Die ganze Story // Der Selbstversuch mit Oscar Garcia

Der Mann hat den Ruf, eine harte Nuss zu sein. Zumindest für Journalisten. Dabei könnte Oscar Garcia ganz locker über ein erfolgreiches Frühjahr plaudern. Dies ist die Geschichte des Versuchs, sich dem Salzburger Meister-Trainer zu nähern.

//Text: Markus Geisler
//Fotos: (C) Bildagentur Zolles KG/Andreas Schaad

Oscar Garcia ist wie eine Sphinx: geheimnisvoll, wortkarg, introvertiert. Sagen Kollegen, die regelmäßig mit ihm zu tun haben. Auch auf gefinkelte Fragen antwortet er gern mit einem Allgemeinplatz, für reißerische Schlagzeilen taugen seine Aussagen nie. Jeder KGB-Agent gilt als größere Plaudertasche als der 43-jährige Spanier. Damit ist der journalistische Ehrgeiz geweckt, schließlich ist Oscar Garcia unbestritten ein erfolgreicher Trainer. Bereits drei Runden vor Schluss standen seine Salzburger als Meister fest, ins Cupfinale schafften sie es auch (nach Redaktionsschluss). Also muss er entschlüsselt werden, der nebulöse Garcia-Code. Um ihn in seiner Muttersprache parlieren zu lassen, wird ein Dolmetscher engagiert, Treffpunkt ist der „Bulls‘ Corner“ im Salzburger Stadion. Heimspielatmosphäre für Garcia. Fehlt nur noch ein geeigneter Gesprächseinstieg, um ihn ins Plaudern zu bringen. Die Idee: Am Vorabend des Interviews fand das Champions-League-Halbfinale zwischen seinem alten Barça-Kumpel Pep Guardiola und Trainer-Biest Diego Simeone statt.

SPORTMAGAZIN: Haben Sie gestern mit Pep Guardiola mitgelitten?

OSCAR GARCIA: Sein Spielstil gefällt mir sehr gut, er ist sehr schön anzusehen. Gegen Atletico ist es nicht leicht zu spielen. Gelitten? Nicht so, als wenn mein Team gespielt hätte.

Simeone und Guardiola und auch Sie sind größtmögliche Gegenpole. Können Sie mit einem emotionalen Typ wie Simeone etwas anfangen? Das sind zwei Trainer, die so sind, wie sie schon als Spieler waren: der eine bedacht, der andere sehr emotional. Ihre Persönlichkeiten sind so, sie betrügen die Öffentlichkeit nicht.

Sie gelten als ruhig, sachlich. Journalisten sagen, für sie sind Sie wie ein geschlossenes Buch. Fühlen Sie sich treffend charakterisiert?

Normalerweise ist es mir egal, was die Leute über mich sagen. Auch ich bin, wie ich bin, ich betrüge nicht. Ich bin kein Schauspieler.

Ist Ihnen Ihr Image wichtig?

Für mich ist die Meinung derer, die mich kennen, wichtig. Die Leute, mit denen ich arbeite, die Leute vom Klub. Ich kann nicht die Meinung der ganzen Welt kontrollieren.

Die erste Runde geht knapp an Oscar Garcia. Aber so leicht geben wir uns nicht geschlagen, der Köcher mit spannenden Themen ist prall gefüllt, zum Beispiel mit dem Stichwort Champions League, schließlich ist Oscar Garcia der neunte Trainer, der sich im Sommer an der Erfüllung des langgehegten Traumes zu schaffen macht.

Das Ziel Champions League wurde in Salzburg mal defensiv, mal offensiv formuliert. Wie werden Sie es angehen?

Über die Champions League zu sprechen ist sehr abenteuerlich. Sogar mit den besten Spielern wie Kampl und Mane hat man es nicht geschafft. Ich möchte mir nur realistische Ziele setzen.

Aber ist Ihr Ziel jetzt die CL?

Wir müssen hohe Ziele haben, aber realistische. Was wir nicht tun sollten, ist, uns selbst oder den Leuten etwas vorzumachen.

Ist die CL demnach unrealistisch?

Wie oft hat Red Bull Salzburg es geschafft, in die CL zu kommen?

Nie.

Genau, nie.

Wahrscheinlich ergibt es Sinn, den Fokus mehr auf das erfolgreiche Frühjahr zu richten. Das hatte es schließlich in sich: Von 16 Spielen wurde nur ein einziges verloren, Garcias Punkteschnitt liegt bei 2,31 (Stand: 10. Mai). Das liegt im Bereich eines Roger Schmidt und der gilt in Salzburg als Gottvater des erfolgreich-schönen Spiels. Wer gleich in seiner ersten (Halb-)Saison so reüssiert, kann ganz entspannt über seine Erfolge plaudern.

Als Sie im Winter nach Salzburg kamen, herrschte ziemliche Unruhe. Wie heikel war es im Nachhinein gesehen?

Die Situation vor der Frühjahrsrunde war kompliziert. Die Leute vom Klub sagten, es war die schwierigste Saison der letzten Jahre. Viele Spieler sind gegangen, es kamen wenig Neue dazu. Wir mussten auf viele junge Spieler setzen.

Drei Runden vor Schluss stand man als Meister fest, hatte das Cupfinale erreicht (nach Redaktionsschluss). Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf des Frühjahrs? 

Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung der Mannschaft. Viele Spieler haben sich verbessert. Das erfüllt mich als Trainer mit Zufriedenheit.

Stimmt es, dass Sie im Winter auch Angebote aus der Primera Division hatten?

Ja, von einigen Mannschaften.

Warum haben Sie sich entschieden, lieber gegen Mattersburg oder Grödig zu spielen?

Warum nicht?

Aus meiner Sicht wäre es reizvoller, in Spanien zu arbeiten.

Es ist für meine Entwicklung wichtig, ein paar Jahre im Ausland zu arbeiten. Es ist nicht mein großes Ziel, in der spanischen Liga zu trainieren, das hätte ich längst machen können.

Zeit, um in den Angriffsmodus zu schalten. Was gar nicht so einfach ist, denn Garcia macht einen unglaublich sympathischen Eindruck. Sein Gesicht hat immer einen leicht melancholischen Ausdruck, trotzdem lächelt er oft, als wollte er sagen: Lassen wir das mit dem Interview und trinken ein Glas Sangria zusammen.

Trotz aller Erfolge gibt es Kritik, Salzburg biete zu wenig Spektakel.

Spektakulär zu spielen hängt von vielen Faktoren ab. Aber die Entwicklung der Spieler war für mich schon spektakulär.

Haben Sie mit einem höheren Niveau der Liga gerechnet?

Ich habe mir genau dieses Niveau erwartet. Ich verfolge die Liga seit einigen Jahren.

Und wie bewerten Sie das Niveau?

Ich denke, es ist gut. Das sieht man daran, wie Rapid gegen Villarreal gespielt und gewonnen hat. Auch wenn sie gegen Valencia verloren haben, für mich hat Rapid das Niveau, das sie gegen Villarreal gezeigt haben.

Wenn die Gegenwart zu heiß wird, hilft ein Schwenk in die Vergangenheit. Und die ist bei Oscar Garcia durchaus ruhmreich. Titel und Triumphe säumen seinen Weg als Profi, die Liste seiner Mitspieler liest sich wie ein Who’s who der Weltstars der 1990er- und Nullerjahre.

Wer war Ihr bester Mitspieler?

Sie waren alle auf ihrer Position die Besten. Man kann aber zum Beispiel Guardiola nicht mit Ronaldo vergleichen, das sind ganz verschiedene Positionen.

Bitte, Herr Garcia, nur einen Namen.

Ronaldo war für mich einer der komplettesten Spieler. Ich habe aber nur ein Jahr mit ihm zusammengespielt, dann hat er Barça verlassen. Aber er war großartig. Wenn ich den besten Spieler im Strafraum auswählen müsste, dann wäre es Romario. Der beste Flügelspieler, wenn ich einen wählen müsste, wäre Figo. Der beste Passspieler wäre Laudrup.

Alles Weltstars. Wer war menschlich der angenehmste?

Meine beste Erinnerung habe ich an Luis Figo. Wir kannten uns schon, bevor wir gemeinsam bei Barça gespielt haben. Wir hatten ein paar schöne Jahre miteinander.

Klarer Erfolg für den Interviewer, wenn auch erst in der Verlängerung. Der Pressesprecher blickt auf seine Uhr, eindeutiges Zeichen: Auch das ergiebigste Gespräch muss einmal zu Ende gehen. Und ein Signal für mich, meinen letzten Trumpf aus dem Ärmel zu ziehen, denn auf YouTube gibt es den Chant der Brighton-Fans, den sie ihrem damaligen Trainer Oscar Garcia gewidmet haben. Also frage ich: Kennen Sie den? Und fange zur Melodie von „You are my sunshine“ an zu singen: „Oscar Garcia, he drinks Sangria “ Und Oscar: „He came from Barça, to bring us joy.“ Anscheinend kennt auch der Pressesprecher das Lied: „He’s got stubbles, like Barney Rubbles.“ Und alle zusammen: „Please don’t take my Oscar away.“ Jetzt ist das Eis gebrochen. Zu spät zwar, das Interview ist vorbei, aber eine Frage geht sich noch aus: „Empfinden Sie es eigentlich als unfair, dass das fehlende Spektakel der Salzburger kritisiert wird, wo der Erfolg Ihnen doch recht gibt?“ Garcia legt seine Hand auf meine Schulter und schaut mich durchdringend mit seinen Rehaugen an. „Soll ich ehrlich sein?“, fragt er. Ich sage: ja. Ich denke: Wurscht, aber es ist die letzte Chance auf einen richtig guten Titel über der Geschichte. Oscar lacht und sagt: „Das ist mir komplett egal!“ Hätten wir auch das besprochen …

PASSPORT: OSCAR GARCIA

Geboren am 26. April 1973 in Sabadell (in der Nähe von Barcelona)

Familie: verheiratet, drei Töchter

Mentor: Johan Cruyff (Garcia: „Sein Tod hat mich sehr traurig gemacht“)

Stationen als Spieler: FC Barcelona (Jugend, bis 1999,1994/95 an Albacete verliehen), FC Valencia (1999/2000), Espanyol Barcelona (2000-04), UE Lleida (2004/05)

Erfolge als Spieler: 4x spanischer Meister, 2x spanischer Cupsieger, Europacupsieger der Cupsieger

Stationen als Trainer: FC Barcelona Jugend (2010-12), Maccabi Tel Aviv (2012/13 und 2014), Brighton & Hove Albion (2013/14), FC Watford (2014), seit Jänner 2016 FC Red Bull Salzburg

Erfolge als Trainer: israelischer Meister, österreichischer Meister

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