Ortlechner: Die Antithese

Wer alle Fußballer für nix als hochspezialisierte Organismen mit einem von Kalklinien begrenzten Horizont in Rasenhöhe hält, sollte wie wir mit Manuel Ortlechner reden. Einst Austria-Kapitän, Champions-League-Starter und Teamspieler, liefert er den fleischgewordenen Beweis, wohin eine Kicker-Karriere führen kann, wenn man sich ein Türl in der Blase offen lässt.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: www.GEPA-pictures.com, Marina Scholze Photography

Transparenz und Fairness – damit will man Spieler und Klubs künftig ohne Umwege zusammenbringen. Selbst Brancheninsider und Profiteure des Megabusiness meinen mittlerweile, dass man so nichts weniger schaffen könnte, als den Fußballmarkt zu revolutionieren. Mittendrin Manuel Ortlechner, den die in Wien 9 situierte, über Investoren und Crowdfunding finanzierte Plattform Playerhunter als Vice President Commercial und topvernetzten Botschafter gewinnen konnte. „Die Idee ist, dass sich Talente auf der ganzen Welt selber präsentieren und managen sollen, und zwar unkompliziert über eine App am ohnehin allgegenwärtigen Smartphone, gratis und ohne zwischengeschaltete Spielervermittler. Vereine auf Spielersuche gehen den umgekehrten Weg“, präzisiert der einstige Austria-Kapitän jenes Angebot, welches rund 265 Millionen Kicker weltweit ansprechen und zunächst vor allem den Amateur- und Nachwuchsbereich ins Visier nehmen will. Gut 100.000 User sind bereits an Bord. Langfristig hat man via playerhunter.com bzw. die angeschlossene App mit den eingangs erwähnten Tools laut Selbstpräsentation auf der Investment-Seite crowdcube nichts weniger vor, als einen jährlich 400 Milliarden Euro schweren Markt aufzubrechen. Eine Ansage ganz nach dem Geschmack jenes Innviertlers, dem die Disruption zur Leidenschaft und gedankliche Enge zur Pest geworden ist.

„Nach tausendmal gaberln hab ich aufgehört, weil es eine Zeitfrage geworden ist“, erinnert sich Manuel Ortlechner zurück an eine Kindheit, in der er als Kicker-Knirps im Dress des SV Ort und auch am großelterlichen Bauernhof die bis heute ungebrochene Liebe zum Fußball zelebrierte. Eine Liebe, für die der nun 38-Jährige, der im Vorjahr nach 18 Jahren endgültig aus den Stollenschuhen gestiegen ist, mehrere Erklärungen parat hat. Als Kind war es noch vor allem „die unkomplizierte Möglichkeit, sich mit einem Spielgerät allein oder mit Freunden zu messen und Spaß zu haben“. Mittlerweile ist die Ortlechner-­Perspektive auch in dieser Frage eine breitere: „Heutzutage empfinde ich das verbindende Element noch intensiver. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es immer mehr um ­Ausgrenzung und das Sicherheitsthema geht. Und auch darum, wie ‚böse‘ alle rundherum sind. Im Fußball spielt das alles keine Rolle. Die Religion ist wurscht, die Haut­farbe ist wurscht – ich habe so viele Freundschaften im Fußball geschlossen und glaub, dass es wenig Dinge auf der Welt gibt, die so verbindend wirken. Auch weil der Fußball ein derart hochemotionales Thema ist.“ Und genau in dieser Emotionalität ortet der Oberösterreicher nicht nur die ­völkerverbindende Wirkung der populärsten Sportart am Planeten („Jeder kann sich darüber austauschen, auf Fußball können sich alle einigen“), sondern auch die ­Ursache für die Dimension des globalen Milliardenbusiness um die Kugel.

Dass es genau die großen Gefühle sind, die Fans in die Stadien locken und üppige Sponsorengelder fließen lassen, hat Manuel Ortlechner im Rahmen seines im Vorjahr finalisierten MBA-Fernstudiums „Marketing Management“ an der Staffordshire University erforscht und auf seinen langjährigen Arbeitgeber heruntergebrochen. „Chancen/Möglichkeiten bzw. Grenzen im Rahmen der Sponsorenakquisition anhand des Fußballklubs Austria Wien“ lautet der Titel seiner Master-Arbeit: „Alle großen Unternehmen wollen Emotionen transportieren und mit diesen werben. Und alle wissen, diese hohe Emotionalität passiert im Fußball automatisch.“

Meisterteller
Manuel Ortlechner: Einst Ö-Meister, Champions-League-Starter und Teamspieler. Heute aktiv als Bildungsmanager, Fotograf (der Fotoband „Reconstruction“ ist aktuell u.a. im Shop der Wiener Austria zu haben), Mode- und Musik-Insider und nun auch TV-Experte bei Sky

Mehrdimensionale Analysen sind typisch für jenen Mann, der bei der SV Ried noch bis in die U18 dank gediegener Grundausbildung im Mittelfeld die Fäden zog, sich aber mit der Zeit und der florierenden Fitness immer weiter nach hinten im Spielsystem orientierte. „Mich hat von Anfang an das Gesamtkonzept interessiert. Ich wollte­ das Spiel vor mir haben, um es komplett lesen zu können“,­ so der „Orti“, für den die Position des eröffnenden Innenverteidigers die logische Konsequenz war. Dass ihm in 396 Bundesligaspielen für Ried, Pasching, Austria Kärnten und Austria Wien nur zwölf Tore vergönnt waren, empfindet Ortlechner hingegen als Marginalie der Statistik. Nie war es dem Sohn des kickenden Papas Adi („Eine sehr talentierte 10er-Diva, die wahrscheinlich ein bisserl faul war“) und der ebenfalls fußballinteressierten Mama Maria wichtig, den eigenen Datensatz aufzupolieren, immer, seiner jeweiligen Mannschaft den Rücken zu stärken. Letzteres hat der neunfache Teamkicker, der selbst noch nach den ersten Einsätzen im U18-Nationalteam Geografie- und Englischprofessor werden wollte, früh an allen Fronten versucht. Zunächst vor allem sportlich, aber bald als vielschichtige Persönlichkeit mit dem Anspruch, Verantwortung zu übernehmen. Was zum Beispiel in der Kapitänsschleife bei Austria Wien oder zuletzt der Funktion des Role Models für die violetten Amateure mündete.

Das ausgesprochen trainingsfleißige und muntere Naturell, das sich mit jeder Menge Extraeinheiten und selbst gemixten Eiweiß-Shakes vom Amateur zum Profi mauserte und es 2013 eben mit der Austria zu Meisterehren oder ins Team der Runde der Champions-League-Gruppenphase schaffte, nahm sich die Freiheit zu reifen. Etwa in Sachen Outfit. Früh entwickelte Manuel Ortlechner seinen eigenen Modegeschmack und surfte damit in den 1990er-Jahren nicht immer unauffällig durch die HAK-Jahre im Innkreis. Wer sich 2018 durch seinen Instagram-Account wischt, erkennt schnell eine Stilikone, die mittlerweile selbst Supermodel Werner Schreyer elegant Paroli bietet.

Die heute in vielem spürbare Souveränität ist auch Resultat einer bewusst betriebenen Entwicklung. Dr. Werner Zöchling heißt jener Experte, der dem jungen „Orti“ genauso früh von Ried-Ikone Oliver Glasner ans Herz gelegt wurde wie die Option eines Studiums neben der Profikarriere. Zöchling, Soziologe und Berater in Sachen Persönlichkeits- und Teamentwicklung, gab und gibt sowohl dem nunmehrigen LASK-Erfolgstrainer Glasner wie auch dem einstigen Ortlechner-Coach Peter Stöger wertvolle Tools mit in die Erfolgsspur. Manuel Ortlechner lässt sich von Werner Zöchling ebenfalls fördern. Und fordern. So schickte dieser seinen damals gerade 20-jährigen Klienten als Jungprofi beispielsweise direkt ins Rieder Präsidentenbüro. „Als Geld ins Spiel gekommen ist, habe ich mich anfangs öfter unter Wert verkauft. So hatte ich schon 30 Spiele als Profi gemacht, aber als einziger im Kader kein Vereinsauto. Das sollte ich einfordern – damals ein Riesenschritt für mich“, erinnert sich Ortlechner. Sein Auto bekam er, an diagnostizierten ­Reserven feilte er trotzdem immer weiter. Genauso sorgfältig, wie er seine Stärken stärkt. Interessen wie jenes an der immer professioneller durchgezogenen Fotografie und daraus entstandene Freundschaften zu bekannten Galeristen und Künstlern oder die lebenslange Neugier auf Musik („Berieselung hat mir nie gereicht, ich wollte immer wissen, wer dahinter steht“), die er u. a. mit dem FM4-DJ Stuart Freeman stillt, runden die Feinarbeiten an der Marke „Ortlechner“ immer weiter ab.

Dass Manuel Ortlechner schon immer etwas mehr aus seinem Leben machen wollte, hat sich abgezeichnet. Motive dafür gibt es mehrere. Eines war die früh gewonnene Erkenntnis, „dass Fußballer in einer Blase leben“ – einem­ Lebensraum, schlicht zu eng für jemanden, der etwa New York, aber auch Ibiza wie sein Toilettetascherl kennt. „Meine Blase hat eine Tür, durch die ich jederzeit ein und aus kann. Andere blicken immerhin durch ein Fenster raus, aber manche haben mit einer wirklich engstirnigen Sicht der Dinge zu kämpfen“, so Ortlechner. Das bei Auswärtsmatches oder Trainingslagern übliche Doppelzimmer hat der passionierte Mitdenker trotzdem immer als unkom­plizierte Integrationschance speziell für neue Spieler geschätzt. Sofort fällt ihm das australische Ex-Veilchen James Holland ein, „den man kaum gespürt hat“. Aber auch arrivierte Mitbewohner wie ein Paul Scharner hätten ihn nicht an der Lektüre von Büchern wie dem Management-Klassiker „Der Weg zu den Besten“ gehindert.

All diese in der „Blase“ gemachten Erfahrungen, zu denen auch Diskussionsrunden mit rechtslastigen Teilen der sogenannten Fan-Kultur oder ein heil überstandenes Platzsturm-Derby im Hanappi-Stadion (Anm.: Mai 2011) zählen, haben im Herbst und Winter der aktiven Laufbahn geholfen, die Gedanken, „wo ich einmal mein Platzerl finden werde“, zu konkretisieren. Die beiden Saisonen im Kreise durchwegs juveniler Teamkollegen waren also der Befriedigung des ungebrochen vitalen Sportsgeistes einerseits sowie dem Finish des Uni-Studiums und der „Karriere danach“ andererseits zuträglich. Dass nämlich Manuel Ortlechner, seit dem Meisterjahr 2013 mit seiner langjährigen Lebenspartnerin, der Hautärztin Kerstin, verheiratet und seit zweieinhalb Jahren auch Papa von Julian, die Taktung und die Alltagsprobleme der nachfolgenden Kickergeneration hautnah studieren konnte, legte die Basis für einen beträchtlichen Teil seines heutigen Berufslebens. Violafit heißt die von Vizepräsident Raimund Harreither ins Leben gerufene Bildungsinitiative der Wiener Austria und Manuel Ortlechner ihr freiberuflicher Projektleiter. Die Idee entnahm der erfolgreiche Unternehmer Harreither der internen, wirtschaftlich orientierten Akademie seiner auf Heizungs- und Kühlanlagen spezialisierten Firma und implantierte sie seinem Herzensklub als Einrichtung für alle Mitarbeiter. Angeboten werden in Kooperation mit Einrichtungen wie BFI oder FH Burgenland vom Deutschkurs über jenen für Business English auch Matura-Lehrgänge genauso wie solche zur Vorbereitung auf ein MBA-Studium sowie Schulungen im Finanz- und Medien­bereich. „Bei uns sitzen Platzwart, Putzkraft und Starspieler gemeinsam in einem Kurs. Und speziell junge Spieler sollen begreifen, dass es ein Leben neben dem Fußball und vor allem nach dem Fußball gibt“, so der Violafit-Frontman, der als Ansprechpartner für sämtliche Teilnehmer, Sponsoren und Kooperationspartner wirkt. Und als Motivator und ­Begleiter für all jene, die sich wie er ihre ganz eigene Tür in die „Blase“ stemmen wollen.

Manuel Ortlechner selbst hat natürlich noch einiges mehr vor, als „father, human. nice“, wie sein Instagram-Profil sagt, zu bleiben. Aktuell bewaffnet er sich mit „möglichst vielen Lebenserfahrungspfeilen“, um dann in den Vierzigern mit vollem Köcher auf seine Vision loszugehen – die Rückkehr in den Vereinsfußball: „Aber nicht als Trainer, wo du nur Einfluss auf 20 Leute hast, sondern weit oben in einer operativen Entscheiderposition. Nur dort kannst du wirklich etwas verändern.“