Ästhetik, Eleganz und Grazie bringt Nicol Ruprecht schon von Berufs wegen mit. Dass sie auch die Brasilianer zu ­entzücken vermag, konnte Österreichs Top-Gymnastin in ­der Olympiastadt schon unter Beweis stellen.

Text: Tobias Wimpissinger Fotos: Kurt Pinter

Das Gefühl, in Rio de Janeiro eine Medaille zu gewinnen, kennt Nicol Ruprecht nur allzu gut. Erst Ende April eroberte die 23-Jährige bei den Pre-Olympics Bronze, gleichzeitig buchte sie ihren Spind unter den fünf Ringen und sammelte nebenbei wertvolle Erkenntnisse. Während die bereits qualifizierten Top 15 der Welt den Test-Event spritzten, konnte sich die Wörglerin mit den gewöhnungsbedürftigen Gegebenheiten in der Arena Olímpica zu Barra da Tijuca­ vertraut machen. Die Musik- und Stromausfälle, von denen die Turner in der Woche zuvor betroffen waren, hatten die Organisatoren zwar in den Griff bekommen, dafür mussten die Gymnastinnen – wie einst Zelluloid-Streichler Werner Schlager in Sydney – vor allem bei der Band-Übung unter der auf Vollgas und Permafrost eingestellten Klimaanlage leiden. „Für den Arm wird es viel anstrengender, weil du extrem auf die Zeichnung aufpassen musst. Beim Podiumstraining habe ich mich nach ein paar Sekunden total eingewickelt, dass ich die Übung abbrechen musste.“
Erste Berührungspunkte mit der rhythmischen Gymnastik hatte Nici im zarten Alter von drei Jahren, als sie die benachbarte Trainerin vom Ballett weglotste und ins Handling von Ball, Keule, Band und Reifen einführte. „Ich habe die Glitzerkleider gesehen und war sofort begeistert“, erinnert sich die Heeressportlerin, die schon damals ins Kinderbuch ihrer Schwester den Traum vom Olymp kritzelte. Doch anfangs stellte sie sich auf der Matte noch relativ patschert an, beim Staatsmeisterschaftsdebüt belegte Ruprecht lediglich Platz 19 unter 21 Starterinnen. Nationaltrainerin Lucia Egermann ortete im groß gewachsenen, schlaksigen und beweglichen Mädel dennoch Potenzial und überzeugte die Familie, zum Feinschliff 2009 nach Wien zu übersiedeln. Schnell sollte das neue personelle Umfeld Früchte tragen, nach fünf innerstädtischen Umzügen fand man aber erst kurz vor Weihnachten die ideale Trainings­stätte. Hinter Kauf und Adaptierung des ehemaligen Filmstudios am Rosenhügel steckt – eh klar – nicht die Stadt, sondern eine Privatinitiative des russischen Mäzens Wladimir Malinin, des Großvaters von Nachwuchshoffnung Anastasia Potemkina. „Die Deckenhöhe passt, wir können rund um die Uhr trainieren und haben sogar genug Platz, zwei Flächen aufzulegen. Nur im Winter ist es ohne Heizung ein bissl kalt.“

Frisch wird es auch in der Olympiahalle, ein konkretes sportliches Ziel will die 18-fache Staatsmeisterin für Rio nicht artikulieren. Für ein historisches Finale sind die Top Ten erforderlich, was heuer mit Ausnahme eines 11. Ranges in Pesaro stets gelang. „Ich turne aber nicht für Punkte und Platzierungen, sondern weil ich beim Publikum einen bleibenden Eindruck hinterlassen will.“ Mit den Cariocas hat sich Ruprecht bei den Pre-Olympics jedenfalls schon bestens verstanden: „Ich wurde gleich zum Fanliebling erkoren, weil ich mit meinen blonden Haaren und der hellen Haut so anders ausgesehen habe.“ Und im Gegensatz zu den Favoritinnen weiß die attraktive Künstlerin auch, woher in Rio der Wind weht.

Passport Nicol Ruprecht
Geboren am 2. Oktober 1992 in Innsbruck Wohnort Wien Größe/Gewicht 172 cm/57 kg Beruf Heeressportlerin Verein VRG Wörgl Trainerin Lucia Egermann Übungen Reifen: ­„Jalousie“ (Jacob Gade), Ball: „­Summertime“ (George Gershwin), Keule: Carmens „Torrero-Marsch“ (Georges Bizet), Band: „Kiss“ (Prince) ­Erfolge GP-Bronze 2014 ­(Innsbruck), 2 x 2012 (Brünn), 6. Platz European Games 2015 (Baku), 9. Platz World Games 2013 (Cali), 6. Platz EM 2011 (Minsk), 7. Platz Team 2013 (Wien), 8. Platz 2009 (Baku), 6 WM-Teil­nahmen, 18-fache Staatsmeisterin, EC-Sieg 2009 (Gent) Web www.nicolruprecht.at