Ottmar Hitzfeld: „Das einzige Mittel ist, dass Bayern sich selbst schlägt“

Er war einer der erfolgreichsten deutschen Klubtrainer aller Zeiten. Dem SPORTMAGAZIN erzählt der 67-jährige Halbschweizer Ottmar Hitzfeld, wie Pep Guardiola aus einem Sauhaufen eine sympathische Truppe gemacht hat, wie in Dortmund die Nerven flattern, was Alaba mit Feiersinger zu tun hat und warum Marcel Koller beim ÖFB-Team gut aufgehoben ist.

//Interview: Mirjam Fischer

//Titelbild: (C) Christian Hofer

SPORTMAGAZIN: Wir haben Sie beim Alpensymposium in der Schweiz erwischt, wo Sie ihre Grenzerfahrungen als Trainer im harten Fußballgeschäft mit wagemutigen Wirtschaftsmanagern teilten. Dortmund-Coach Jürgen Klopp hat auch kühne Ziele: die Aufholjagd im Frühjahr. Können die Borussen das schaffen?

OTTMAR HITZFELD: Ich bin überzeugt, dass Dortmund sogar einen internationalen Platz erreichen kann, wenn die Mannschaft jetzt weitgehend von Verletzungen verschont bleibt. Der Kampf um die europäischen Plätze kann heiß werden. Dortmund kommt wieder ganz nach oben.

Der BVB hat mit nur 15 Punkten aus 17 Partien in der Hinrunde auf einem Abstiegsplatz überwintert. Klopp hat es so ausgedrückt: „Das war wie Urlaub auf dem Nagelbrett“.

Klopp und sein Trainerteam wissen, wie die Situation ist. Klopp wird seine Arbeit akribischer machen. Er wird das Training detaillierter planen und wenn ich sage detailliert, heißt das richtig dosiert je Mann. Er muss das Training intensivieren. Aber er muss sich gründlicher überlegen, wann und ob ein Spieler ein Regenerationstraining einlegen sollte.

Beim Thema individuelle Periodisierung des Trainings sieht Fitnessguru Raymond Verheijen alle Fehler bei Klopp. Ist der Mann uneinsichtig, wenn er jetzt sagt, er habe nicht viel falsch gemacht?

Es liegt nicht an Klopps Training, dass Dortmund in der Krise steckt! Daran sind andere Umstände schuld. Es gab einfach zu viele Verletzte. Dagegen muss er etwas tun. Er wird gezielter mit einzelnen Spielern reden. Der Druck ist enorm. Der BVB wird ab sofort über die eigenen Verhältnisse spielen müssen, vor allem aber wieder mit mehr Selbstvertrauen.

So hat es auch Kapitän Mats Hummels im Trainingslager erklärt: „Am Ende der Hinrunde war es so, dass wir ein Problem mit dem Selbstvertrauen hatten.“ Vielleicht war das der Grund, warum Klopp in Spanien Psychologen dabei hatte.

Einen Psychologen dabei zu haben ist nicht schädlich. Er ist da für Spieler, die Bedarf haben, zu sprechen. Sie dürfen ihn in Anspruch nehmen, müssen aber nicht. Das ist eine ergänzende Hilfe, die nicht zu unterschätzen ist.

Sie selbst hatten 2004 ein Burn-out und haben das lange geheim gehalten, um Ihrer Karriere nicht zu schaden. In dieses Dilemma können auch Trainer und Spieler heute kommen. Deshalb ist es sinnvoll, wenn Psychologen bereits präventiv eingesetzt werden von den Vereinen.

Es ist wichtig, dass man redet und nicht verheimlicht, dass es einem schlecht geht. Ich hatte nicht einmal mehr Freude an einem gewonnenen Spiel. Inzwischen rede ich offen über den Zusammenbruch, um anderen Mut zu machen, dazu zu stehen. Man kann selbst nach einer schlimmen Krise regenerieren und wieder Höchstleistungen bringen.

Ottmar Hitzfeld kam wieder ganz nach oben nach der Krise: 2007 haben Sie die zweite Runde als Trainer beim FC Bayern angetreten und mit dem Team gleich den nationalen Titel und das Double geholt. Heuer ist die deutsche Meisterschaft ja ganz schön fad.

Ein bisschen langweilig ist die Meisterschaft schon. Der Titel ist fast klar. Aber solange wenigstens theoretisch immer auch für die anderen noch eine Chance besteht, wäre es ungerecht zu sagen, es ist fad oder der Erfolg der Bayern sei ein Selbstläufer. Ich hatte sehr gehofft, dass Dortmund der stärkste Konkurrent sein würde. Aber der BVB hat ja die Erwartungen nicht erfüllt. Damit ist ein spannender Konkurrent gleich zu Beginn weggefallen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Bayern noch einen Einbruch erleben. Leider ist der VfL Wolfsburg als direkter Verfolger noch nicht reif genug, um den Bayern gefährlich zu werden.

(c) GEPA Pictures

Coach Pep Guardiola hat die Bayern scheinbar unbesiegbar gemacht. Was macht der Spanier denn richtiger als alle anderen?

Da steckt unglaublich viel Arbeit dahinter. Bayern bereitet sich immer extrem intensiv vor. Guardiola ist ein Fußballverrückter. Er ist dem Fußball mit Haut und Haaren verfallen und niemals zufrieden. Er versucht die Mannschaft ständig zu perfektionieren. Er hört nicht auf, sie anzutreiben. Guardiola und die Vereinsführung haben auch insofern klug gehandelt, als sie sich jedes Jahr Verstärkung geholt haben, damit sich die einzelnen Top-Spieler zu keinem Zeitpunkt auf ihrem Erfolg ausruhen können. Er hat immer Konkurrenz geschaffen.

Konkurrenz in den eigenen Reihen als Erfolgsrezept?

Ja. Die haben bereits eine starke Mannschaft, trotzdem werden immer noch einmal zwei, drei Spieler dazugekauft, die auch schon top sind. Dadurch müssen die anderen um ihren Platz kämpfen. Sie dürfen nicht nachlassen und können nicht nachlassen. Wenn einer zehn Prozent weniger Leistung bringt, dann spielt eben der andere, der die erforderte Leistung bringt.

Wie soll die Konkurrenz so einen Klub schlagen?

Das einzige Mittel ist, dass sich Bayern selbst schlägt. Wenn die Konkurrenz Bayern schlagen will, braucht sie eine ebensolche Top-Leistung, Top-Vorbereitung und wenig Verletzte. Nur dann gibt es eine Chance, wieder oben mitzumischen. Und ohne Geld kann man erst gar nicht adäquate Spieler verpflichten, die nötig sind, Bayern München Paroli zu bieten.

Wie Sie sagen: Das kostet viel Geld. Und nicht jede Mannschaft der Liga ist diesbezüglich so gesegnet wie der FC Bayern München.

Ja, da braucht es viel Geld. Das haben die sich hart erarbeitet. Der FC Bayern hat sich das Geld verdient. Mit Werbeeinnahmen, Sponsorengeldern, Vermarktung. Das ist ein Verdienst von Uli Hoeneß. Er hat die Weichen für den wirtschaftlichen Erfolg schon vor Jahrzehnten gestellt.

,,Der FC Bayern hat sich das Geld verdient. Mit Werbeeinnahmen, Sponsorengeldern, Vermarktung. Das ist ein Verdienst von Uli Hoeneß.”

Ottmar Hitzfeld

Ein Verdienst von Pep Guardiola ist, dass er aus den rot-weißen Kickern mit dem miesen Image der „arroganten Truppe“ eine beliebte Mannschaft voller Sympathieträger gemacht hat. Wie hat er das denn geschafft?

Der FC Bayern war immer ein Verein, der stark polarisiert hat. Halb Deutschland liebt die Bayern, die andere Hälfte hasst die Bayern. Neu ist, dass Bayern heute Spieler hat, die natürlich rüberkommen. Es gibt kein Stargehabe mehr. Das war früher extrem. Da hat man einiges erleben dürfen.

Sie hatten es noch mit Leuten wie Oliver Kahn zu tun, da flogen schon auch mal Pinkelbecher bei Dopingkontrollen an die Wand.

Mittlerweile sind die Spieler gut erzogen, Guardiola lebt es ihnen vor, er ist unglaublich authentisch. Und sie werden vom Verein ausgebildet für den Auftritt in der Öffentlichkeit, sie verhalten sich gepflegt. Das kann man auch in den sozialen Medien beobachten. Nehmen wir nur einmal so bescheidene und bodenständige Leute wie Manuel Neuer: Solche Spieler sind gute Repräsentanten ihrer Zunft und ein Grund dafür, warum sich der FC Bayern München inzwischen zu einem Sympathieträger entwickelt hat.

Gutes Benehmen muss der Dortmunder Marco Reus noch ein bisschen üben. Mit seiner Führerschein-Affäre hat er in Deutschland für viel Trubel gesorgt. Halten Sie diese Aufregung für angemessen?

Es gibt genug Leute, die Mist bauen, und keiner nimmt es zur Kenntnis. Die Boulevardpresse macht die Schlagzeilen. Fußballprofis stehen im Fokus der Öffentlichkeit, sie sollen Vorbilder sein, also wird über jeden Fehltritt berichtet. Am Geld liegt es nicht, wie es die Medien ab und an kolportieren, nicht jeder, der viel verdient, ist auch gleich verdorben.

Im Fußball wird jedenfalls immer mehr Geld verdient. Und damit das Geschäft läuft, ist der Kalender inzwischen zum Bersten voll

Gerade weil im Fußball immer mehr Geld verdient wird, darf man sich nicht beklagen, wenn mehr Spiele absolviert werden müssen. Wir können das Rad nicht zurückdrehen. Die Ausschüttungen der Fußballverbände und der Ligen werden immer höher, Fernsehgelder fließen in ganz anderen Größenordnungen als früher, die Sponsorenbeiträge steigen und die Spieler bekommen höhere Gehälter. Aber die Grenze der Belastbarkeit der Profis ist erreicht.

Der spanische Rekordmeister Real Madrid hat 2013 für 100 Millionen Euro Mittelfeldspieler Gareth Bale verpflichtet. Die Transfersummen explodieren.

Das Problem taucht auf, wenn sich die Vereine gegenseitig überbieten, wenn sie einen Spieler unbedingt haben wollen und dann immer unsinnigere Summen auf den Tisch legen. Ein Spieler ist doch nicht 80, 90 oder 100 Millionen Euro wert! Selbst für einen durchschnittlichen Spieler werden heute zum Teil zweistellige Millionenbeträge bezahlt.

Sie haben gesagt, dass man in adäquate Spieler investieren muss, wenn man an der Spitze mitmischen will.

Man sollte trotzdem vernünftig wirtschaften. Bei vielen Teams wird Geld ausgegeben, das sich nicht mehr einspielen lässt. Ein Stück weit wird dieses Gehabe durch das Financial Fairplay der UEFA reguliert, damit sich Vereine nicht total übernehmen. Wenn man teure Spieler kauft und der Erfolg ausbleibt, dann fährt ein Klub schnell gegen die Wand.

Sie haben im Jänner in Zürich Jogi Löw zum FIFA-Fußballtrainer des Jahres 2014 gekürt. Haben die Deutschen nach dem WM-Sieg denn jetzt eine ähnliche Dominanz wie der FC Bayern in der Bundesliga oder die Spanier im Weltvergleich?

Löw hat Blut geleckt, der ist jetzt hungrig. Deutschland könnte mit dem WM-Titel eine neue Ära einleiten. Der nächste Coup könnte der Europameistertitel 2016 in Frankreich sein, dann wieder die Weltmeisterschaft. Ich traue das der deutschen Mannschaft zu. Sie ist jung und noch nicht am Zenit angekommen. Deutschland hat eine sehr gute Jugendausbildung und es kommen immer neue Talente dazu.

Ein großes Talent ist auch der österreichische Nationalspieler und Bayern-Profi David Alaba, ein anderer begabter Österreicher hat unter Ihrer Regie beim BVB gespielt. Was haben Alaba und Wolfgang Feiersinger gemeinsam?

Schwer zu vergleichen. Feiersinger, mein Libero, war deutlich älter als Alaba, schon über 30, als wir 1997 mit Dortmund die Champions League gewonnen haben und deutscher Meister wurden. Ein intelligenter, technisch beschlagener und laufstarker Spieler mit einer guten Übersicht. Alaba ist erst 22 Jahre alt und ein Riesentalent -ein begnadeter Fußballspieler! Er kann Abwehr genauso wie Mittelfeld spielen und ist technisch perfekt. Beide sind Top-Spieler, die Österreich hervorgebracht hat. Leider habe ich Feiersinger damals im Champions-League-Finale nicht aufstellen können.

,,Alaba ist erst 22 und ein Riesentalent - ein begnadeter Fußballspieler! Er kann Abwehr genauso wie Mittelfeld spielen und ist technisch perfekt.”

Ottmar Hitzfeld

Matthias Sammer kam aus der Verletzungspause zurück …

und ich musste Feiersinger draußen lassen, sogar auf die Tribüne setzen, weil ich mit René Tretschok einen Joker nominiert hatte. Ich wollte nicht zwei Liberos im Kader haben. Da musste ich Feiersinger sehr wehtun: als Österreicher im Champions-League-Finale und nicht spielen! Aber als Trainer musste ich alles dem Erfolg unterordnen.

ÖFB-Teamchef Marcel Koller setzt weiterhin voll auf Österreich. Der Zürcher hätte Ihr Nachfolger als Schweizer Nationaltrainer werden sollen, doch er hat abgelehnt. War das weise?

Ich finde es richtig, dass Koller in Österreich geblieben ist. Er ist seit 2011 dort, fühlt sich wohl und hat etwas aufgebaut mit der österreichischen Mannschaft. Er hat ein Vertrauensverhältnis geschaffen. Ich habe große Achtung vor ihm, weil er die Jungs trotz des Angebots aus der Schweiz nicht im Stich gelassen hat. Das Team hat enormes Spielerpotenzial. Ein Leistungsträger ist sicher Alaba, aber auch Martin Harnik, der beim VfB Stuttgart unter Vertrag ist, bringt hervorragende Leistungen. Koller passt jedenfalls ausgezeichnet zu Österreich.

,,Ich habe große Achtung vor Marcel Koller, weil er das Nationalteam trotz des Angebots aus der Schweiz nicht im Stich gelassen hat.”

Ottmar Hitzfeld

Was hat das Schweizer Team dem ÖFB-Team voraus?

Die Schweizer Nationalmannschaft hat in den letzten Jahren mehr Erfahrung sammeln können. Sie war 2014 zum zweiten Mal bei einer Weltmeisterschaft, das bringt viel. Sie hat mehr ausländische Spieler, die sich besonders zu Leistungsträgern entwickeln. Eine sehr internationale Truppe, was dem Fußball guttut.

Der Schweizer FIFA-Boss Sepp Blatter (78) will noch einmal Präsident des Weltfußballverbandes werden. Er kandidiert im Mai zum fünften Mal seit 1998.

Das ist seine Sache. Wenn er sich das zutraut, noch einmal Präsident zu werden Ich denke, er macht das Rennen. Solange Blatter die Hand am Ruder hat, hat kein anderer eine Chance.

Die 54 UEFA-Mitgliedsverbände haben Blatter unter anderem wegen des Hickhacks um die WM-Vergabe 2022 an Katar das Vertrauen entzogen. Kommt die FIFA mit Blatter überhaupt noch einmal aus ihrer Krise?

Ich könnte nicht einmal behaupten, dass die FIFA in einer Krise steckt. Blatter macht nicht alles schlecht. Dass die FIFA wirtschaftlich so gut dasteht, ist genauso sein Verdienst wie Investitionen in den Breitensport oder Kampagnen wie „Fair Play“. Die FIFA ist ein rentables Wirtschaftsunternehmen, da ist viel Geld im Spiel und normal, dass auch immer wieder das Wort Korruption fällt. Blatter muss den Kopf hinhalten -auch oft für Dinge, auf die er keinen Einfluss hat. Er kann nicht alles kontrollieren.

Eine Frage an den Sky-Experten Ottmar Hitzfeld: Wird im Fernsehen die Spielanalyse nicht schon etwas übertrieben?

Mehr Analyse wäre sogar gut. Jedenfalls, wenn Experten mit einschlägiger Erfahrung kontrovers diskutieren würden. Das könnte das Geschäft beleben und dem Fußball guttun. Wenn nur Journalisten reden, die Fußball noch nie am eigenen Leib gespürt haben, dann finde ich zu viel Analyse nicht gut!