Österreichs Formel-1-Weltmeister Toto Wolff: Der Toto-Gewinner

Selbst die Engländer sagen es: Der Österreicher Toto Wolff ist der Mann, der die Formel 1 rettet. Das SPORTMAGAZIN begleitet den Steilflug des Mercedes-Chefs seit Jahren. Wie wurde er zum Leit-Wolff einer Weltsportart?

//Text: Gerald Enzinger

//Titelbild: (C) Christian Hofer

Der Kellner des Restaurants am Wiener Lugeck ist untröstlich: „Unser Essen ist leider nicht so schnell wie ihre Autos.“ Aber er hat eine Idee, wie man die Wartezeit nutzen kann: „Darf ich bitte ein Autogramm haben, Herr Wolff?“ Mit Anfang 40 hat Toto Wolff der Ruhm ereilt. In Rekordzeit hat er als Teamchef von Mercedes die permanent kriselnde Formel-1-Abteilung des renommierten Giganten auf Vordermann gebracht, mit zahlreichen Rekorden wurden sein Team und sein Fahrer Lewis Hamilton 2014 Weltmeister. Kein schlechtes Geschäft für ihn, immerhin ist er -mit Partnern – auch mit 30 Prozent an diesem Team beteiligt. „F1-Racing“, die größte Formel-1-Zeitschrift der Welt, die auf allen Kontinenten erscheint und daher eine Art globaler Indikator ist, hat unter ihren Lesern den „Teamchef des Jahres“ gewählt. Toto hat gewonnen, haushoch. Die Laudatio ist ein Stakkato der Superlative. Von einem „superben Job“ ist die Rede und von der Souveränität, mit der er den Stallkrieg Lewis Hamilton vs. Nico Rosberg managte: Zum Wohle der Formel 1 verzichtete er auf eine Order und rettete so die Spannung und damit den ganzen Sport. Zum Wohle des Teams aber zeigte er den Piloten jederzeit, dass er hier der Boss ist. Und in den üblichen Power-Lists der Formel-1-Mächtigen taucht Wolff in allen Experten-Rankings immer in den Top 10 auf, meist (noch) hinter Bernie Ecclestone oder Dietrich Mateschitz, aber so gut wie immer vor Stars wie Hamilton, Alonso oder Vettel.

,,Mit Toto zu verhandeln ist hart. Er ist ein so cleverer Business-Mann, dagegen bin ich ein Rookie.”

Lewis Hamilton

Termin bei Toto Wolff? „You lucky guy!“

Beeindruckend für einen, der erst 2009 zum ersten Mal bei einem Formel-1-Rennen gesichtet wurde. Heute liest sich sein Telefonprotokoll eines ganz normalen Vormittags wie das Who’s who der Grand-Prix-Welt. Empfangene Anrufe: Ecclestone, Bernie. Lauda, Niki. Williams, Claire. Lewis Hamilton hat eben im Gespräch mit uns von ihm geschwärmt: „Er ist ein unglaublicher Business-Mann, der hart verhandelt. Ich fühle mich wie ein Rookie, wenn ich mit ihm rede.“ Nico Rosberg hat uns was von Menschenführung erzählt: „Toto? Er kann Leute perfekt einschätzen und sie genau dort einsetzen, wo sie ihre beste Leistung abrufen können.“ Und da war noch der Portier der Mercedes-Fabrik in Brackley, der sagte: „Sie haben einen Termin bei Toto Wolff. You lucky guy!“ Die Art, wie er das sagte, war frei von Anbiederung und voll von ehrlicher Sympathie für einen Chef, den er Tag für Tag sieht. Wie bei der VIP-Hostess, die schon 2013 sagte: „Als Toto hier reinkam, war das plötzlich eine neue Firma. Auf einmal wurde man gegrüßt und motiviert und irgendwann sahen alle nun ganz anders, viel glücklicher aus. Und das nicht nur, weil Toto gleich am Anfang die Team-Kleidung hipper machen ließ.“

1990, Österreichring: Das einzige Foto vom allerersten Rennwochenende Totos im Seat Ibiza Cup (auf dem Foto ist er der junge Mann rechts). 24 Jahre später platzierten sich seine Teams auf den ersten vier Plätzen des Formel-1- Grand-Prix.
1990, Österreichring: Das einzige Foto vom allerersten Rennwochenende Totos im Seat Ibiza Cup (auf dem Foto ist er der junge Mann rechts). 24 Jahre später platzierten sich seine Teams auf den ersten vier Plätzen des Formel-1- Grand-Prix.

In Brackley ist er quasi jeden Tag, im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Er spricht die Sprache der Mitarbeiter, „auch weil ich das Glück habe, mit meiner Frau im wahrsten Sinn eben in jener Sprache zu sprechen“. Gleich zu Beginn räumte er sein Büro, ein herrliches Zimmer mit Blick auf den Garten: „Das hier ist der Platz, wo man am besten denken kann -dieser Raum sollte für alle frei sein. Hier sollen die Kreativen nachdenken können, ich kann mit meinem Laptop ja irgendwo sitzen.“ Toto Wolff ist einer von den Menschen, bei denen der Mut einen aufrechten internen Widerpart hat: die Demut. Er, das Glücksind, das immer zur rechten Zeit am rechten Platz zu sein scheint. Doch Toto kennt auch andere Seiten des Lebens: Sein Vater litt zehn Jahre an Krebs, ehe er mit 41 starb, ungefähr so alt, wie er jetzt ist. Oft denkt er daran. 100.000 Schillling hat ihm die Oma kurz danach vererbt, ein paar Crashes und ein paar Monate später war das Geld weg: „Daraus habe ich viel gerlernt.“ Deshalb bestimmt er seine Stellung nicht über den Reichtum, der ihn um die Jahrtausendwende rund um den Internetboom ereilte: „Alles kann so schnell wieder weg sein, wie es da war. Man kann sich nie über so etwas definieren.“ Zumal er, das vermeintliche Glückskind, „von Natur aus ein Pessimist“ ist. Man spürt bei ihm eine gewisse Furcht vor der Einsamkeit, die mit dem Erfolg eher zunimmt. Wenn er eine schöne Innenstadtwohnung sieht, dann träumt er: „Es wäre schön, mehr unter Leuten zu wohnen.“

Wolff: Erschaffer der „Mercedes-Identität“

Natürlich aber hat die Formel 1 Spuren hinterlassen: In den ersten Monaten seiner Mercedes-Zeit konnte man mit freiem Auge sehen, wie ihn so mancher Verlierer des Machtwechsels mit gedruckten Worten oder so mancher Tat niedergrätschen wollte. Er hat es überstanden und jetzt ist er Weltmeister. Das jahrelang so desaströse Mercedes-Formel-1- Engagement ist zu einer Erfolgsgeschichte geworden und er ist das jugendliche Gesicht dazu: So wie Toto Wolff möchte ein potenzieller Mercedes-Kunde sein und angetrieben von den Formel-1-Erfolgen hat sich die Erfolgskurve des Konzerns ebenso positiv verändert wie das Image. Toto ist der Gleiche geblieben, nur die Haare sind jetzt irgendwie zivilisierter als früher. Die Gedanken sind aber immer noch bodenständig – und wenn er, wie jüngst bei der OSK-Ehrung in Kitzbühel, alte Freunde aus der Rallye-Zeit trifft, dann bedeutet ihm das viel, viel mehr, als im Buckingham Palace eingeladen zu sein, was gleich danach passierte. Zu seinen Stärken zählt sein feines Gespür für Menschen. Als er zu Mercedes kam, herrschte dort Lethargie. Zu viele Alphatiere standen sich gegenseitig im Weg. Wolff stellte sie neu auf, gab ihnen klare Betätigungsfelder, er pushte sie und von einigen wenigen trennte er sich auch. Leute wie Paddy Lowe oder Aldo Costa wissen nun genau, was sie zu tun haben, und diese klare Zuordnung macht das Team stark. Sein Königswerk: Gleichzeitig gab er den Mitarbeitern eine Art „Mercedes-Identität“ und einen Stolz, für diese Marke arbeiten zu dürfen, zugleich aber impfte er den Engländern im einst so heftigen Machtkampf zwischen Briten und Deutschen neues Selbstbewusstsein ein
-auch mit Details: Dass er den allseits beliebten englischen Pressesprecher Bradley Lord gegenüber der deutschen Abteilung forcierte, verbesserte das Verhältnis zur englischen Presse nachhaltig. Wobei Nachhaltigkeit, frei vom PR-Gesülze, Totos wichtigstes Ziel ist.

Spricht man ihn auf seine Erfolge an, bremst er: „Zwischenzeit-Weltmeister gab es viele. Es zählt, wie man mich am Ende meiner beruflichen Laufbahn sieht.“ Die Jungen forciert er intensiv: Pascal Wehrlein. Oder Valtteri Bottas. Als der als Williams-Testfahrer in der GP3 schwächelte, weil er sich bereits zu sehr als Formel-1-Pilot fühlte, lud er ihn auf den Formel-1- Grid ein. Er stellte sich mit ihm neben Alonso und sagte: „Jetzt stehen wir einen Meter neben Alonso. Näher wirst du ihm nie wieder kommen, wenn du dein Talent nicht endlich nutzt.“ Von diesem Tag an begann sich Bottas auf seinen Job zu konzentrieren. Jetzt gilt er als die größte Wertanlage in der Formel 1. Toto hat wieder einmal richtig getippt.

PASSPORT: Torger Christian „TotoWolff

Geboren am: 12. Jänner 1972 in Wien

Größe: 192 cm

Familienstand: verheiratet mit Susie Wolff; zwei Kinder aus erster Ehe

Schule: französisches Gymnasium in Wien, danach Wirtschaftsuni

Berufliche Karriere: Arbeitet in einem Stahlhandelsunternehmen in Polen, dort erste Erfahrungen mit Beteiligungen. 1998 gründet er das Venture-Capital-Unternehmen march.fifteen. Er investiert erst in Internet-und Technologiefirmen, seit 2003 auch in Industrieunternehmen mittlerer Größte. So investierte er in den Spielehersteller JoWooD oder in sms. at. sms.at wurde im Jahr 2000 im Rahmen der bis dahin größten Private-Equity-Transaktion in Österreich teilweise an T-Mobile verkauft. Später kaufte man sms.at in einem von seiner neuen Firma march.sixteen unterstützten MBO zurück und verkaufte es 2005 an die in London notierte I-Touch. 2006 trat march.sixteen seine Anteile an Q-Pass an den US-Konzern Amdox ab, zu einer Bewertung von 275 Millionen US-Dollar. Sysis, deren erste Finanzierungsrunden von march.fifteen getragen wurden (Börsengang 2000), wurde später für über 50 Millionen Dollar Cash an den US-Konzern Verisign verkauft.

Beteiligungen im Rennsport: HWA AG (DTM-Team, Formel-3-Motoren, Sonderfahrzeuge von Mercedes – Börsengang 2007), BRR Rallye Racing (mit Raimund Baumschlager), ab November 2009 Williams F1 (Börsengang Februar 2011), seit 2013 gemeinsam mit Geschäftspartner René Berger 30-Prozent-Teilhaber von Mercedes GP