, Gehältern …) an der Milliardengrenze kratzen. Und die nur ein Ziel ­haben, da redet Al-Khelaifi nicht um den heißen Kebap herum: „Wir wollen alle nationalen und internationalen Titel so oft als möglich nach Paris holen!“

Na bumm! Während im Rest Europas der sofortige Untergang des Volkssports Fußball prophezeit und heftige Kritik ob des Verfalls von Anstand und Moral geübt wurde, rieb man sich in fast ganz Frankreich die Hände. So groß war die internationale Aufmerksamkeit, die der sonst eher biederen Ligue 1 zuteilwurde, noch nie. Dem TV- und Werbewert der Liga winken Steigerungsraten in lichte Höhen, die Vermarkter erfasste Goldgräberstimmung. Sportlich völlig nachvollziehbar. Vom ersten Tag an ließ Neymar keinen Zweifel daran, dass er bereit war, aus dem Schatten von Lionel Messi zu treten und den Angriff auf den Titel Weltfußballer zu starten: Zirkuseinlagen, Traumpässe, Tore wie auf der PlayStation kreiert.

22 Treffer erzielte PSG in den ersten fünf Spielen mit dem Brasilianer, gefühlt hatte er bei jedem davon seine Zauberfüße im Spiel. „Jeder sieht, mit wie viel Herz und Leidenschaft er sich für PSG zerreißt. Auch beim Training geht er mit gutem Beispiel voran“, sagt Alexis Menuge, Co-Kommentator und Frankreich-Insider des Streamingdienstes DAZN, der alle Spiele von PSG live überträgt. Und verweist darauf, das21s bereits vor Neymars erstem offiziellem Match mehr als 250.000 Trikots mit seiner Nummer 10 verkauft wurden – „und zwar zu einem Stückpreis von 145 Euro“. Macht, nach Milchmädchenrechnung, Einnahmen von mehr als 36 Millionen Euro. Womit aber noch immer 24 Millionen auf das erste Bruttojahresgehalt des 25-Jährigen fehlen.

Geld aus Katar

Dass PSG das Geld hat, mit dem es um sich wirft, ist unbestritten. 2011 übernahm der katarische Staatsfonds Qatar Sports Investments (QSI) mithilfe des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy den eher durch Hooligan-Probleme und notorische Erfolglosigkeit bekannten Hauptstadtklub und pumpt seitdem Hunderte von Millionen an Petrodollars durch die Pipeline von Doha nach Paris. Eine Schlüsselposition kommt dabei Nasser Al-Khelaifi zu, der als vielleicht mächtigster Player der globalen Sportindustrie gilt. Als Kind war er Tennispartner und bester Freund des heutigen Emirs von Katar, später selbst notorisch erfolgloser Tennisprofi (beste Weltrang­listenplatzierung: 995), der 1996 auf der ATP Tour in St. Pölten einmal an Thomas Muster scheiterte. Heute ist der 43-Jährige Chef des katarischen Tennisverbandes, Boss der beIN Media Group (die übrigens die Rechte an der Ligue 1 hält) und eben Chef von QSI. Kritik an seinem Tun wischt der medienscheue vierfache Familienvater, jüngst zum einflussreichsten Macher der Ligue 1 gewählt, stets mit einem aalglatten Lächeln beiseite: „Ich kann Ihnen versichern, dass alles, was wir tun, im Einklang mit den Gesetzen steht.“ Nachfragen sinnlos.

Dabei haben er und PSG bereits bewiesen, dass man dem Griff in die Trickkiste nicht abgeneigt ist. Um die Bilanzen aufzuhübschen, wurde 2014 über den schnellen Dienstweg ein Deal mit der katarischen Tourismusbehörde eingefädelt. Volumen: 200 Millionen Euro. Weil die Summe aber völlig markt­unüblich ist, schritt die UEFA ein und verdonnerte PSG im Rahmen des Financial Fair Play (FFP) zu einer Strafe von 60 Millionen Dollar. Und jetzt? Offiziell wurde Neymar als Botschafter für die WM 2022 im Wüstenstaat engagiert und mit einem Honorar von 300 Millionen Euro versehen, mit dem er sich aus seinem Barça-Vertrag kaufen konnte. Hm. Und Kylian Mbappé wird von Monaco nur ausgeliehen, es gibt aber für 2018 eine Kaufoption. Aha. „Ob PSG wirklich gegen das FFP verstößt oder nicht, kann man frühestens nächsten Sommer feststellen, wenn das Geschäftsjahr abgeschlossen ist“, sagt Georg Pangl, als Generalsekretär der Vereinigung Europäischer Fußball-Ligen (EPFL) so etwas wie Österreichs höchster Spitzenfunktionär in der Schweiz. „Bis dahin können sie ja noch Spieler verkaufen oder andere Einnahmequellen auftun.“ Spannender Nachsatz: „Ich habe jedenfalls größtes Vertrauen in den neuen UEFA-Präsidenten Aleksander Ceferin, der ganz klar angekündigt hat, mit aller Härte durchgreifen zu wollen.“ Ein Verfahren zur Überprüfung des Finanzgebarens von PSG wurde jedenfalls bereits medienwirksam angekündigt.

Kritik nur Heuchelei?

Aber ist die Kritik an den Machenschaften der ­Pariser nicht großteils geheuchelt? In Frankreich hält man ohnehin weitestgehend die Füße still, da das von PSG ­erzeugte Licht grell genug ist, um sich von Nizza bis Lille darin zu sonnen. Allein dass es gelungen ist, einen Superstar wie Mbappé im Land zu halten und nicht nach Spanien oder England ziehen zu lassen, wird den Parisern hoch angerechnet. Lediglich Lyon-Präsident Jean-Michel Aulas, so etwas wie der Uli Hoeneß Frankreichs, schwingt regelmäßig die Keule und sagt Sätze wie: „PSG verfolgt eine exzessive Investitionspolitik, die die Wettbewerbs­fähigkeit der Ligue 1 vermindert. Zu viel ist zu viel!“ Deutlich lauter ist die internationale Kritik, wo zum Beispiel der FC Bayern permanent gegen die Neureichen stichelt. Also der FC Bayern, der regelmäßig Trainingslager in Katar abhält und einen zehn Millionen Euro schweren Deal mit dem Flughafen von Doha abgeschlossen hat.

Vor diesem Hintergrund klingen Elegien wie die von Karl-Heinz Rummenigge („Das Financial Fair Play ist kein scharfes Schwert und von einigen Vereinen in Europa nicht so seriös verstanden worden wie ursprünglich gedacht“) eher wie Schaumschlägerei. Verbal in die Vollen ging man auch in Spanien, wo das Umdribbeln von Statuten seit jeher Part of the Game ist und man nach dem Neymar-Deal Angst um seine europäische Vormachtstellung zu haben scheint. „Klubs wie PSG oder auch Manchester City zahlen keine Marktpreise, sondern weit darüber hinaus. Das führt zu einer Inflation auf dem Transfermarkt und einer Destrukturierung der nationalen Ligen“, sagte Javier Tebas, Präsident der spanischen Liga. „Dieses Finanzdoping schadet dem Fußball sehr.“ Mag stimmen, hat einen Klub wie Real ­Madrid aber noch nie daran gehindert, sein Starensemble auch dadurch zu finanzieren, indem man mit der Stadt eher marktunübliche Immobiliendeals machte.

Damoklesschwert

Das Projekt PSG wird von der Fußballwelt jedenfalls wie unter dem Brennglas beobachtet. Kann man sich um 400 Millionen Euro für zwei Spieler einen CL-Sieger basteln – noch dazu einen, der zwar über die vielleicht spektakulärste Offensive des Kontinents verfügt, aber weit davon entfernt ist, eine ausbalancierte Mannschaft zu haben? Die Defensive wirkt veraltet, im Kader steht kein Tormann mit Spitzenformat und mit Blaise Matuidi wurde ausgerechnet ein Spieler an Juventus abgegeben, der ­genau für diese Stabilität sorgen kann. Dazu kommt, dass auf Trainer Unai Emery die Herkulesarbeit wartet, seine Stars und Sternchen bei Laune zu halten. Edinson Cavani, dank seiner unfassbaren 49 Tore in der vergangenen Saison­ unumstrittener König im Prinzenpark, soll anfangs gar nicht amused gewesen sein, das Rampenlicht des ­Publikumslieblings teilen zu müssen. Schon gar nicht mit Sonnyboys wie Neymar und Mbappé, die alles mitbringen, was der globale Weltstar von heute so braucht: unmenschliche Fähigkeiten, gute Geschichten und Glamour. Allein die 60 Millionen Facebook-Freunde, die Neymar­ ins Projekt einbringt, sind für die Marke PSG Gold wert. Und eines ist klar: Der Druck auf alle Beteiligten, allen voran auf den dreifachen Europa-League-Gewinner Unai Emery, wiegt schwerer als der Eiffelturm. Der Meistertitel, es wäre der fünfte in der Katar-Ära, ist ohnehin eingepreist. Und schafft man es in der CL nicht mindestens erstmals bis ins Halbfinale, wird es an der Seine ungemütlich. „Dann ist Emery sicher weg“, sagt DAZN-Experte Menuge.

Es gibt aber noch ein zweites Damoklesschwert, das über dem Klub hängt, so wie über allen Vereinen, die sich auf Gedeih und Verderb einem einzigen Investor ­verschreiben. Und das sieht laut Menuge so aus: „Bis jetzt haben die Kataris bewiesen, dass sie ihr Engagement ­seriös und langfristig sehen. Was passiert aber, wenn sie die Champions League vielleicht zwei- oder dreimal gewonnen haben und die WM 2022 vorbei ist? Die WM ist das übergeordnete Ziel, das über allem steht. Dann besteht meiner Meinung nach schon die Gefahr, dass die Scheichs ihre Lust verlieren könnten. Und niemand wüsste, wie es dann mit PSG weitergehen könnte.“ Ein durchaus berechtigter Einwand, das zeigen Beispiele wie Malaga oder – auf bescheidenerem Niveau – 1860 München. Es ist eben ein spektakulärer, aber durchaus riskanter Weg, den man in der Stadt der Liebe geht, ein Weg, auf dem man sich keine Demütigungen mehr leisten kann.

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