Orange Revolution im Innviertel: Der MotoGP-Angriff von KTM

Österreichs erfolgreichste Nationalmannschaft steht vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Nach fast 300 WM-Titeln auf Zweirädern aller Art ist KTM ready, nun auch die MotoGP zu erobern – und Señor Marquez und Signor Rossi einmal zu zeigen, wo so ein schräger Innviertler seinen Auspuff hat.

//Text: Gerald Enzinger
//Fotos: (C) KTM Images

Der natürliche Feind eines gut gehüteten Geheimnisses ist das Geräusch, das es macht. Im Fall der KTM RC16 ist dieser Sound of Music so anziehend, dass an einem Tag rund um Allerheiligen plötzlich zahlreiche Murtaler auf den Tribünen, Wiesen und Plätzen rund um den Red Bull Ring leise und andächtig wurden – und emotional. Die erste Ausfahrt in die Zukunft, ein „Geheimtest“ – und die, die dabei waren, werden es noch den nächsten zwei, drei Generationen erzählen. Sie sahen, sie hörten, sie rochen, wie die Maschine, die von Österreich aus die Königsklasse des Motorradsports erobern soll, zum ersten Mal in seinem natürlichen Umfeld, auf einer Rennstrecke, zum Rasen gebracht wurde. Der erste Test für etwas ganz Großes. Rund 90 Sekunden pro Runde, um für den Einstieg in die MotoGP Erfahrung zu sammeln, die ab 2017 in Angriff genommen wird, in der KTM der sechste Hersteller sein wird, aber der erste aus dem deutschen Sprachraum.

Vom Pleitegeier zum Global-Player

Das ist eine Geschichte von einem Anfang. Das Ende dagegen liegt – paradoxerweise – ein Vierteljahrhundert zurück. 1991 war KTM (das Kürzel steht für die Gründerherren Ernst Kronreif und Hans Trunkenpolz sowie den Ort Mattighofen) pleite. Das Unternehmen wurde geviertelt und Heinz Kinigadner erinnert sich noch gut an den Tag, als ihm der junge Manager und Investor Stefan Pierer erklärte, wie er die Marke retten wollte. Die Mission des Steirers, der mit dem Slogan „Ready to Race“ von Beginn an die Verwandtschaft von Motorrad und Motorsport in die DNA der Erneuerung schrieb, ist gelungen. Oder um es in Zahlen zu beschreiben: 1992 verkaufte KTM 6000 Motorräder, nun 180.000 -pro Jahr. 1992 wurden 150 Arbeitsplätze gerettet, jetzt werken 2200 Menschen für KTM und weitere 500 für die Schwesterfirma WP Suspension.

In Summe hat man nahezu 300 Weltmeistertitel geholt, die Rallye Dakar bis zum Redaktionsschluss zumindest 14-mal in Serie gewonnen und in der Moto3 bis 2014 einen Rekord aufgestellt: 27 Siege in einer Klasse en suite, das haben in der Historie der WM (seit 1949) nicht einmal Brummer wie Honda oder Yamaha geschafft. In den K-Jahren der Wirtschaft (K=Krise) ist KTM die Antithese zu jener Geschäftsführergeneration, die Auflösung als Lösung sieht. Als Heinz Kinigadner 2015 von der Rallye Dakar zurückkehrte, überschlug er sich verbal vor Begeisterung: „Du bist in irgendeinem Dorf in Argentinien oder Chile und siehst, wie die Leute auf ihren Motorrädern rumfahren
-und jedes zweite davon ist eine KTM. Da wird dir erst bewusst, was die Marke für einen globalen Stellenwert hat.“

(C) KTM Images

Der KTM-Plan

Und genau diesem globalen Wert soll nun Rechnung getragen werden. Im Juli 2014 verkündete Pierer den Einstieg in die MotoGP, der eigentlich eine Rückkehr ist – nach einem etwas verwackelten und unentschlossenen Versuch im letzten Jahrzehnt. Diesmal will man es richtig machen und hat nun als Konzern auch die Größe erreicht, um sich das leisten zu können. Alex Hofmann, Eurosport-Experte und Ex-MotoGP-Pilot, ist neben Mika Kallio der Testpilot. „Honda und Yamaha sind aufgrund ihrer Erfahrung sicher noch voraus, aber ich denke, Teams wie Suzuki sollten bald in Reichweite von KTM sein“, erzählt er dem SPORTMAGAZIN. Geplant wird der Einsatz von Ex-Motocross-Star Pit Beirer, dem KTM-Motorsportchef, der seit einem Crash 2003 im Rollstuhl sitzt, aber nicht ruht. Still und konsequent formt der Deutsche ein Erfolgsprojekt nach dem anderen. Als MotoGP-Koordinator hat er Mike Leitner, den jahrelangen Pedrosa-Vertrauensmann aus dem Salzkammergut, engagiert. Dass seinetwegen die neue KTM durchaus Ähnlichkeiten mit der Honda hat, ist ein erster Eindruck, vielleicht aber ein falscher: Allein die KTM-Entscheidung, auf einen Stahlgitterrahmen statt auf Alu zu setzen, bürgt für Individualität. Technik-Direktor Sebastian Risse dürfte bald 270 PS zählen, die der 1000-ccm-V4-Motor auf den Asphalt pressen kann.

,,Ich rechne mit frühen Erfolgen.”

KTM-Boss Stefan Pierer

Dass die MotoGP längst in Formel-1-Dimensionen kalkuliert, sieht man auch an den 1300 Einzelteilen, die für die RC16 designt und gebaut werden müssen. Pierer, dem zweite Plätze ein Gräuel sind, macht dementsprechend Druck: „Ich rechne mit frühen Erfolgen.“ Rund einmal pro Monat wird man heuer testen gehen, beim Saisonfinale in Valencia ist der erste Start geplant. Hoffnungen, KTM könnte schon beim Comeback der MotoGP am sicher ausverkauften Red Bull Ring Rennen fahren, sind wohl übertrieben. Das erste Rennen wird reinen Testcharakter haben und dafür eignet sich Valencia besser, um dort Erkenntnisse für die weitere Entwicklungsarbeit im Winter zu gewinnen. Ein großer KTM-Event wird Spielberg trotzdem – mehr als 8000 Tickets sind für die Mattighofener reserviert, mit einem Showrun wird man sich am GP-Wochenende am 14. August den Fans präsentieren. Gut möglich, dass dann auch wieder Niki Lauda zuschauen kommt, der die MotoGP in manchem für besser als die Formel 1 hält. Die Zukunft kommt auf zwei Rädern und hat bald eine orange Färbung.